Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1911)
- Date
- 1911-11-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Und wenn einer von uns am "Leben bedroht gewesen wäre, hätte der andere gezögert und überlegt, sein Herz-, blut zu geben? . . . Sieh, Rebb Henoch ist an meiner Seite gewesen mit seiner ganzen Kraft, er hat Mich geschützt mit seinem Namen und seinem Leben und hat mich bis heute nicht preisgegeben. Und es ist auch keiner aufgestanden und hat gefragt, wer der Käufer ist, dessen Schuld Rebb Henoch auf sich genommen, daß er sich melde und den Unschuldigen befreie. Sie dachten wohl, daß man riicht aufkausen soll ein Menschenleben mit einem anderen. . . . Aber ich weiß, es ist nicht Mensch wie Mensch und ein geschenktes Leben kann härter sein als der schlimmste Tod! . . . Güte, mein Weib, schrei' nicht, . . ich muß hingehen und mich „melden . . ., und wenn es inein Tod sein sollte! Güte, Güte, knie' nicht vor mir! Es wäre kein Leben mehr für mich, wenn Rebb Henoch sterben würde . . . Warten? Bis alle anderen Mittel fehlschlagen? Nein, auch das vermag ich nicht, denn auch die Stunden der Todesangst, die Verzweiflung des Todgeweihten, das endlose Warten und Bangen ist hart und arg. Auch das soll mein Los sein und nicht das seine! . . . Und die Kinder, unsere Kinder? Gütl, bist Tu nicht da? Sie werden nicht verlassen sein! Hunderte werden, für sie sorgen und werden ihr Leben leicht machen um ihres Vaters willen. Dann werden Tage kommen mit hellen Stunden, in denen ich bei Euch sein werde. Ich werde mit Euch sitzen und über Eueren Worten sein; ich werde im Leben unserer Kinder nicht fehlen! Sie werden leicht verstehen, warum ich's tue . . . Nein, nein, sie werden mich nicht hart und lieblos nennen! Mein Leben würden sie schwerer tragen, als meinen Tod, wenn sie Deine und meine Kinder auch im Geiste sind . . . Könnte ich denn inem einzigen in der Gasse noch in die Augen rn Herr : Bibc;£ w?g rhl der rnnitttl ach ge ehen, könnte ich vor Gott stehen, wert, seine Worte zu lesen mrd im Herzen zu empfinden, wenn ich dulden würde, daß schuldloses Blut meinethalben vergossen wird? Könntest Tu mich noch achten, noch lieben? . . . Du schweigst? Gütl, Gütl, Hab' Dank!" Und nach einer Weile sprach er weiter: „Sieh, es waren harte Jahre, die wir bis heute lebten, aber da drinnen war immer das große Glück! Du Haft eine weiche, zärtliche Hand und gute, liebe Augen . . . Die haben mich froh und glücklich gemacht..." „Gib Deine Liebe den Kindern! Laß die Liebe nicht untergehen im Leide, laß strahlen und leuchten, was in Deiner Brust ist! . . . Meine Knaben sollen lernen und stark für's Leben werden als gute Juden! Und die Mädchen mögen Dir gleichen. Dir, meine Gütl!" Er stand auf: „Es ist spät in der Nacht. Ich will zu Rabbi Lipman gehen und mit ihm meinen Weg besprechen. Vielleicht ist noch Hoffnung . . . Leb wohl, Du... leb wohl, Gütl! Und sprich Du mit den Kindern! Wenn es Morgen wird, will ich sie noch einmal sehen und ihr Bild mitnehmen im Herzen." Dann ging er in die Nacht hinaus. Gütl saß neben ihren Kindern und sprach zu ihnen. Sie erzählte mit den Worten, die in ihrenr Herzen waren, mit dem tiefsten Leid liub mit ungebeugtem Mute. In dieser Nacht schuf sie das Leben ihrer Knaben, wie es werden mußte. Sie machte sie zu Menschen mit glühendem Ziele, fest wurzelnd im Erdreich, aus dem sie. gesprochen, stark im Glauben, groß in der Liebe. Einen Turm baute sie ihnen, der unwandelbar ein Zeichen ihrer Welt und ihrer Tage bleiben mußte. Sie führte sieaus den hohen Gipfel des Berges und zeigte ihnen das Leben, die Menschen, den Morgen und die Sonne; sie wies ihnen die Liebe, die ringsum war, die Liebe, aus der Gott sprach; sie feierte den Sieg des Lichtes, den Ruhm der hellen Wahrheit und die Kraft des redlichen Strebens. „W!enn es Abend wird," sprach sie, „sinkt die Sonne zu Grabe; all ihre Schönheit geht mit ihr und so stirbt sie. Doch sehet den Morgen, an dem sie neu ersteht! Ist das Sterben der Sonne Tod und Schwäche? Nein, Leben ist es, weil's Leben schafft! Einen neuen Tag bringt ihr Tod den Menschen, neue Schönheit und neue Kraft. Weil sie am Abend stirbt, wenn die Menschen müde werden. . ." Und dieses Bild, das die Kinder in der einen schweren, dumpfen Nacht sahen, das blieb vor ihrem Geiste stehen in allen Jahren ihres Lebens. Eine unvergeßliche Stunde, die viele, viele anderen Prägte, daß sie wert wurden der Tat Josefs, des Vaters. Der Weg, den Josef ging, befreite Rebb Henoch. Lange war das Beth-Din dem Vorschläge, den Josef ihnen machte, widerstanden, Vorstellungen und Drohungen, Bitten und die Macht der Aeltesren scheiterten an Josefs festem Willen, das schuldlose Leben Henochs mit dem seinen zu erkaufen. Am Morgen nahm er Abschied, als der klare Wintertag in zahllosen, silbernen Schneesternchen glänzte. Er ging allein und lehnte es ab, von einem der Vorsteher begleitet zu werden. „Erwartet Rebb Henoch! Er wird Euch Botschaft bringen." Gegen Mittag kehrte Rebb Henoch zu den Seinen zurück. Still war fein Einzug. Der Primas schaute ihm lang in die Augen und hielt mit eisernem Griffe die Hände des Greises. Der sprach von Josef Thein: „Er kam, als ich mich schon zum Tode rüstete. Fast heiter war sein Antlitz. „Ihr seid frei, Rebb Henoch" rief er, „geht heim, geht heim. . ." „Und Ihr?" stammelte ich. Da legten sie ihm schon die eisernen Ketten um Hände und Füße und warfen ihn auf's Stroh. „Ihr seht" sprach er ruhig, ich folge Euch nach." . . . Draußen erfuhr ich von dem Regimentsschultheißen, mit dem Rebb Josef gekommen war, daß der Gubernator meine Freilassung befohlen habe und Josef an meiner statt den Tod erleiden soll. Auch wurde die Hinrichtung verschoben, weil indeffen die Diebe gefangen wurden, die morgen in Gegenwart Josefs aus Rad geflochten und deren Leichen auf dem Schinderberge gehangen werden sollen. So lange wird er noch leben, dann . . ." „Fasset Euch, Rebb Henoch," sprach der Primas, „wir werden nicht untätig fein. Was geschehen kann mit Gottes Hilfe, soll versucht und getan werden. Ich habe heute früh die Beisitzer des Rates entsendet, daß sie an allen Orten der Stadt für Rebb Josef sprechen mögen. Rebb Israel Hammerschlag ist zum Grafen Nagarol gegangen und hat seine Vermittlung erbeten. Auch aus der. Gemeinde sind viele unterwegs. Schmul Wallerstein, der mit Josef aus Nikolsburg kam und der, wie Ihr wißt mit den Jesuiten Geschäfte macht, hat seine Gönner ausgesucht, es denkt keiner an seinen Beruf und keiner an sein Brot! Ich selbst will zunk kaiserlichen Richter gehen, bis die Aeltesten zurückkommen und will mit ihm reden. Vielleicht gelingt es, den Gubernator zu bewegen, daß er die Sache vor seine Räte bringt, dann ist alles gerettet." In Gütls Stube faßen die Frauen. Sie kamen und gingen und solange der Tag währte, wurde die Stube nicht leer. Rebb Henoch's Gattin Rechli war die erste gewesen; fie fiel Gütl um den Hals und küßte fie auf Mund und Augen. Sie war eine alte Frau und hatte viel Leid erlebtim Ghetto pflegte man von ihr zu sagen, daß jedes einzelne Haar auf ihrem Greisenhaupt von einer anderen Sorge gebleicht worden war, und diese Ueberlast von Unglück, das ihre Tage zu schmerzensreichen gemacht hatte, sicherte ihr die Ehrfurcht und Verehrung aller. Gütl führte sie zum Lehnsessel ihres Mannes und kauerte sich zu ihren Füßen. Die alte strich ihr zärtlich über die Hand und blieb Stunde um Stunde bet ihr. Sie sprach nur wenige Worte, doch ihre Anwesenheit allein genügte, um den Schmerz zu lindern, well aus ihrem ungebeugten Leben ein unversiegbarer Quell des Trostes floß. In ihrer Gegenwart versiegten die Tränen und in den stillen, guten Mutterherzen keimte überall Kraft und Hoffnung. Sobald eine etntrat — und mochte es Freidl Mendls sein — und Rechli erblickte, hielt sie mit allen Worten des Trostes zurück. uußte, daß die Gegenwart dieser einen Frau mehr vermochte, als das wärmste, herzlichste Wort. Alle sprachen sie von Rebb Josef, alle erzählten von neuen Bittgängen, von hunderterlei Versuchen, ihn zu retten. Und ob Jachet Tauffig, die Frau des Primas, das Wort führte, oder Dwerl, die Krämerin, ob Resel Teitsch kam oder Esther, des Oberrabbiners Gatttn, wegging, es wurde nicht stiller und nicht lauter in GütlS Stube. In der Küche häufte sich Backwerk für die Kinder, Resel, die als Waise in jedem Ghettohaus daheim war, stand am Herd and versah das Amt der Hausfrau, Mädchen kamen und brachten in Töpfen und Schüsseln Fleisch und fertige Speisen, mit denen die Frauen für den Haushalt Gütls sorgten, um ihr diese Mühe zu ersparen. Wenn eine wegging, erkundigte fie fich bei Schöndl, ob der Fisch für den Sabvath schon bestellt sei/ denn am frühen Freitagmorgen pflegten die Hausherrn ans Moldauufer zu gehen und dort von den Fischern die Karpfen zu kaufen, die in den Holzbottichen zappelten. Da Joses fehlte und der nächste Tag ein Freitag war, erbat sich Frumet Hammerschlag die Erlaubnis, von ihrem Manne einen Fisch für Gütls Sabbathtisch besorgen zu lassen. Jachet Tauffig ließ sich den leeren Scholettopf bringen und versprach, ihn pünktlich ins Scholethaus zu schaffen. Reizel, die Bäckersfrau, wollte die Sabbathbrote backen und Dwerl die Kugel, und es gab einige Frauen, welche mit ihren Fragen zu spät kamen und meinten, daß ihnen bitter-s Unrecht widerfahren würde, wenn man sie ausschlteße, und sich aus diesem Grunde die Ehre eines zweiten Fisches und einer dritten Kugel nicht nehmen ließen . . . Keine verließ die Wohnung, ohne nach den Kindern zu blicken, und manche gütige Hand strich über Mirjams Scheitel, manche tüchtige Hausfrau fand herzliche Lobesworte für Schöndl und drückte einen zärtlichen Kuß auf Zirls Rosenmund und wählte fich so eines der Mädchen aus, dem fie ihre besondere Gunst zuwenden wollte, falls das Schreckliche wirklich geschehen würde... (Fortsetzung folgt.)