Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 8 (27.1.1898)
- Date
- 1898-01-27
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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156 orte der Familie, eine große Zuckerfabrik errichtet hat, einzig zu dem Zwecke, um der armen jüdischen Bevölkerung des Ortes Arbeitsgelegenheit zu verschaffen. Das Städtchen Slatopol verdankt der Familie Brodsky überhaupt unzählige Wohlthaten. Der Stammvater dieser Familie, Rabbi Meir Broder (russisch Brodsky), sorgte für die religiösen Bedürfniffe der Gemeinde und errichtete Synagogen, Badeanstalten und dergl. Sein Sohn, der unvergeßliche Israel Brodsky, widmete sich vorzugsweise philantropischen Aufgaben und errichtete ein großartiges Krankenhaus, eine Altersversorgungs-Anstalt re. Von deffen Söhnen, den gegenwärtigen Repräsentanten der Familie, sorgte der eine, Herr Lazar Brodsky, für die culturellen Bedürfniffe seines Stammortes und errichtete Schulen, ein achtklassiges Gymnasium rc., während der andere, Herr Leon Brodsky, auf die ökonomischen Bedürfniffe der dortigen jüdischen Bevölkerung sein Augenmerk gerichtet hat. Hätte doch jede jüdische Gemeinde im AnstedelungSrayon ihren Brodsky! Bei dieser Gelegenheit sei auch mitgetheilt, daß in der obgenannten AlterversorgungS-Anftalt der Familie Brodsky in Slatopol vor Kurzem ein jüdischer Insasse starb, der das Alter von 110 Jahren erreicht hatte und bis zu seinem 104. Lebensjahre sich noch von seiner Hände Arbeit ernährte und zwar als Sackträger in einer Mühle. Petersburg. Eine eigenthümliche Entscheidung, welche, falls sie vom Senat bestätigt werden sollte, für sehr viele jüdische Familien verhängnißvoll werden muß, wurde kürzlich vom Bezirksgericht in Kasan gefällt. Bekanntlich ist in Rußland eine große Anzahl Kinder in die Geburtsregister nicht eingetragen, theils weil diese Register in den kleinen Orten von den Rabbinern sehr nachlässig geführt werden, theils weil in den betreffenden Orten, wie in den meisten Städten außerhalb des Ansiedelungs-Rayons, überhaupt keine Rabbiner vorhanden sind. Bisher konnten diese Kinder mit Hilfe eines allerdings sehr verzwickten gerichtlichen Verfahrens noch nachträglich eingetragen werden, nunmehr hat aber das Kasaner Bezirksgericht in zweimaliger Verhandlung entschieden, daß solche nachträgliche Eintragungen unzulässig sind. Sollte der Senat, der sich mit dieser Angelegenheit demnächst zu befassen haben wird, sich dieser Entscheidung anschließen, dann liegt für die betroffenen Kinder die Gefabr vor, später, wenn sie erwachsen sind, als „Landstreicher^ behandelt und demgemäß zur zwangsweisen Ansiedelung nach Sibirien verschickt zu werden. ** Odessa. Hierselbst wurde dieser Tage das fünfundzwanzigjährige Bestehen einer Stiftung gefeiert, welche weitesten Kreisen bekannt zu werden verdient. SS sind dies die „Kvsian'schen Arwrnwohnungen", welche von dem seligen Herrn A. Kohan vor 25 Jahren mit einem Kostenaufwand von über einer halben Million Rubel errichtet wurden. In diesem Häusercomptex finden 300 arme Familien geräumige, allen Anforderungen der Hygiene entsprechende Unterkunft. Im vorigen Jahre spendete die Tochter des verewigten Stifters, welche gegenwärtig in Paris lebt, bei Gelegenheit eines Besuchs in Odessa zur Erweiterung des gemeinnützigen Instituts die Summe von 20 000 Rubel. Nachdem es dem Vorsitzenden des Curatoriums, Herrn I. Warszawski gelungen ist, auch noch andere Philantropen für dieses Liebeswerk zu interessiren, wird man im nächsten Frühjahr mit dem Erweiterungsbau beginnen, für welchen bereits ein Grundstück von 17 000 Quardratruthen erworben wurde. Auch die jüdische Altersversorgungs- Anstalt in Odessa wird demnächst eine bedeutende Erweiterung erfahren, zu welchem Zwecke Frau B. Feldmann dortselbst kürzlich die Summe von 30 ooo Rubel gespendet hat. Dieselbe Philantropin beabsichtigt auch die Errichtung eines Asyls für Obdachlose, falls die Commune den erforderlichen Platz hergeben solle, woran kaum zu zweifeln ist. $ Tiflis im Kaukasus, im Jan. Auch hier im Kaukasus erkennt man es schon, daß mit Nikolaus II., unserem jungen Herrscher n"v, ein judenfreundlicher Geist in die Aemter des russischen Reiches eingezogen ist, und daß wir einer besseren Zukunft cntgegengehcn. Am deutlichsten zeigt sich dies bei uns in der Abnahme der jüdischen Emigration nach dem Kaukasus und dem transkaspischen Gebiete. Wurden Juden früher aus einigen Städten oder Gouvernements ausgewiesen uud wollten sie ihren vaterländischen Boden dennoch nicht verlassen, so wandten sie sich größtentheils dem Kaukasus zu, wo die jüdische Bevölkerung noch eine spärliche ist, oder sie zogen von hier nach den transkaspischen Ortschaften Askabad, Merw w., um sich dort anzusiedeln. Diese jüdische Völkerwanderung hat jetzt beinahe gänzlich aufgehört, da aus Petersburg keine solche Ukase mehr eintreffen, welche die Verbannung der Juden aus diesem oder jenem Gebiete anordnen würden. Der russische Jude braucht heute nicht mehr zu fürchten, daß er und die Seinen plötzlich ihre bisherigen Wohnstätten werden verlassen müssen, um sich neue aufzusuchen. Die jüdischen Gemeinden im Kaukasus und am Westgestade des Kaspisees spüren dieses auch in ihren Finanzen, da ihre Kassen jetzt nicht mehr so stark wie früher von den jüdischen Emigranten in Anspruch genommen werden, und im vergangenen Sommer sind in unserer Stadt kaum dreißig jüdische Familien neu eingewandert.