Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1911)
- Date
- 1911-12-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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AtrsWef f un<f JLefr Ulliutritrte Seit!) N Cftannka auf der Canadian Pacific Railway. klmenksniscke tteise-krlnnerungen eines Frankfurters. Canadischer Winter! Wer ihn nicht selbst mit lebt hat, kann sich schwerlich einen Begriff dan machen. „Forty three below zero“ „Vierzig Grad unter ull", antwortete mir der Nigger-boh beim Verlassen S Hotels morgens, aus meine Frage nach der Temleratur. Und in Northbay an der C. P. R., wo rings erum nichts als Seen und Ebenen sind, sitzt ie Kälte doppelt fest. Die Luft ist förmlich efroren, kein Windhauch regt sich, und der große vee, den man vom Hotel aus vor sich hat, ruht nter einer dicken Eisdecke, überdeckt on dem unübersehbaren Schnee, der lls ganze Gelände in ein weißes Grand hüllt. Die Traper und Pelzjäger nd schon frühzeitig bei ihrem Geschäft. Liner kommt gar schon mit einem eregten Bären heim. Ein unbeschreibiches Gefühl überkommt den Fremdling dieser Wildnis. Abgeschlossen von er menschlichen Kultur fühlt er sich in er Totenstille hingezogen zur Gottes ratur und sei er auch noch so sehr in eine geschäftlichen Plänen vertieft. Gegen 3 Uhr Nachmittags war ch mit meiner Arbeit fertig und ver- »rächte die nächste Stunde damit, unter >en Firmenschildern des Ortes irgend inen jüdischen Namen ausfindig zu nachen. Richtig, da ist einer: ausgerechnet „Greenstone,“ furrier. Ich trete in, und es entspinnt sich folgendes urze Gespräch : Er: 'sVdat van I äo kvr you 8ir? (Womit kann ich Ihnen dienen, Herr!) Ich: (in jargon) Wollen Sie mir erlauben, meine Chanuka-Lich chen bei Ihnen anzuzünden? Er: (in jargon) Oi, a Jid! Scholaum aleichem Ich: aleichem scholaum Er: Ist denn heute Ehanukoh? Ich: Ja, es ist schon der zweite Abend. Tableau! Ich ürerde sofort in die hintere Arbeitsstube >eführt, wo noch zwei „greene" Glaubensbrüder, iber ihre, Pelzarbeit^aebeugt sitzen. Die Hausrau wird sogleich herbei gerufen, und man setzt nir eine Taffe Kaffee und hausgebackenes Brot >or. Darüber bin ich besonders erfreut und reses einfache Stück Brot bringt mich in eine frohe Chanukastimmung. Denn Bäckerbrot ist hier wie fast durchweg in Amerika mit Schmalz gebacken, also trepha und wochenlang mußte ich häufig auf ein „Stücklein Brot" verzichten. Die Nacht kam leise 'heran. Wir standen noch vor dem Haus und sahen dem Treiben der Leute auf der Straße zu. Manch kostbare Beute wurde von den Jägern heimgebracht, und meine Gastgeber belehrten mich über die Wohnplätze der einzelnen Jäger, die je nach ihrer Jagdbeute einzuschätzen waren. Dann wurde es Zeit zum Anzünden! Und wie haben die jüdischen Leute in Canadiens Wäldern in meine Chanuka-Lichtchen geschaut, deren Glanz seit Jahren ihnen nicht mehr geleuchtet und an denen auch in ihren Kinderjahren ein ganze Welt des heimischen Glückes Alte* Aeiedhof de* Wormser jüdische« Gemeinde. gehastet. O, ihr armen Leute, ihr wißt nicht, und eure Kinder werden nie erfahren, wie Unersetzbares ihr mit der Sitte eurer Väter dahingegen n! Spät in derselben Nacht fuhr ich mit dem Zug weiter nach Westen, nach Port-Arthur am Nordrande des Lake Superior. Ich erledigte meine Geschäfte bis um 2 Uhr nachmittags und gegen 4 Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich erst am anderen Morgen an meinen nächsten Bestimmungsort (Sudbury) bringen konnte. Wo also sollte ich meine Chanuka-Lichtchen anzünden? Auf der Fensterbank des Koupees war Platz genug, aber konnte ich von dem Personal der C. P. R. eine Rücksichtnahme auf meine religiöse Verrichtung erwarten? Doch probieren geht über studieren, dachte ich, und klebte darum meine Kerzlein der Reihe nach gemütlich auf die Fenster- Bank. Der erste Zugführer sah mich zwar mit scheelen Augen an, ging aber seiner Wege. Vielleicht dachte er — was ich chm nicht übel genommen hätte — ich sei verrückt. Dann kam, gerade als ich im Begriff war, die Brochoh zu sprechen, der andere Schaffner in meinen Wagen. Ich kümmerte mich aber nicht um ihn, sprach die Brochoh und hatte gerade meine Lichtlein angezündet, als der gute Schaffner plötzlich — neben mich auf die Bank stöhnend niederfiel und schluchzend zu mir sprach: „Warum muß ich hier auf der Fahrt im fernen Westen uach 35 Jahren zu« ersten Male wieder Chanuka-Lichtlein sehen"! Er weinte bitterlich, und auch ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Dem Mann blutete das Herz bei der Erinnerung an seine Heimat die er verloren, und seinen Gott, den er vergessenmeine Chanuka-Lichtchen hatten es ihm angetan, sie hatten die Bilder längst verklungener Zeiten in ihm wieder lebendig werden laffen. Nach einer Weile beruhigte er, sich und während die Räder des dahinsausenden Zuges gleichmäßig pochten, sangen wir zusammen, ungeniert durch die Fahrgäste, unser Moaus Zur. Drinnen im Zug war's gar molligerleichtern ja die schönen geräumigen Pulman-carS der C. P. R. sehr die Strapazen des Reifens durch die Wildnis. Meine Chapuka-Lichtcheu aber leuchteten auf der ganzen Strecke hinaus in's Dunkel der Nacht, vorbei an einsamen Gehöften, durch wilden Wald, über . weite Prärieen und hinüber zu den Lagern der Indianer, die aber heute keine Schrecken mehr verbreiten. Früh am nächsten Morgen kam ich in Sudbury an. Ein Stückchen „selbstgebackenes" Brot von meinen Gastfreunden in Northbay mundete mir morgens zum Kaffee beffer als der beste Kuchen, an dem wir Kinder am Chanuka vor vielen Jahren im Elternhause uns gelabt. Der Tag war mit Arbeit, wie alle anderen Tage reichlich ausgefüllt und erst die niedergehende Sonne mußte mich daran erinnern, daß wiederum ein Chanuka-Lichtchen mehr heute Abend brennen sollte. Ja, es mußte ja erstrahlen, aber wo? Mein Zug sollte fahrplanmäßig um 1.4 Uhr abgehen. Ich saß auf der weit draußen gelegenen, fast im Schnee begrabenen Statton und wartete. Nach endlosem Warten wurde endlich signalisiert, daß der Zug im Schnee festfitze und