Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1898)
- Date
- 1898-01-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Feuilleton. Der russisch-jüdische Journalismus oder Briefwechsel des Lorrejpondenten d. Zeitschrift „Hajaurim beüimoh^ mit jelner Braut. (Aus dem Russischen.) Theure Freundin! Nachdem ich gestern Abend von Ihnen in dem Thee-Hause Abschied nahm, befand ich mich wie im Traume. Sollte denn dasZmit allen Fasern des Herzens so heiß Ersehnte zur Wahrheit werden? Sie wollen tatsächlich die Meine werden? Sie, die Engelgleiche, versprachen mir, meine Gattin werden zu wollen? Es ist nicht denkbar. Als ich denn auch zu Hause angelangt war, ward ich aus allen meinen Himmeln gerissen. Mein wunderbarer Traum ward zur entsetzlichen Nüchternheit. Meine Freundin! Es kann nicht sein, es darf nicht sein. So sehr meine Seele sich darnach sehnt, zu sterben in Ihren Armen, so wenig ist für Sie ein Leben an meiner Seite denkbar. Sie haben gewiß nicht darüber nachgedacht, wem Sie Ihr junges Leben opfern wollen. Keinem Straßenkehrer, da wären Sie klug und weise gewesen, denn dieser Beamte der Kaiser!. Moskauer Negierungsinstitute hat sein festes Einkommen von einem Rubel und fünfzig Kopeken per Tag, die Stadt sorgt im Falle seiner Krankheit für seine Genesung und zahlt bei seinem Ableben seiner Familie eine kleine Rente; keinem Viehtreiber oder Packträger, denn auch sie haben ihre tägliche Arbeit, für die sie ihren täglichen Lohn empfangen. Einem russischjüdischen Journalisten wollen Sie sich an den Hals hängen, der, wenn er sich nicht in der richtigen Stimmung befindet, nicht schreiben kann und wenn er zum Schreiben aufgelegt ist und etwas zu Stande bringt, es noch fraglich ist, ob die Nedaction es acceptirt. Ist aber das große Glück eingetroffen, er hat etwas Ordentliches geschrieben und die Nedaction hat es angenominen, was hat er dann? Einige Groschen, die kaum für einige Tage ausreichen. Und wenn er krank wird, was geschieht? Sabbatlampe und Chanukkaleuchter wandern in das Leihhaus und die Medizin wird vom Apotheker geborgt. Und wenn er stirbt, worin besteht sein Nachlaß? Vielleicht aus einigen noch nicht veröffentlichten von den Nedactionen zurückgewieseneu Manuscripten. Statt der Versicherungsprämie, ehrenvolle Nachrufe von den Kollegen: „er war doch ein braver Kerl, ob aber der in seinen Schriften zur Schau getragene Idealismus echt war, wir bezweifeln es, denn sonst hätte er wohl nicht so große Honorare für seine Arbeiten verlangt." Diese Blätter, liebe Freundin, können Sie nach meinem Tode nicht einmal einrahmen lassen. Betrachte ich mir ineine Studienfreunde, wie es diesen geht, da sehe ich viel fröhlichere Bilder. Da ist Moschka, er ist an der Moskauer Bank angestellt, wir waren die besten Freunde, stundenlang ergingen wir uns in philosophischen Abhandlungen, er hat gerade so gern gegrübett wie ich, aber wenn er jetzt die Nächte hindurch sitzt und grübelt, so arbeitet er ein großartiges Finanzproject aus, das er von seinem Chef auf das Glänzendste honorirt bekommt, da ist Artscha, auch mit ihm war ich sehr intim, er ist Electrotechniker und hat sich durch einige Patente bereits ein Vermögen erworben; selbst diejenigen meiner Freunde, die Schuhflicker und Jswoschtschikys geworden find, führen im Verhältnis; zu mir ein sorgloses Leben. Aber, verehrte Freundin, Sie werden mich fragen, warum ich einen solchen Beruf ergriffen habe, der eine materielle Eristenz nicht bietet. Darauf erwiedere ich Ihnen: Der Beruf an und für sich ernährt seinen Mann, es ist mir der jüdische Journalismus, von dessen Rädern kein Gold abfällt. O, wenn ich zu meinem nichtjüdischen Freunde Pretkow ginge, dem Besitzer der großen Zeitung „Neue Pfeife", er hat nur schon oft angeboten, die Redaction des Handelstheils zu übernehmen. Da muß man auf alle Erwersgenossenschaften und Großkaufleute tüchtig schimpfen, damit sie sich fürchten und recht gut bezahlte Annoncen hergeben. Da könnte ich viele Tausend Rubel per Jahr verdienen. Aber ich kann nicht dahin gehen, ich muß für das Judenthum schreiben. Was sollte mein armes Volk beginnen, wenn Alle, die noch etwas Geist haben, sich ausschließlich in den Dienst der materiellen Interessen stellen würden? Soll denn Niemand mehr stille stehen bei dem Blute seines Nächsten? O, Du armes, gehetztes, getretenes und millionenfach verwundetes Volk, sollen Dich denn Alle verlassen, darf denn Niemand sich mehr Deiner annehmen, ohne als Narr gescholten zu werden? Und wenn es Niemand thut, so will ich e§ thun, ich verzichte auf alle materiellen Vortheile. Wenn mein Volk keinen Anwalt bezahlen kann, so will ich umsonst für es plaidiren. Meine Feder will ich in seinen Dienst stellen, meine Liebe zu meinem Volke kann ich und darf ich nicht preisgeben, sie übertrifft noch die Liebe zu Ihnen, verehrte Freundin, und deßhalb bitte ich Sie, betrachten Sie unser Verlöbniß als aufgelöst. Ich werde mich stets dieses Traumes, als einer der schönsten meines Lebens erinnern. Ihr Ergebener N. N. Antwort der Braut. Mein Freund! Sie sollen Ihrem edlen Berufe durch mich nicht abspenstig gemacht werden; auch sollen Sie nicht nöthig haben, auf meine Liebe zu verzichten. Ich