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Der Israelit · 1898-02-10 · Heft 12 (10.2.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 12 (10.2.1898)
Date
1898-02-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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219 Feuilleton. <—<®) Vögelchen. . VI. 5) Seelenkämpfe. Es bedurfte langer Zeit, um Vögelchen wenigstens soweit zu beruhigen, daß sie, wenn auch ohne Zusammenhang, erzählen konnte, was sich ihr ereignet hatte. Jsaac war nahe daran, eine Ohnmacht zu bekommen, als er erfuhr, um was es sich handelte. Wenn sie sich auch niemals klar und deutlich gesagt hatten, daß sie sich liebten, in diesem Augenblicke empfanden es Beide im tiefsten Herzen, daß sie mit der ganzen Gluth ihrer Seelen aneinanderhingen. Ein kalter Schauer durchzitterte Jsaac bei dem Gedanken, daß er Vögelchen verlieren könnte, und auch für Vögelchen erschien das Leben keinen Werth mehr zu besitzen, wenn sie es nicht an der Seite Jsaacs verbringen könnte. Doch dem ersten Schmerzensausbruch folgte bald die ruhige Erwägung, und mit grausamer Klarheit stand es ihnen vor Augen, daß hier nur zwei Dinge möglich seien: Entweder Vögelchen nimmt den Heirathsantrag des Herrn Smitt an, oder Familie Greß sowohl wie die beiden jungen Leute werden ihrer Existenz beraubt; denn das war ihnen allen gewiß: weist Vögelchen den Antrag des Herrn Smitt ab, so würde sie auch keine Stunde länger im Hause des Genannten geduldet werden. Herr Greß meinte, Vögelchen könne unter keinen Umständen, selbst wenn ihr Herz noch nicht vergeben wäre, in eine Heirath mit Herrn Smitt einwilligen. „Herr Smitt entweiht öffentlich den Sabbat und ich glaube, daß diese Thatsache genügt, um Vögelchen die richtige Antwort finden zu laffen." Meyer konnte sich der Ansicht des Herrn Greß nicht anschließen, er glaubte, daß Smitt durch den Einfluß seiner Braut noch ein ganz frommer Mann werden könne, und er wollte, selbst wenn er sein junges Glück begraben müffe, auf Vögelchen für immer verzichten. Vögelchen selbst kämpfte den schwersten Kampf, sie war eine Natur, die das Leben von der ernstesten Seite nahm und alles auf das Reiflichste erwog. Ihre Liebe zu Jsaac war eine heiße und innige, aber dieser Liebe das Leben opfern? Das wünscht Gott nimmermehr! Wir Alle elendiglich zu Grunde gehen! Sie sah sich im Geiste an der Seite ihrer Mutter in jener Nacht, da sie Beide als Bettlerinnen von Haus und Hof ziehen mußten, frierend, hungernd, gestoßen und getreten von aller Welt und glücklich, wenn ihnen ein Vorübergehender eine Kopeke in den Schooß warf: Hu, wie entsetzlich ist das Elend, wie erniedrigt es den Menschen in den Augen Anderer und in den eigenen Augen, ja selbst in seinen Gesinnungen. Wie geht alles Hohe und Edle im Ebenbilde Gottes zu Grunde unter dem furchtbaren Drucke der Armuth £ NächstenI Monat sollte sie ihren Gehalt um ein Bedeutendes erhöht bekommen, und schon dachte sie daran, die theure Mutter, der sie seither nur wenig senden konnte und die deshalb noch immer in Wilna ein°dürftigesHDasein führte, hierherkommen zu laffen, um ihr hier ein mcnschenivürdiges Dasein anzubieten; und nun? Entweder an der Seite eines ungeliebten Mannes das ganze Leben verbringen, oder Stellenlosigkeit, Hunger, Tod. Sollte sie wiederum den Verstand über das Herz siegen laffen, würden nicht die Leute mit Fingern auf sie deuten: „Seht einmal diese, den treuen Geliebten hat sie sitzen laffen, um einen reichen ungeliebten Mann zit heirathen! Ihr Magen war größer als ihr Herz!" Düster lag die Zukunft vor ihr. Im ewigen Conflicte mit dem unreligiösen, unsympathischen Manne, während der langen, langen Jahre ihrer Ehe! Wie er das, was ihr das Höchste und Heiligste, verspottete, wie der Streit entbrannte um die Erziehung der Kinder, s i e wünscht, daß sie Thora lernen, e r, daß sie allerhand unjüdischen Beschäftigungen nachgehen sollen! Wie schön würde sich dagegen das Leben mit ihrem Jsaac gestalten, wie würden sie ein Haus herzustellen suchen, so echt und recht im Sinne des heiligen Gesetzes; aber war jemals Aussicht vorhanden, daß sie sich vereinigen könnten, zwei arme junge Leute, allein und ohne jeglichen Verdienst in fremdem Lande? Sanft blickte das Mondlicht durch das Fenster, und an die monatliche Segnung, die wir beim Silberglanze Lunas verrichten, sich erinnernd, sprach sie leise vor sich hin: „Wie du, o Mond, stets freudig bereit bist den Willen deines Schöpfers zu erfüllen, so will auch ich in der Faffung meines Entschlusses mich von keinen anderen Beweggründen leiten laffen, als von Denjenigen, die zur Erfüllung Deines heiligen Willens führen, o Gott." Vögelchen hatte ihre Ruhe wiedergefunden. „Laßt uns unser Nachtlager aufsuchen," sprach sie zu Jsaac und zu ihren Wirthsleuten. „Wir haben ja noch drei Tage Zeit zum Ueberlegen." Als die von Smitt gestellte Frist zu Ende war, hatte Vögelchen ausgerungen. Ihr Entschluß stand unabänderlich fest. So lange der Mensch lebt, hatte sie sich gesagt, kann Gott Alles noch zum Guten lenken, hat er sich aber in Todesgefahr begeben und ist darin untergegangen, dann ist jede Rettung ausgeschlossen. Und als eine über vier Personen schwebende Todesgefahr betrachtete sie es, wenn sie jetzt ihre Stelle aufgab; es war unter den Verhältnissen, wie sie gegenwärtigen New-2)ork herrschten, für religiöse Leute nicht denkbar, in abhängigen Stellungen andweitig Verdienst sich zu verschaffen. Und konnte sie nicht das höchste Glück, die Vereinigung

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