Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1898-01-17 · Heft 5 (17.1.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
39 (1898)
Issue
Heft 5 (17.1.1898)
Date
1898-01-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448857-2448863--45275-2495530
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

87 Jzka, was Du doch für ein gemeiner Mensch bist! Das habe ich von Dir wirklich nicht geglaubt!" „Jzka soll gemein sein? — Nein, Jzka hat nie etwas Gemeines begangen!" erwiederte Jzka im Tone der vollsten Ueberzeugung. „Dann muß also Boruch gemein sein — eins von beiden." „Nein, auch Boruch ist kein gemeiner Mensch; er ist nur unglücklich in seinem Leben . . „Unglücklich, unglücklich! . . . Jedenfalls muß doch etwas Wahres an dem sein, was er mir gesagt hat. Er hat es doch nicht aus der Lust greifen können. Du Käst Dich gewiß über mich lustig gemacht und Dir in seiner Gegenwart irgend welche dumme Bemerkungen über meine Toilette erlaubt." „Nein, gnädige Frau Obristin, ich habe nichts Derartiges gethan und kann es auch nicht thun. Boruch hat Alles gelogen." „Du hast Nichts über meine Wäsche gesagt?" „Wie könnte ich etwas darüber sagen? Habe ich doch nicht einmal bemerkt, was gnädige Frau Obristin anhatten, und wenn auch —- ginge mich das nichts an. Ein räudiger Hund will ich beißen, wenn ich jemals etwas Unrechtes von der gnädigen Fratt Obristin gesprochen habe!" „Kannst Du das vor Boruch wiederholeil?" „Vor einer Millionmal tausenden Borucks!" „Schön." Die Obristin öffnete die Thür und rief Boruch M sich. Boruch huschte unhörbar herein wie ein Schatten und drückte sich fest mit dem Rücken an die Thür, als ob er befürchtete, sonst zu viel Platz eiuzunehmen. Er sah weder die Obristin noch seinen Genossen an, sondern stierte unverwandt auf einett Sonnenflecken gerade vor seinen Füßen. Sein Gesicht war ungewöhnlich bleich und seine Hände zuckten nervös. „Boruch," begann die Obristin, „bestehst Du aus dem, was Du vorhin von Jzka sagtest?" „Ja, gewiß," antwortete Boruch mit dumpfer Stimme. „Nun, siehst Du!" „Was hast Du denn von Jzka gesagt?" fragte sein Kamerad und sah ihm halb Mitleidshalb vorwurfsvoll in das gesenkte, verstörte Gesicht. Boruch betrachtete beharrlich den Somteuflecken und antwortete: „Was ich gesagt habe, das habe ich gesagt." „Wiederhole deutlich, was Du von Jzka behauptet hast," verlangte die Obristin. „Ist es wahr, daß er Allen erzählt, ich trage geflickte Hemdeil uitD zerrissene Strümpfe?" „Es ist wahr," kam es tioch dllmpfer von Boruchs Lippen. „Siehst Du, Jzka! Wirst Du noch weiter Deine Schuld leugnen?" Jzka gab der Obristin keine Antwort. Er schüttelte nur ausdrucksvoll den Kopf und sagte traurig: „Boruch, Boruch! Schämst Du Dich nicht, Boruch? Wie kannst Du es übers Herz bringen, Jzka so zu verleumden? Was habe ich Dir gethan Boruch, was?" Boruch erbebte am ganzen Leib und senkte noch mehr den Kopf. Jzka legte ihm eine Hand auf die Schlllter und fuhr im selben Tone fort: - „Ach, Boruch, Boruch, wie bist Du auf solche Gedanken gekommen? Sind wir beide denn nicht langjährige Kameraden? Kennen wir einander nicht von Klein auf? Practicieren wir nicht schon dreißig Jahre zusammen in diesem Gasthaus und sitzen auf demselben Kasten? Das Gasthaus ist von einem Wirt he zum andereil und von dem zum dritten übergegangen, wir aber haben uns nicht vom Flecke gerührt. Und Du weißt ganz gut, Boruch, daß ich ebenso arm bin wie Du, nur ein wenig bester geht's mir, weil ich mehr Praxis habe, aber dennoch bin ich arm, sehr arm und das Leben ist mir auch nicht süß. Beide sind wir alt und krümmen unfern Buckel wie Katzen und laufen wie Hunde, um einige Kopeken zu verdienen. Du weißt, Boruch, wie schwer die Kopeken zu erlangen sind, weißt, daß ein Me schores kein König ist, sondern der letzte verworfenste Mensch in der ganzen Welt. Ja, der letzte und elendeste, denn jeder kann ihn zwingen. Alles zu thun, was Jedem in den Kopf kommt, wäre es auch die dümmste Dummheit, ein Meschores aber kann Niemand zu etwas zwingen; ihm wird Niemand gehorchen, denn er ist einer der allerkleinstcn Menschen - ein Meschores! . . . Ja, Boruch, Du bist nicht nur ein armer, sondern auch noch ein unglücklicher Mensch, Du hast ganz den Verstand verloren, sonst könntest Du nicht . . . Und warum hast Du so etwas dummes ausgedacht? Du hättest lieber sagen sollen, Jzka sei ein Dieb oder Räuber . . Jzka habe einen Menschen gemordet ... so etwas in dieser Art — das wäre nicht so schlimm, als zu sagen, ich erlaube mir schlechte Reden zu führen über die gnädige Frau Obristin, von der ich immer so viel verdient habe! Mich so zu schwärzen, Boruch! Das ist zu grausam, Boruch . . . Und wozu hast Du Dich beschmutzt mit solcher Lüge? Du wirst ja selbst eingestchen müssen . . . auf der Stelle wirst Du eingestehen, daß das nicht wahr ist, besten Du mich beschuldigt hast . . . Nicht wahr, Boruch, Du gestehst es, ja?" Boruch schwieg. Plötzlich füllten sich seine Augen mit Thränen, fein Mund verzog sich, seine ganze Figur sank in sich zllsammen und bot ein Bild

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.