Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1898)
- Date
- 1898-03-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXLX. Jahrgang. Iweitr Kellagr M 18 des „Israelit". Leitender Artikel. Die moderne (Lultur. Von Rabbiner Dr. M. Jung, Ung. Brod. (Schluß.) Welche Gefühle mußte nun das Culturdefizit, das sich im französischen Drama und auch in vielen anderen Seenen des modernen Volkslebens äußert, in unseren Herzen, die darunter am stärksten leiden, wecken? Im natürlichen Wege die Gefühle des Haffes und der Verachtung gegen die unS grundlos verfolgende und aus tiefer Stufe der Gesittung stehende Menschheit. Vielleicht ist auch darin der Grund für die Verkennung zu finden, die uns noch immer trifft. Die Völker überblicken die Fülle unsäglicher Leiden, die sie uns zugefügt haben und folgern dann psychologisch ganz richtig, daß wir sie nach alldem unmöglich lieben können, und finden darin die Berechtigung zu unserer weiteren Verfolgung. Und in der Thal ist die unerschütterliche Liebe zur Menschheit, die Israel, trotz der traurigen Erfahrungen, die es mit den Völkern gemacht, selbst in den finsteren Zeiten des Mittelalters sich bewahrt hat, das größte Wunder in der wunderreichen Geschichte dieses Volkes. Dieses Wunder vollbrachte die Thora. Ihrem veredelnden Einflüsse verdanken wir die hohe Gesittung, die uns nie verlassen. Jahrhunderte hindurch sperrte man uns in enge Ghetti, raubte uns alle Menschenrechte, vergällte uns alle Freuden, hemmte man die allseilige Ausbildung unserer Geistesanlagen, überhäufte uns mit Hohn und Verachtung und tödtete unsere Voreltern in grausamster Weise. Und für alle diese Leiden hatten wir nur ein inbrünstiges Gebet zu dem himmlischen Vater, für die Erleuchtung der Verblendeten, die wir nie gehaßt, sondern blos wegen ihrer tiefen sittlichen Entartung von Herzen bedauert. Nach schmerzenreichen Jahrhunderten lichtete sich der Himmel der Völker, die Geister wurden erleuchteter, die Gemüther edler und man räumte Israel einige Menschenrechte ein, mehr auf dem Papiere als in Wirklichkeit. Wie dankbar zeigten wir uns für dieses Wenige! Mit dem Einsätze unserer physischen und geistigen Kraft nehmen wir an dem Wettbewerbe der Völker theil. Wir brachten Handel und Industrie zur Blüthe. Unter unserer Mitwirkung nahmen Kunst und Wissenschaft blühenden Aufschwung. Mit echtjüdischer Herzensgüte opfern wir auf dem Altäre der interconfessionellen Humanität und vertheidigen mit unserem Blute unser geliebtes Vaterland, das uns noch immer nicht als Vollbürger anerkannt hat. Wahrlich unser Jahrhundert, das für die Völker mit einem betrübenden Culturdefizit endet, es stellt Israel ein glänzendes Zeugniß aus über die hohe Gesittung, Menschenliebe und Versöhnlichkeit, die es in düsteren, wie in sonnigen Tagen auszeichnen. Und Menschenliebe und Versöhnlichkeit athmet auch der Thoraabschnitt, welcher am 7*21 zur vceo verlesen wird. Zeugt es nicht für die wahrhaft große Menschenliebe Israels, daß ihm erst gegeboten werden muß, nicht zu vergessen, was ihm sein Todfeind Amalek gethan habe? Zeugt es nicht für die Hochherzigkeit Jsrael's, daß die Nachenahme an seinem Feinde, der es grundlos haßt, nicht seinem natürlichen Instinkte überlassen werden kann? Wie verhaßt muß diesem Volke die Rache sein, wenn die Thora es für nöthig erachtet, ihm das Gebot gegen Amalek zweimal einzuschärfen, und noch immer fürchtend, Israels edle Gesinnung, sein die Menschheit liebendes Herz, könnte sich gegen die Rachenahme an Amalek sträuben, warnend ausrufen zu müssen glaubt: Vergiß es nicht! Leuchtet uns die Versöhnlichkeit Israels aus dem Gebote über Amalek selbst, wenn wir es als Rachegebot auffassen, glänzend entgegen, umsomehr, sobald wir, den tiefen Belehrungen unserer Weisen folgend, seinen erhabenen Sinn erkannt haben. Den Widerspruch, welcher zwischen dem V. in mcir : D*oa*n nnnta pSoy ist nx nnax nnc 'o in welchem die Vertilgung des Andenkens Amaleks Gott übernimmt und dem anderen V. in anrr besteht: m frw -ppSx "1 7L»X pxs mdö “prx nx p ppx n mrc roiyfi xS 2've'N nnno pSoy 121 nx nnen nnenS r6rt; p in welchem die Tilgung des Andenkens Amalek, Israel als Psticht auferlegt wird, lösen unsere Weisen mit der Bemerkung: urai fw Sx*!ty*tr ps po c'pa Sa* irm pw Sx-,2" pxtr fctjjoi wpo Sa*. Der eine V. spricht davon, wenn Israel den Willen Gottes erfüllt, der andere, wenn Israel den Willen Gottes nicht erfüllt. Wenn Israel den Willen Gottes nicht erfüllt und durch den äußeren Glanz der Volkscultnr geblendet, in der Verwirklichung fremder Ideale sein Heil suchen will, läßt Gott Amalek auftreten, dessen Erscheinung ernüchternd auf Israel wirkt und in ihm das Bewußtsein des eigenen Werthes und die hohe Idealität des Judenthums weckt. Aber die Menschheit schreitet trotz der häufigen Erscheinung Amaleks fort. Auch das Culturdeficit ist ein Ring in der Kette der Entwickelung. Wenn Israel in ungestörter Ruhe unter den Völkern lebend, den Willen