Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 12 (10.2.1898)
- Date
- 1898-02-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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duldsamkeit fast überall der Aufenthalt gestaltet wurde, ihm hatte er es auch zuzuschreiben, wenn von Zeit zu Zeit jener Haß und jene Unduldsamkeit in grauenerregender Weise sich wieder Luft machte. — Als Träger des Handels und später vor allem als Förderer des persönlichen Credites erwiesen die Juden sich überall dort, wo der Geldverkehr durch äußere Stockungen unterbrochen ward, unschätzbar, gleich einem unentbehrlichen Bindeglieds. Sie machten die Handeltreibenden, die Kapital-Besitzer und -Sucher vertraut mit dem zinsbaren Darlehen, sie verhinderten ihre Entfremdung von ihrer natürlichsten Entschädigungsart der Kapitalsnutzung. Und wenn die Juden heute im verhältnißmäßig großem Prozentsatz sich dem Handelsstande widmen, so sei dies auf die Jahrhunderte lange nothgedrungene Gewöhnung während des Mittelalters zurückzuführen. Was Jahrhunderte an den Juden gesündigt haben, das solle sich nun mit einem Schlage ändern, weil die Verhältmsie andere geworden! Das Gesetz der allmählichen Entwicklung, wie es in der Natur und im Völkerleben unverbrüchlich, sollte aus sie keine Anwendung finden dürfen. Zwar wenden sich die Juden schon dem Ackerbau und anderen Erwerbszweigen, die ihnen offen stehen, zu; doch werde es noch Jahrzehnte, ja noch längerer Zeit bedürfen, bis ein Ausgleich in wirthschaftlicher Beziehung herbeigeführt sein werde. Und mit Freuden bieten die Juden selbst zu diesem erwähnten Ausgleich die Hand, wie es ja am besten die jüdischen Ansiedlungen in Palästina und Argentinien und die Gründung jüdischer Handwerkervereine beweisen. Hagenau (Elsaß). Am 21. Januar wurde der seitherige Rabbiner von Weißenbürg, Herr Marc. L e v y in sein neues Amt als Rabbiner der hiesigen Gemeinde in feierlichster Weise eingeführt. Das Mitglied des Consistoriums, Herr Arthur M 0 ch hielt an den neugewählten Rabbiner eine begeisterte Ansprache, worauf Herr Rabbiner Levy in seiner Antrittsrede, die von der ganzen Gemeinde mit großem Beifalle ausgenommen wurde, die Prinzipien auseinandersetzte, nach welchen er in der Gemeinde zu wirken sich bemühen werde. Frankreich. Paris, 8. Febr. (Zola-Prozeß.) Das Ergebniß des heutigen Tages erscheint für die Zola- und Dreyfußsache günstig. Ein tiefen Eindruck machte das Erscheinen Casimir Periers und die wenigen, aber so schwerwiegenden Worte, die er sagte. Auch Scheurer- Kestner sprach warm und ergreifend. Im Allgemeinen wurden nicht viel Thatsachen zu Tage gefördert, aber die moralische Wirkung ist unleugbar. Die fortgesetzten Erstickungsbemühungen des Schwurgerichtspräsidenten erscheinen recht kläglich. Zolas Vertheidiger Labori, ebenso geschickt als energisch, steht völlig auf der Höhe seiner Aufgabe. Zola selbst nahm heute eifrig an der Verhandlung theil, durch kurze schlicht, aber mit Ueberzeugung vorgetragene Reden, durch Fragen und Zwischenrufe. Auch sonst entfaltete er ein ungemein lebhaftes Wesen. Nur die Geschworenen greifen nicht in die Verhandlung ein, die sich lediglich als ein Kampf zwischen dem Gerichtshof und der Verteidigung abspielt. Die Geschworenen sehen aus, wie Leute, die nicht recht begreifen, was vorgeht. — Nach einem Bericht in der letzten Abendausgabe der „Temps" hatte die heutige Straßen-Demonstration nach dem Schluß des Schwurgerichts doch für Zola einen bedenklichen Charakter. Polizeikomiffar Touny und Freunde Zolas mußten beim Verlassen des Gitters einen Wall bilden, um Zola zu schützen. Trotzdem gelang es der Menge, durchzudringen. Zola wurde mit Fäusten bedroht. Ein Student schrie ihn mit erhobener Faust an: „Lumpenhund, Elender, zum Tod, tödet ihn, in's Wasser!" riefen mehrere Manifestanten. Schließlich nähert sich der Wagen. Zola steigt ein. Labori, Clömencau und eine Reservebrigade. der Polizei halten die Menge zurück. Der Wagen fährt schleunigst nach dem Seineufer. Wenige Manifestanten folgen nach, trotz des Polizeikordons, verlieren aber bald den Athem. — „La Presse" zufolge besprach der Polizeipräfekt Blanc mit dem Präsidenten des Schwurgerichts Maßregeln gegen etwaige Tumulte für morgen. Vermischtes. Schwelm. Auch hier hat Ahlwardt, wie im ganzen übrigen Westfalen, einen fürchterlichen Reinfall erlitten. Von befreundeter Seite wird dem „Israelit" das Schwelmer Tageblatt übersandt, das in überaus interessanter und ausführlicher Weise darüber berichtet. In Langerfeld machte sich die Versammlung den Scherz und wählte einen anwesenden Juden aus der Versammlung zum Vorsitzenden, was Herrn Ahlward nicht wenig verblüffte, da er seinen Vorsitzenden sich schon mitgebracht hatte. Wir bedauern nur, wegen Mangel an Raum die Einzelheiten nicht wüdergeben zu können. Letzte Nachrichten. Berlin, 6. Febr. Herzl's „Neues Ghetto" ist nun auch hier aufgeführt. Nachfolgend einige Preßstimmen: „Volkszeitung": Der Dichter geht bei der Behandlung einer unserer brennendsten Tagesfragen mit seltener Unparteilichkeit zu Werke, sein Dialog ist reich an geistvollen und zutreffenden Aussprüchen, auch einige Figuren sind ihm nicht übel geratheu und doch verinochte das Schauspiel nur eine geringe Antheilnahme zu erwecken.