Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1898)
- Date
- 1898-02-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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307 „Das konnte ich nicht herausbekommen, wahrscheinlich ein Engländer." „Lieber Freund, Sie sind immer noch zu viel „Daatsch", warum haben Sie das nicht herausbekommen?" „Ich konnte nicht." „Haben Sie denn gar keinen Anhaltspunkt für seine Herkunft, besucht er den englischen oder deutschen Club?" „Das kann ich Ihnen nicht sagen." „Aber Sie sind doch sein Privatsekretär. Wissen Sie denn gar. nichts von ihm?" „O ja, er läßt durch mich jeden Monat an Rabbi Loser Strotzky 200 Dollars zahlen." „Rufen Sie mir den Reb Loser herüber; er wohnt gerade hier vis ü vis." Reb Loser kam. „Können Sie uns einige Auskunft über Herrn John Smitt geben?" „Warum sollte ich nicht. Ist er doch gewissermaßcn mein Sohn —." „Ihr Sohn?" „Vor fünfzehn Jahren trieb er auf einer Eisscholle auf der Newa. Hunderttausende standen auf der Brücke und am Ufer in St. Petersburg, aber keiner wollte das Judenkind retten. Da stieg ich mit Lebensgefahr hinunter und unter göttlichem Beistand gelang es mir, ihn und mich zu retten. Ich nahm den Jungen mit hierher, ließ ihn einen tüchtigen Kaufmann werden, und seitdem es ihm gut geht und ich kein Geschäft mehr treiben kann, unterstützt er mich reichlich." „Also Smitt ein russischer Jude?" riefen fast gleichzeitig Meyer und die Plotschkern aus. Da begann das Telephon zu läuten. Herr Greß ließ Herrn Meyer bitten, sofort nach Hause zu kommen, da Herr Smitt und seine Braut soeben angekommen seien. Auch würde Vögelchens Mutter heute erwartet. „Telephoniren Sie, bitte," sagte die Plotschkern, „daß Herr Smitt, seine Braut und deren Mutter sofort hierherkommen. Es erwarten sie hier wichtige Mittheilungen." Herr Smitt versprach sofort zu kommen, während Vögelchen an den Hafen fuhr, um ihre Mutter abzuholen. Reb LoserAging einstweilen nach Hause. Er behauptete, er hätte etwas vergessen. Als er zurückkanr, war bereits Herr Smitt erschienen, der sehr aufgebracht darüber war, daß die Rebbezin^ihm 'nicht sagen wollte, was ste von ihm wünschte. Er hätte so gerne seine zukünftige Schwiegermutter kgleich 'auf dem Schiffe kennen gelernt, und nun muß er hier sitzen und warten. Auch wollte er in drei Tagen Hochzeit^ machen und hatte noch so Vieles zu besorgen. Zum größten Erstaunen Meyers, der Smitt nur immer hatte Englisch sprechen hören,^ konnte dieser im unverfälschtesten russischen Jargon schimpfen. Doch da öffnete sich die Thürelund am Arme Vögelchens trat eine alte, gebeugte Dame in's Zimmer, deren edlen Zügen man heute noch die einstige Schönheit ansah. Smitt trat näher. Vögelchen wollte ihren Verlobten ihrer Mutter vorstellen. Doch in dem Augenblick, als sie Smitt erblickte, fuhr die alte Dame wie vom Blitz getroffen zusammen. „Um Gotteswillen," schrie sie, „mein seliger Mann." „Nicht Dein Mann," sagte die Plotschkern, „Dein Sohn ist es, meine liebe Freundin, Bela Katzenellcnsohn. Reb Loser," rief sie, „sagte einmal, dieser Herr hat nicht immer John Smitt geheißen." „Hier ist sein Siderl,"*) sagte Reb Loser, „das ich ihm an dem Tage, da ich ihn aus der Newa rettete, aus seiner kleinen Rocktasche nahm und das ich bis heute aufbewahrte. In diesem Büchlein steht auf der ersten Seite: „Meinem lieben Sohne Jeune. Bela Katzenellensohn", weiter weiß ich nichts von ihm." „Zeigt her, meine Handschrift! Mein theurer Sohn Jeune laß Dich umarmen", rief gerührt die alte Frau. „Also mit Eurer Chasne, Vögelchen und Jeune, ist es nichts," sagte die Plotschkern, „denn wenn auch hier Vieles erlaubt ist, was in Polen verboten, soweit haben wir es hier in Amerika doch noch nicht gebracht, daß sich Bruder und Schwester heirathen dürfen." „Mein geliebter Bruder," sagte Vögelchen, „meine Liebe für Dich war immer eine heiße und sie ist heute größer wie jemals, da ich Dich in Chicago wieder zum wahren Jehudi werden sah, aber ein bestimmtes Gefühl sagte mir, daß es nicht die Liebe der Gattin zum Gatten war. Nun weiß ich, welche Bande mich unwiderstehlich mit Dir verknüpft haben." Und die Geschwister lagen sich in den Armen. „Schwester," sagte John Smitt, der sich nunmehr als Jeune Katzenellensohn entpuppte. „Ich habe den deutschen Lümmel doch als einen ganz ordentlichen Kerl kennen gelernt, so einen Menschen kann ich im Geschäfte brauchen, er ist von heute ab mein Associe. Kannst Du Dich entschließen, ihm Deine Hand wieder zu reichen?" Schüchtern, beschämt fast, ging Vögelchen auf Jsaac zu und wollte ihm die Hand reichen, Meyer aber preßte die wiedergewonnene Braut stürmisch an die Brust. „Plotschkern, Sie haben Alles vorhergewußt," sagte Meyer. *) Kleines Gebetbüchlein.