Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 14-15 (17.2.1898)
- Date
- 1898-02-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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255 Uersonakien. Höchst a M., 13 Febr. Am vorigen Mittwoch verstarb hier plötzlich der langjährige Vorsteher der hiesigen Culrusgemeinde, Herr Solomon Strauß, im Alter von 72 Jahren. Der Dahingeschiedene war wirklich in seiner Art ein seltener Mann, der sich durch seine hcre-orra rende Frömmigkeit, gepaart mit strengem Rcchtlichkeitssinn und äußerster geschäftlicher Pünktlichkeit einen guten Namen machte und sich dadurch ein bleibendes Andenken bei der Mit- und Nachwelt sicherte. Schon in siüher Jugend pflegte der Verblichene sich durch die stets penible Ausübung aller religiösen Obliegenheiten heroorzuthun, seine Eltern über das gewöhnliche Maß hinaus zu ehren, und sein Gebet mit großer Andacht zu verrichterr. Selbst in den Jahren, wo er als Soldat dem Vaterland diente, unterließ er es nie des Morgens stets in Tallis und T'fillin zu beten, eine Handlung, die ihm sogar die Anerkennung seines Hauptmanncs verschaffte. Der Heimgegangene versah seit Jahren hier an den hohen Festtagen die Stelle als Baal-T'filloh und Baal Tokea, rein nur aus Liebe und Frömmigkeit, mit aller Hingebung in großer Andacht. In unserer Gemeinde wußte er durch seine Friedensliebe die verschiedenen religiösen Anschauungen im Sinne des reinen und unverfälschten Judenthums unter eine Fahne zu bringen. Solomon Strauß war aber auch ein großer npns» ein Förderer von nft’DJ “DD und zwar in der ganzen Größe dieser Tugenden. Er gab stets mit vollen Händen und dies in der Stille "inDZl ]nD, sowie es die Frommen und Edlen zu thun pflegen. Der Verewigte war noch einer von Jenen, wie sie die gute alte Zeit in größerer Anzahl besessen, und die leider tu der Gegenwart immer seltener werden. Sein Leichenbegängniß gestaltete sich auch zu einem sehr imposanten, dem viele Freunde aus Nah und Fern beiwohnten, unter andern Herr Rabbiner Dr. Kahn aus Wiesbaden, sowie noch viele angesehene Männer aus Frankfurt am Main. 8cli. Warnung. Ein gewisser Max H e p m a n n ans Wcrtheim i. Baden erschwindelt sich milde Gaben, unter der Angabe, er sei taubstumm und habe noch für zwei taubstumme Geschwister zu sorgen. Um diese Angaben glaubhaft zu machen und Mitleid zu erwecken führt er selbstgeschriebene Atteste bei sich. Es wird vor diesem Schwindler gewarnt. da alle seine Angaben erlogen sind. Ich ersuche die Lehrer, Gemeinde- und Kassenvorstände, den Schwindler verhaften zu lassen und an mich Anzeige zu machen, da der angebliche Hepmann der hiesigen Polizei, die nach dem Schwindler fahndet, bereits angezeigt ist. W e i l b u r g a d. Lahn, 16. Febr. B. Lehmann, Lehrer. Feuilleton. Vögelchen. fe— ix. 3) Nach Chicago. Es war elf Uhr Vormittags. Vögelchen lag in eleganter Morgentoilette auf dem weißen Atlasdivan ihres Budoirs und blickte zerstreut auf die mit Farben-Jllustrationen geschmückten Journale, die ihr ihr Verlobter in großen Mengen zugeschickt hatte. Vögelchen seufzte. Ein geheimer Schmerz schien an ihrer Seele zu nagen. Fühlte sie sich nicht mehr glücklich? Fast schien esso. Der Rausch, hervorgerufen durch all die Pracht und den Luxus, mit welchem Smitt sie umgeben, sie, die seither nur die höchste Einfachheit und harte Arbeit gewöhnt war, war rasch verflogen. Smitt hat ihr eine prächtige Wohnung in einem der elegantesten Theile der Stadt gemiethet und eine eigene Equipage mit feurigen Rappen harrt stets vor ihrer Thür, um sie überall, wohin sie nur wünscht, ans schnellstem Wege führen zu können. Ihr Bräutigam zeigt ihr die Sehenswürdigkeiten der Stadt, besucht mit ihr die Theater und Bälle, kurzum, Vögelchen kommt sich lvie eine verzauberte Märchenprinzessin vor. Erst gestern verbrachten sie einen herrlichen Nachmittag zusammen. Zu Ehren der Weltausstellung in Chicago fand im Hafen von New-Aork eine internationale Flottenparade statt. Smitt miethete auf der errichteten Tribüne für die Zuschauer zwei der theuerften Plätze und so kam cs, daß er und seine Braut in allernächster Nähe des Präsidenten Clevetand, der von seinen politischen Freunden umgeben war und von seiner Gattin begleitet wurde, ihren Platz erhielten. Die Kriegsschiffe aus aller Herren Länder, die Matrosen und Seesoldaten in den buntesteil ausländischen Trachten, die vielen Reden und Gegellreden, Hurrahs, Musik und Kanonendonner machten aus Vögelchen einen gewaltigen Eindruck. Hier erweiterte sich ihr Gesichtskreis, hier lernte sie die große Welt kennen und tausend Dinge, welche ihr von Smitt auf das Liebenswürdigste erklärt, seither fremd gewesen waren. Und trotz alledem seufzte Vögelchens Sie hatte ihre guten Gründe dafür. Wie einst in dem eisernen Schmelztiegel Egyptens unser Volk rein und geläutert hervorgegaugen, so bewirkten auch die furchtbaren Verfolgungen und Bedrückungen in Rußland, denen unsere Brüder ausgesetzt waren, daß viele derselben um so treuer und stärker im Glauben aus denselben hervorgingen. Auch Vögelchen war durch die furchtbaren Erfahrungen, die sie im Heimathlande gemacht hatte, zu einer innerlich so festen, gottbegeisterten Jüdin geworden, daß kein Sturm von außen sie in ihrer festen Ueberzeugung hätte wankend machen können; die schweren Kämpfe, die sie in ihrer neuen Heimath um das tägliche Brod auszufechten hatte, trugen noch ein Weiteres dazu bei, ihren Charakter zu festigen und zu stärken. Und was war nun aut ihr geworden? Das Leben, dat sie jetzt führte, entsprach nur wenig den Anschauungen, die sie in der heißen Schlacht ihrer frühen Jugend als fest und unerschütterlich erkannt hatte. Wohl hatte ihr Bräutigam sein seither gottloses Leben ansgegeben, und war ihr zu Liebe zurückgekehrt auf den Weg der Tugend und des Gesetzes. Aber auch