Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1898)
- Date
- 1898-02-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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203 jungen Mädchen zugethan, und nicht nur das körperliche Wohl, sondern auch das geistige Gedeihen ihres Pfleglings suchten sie zu fördern. Herr Greß stammte aus Ungarn, in seiner Jugend hatte er die Jeschiwa zu Preßburg besucht und so manches Stückchen Thora war noch in ihm haften geblieben. Er unternahm es deshalb, den Bräutigam Vögelchens, der ja stellenlos war und deshalb über viel freie Zeit verfügte, in den Talmud einzuführen. Wußte er doch, daß er Vögelchen keinen größeren Dienst erweisen konnte, als wenn er i! ren Jsaac zu einem, wenn auch nur kleinen „Lamden" machen würde. Kam Vögelchen müde und abgearbeitet aus dem Comptoir nach Hause, so fand es alle nur denkbaren Bequemlichkeiten und Aufmerksamkeiten, soweit es die bescheidenen Mittel gestalteten, vor. Die Zusammenkünfte der jungen Liebenden wurden von Herrn und Frau Greß sorgfältig überwacht und nur in deren Wohnung und Gegenwart trafen sich dieselben, so daß alles böse Gerede über die jungen Leute im Keime erstickt wurde. Seit zwei Stunden bereits wartete Jsaac auf sein Liebchen. Mit dem jungen Manne war eine vollständige Veränderung vorgegangen. Aus dem jungen Brausewind, der alles von der leichtesten Seite nahm, war ein charaktervoller Mann geworden, den die Noth in seinen Prinzipien nicht wankelmüthig zu machen vermochte, der vielmehr durch jede neugewonnene Erfahrung noch fester und zäher an seinen einmal als richtig erkannten Grundsätzen festhielt „Heute hätte ich wieder eine vorzügliche Stelle haben können," wandte er sich an Herrn Greß. „Der Equitable sucht ein Kasstrer und wir waren in allen Punkten einig." „Aber natürlich der Sabbat," sagte der Angeredete, „hat wieder Ihre ganze Aussicht vernichtet." „So ist es," seufzte Jsaac." „Wie ich noch in Preßburg lernte," bemerkte Herr Greß, „erzählte man sich dort folgende Geschichte: „In Pest war ein großes Handelshaus, das an Sabbat und jüdischen Feiertagen streng geschlossen hatte. Nichts, selbst nicht die größten Verluste, konnte die Chefs veranlassen, ihre Schreibstuben am Sabbat zu öffnen und auch das Gespötte ihrer Geschäftsfreunde war nicht im Stande, sie ihrem Gotte untreu zu machen. Eines Tages sollte ihre Gesetzestreue sichtbarlich belohnt werden. Es war das damals die Zeit, als in der ganzen Welt die Telegraphenleitungen gelegt wurden. Preußen war mit gutem Beispiele vorangegangen, Oesterreich folgte sofort und nun sollte auch Ungarn über Nacht eine Telegraphenleitung erhalten. Die Arbeiten konnten den maßgebenden Persönlichkeiten bei der Behörde nicht rasch genug vorwärts gehen, da man den Nachbarländern gegenüber unter keinen Umständen zurückbleiben wollte. Zu jener Zeit wußte man noch nicht, daß Eisendraht beim Telegraphen dieselben Dienste verrichtet, wie solcher aus Kupfer, und man bespannte die ganze Welt mit kupfernen Telegraphendrähten. Die ungarische Regierung brauchte einige Tausend Centner Kupferdrähte und wußte im Moment nicht, woher sie sich solche beschaffen sollte. Da erfuhr sie durch Zufall, daß das oben erwähnte Haus die gewünschte Menge Kupferdraht vorräthig habe, und sie wandte sich an dieses mit der Anfrage, zu welchem Preise es der Behörde seinen Vorrath überlassen wolle. Es war an einem Winter-Frcitag-Nachmittag, man hatte sich auf's äußerste anstrengen müssen, um noch die Tageskorrespondenz vor Eintritt des Sabbats zu erledigen. Soeben waren die Chefs im Begriffe, in die Synagoge zu gehen, und schon befürchteten sie einen Theil des Gottesdienstes versäumt zu haben, als ein Diener in der Livree des königlichen Ministeriums erschien und die soeben erwähnte Anfrage überbrachte. Von der Regierung? Die konnte man nicht bis morgen Abend auf Antwort warten lassen, andererseits konnte man aber auch keine Preiscalculation mehr feststellen, mit dieser Arbeit wäre man tief in den Sabbat hineingekommen. Flugs entschloß sich der Eine der Chefs, der Regierung in kurzen Worten noch zu antworten, sie möge auf die Vorräthe ein entsprechendes Gebot abgeben, mau werde sich schon einigen. Der auf die Antwort wartende Diener nahm solche in Empfang und guten Muthes begab sich der Prinzipal des Hauses in die Synagoge, wo er Lecho daudi allerdings schon versäumt halte. In jenem Hause war die Einrichtung getroffen, daß sämmtliche Geschäftsbriefe in einen großen Kasten geworfen wurden, ohne daß irgend Jemand von den Inhabern des Hauses oder deren Personal dieselben vor Sabbatausgang zu sehen bekam. Man wollte damit auch die kleinste Versuchung zum Oeffnen der Briefe vermeiden, die etwa durch die aufgedruckte Adresse eines Geschäftsfreundes, auf dessen wichtige Antwort man schon lange wartete, herbeigeführt werden könnte. Als die Herren Chefs nach Schluß des Sabbats sich in ihr Comptoir begaben, um die eingelaufenen Briese einer Durchsicht zu unterziehen, waren sie nicht wenig erstaunt, aus dem königl. Ministerium nicht weniger als vier Briefe vorzufinden. Der erste war noch am Freitag Abend abgegeben worden und enthielt in kurzen Worten ein Gebot von fl. 50,000 für die gesammten Vorräthe von Kupferdraht. Im zweiten Briefe gab die Regierung ihrem Erstaunen darüber Ausdruck, daß sie nicht bereits gestern Abend von dem Hause Antwort erhalten habe, sie wünsche nicht, daß die Drähte an einen benachbarten Staat