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Der Israelit · 1898-01-24 · Heft 7 (24.1.1898) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 7 (24.1.1898)
Date
1898-01-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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127 liegenden Schiffe, zu dem eine Treppe hinaufführte. Das ist ein Drängen und Stoßen, eine Jagd nach dem Gepäck, ein Winken mit den Taschentüchern, einDurcheinanderklingen der Stimmen, herzzerreißende Abschiedstöne auf der einen, grobe Ausrufe roher Arbeiter auf der anderen Seite, während der Kapitän hoch oben auf seiner Plattform dem sich wälzenden Menschenballen, seinen Tabak in aller Ruhe kauend, gemüthlich zuschaut. Zwei Matrosen, die den Leuten beim Einschiffen behilflich sind, gewahren unter den Zwischendeckpaffagieren, denn nur von solchen ist hier die Rede, ein etwa sechszehn- bis achtzehnjähriges Mädchen von auffallender Schönheit. Wer jemals in dem sogenannten Ansiedelungs-Rayon in Rußland unter den breiten Maffen unserer Glaubensgenoffen einige Beobachtungen angestellt hat, der wird stets den russischjüdischen Typus, wo er ihm auch sonst in der Welt begegnen mag, wiedererkennen, und auch das junge Mädchen, das soeben die Schiffstreppe Hinansteigen wollte, konnte diese characterisiischen Merkmale, wenn sie sie auch in idealisirter Form zu tragen schien, nicht verleugnen. Zwei seelenvolle hellblaue Augen blickten unschuldsvoll wehmüthig in die Welt hinaus und eine längliche aber edclgeformte Nase, die etwas mehr gebogen war, wie dies bei den deutschen Juden üblich ist, schien in Verbindung mit dem hellblonden üppigen Haar und den etwas aufgeworfenen Lippen die Frage nahe zu legen, wie solche Kennzeichen von grundverschiedenen Nassen sich wohl in einer Person vereinigen können. Man weiß es nicht in Deutschland, daß dieser Typus bei unsern Brüdern im Osten gar häufig anzutreffen ist, und daß ihn wohl die Mischung jenes zum Judenthum übergetretenen kaukasischen Chazaranvolkes mit unseren im Mittelalter aus Deutschland nach Polen vertriebenen Brüdern hervorgebracht haben mag. Die Schönheit des jungen Mädchens litt einigermaßen unter der überaus dürftigen, nunmehr vollständig durchnäßten Kleidung, mit der dasselbe angethan war und die Matrosen, die ihr beim Einsteigcn behülflich waren, erlaubten sich einige rohe Späffe mit der jugendlichen Reisenden. Ueber und über roth werdend, wandte sie sich wie hülfesuchend um, da fiel ihr Blick auf einen stattlichen jungen Mann, der, ebenfalls zu den Passagieren gehörend, die Scene von hinten beobachtet hatte. „Gestatten Sie, mein Fräulein, daß ich Sie bis zum Zwischendeck begleite? Es könnte hier sehr (eicht möglich sein, daß Sie eines kräftigeren Armes wie des Ihrigen zu Ihrem Schutze bedürfen." „Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten dankend an," erwiederte die Angeredete mit leichtem ausländischen Accent, „vorausgesetzt, daß Sie bereit sind, sich in jenen Grenzen zu halten, die zwischen bebildeten Leuten in unserem Alter strenge gezogen sind." Der junge Mann war im höchsten Grade erstaunt über die gewählte Ausdrucksweise seiner neuen Bekanntschaft. Er vermuthete, daß man ihm im polnisch-jüdischen Jargon irgend eine unverständliche Antwort herstammeln würde, statt dessen entgegnete man ihm in einer Sprache, wie er sie kaum in seinem deutschen Heimathstädtchen zu hören gewohnt war. Er wollte Nun dem Mädchen imponiren, und sich an seine Militärzeit erinnernd, richtete er sich stramm auf und in schnarrendem Lieutenantston erwiederte er: „Aber selbstredend, meine Gnädige, werde ich die Umgangsformen, in denen ich erzogen bin, nicht verletzen. Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle: Meyer aus Rosenhausen!" „Vögelchen Katzenellensohn," kam es von den Lippen der Anderen. Sie ergriff seinen Arm und ließ sich die Schiffstreppe hinaufgcleiten. II. Auf der See« „Also weder Zionismus noch Nihilismus konnte Sie in Rußland befriedigen, und deßhalb sind Sie ausgewandert? Eigenthümlich!" Auf dem Schiffe hatten die beiden jungen Leute rasch Freundschaft geschloffen und wir finden sie bereits mitten in der Unterhaltung. Die obige Frage richtete Herr Jsaac Meyer an die ihm gegenübersitzende Vögelchen Katzenellensohn. „Ich will nicht gerade behaupten," erwiederte diese, „daß ich deßhalb ausgewandert bin, mein Verbleiben in Rußland wäre auf keinen Fall möglich gewesen, denn ich war dort jeglicher Mittel zum Leben beraubt, aber meine Abneigung gegen die von Ihnen genannten beiden Bewegungen sind jedenfalls einer der Gründe, warum ich mich nicht bemühte, mich in meinem Vaterlande zu erhalten. Dem Nihilismus zu huldigen, dem leider ein großer Theil unserer jüdischen Jugend angehört, das widerspricht unserem heiligen Religionsgesetze, das strenge befiehlt, die herrschende Negierung und ihre Gesetze, auch wenn uns diese noch so sehr bedrücken, anzuerkennen, Gott, der das Herz der Könige lenkt, wird schon eine Zeit senden, in der diese wieder besser gesinnt sein werden, und der Zionismus, der macht uns alle zu Träumern und Nichtsthuern. Zionistische Reden, zionistische Lieder, Vorträge über Bodenkultur in Palästina, das sind Dinge, womit wir heute in Rußland unsere Zeit vergeuden. Der jüdische Schuhmacher verläßt seine Werkstatt und der Hufschmied seine Schmiede, um den Reden der zionistischen Agitatoren zu lauschen, inzwischen hungern Frau uub Kinder zu Hause, da der Vater den Erwerb vernachlässigt." „Ich bin erstaunt, ein junges Mädchen in Ihrem Alter schon so ernst über Volksbewegungen sprechen

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