Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-02-23 · Heft 16 (23.2.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 16 (23.2.1898)
Date
1898-02-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448873--45499-2495799
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

279 Die Schnelligkeit der Züge ist auch nicht, wie man nach übertriebenen Schilderungen vermeint, eine übermäßige, besorgnißerregende, sondern eine unfern deutschen Kurierzügen weit nachstehende. So beträgt die mittlere Fahrgeschwindigkeit in einer Stunde bei den Linien östlich vom Missouri nur 33 km, bei denen westlich vom Missouri (den sogenannten Par cificbahnen) sogar nur 20 km, während die Kurierzüge Berlin-Köln, Berlin-Eydtkuhnen, Berlin-München re. re. eine mittlere Fahrgeschwindigkeit von 50 km in der Stunde haben. Der Stolz des Amerikaners sind jene Prawingroom - Parlour - Dining-Sleeping - Cars, die alle unter den Begriff der Palace-Cars entfallen. Diese Palace-Cars sind weit länger, höher und besser eingerichtet, als alle europäischen Waggons. Von ihnen unterscheiden sich die ebenfalls großen und bequemen gewöhnlichen Wagen erster Klasse, zu denen dann noch bei einigen Zügen eine zweite und bei Auswandererzügen eine Art von dritter Klaffe hinzukommt. Die schönen luxuriösen Sleepings-Cars sind mit imseren etwas nüchternen Schlafwagen gar nicht zu vergleichen und für längere Reisen von unschätzbarem Wcrthe. Der Eindruck, namentlich wenn die hohen mit vergoldetem Holz eingelegten, allenthalben mit hohen Fenstern und Spiegeln ausgestatteten Wagen Abends von einer Reihe glänzender Kronleuchter erhellt werden, ist in der That überaus wirkungsvoll. Auch lebt es sich recht gemüthlich darin, selbst aus so langen und anstrengenden Fahrten, wie die achttägige Pacificreise. Bis spät in den Abend hinein wird geplaudert, so weit dies die bunt durcheinandergewürfelte Gesellschaft gestattet, auch wohl eine Flasche ..Laager“ oder ..Extra Dry“ geleert, aber wenn erst einmal einer das Zeichen zum Schlafengehen gegeben hat, jo folgt die ganze Gesellschaft schnell nach. Die Fahrt nach Chicago verging unseren Reisenden sehr schnell. Die Lese-, Schreib-, Rauch- und Spielzimmer wurden fleißig benutzt und besonders der Aufenthalt auf den zu beiden Seiten des Zuges angebrachten Plattformen dienten dazu, die noch übrige Zeit auszufüllen. Von den drei Nachtheilen, von denen unsere Weisen sagen, daß sie durch längeres Reisen hervorgerufeu werden, ist einer die Verminderung des guten Rufes. Die Wahrheit dieses Ausspruches sollte Vögelchen nunmehr erfahren. Schon vor ihrer Abreise erhielt sie einen Brief von einer alten russischen Frau, welche Vögelchen mittheilte, daß sie erst jetzt erfahren habe, daß eine Tochter ihrer ehemaligen Freundin in New-Hork wohne, sie warne sie, niit ihrem Bräutigam, selbst in Begleitung einer Gesellschafterin eine Reise zu unternehmen, da dies gegen die alljüdische Sitte verstoße. Vögelchen hatte den Brief achtlos bei Seite gelegt. So sehr sie auch auf dem Boden des jüdischen Gesetzes stand, glaubte sie, auf in der heiligen Lehre nicht ausdrücklich begründete Gebräuche doch nicht achten zu müssen. Jetzt in der Bahn sollte sie erkennen, daß die Warnung nicht grundlos war. Allerhand Bekannte wichen ihr absichtlich aus und ihre Stimmung, die ohnedies schon keine rosige mehr war, erfuhr hierdurch noch eine fernere starke Trübung. Desto munterer waren Smitt und Sophie Meyer. Während Vögelchen sich mürrisch in ihr Zimmer zurückzog, führten diese Beiden in den Gesellschastsräumen die amüsanteste Unterhaltung. Sophie war gerade keine Schönheit ersten Ranges und konnte sich auch in Bezug auf die geistigen Fähigkeiten mit Vögelchen in keiner Weise messen, aber die jugendliche Frische, die deutsche sonnige Gemüthsart hatten etwas für sie überaus Gewinnendes. Smitt wurde gegen seine Braut immer kälter, vernachlässigte sie auffallend, während er an Sophie immer mehr Gefallen zu finden schien. Sollte hierauf der Plan der „Plotschkern" hinausgehen, und sollte dieser Plan so rasch und glatt gelingen? Rein. Unsere Erzählung ist noch nicht ganz zu Ende. Vögelchen! nahm mit Schrecken wahr, wie Sophie immer mehr in dem Herzen ihres Verlobten sich einzunisten verstand und sie müßte kein Weib gewesen sein, wenn nicht die Eifersucht und die gekränkte Eitelkeit gar mächtig in ihr erwacht wäre. Wenn sie Smitt auch nicht liebte, das konnte sie doch um keinen Preis zulassen, daß eine Andere ihr ihren Bräutigam mit so leichter Mühe abspenstig machte. Vögelchen raffte sich aus. „Ich werde nochmals versuchen ihn lieb zu gewinuen und diesmal mit mehr Erfolg. Und ist Smitt kein Jude, wie ich ihn mir denke, so will ich dastir sorgen, daß er ein solcher werden wird." Vögelchen änderte plötzlich ihr Benehmen. Erst vor vierzehn Tagen war die Ausstellung in Chicago unter einem gewaltigen Zusammenlauf von Menschen eröffnet worden. Jetzt lag sie da in ernster fröstelnder Oede. Die größte Seltenheit auf der Worldsfair war der Besucher. Denn was wollen diesen riesigen Verhältnissen gegenüber acht-, neun-, zwölftausend Menschen besagen, wie die offiziellen Listen sie ergeben! Alles sollte hier riesig werden und so war! auch zu Beginn des großen Jahrmarkts die Einsam- : fett und Verlassenheit eine riesige. Gelangweilt zog j ba« Brautpaar und dessen Begleiterin von einem I leeren Ausstellungsraum, zum anderen, frierend und! durch sonstige Unbilden der Witterung leidend.; Obschon bereits Ende Mai, siel^derISchnee noch in dichten Flocken und dieMnstlichen Teiche und Seen auf dem Ausstellungsplatz waren spiegelglatt gefroren. „Wozu hier in der Nässe herumwaten," sagte Vögelchen zu ihrem Verlobten, „laß uns zurückkehren in unser Gasthaus. Schon seit Beginn unserer Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.