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Der Israelit · 1898-02-23 · Heft 16 (23.2.1898) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 16 (23.2.1898)
Date
1898-02-23
Page
– (sequence 26)
Language
German
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298 und tollere (schafft das Fleisch ab) zusammengesetzt ist. Aus Fastnacht im engeren Sinne ist nachher im weiteren Sinne des Ausdrucks das Wort „Fasching" (von „sasen", d. h. saseln, Possen treiben, und wird in Bauern und Oesterreich so genannt) entstanden, das in die Zeit der Lustbarkeiten, welche der Fastenzeit vorausgeht, und je nach Sitte und Herkommen von kürzerer oder längerer Dauer ist. Wir wollen hier nicht weiter aus die Verordnungen und Vorschriften, die der Earneval mit sich bringt, eingehen, das öffentliche, lärmende, tolle Fastnachttreiben hat viel von seiner früheren Ausgelassenheit eingebüßt, was heute noch besteht, bewegt sich in weit ruhigeren Bahnen. Was nun imseren Purim anbetrifft, so ist wohl jedem dessen Ursprung aus der Geschichte bekannt, welche im Buche Esther ausgezeichnet ist. Die reich an dramatischen Effekten ansgestattete Erzählung führt ims in das Perserreich, woselbst der erste Minister des Königs Achaschwerosch (Mrres) Haman, aus persönlichem Haß gegen den Juden Mordochai, seine nnsteren Pläne schmiedet. Dieser Haß wird bald so mächtig in ihm, das; er sich gegen die Gesammtheit der Juden wendet und voller Hinterlist und Glattzüngigkeit vom König den Befehl zur Vernichtung aller Juden im Persischen Reiche erwirkt. Durch Gottes Fügung werden aber Esther und Mordochai zur Rettung ihrer hart bedrängten Glaubensgenossen, die, wie letzterer, allen Einflüsterungen von ujreiu Gotte aus der hl. Thora abzufallen, widerstanden, ausersehen, ttnd somit erinnert das Purimfest an die glückliche Befreiung aus schwerer Gefahr, die ihnen Haman in vielen Beziehungen bereitet. Daher heißt das Fest auch Hamansfest oder Mordochaitage, doch und diese Benennungen die am wenigst gebräuchlichen, letztere findet sich auch nur, so viel mir bekannt, bei U. Makk. 15, 36. Fest eingebürgert hat sich bei den Juden nur „Purim"; über die Etymologie des Wortes kann ich füglich, sie als bekannt i: oraussetzend, hinweggehen. Kehren wir zum Earneval zurück, und forschen wir nun -rach, aus welchen Gründen man Purim den „Earneval der Juden" nennt, so sehen ivir bald, daß dies nur aus rein äußerlichen Gründen geschehen ist. Knüpfen sich auch an das Fest, ausgenommen das Gebot die Purimgeschichte zu lesen, oder sich vorlesen zu lassen, keine so wichtigen weiteren Vorschriften, wie an unsere übrigen Festtage, so ist doch seine Bedeutung als nationaler Freuden- und Erinnerungstag eine so große, daß ihr jeder Israelit gern;md freudig Rechnung trägt. Die Vorwürfe, die man den Juden macht, daß sie am Purim sich „wüsten Gelagen" und „Schlemmereien" hingeben, sind übertrieben und zeugen von Nichtkenntniß der Gebräuche und der Auslegung der betreffenden Vorschriften. Gar oft benutzen unsere Feinde den bekannten Ausspruch, daß man am Purim dem Weine so lange zusprechen solle, bis man den Unterschied zwischen den beiden Sätzen fon ms und wie -p-a nicht mehr kenne, dazu, um uns zu „wüsten Schlemmern" am Purim zu machen, während der ganze Ausspruch nicht wörtlich zu nehmen ist, sondern nur aus eine im Talmud so beliebte Zahlenanspielung hinausläuft. Die beiden Sätze haben nämlich den gleich großen Zahlenwerth der einzelnen Buchstaben. Die Unfähigkeit die Zahlen richtig herauszubringen, bekundet eine solche Schwäche, die auch schon im nur angeheiterten Zustande eintreten kann, daher eine „sinnlose Trunkenheit ganz ausgeschlossen erscheint." Betrachtet man dagegen den Earneval, besonders den in früheren Zeiten, mit seinen öffentlichen, lärmenden Gelagen, so sieht man daß er durchaus nichts mit dem Purim gemein hat. Selbst die Geistlichen kommen bei der Fastnacht nicht zu kurz, das geht aus einer päpstlichen Verordnung hervor, welche denselben gestattet, ihre Bachanalien zwei Tage früher als die Laien zu beginnen, man nannte den Tag den Pfaffen- oder Weibersastabend. Später hat man die maßlosen Ausschweifungen durch kirchliche Verordnungen einzuschränken gesucht, gewiß ein Beweis, daß der damalige Earneval nicht so harnilos war, wie der heutige, der fast all seine Bedeutung verloren hat. Im grellsten Gegensatz hierzu steht die strenge Observanz, in der die Juden stets zu leben gewöhnt sind, und auch halten, was der Purnn schon beweist, indem das Gesetz zu Ehren desselben in Bezug aus die Fröhlichkeit eine Ausnahme vorschreibt. Daß diese Erlaubniß nicht überschritten wird, weiß jeder, der nur einigermaßen mit dem jüdischen Volke vertraut ist, es liegt den Juden nichts ferner, als sich dem Genuffe des Alkohols hinztlgcben, sich gewohnheitsmäßig zu berauschen. Der Jude kennt keine Trunksucht, früher nicht, und auch nicht heute. Was endlich die Maskerade, den Mummenschanz am Purim betrifft, so ist dies auch kein allgemeiner und öffentlicher Gebraucht wenn einzelne sich am Purim maskiren, so beschränkt sich dieser harmlose Scherz aus einander wohlbekannte Gesellschaften, die öffentliche lärmende, tolle Fastnacht mit ihren Aufzügen und Gelagen hat kein Eingang im Judenthum gefunden. In einigen Städten, z. B. in Amsterdam, war es früher Sitte, das; arme Juden am Purim mit wandelnden Puppentheatern die Straßen durchzogen, uni gegen klingenden Lohn Kindern und Erwachsenen ihre Harlekinspäffe vorzusühren, auch dieses harmlose Spiel scheint nach und nach außer Mode gekommen zu sein. Betrachten wir also den Purim als das, was er ist, ein nationales Freudenfest, ein Erinnerungsfest an einst traurige Zeiten und freudiger Errettung aus denselben, als ein Frühlingssest, das dem Menschen das Schönste bringt — die Freude.

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