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Der Israelit · 1911-12-28 · Heft 52 (28.12.1911) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 52 (28.12.1911)
Date
1911-12-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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28. Dezember 1911. Die hiesige hebräische Missionszeitung „Harmes" und das antisemitische Blatt „Hakarmel" in Haiffa haben zu erscheinen ausgehört. Das halbfertige Gebäude des bankrottierten Greisenheimes „Osef Ntdachim" hat die grusischjüdische Gemeinde für Synagoge und Schule abgetanst. * * * Die Rischon-lezion-Frage bildet jetzt das Sibolet in der Sefardischen Gemeinde. Die Anhänger Eljaschars möchten es nicht auf eine Wahl ankommen lassen, obwohl diese Bedingung von allen Ehachamim und auch von Antebi unterschrieben wurde. Im übrigen ist die Frage ganz belanglos. Nach dem Wortlaute des Firman ist Chacham Baschi Moise Franco nicht nur der Großrabbiner der Gemeinde, sondern auch das Oberhaupt der Rabbiner und Chachamim mit allen Attributen, die dem Inhaber dieser Würde zustehen. Und dabei wird es auch bleiben. Die aus Konstantinopel etngetroffenerren Zeitungen tadeln in scharfen Worten die Gewaltherrschaft Haim Nahoums, der nicht nur die Autonomie der Jerusalemer Gemeinde, sondern auch das einschlägige Staatsgesetz übertreten, indem ^r einen hochbetagten, arbeitsunfähigen Mann zum Grobrabbiner ernannte. Der neue Chacham-Baschi hat seine Antrittsbesuche bei den Babbinen absolviert. Der alte Herr — eine efyxtnüxblQe Erscheinung mit unverfälschte,: orientalischen, eigentlich türkischen Umgangsformen —, dem die hebräische Sprache nicht so geläufig ist wie den hiesigen Ehachamim, fand überall freundliche Aufnahme. Doch rechnet kein Mensch darauf, daß der müde Greis irgendwie auch eine selbständige Berufstätigkeit enrfalten wird. Jaffa, 6. Dez. Der hiesige antisemitische Rädelsführer Seliman Tani, derben „Uschur", d. i. die Grundsteuer in den judäischen Kolonien verwaltet, hat die nachbarlichen Araber gegen die jüdischen Kolonisten von Wadi-Hanin gehetzt und dort einen regelrechten Ueberfall arrangieet. Die Falschen Vertrieben ganz einfach die jüdischen Einwohner und nahmen gewaltsamen Besitz von der Kolonie. Der Gouverneur hat eine strenge Untersuchung eingeleitet. In der französischen Schule wurde beschlosien, daß sämtliche Schüler auch am Sabbat die Vorträge besuchen müssen und sie alle dem Religionsunterricht und den Andachten den Mönche beiwohnen. Die äschkenasischen Kinder haben die Schule sofort verlassen.. Unsere sefardischen Brüder nehmen leider keinen Anstoß an diesen Verfügungen der Mönche. Das Jerusalemer russische Konsulat hat auf Aufforderung der Heimatsbehörde einen siebzigjährigen Greis verhaftet, um ihn nach Rußland zu schicken. Der Unglückliche wurde vor 25 Jahren nach Sibirien verbannt und da soll er jetzt seine Strafe abbüßen. Der arme Mann beteuerte, daß schon einmal die Revision seines Prozesses stattgefunden, welche mit einem Freispruch endeteder Konsul glaubte aber den heimatlichen Auftrag ohne jede Rücksicht befolgen zu müssen. Zum Glück hat eine ärztliche Kommission eine Transportierung dieses Mannes für lebensgefährlich erklärt und so wurde er im russischen Hospital interniert. Amerika. Dritter Kongreß öer iüöifchen Sarmer in New Vorft. Wen» Vork, 15. Dez. Am 27. November wurde in New Ayrk der dritte Kongreß der jüdischen Farmer Amerikas eröffnet. Die Beratungen haben drei Tage in Anspruch genommen. Es waren 4l Farmervereine durch 75 Delegierte vertreten. Die vertretenen Vereine zählen insgesamt 1200 ordentliche Mitglieder. Bei der Eröffnungssitzung waren unter anderen der Bürgermeister von New 2)ork, G a y n o r, Jakob I. Schiff, -_Der JSraellt.__- Isidor Strauß, der Kommissär für Bodenkultur des Staates New Uork, P e a r f o n, der Präsident der Jewish Agricultural and Industrial Aid Society Morris L o e b anwesend, welche anerkennende Begrüßungsansprachen an den Kongreß richteten. Die meritorifchen Beratungen bezogen sich hauptsächlich auf die Regelung des Markt- und Kreditwesens, auf die Modernisierung der jüdischen Farmbetriebe, Errichtung von Schulen in den jüdischen Farmkolonien, ferner auf die Frage, auf welche Weife die jüdischen Farmer das Versicherungswesen in eigener Regie betreiben können. Ueber alle diese Fragen wurden eingehende Debatten geführt und entsprechende Beschlüsse gefaßt. Vor Schluß des Kongresses wurde auf Antrag des Kongreßpräsidenten Samuel Hein eine Resolution angenommen, welche die Delegierten verpflichtet, nach Rückkehr in ihre Wohnorte eine heftige Agitation für die inzwischen erfolgte Aufhebung des Handelsvertrages zwischen Amerika und Rußland zu entfalten, wenn Rußland auch weiterhin die Anerkennung der amerikanischen Pässe von Juden verweigern sollte. Men» Mark, 18. Dez. In hiesigen jüdischen Kreisen herrscht große Genugtuung über den Beschluß des Repräsentantenhauses. Es wird in der jüdijchen Presse hervorgehoben, daß seit dem Berliner Kongreß ein derart entschiedenes Auftreten einer Großmacht für die Gleichberechtigung der Juden nicht zu verzeichnen gewesen sei. Die Vereinigten Staaten hätten den europäischen Kabinetten wieder einmal ein Beispiel wahrhaft liberalen Geistes, unbeugsamen Bürgerstolzes und demokratischen Selbstgefühls geboten, das seinen Eindruck in der ganzen Welt sicherlich nicht verfehlen werde. Uermi$cMt$. Bochum, 16. Dez. Anfangs August d. IS. wollte der Pferdehändler Louis Hertz mtt dem Morgemzug verreisen. Da er noch frühzeitig zum Bahnhof kam, ging er tnS Bahnhofrestaurant 1. uno 2. Klaffe. Daselbst faß auch ein bekannter Glaubensgenosse. Herr Hertz setzte sich zu drms.lben und unterhielt sich geschäfütch. Ja der Rahe saßen auch mehrere christliche Herren. Einer derselben, Ingenieur B o r b e t aus Bochum, schrie laut in den Wartesaal: „Ober, servteren Sie mir abseits der Judenlümmel.' Denn diese Juden find doch nur Sozialdemokraten!" AlS Hertz den Borbet zur Rede stellte, schlug^diefer mit dem Stock aus Hertz loS. Dieser setzte sich zur Wehr und eL entstand ein Handgemenge. Die Affäre kam heute am 15. d. M. zum gerichtlichen AuStrag. Der Ingenieur hatte stch vor dem hiesigen Schöffengericht wegen ESrenbeleibtgung und Körperverletzung zu verantworten. Der AmtSanwalt hielt, da B. schon mehrmalS wegen derartiger Beleidigungen vorbestraft ist, in diesem Falle eine Geldstrafe nicht für angemessen und -beantragte eine Gefängnisstrafe von 3 Wochen und Publtkat'on in den hiesigen Tageszeitungen. DaS Gericht verurteilte B. zu insgesamt 180 Mk. Geldstrafe und Publikation. Charlottenburg, 19. Dez. Sehr bezeichnend ist dte neueste Einrichtung, die der hiesige Synagogenveretn Bismarck st ratze ferttggrbracht hat. Dieser veranstaltet nämlich am 8. Januar zu Gunsten der Unterstützungskasse des Frauenvercins ein einmaliges großes Konzert in der Synagoge. Kommentar überflüffig. Leipzig. 13. Dez. Der bekannte Führer der Reformer und Herausgeber der antisemitischen Halbmonatsschrift „Der Hammer", BerlagSbuchHändler Theodor Fritsch in Gautzsch hatte am 15. September v. IS. einen Artikel veröffentlicht, der die Überschrift „Sine sonderbare Religion" trug. In diesem Artikel richtete er die schwersten Angriffe gegen dte jüdische Religion. Er hatte stch deshalb wegen öffentlicher Beschimpfung einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft zu verantworten. In der Verhandlung vor einer Strafkammer des Landgerichts Leipzig behauptete er, daß die talmudifchen Schriften die Beweise für die Richtigkeit seiner Ausführungen enthielten. In den talmudischen Religtonsbüchern seien Vorschriften zu finden, tie unmoralisch und verbrecherisch wären. Ohne etne Kenntnis von diesen Gesetzesvorschrtsten zu haben, habe der Staat bas Judentum als gleichberechtigte, mit Korporationsrechten auSgestattete Religionsgemeinschaft anerkannt. Nach seiner Ueberzeugung dürfe man daS Judentum nicht als anerkannte Religionsgemeinschaft betrachten. Die Strafkammer verurteilte tm Mat 1911 Fritsch wegen Vergehens gegen § 166 des Strafgesetzbuchs zu 10 Tagen Gefängnis. Gegen das Urteil legte F. Revision beim Reichsgericht ein. Dieselbe wurde heute als unbegründet verworfen. Sette 9. No. 52. Borken, 18. Dez. Seit Menschengedenken hatten die hiesige und umliegenden Gemeinden zu Zimmersrode und JeSberg mit ihren Filialm ein gemeinsames JTPüpn bei dem Dorse Haarhausen. Nachdem nun Jesberg, daS fast 3 Stunden bis dahin hatte, sich ahgezwetgt und einen eigenen Friedhof angelegt hat, hat jetzt auch dte hiesige Gemeinde ein eigenes ^"N2errtchtet,daSvor kurzem durch HerrnLandrabötner Dr. Doktor aus Cassel etngeweiht wurde. Auch derBür aermetstsr und die MagtstratSmitglieder wohnten Jbern Akte vei. Preßburg, 19. Dezbr. Herr Lasar Gestettner hat für die „Mensa" der hiefigen Jeschiwa die erste größere Stiftung von 2000 Kronen gezeichnet. Nash Bator, 19. Dez. Bei seiner Durchreise besuchte Bischof Dr. D. Balthais den hiestgen orthodoxen Rabbiner. Er ist als liberaler Wortführer bekannt und nahm auch letzt Anlaß, seinen wahren Idealismus zu bekunden : „Er werde mtt den ihm zu Gebote stehenden Mitteln erstreben, baß die ungarische Judenheit den ihr, kraft des Rezepttonsgesetzes, gebührenden Platz etnnehme." In ihre innere Angelegenheiten, dürfe man stch nicht einmengen, denn daS würde der wahren Toleranz widersprechen. Haifa, 12. Dez. Zu unserer Korrespondenz über den Shnagvgenbau in Haifa teilt man uns von dort mit: Ein Jerusalemer, der aus Warschau stammt, hat vor einigen Monaten 4000 FrS. zu einem Synagogenbau gespendet. Trotz des Widerspruchs der Mehrheit der Gemeinde hat der Spender auf Drängen einer kleinen Sondergruppe für dieses Geld etne an schlechtem Ort gelegene winzige Wtnkelsynagoge, bestehend aus zwei Zimmern, die zusammen höchstens 60 Menschen Raum geben, bauen lassen. Die Mehrheit der Gemeinde, und zwar die große Mehrheit, ist der Meinung, baß ein Tempel sv nötig ist wie zuvor, da fie stch immer noch mit einem arabischen Mietshaus begnügen muß, während dte neue Synagoge von etwa 2 Minjantm besucht wird. Daher ist die Baukommisfion eingesetzt worden. In ihr find drei Mitglieder zugleich Mitglieder deS GemeindevorstandeS. Umitiswmiu Frankfurt a. M., 23. Dezember. In der I ü - ütfchen Frauenvereinigung hielt am 14. Dezember Frau Abele Mever von hier einen Bortrag über „Jugend gertchtSh ilfe". Ein Thema, so recht für Frauen geeignet, schlicht, doch ^nächtig ergreifend vorgetragen, alle Herzen aufS tiefste erregend. Handelte es sich doch um Rettung von Kindern, was könnte die Frau mehr begeistern, als baß Stützen Unglücklicher, auf der Schattenseite des Lebend Stehender. Die ersten Jugendgerichte und die erste JugendgerichtShilfe wurden in Südaustrallen im Jahre 1890 eingeführt, hieraus folgte im Jahre 1894 Kanada, 1699 Chicago (.Chtldren's Court), hierauf England (Reformatorh Industrial School). Es haben besonders Frauen der Sache viel Interesse entgegengebracht, Vereine haben fich herselben angenommen, und langsam, doch sicher erzwingt die ErztehungSibee den Sieg über dte Bergeltungstdee. Seit dem Jahre 1908 haben wir in Frankfurt auch ein Jugendgericht und Jugendgerichtshilfe, die, fich fördernd und ergänzend, segensreich Zusammenwirken. Rednerin schildert dte Tätigkeit der Jugendgericht-Hilfe 1. in Erziehungsmaßregeln vor der Verhandlung, 2. in der Verhandlung, 3. n a ch der Verhandlung. Es ist hier nicht möglich, alle dte Wege, die Bemühungen, die dieses LtebeSwerk fordert, klarzuleaen. Schon vor brr Verhandlung leistet dte Jugendgerichtlichtshilfe Bedeutendes durch die Ermittelungen, dte fie einzieht über Verhält, ntffe, über geistige und körperliche Anlagen des Sträflings, dadurch, daß das Kind injvielen Fällen setnerUmgebung entzieht, es in Anstalt- oder Famtlienerztehung gibt und dem Richter einen Bericht unterbreitet, der die günstigen Züge gewiß nicht außer acht läßt. Auch die Hauptverhandlung selbst wil erzieherisch wirken, sie findet in einem kleinen Saale statt, schließt dte Oeffentlichkeit aus, nur die Teilnahme der Erzieher ist erwünscht: Die Verbrechen, dte abgeurteilt werden, sind zunächst Rohettsdelikte, Schulschwänzereien von FortbtldunaSschülern, kleine Diebstähle, selten Sittlichkeits- Verbrechen. Das Urteil besteht fast nie in Freiheitsstrafe, der DerweiS wird sofort gegeben, auch dte Ueberführung in Pflege- oder Anstaltserziehung findet sofort statt. Das Kind fbll den Weg zum Guten vor sich sehen, nicht Furcht vor dem Strafverfahren, fürsorgliche Erziehung soll vor Rückfälltgkeit bewahren. Dte wtchttgste, segensreichste Aufgabe ist die Tätigkeit nach der Hauptverhandlung, und hier tritt die Jugendgertchtshtlfe in chre Haupttolle. ES gilt vor Rückfälligkeit zu schützen, daS Kind auS der gefährdeten Lage in etne sichere zu bringen, dem Burschen, oder dem Mädchen Erwerb besorgen, fie vor Verführung schützen, ihre Kräfte stärken, ihnen einen sittlichen Halt geben, eS gilt, dte Lust zur Arbeit zu wecken, die Brücke zu einem geordneten Leben. Uno dieS erfordert stets viel persönliche innere Teilnahme. Der Kern, die Eigenart der Arbeit besteht in dem persönlichen Bertrauensverhältnis zwischen Kind und Helfer. Er soll still und. anspruchslos die schützende Hand über daS Sind halten, ohne Aufdrirglichkeit, ohne daß eS das Gefühl hat, bemeistert oder gezwungen zu werden. ES gibt nicht verwahrloste Menschen, nur verwahrloste Verhältnisse! Niemand und nichts aufgebcn,

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