Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-10-26 · Heft 43 (26.10.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 43 (26.10.1911)
Date
1911-10-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448847--67026-2495217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Feuilleton-Beilage zu Nr. HZ des „Fsraelit". euilleton. e».-c». «MM Lage Oer Kot. Erzählung aus dem Prager Ghetto. Bon Oskar Stein. (Fortsetzung.) Das Ghetto wies den Flüchtlingen bald ihren Platz in der neuen Heimat an. Nicht vergebens waren sie gekommen, sie fanden, was sie suchten, Brot, Arbeit und das Leben unter Menschen, die ihnen nahe waren. Auch Joseph Thein fand Beschäftigung, die ihn und die Seinen ernährte. Er kaufte und verkaufte. Was der Zufall bot, wanderte in den Sack, der in den Straßen der Stadt und in den Dörfern, die Prag umgaben, herumzvg und oft den kleinen, schwachen Joseph tief niederdrückte. Auf dem Trödelmarkt wurde der Sack entleert und so klein auch der Gewinn war, den die alten Kleider und Stiefel, Bücher und verbogenen Waffen, Tücher und Leinwand, ein Schlüssel, ein Schloß oder sonst ein Stück Eisen, eine Silbermünze, ein Bronzeleuchter abwarfen, es ließ sich davon leben. Am Anfang ging's freilich bitterschwer. Aber Schmer! Katzew borgte ein paar Kreuzer zum Einkauf, Dwerl, die gute, alte Krämerin, die ein Viertel Haus in der Belelisgaffe ihr Eigen nannte und deshalb das Recht hatte, auf dem Tandelmarkt einen Berkaufsstand zu halten, kargte und feilschte nicht, wenn ihr Schmerls Schwiegersohn das Erhandelte zum Verkaufe anbot. Es kam vor, daß manchmal der Gewinn, den ihr ein Stück aus Josephs Sacke brachte, beträchtlicher war, als sie erwartet hatte,' dann drückte sie ihm, wenn er heimgehen wollte, noch rasch zwei oder drei Münzen in die Hand und sprach dazu: „Reb Joseph, ein Narr hat mir für Euere eiserne Kette mehr gegeben, als ich daran verdienen wollte. ... Es soll Euch zum Guten sein und Eueren Kindern. Macht keine Dummheiten und nehmt! Nehmt sag' ich. Gütl wird es brauchen können. Ist das eine Kleinigkeit, sechs Kinder zu nähren, zu kleiden und lernen zu zu laffen? Hat Euere Schöndl schon etwas anzuziehen? Effen die Jungen nichts und lebt Ihr von der Luft?" Joseph wehrte in solchen Fällen lächelnd ab: „Still, still, weckt mir meine Sorgen nicht auf!" Dwerl aber blieb standhaft: „Dem Steine in der Erde gesagt, wie es Euch geht". Und Ihr stellt Euch als ob alles gut und schön wäre?! Meint Ihr, ich bin blind? . . . Ich schenke Euch ja nichts! Ich Hab' wahrscheinlich keinen Pfennig übrig . . . und überhaupt ein Mensch, der seinen Vorteil nicht versteht, hat von mir noch nie einen guten Blick gesehen. . . . Das ist Euer Geld, nehmt es, ich muß nach meinem Geschäft sehen!" Damit wandte sie sich ab und rief die Kunden an, die an ihrem Stande vorbeikamen. Oder es traf sich, daß Joseph tagelang ohne Verdienst war und den Sack so leer heimbrachte, wie er mit ihm ausgezogen war. Müde schlich er an den Häuserreihen entlang und schlüpfte in das Haus, in dem sein Weib und seine Kinder in Sorge feiner harrten. Scherl Katzew ließ sie freilich nicht hungern, aber es war doch eine große Last für ihn, für acht Mägen mehr Fleisch und Brod zu beschaffen. Und wenn er dies auch nicht zeigte, Joseph wußte es und trug schwer daran. An solchen Tagen, an denen er nichts verdient hatte, fiel es ihm doppelt hart auf die Seele, vom Tische seines Schwiegervaters zu borgen, und die drückende Sorge faß ihm schwerer tm Nacken und krümmte seinen Rücken mehr als ein voller, wohlgefüllter Sack. Er mied dann den Tandelmarkt und besonders die alte Dwerl, die freilich ahnte, wie es um ihn stand. Und kaum wußte sie ihn daheim, schickte sie ihm ihren Onkel ins Haus mit dem Aufträge, sie am nächsten Morgen zu besuchen. Sie pflegte ihn dann überfreundlich zu empfangen und nach langen Entschuldigungen mit folgender oder ähnlicher Bitte herauszurücken: „Seid mir nicht böse, Rebb Josef, daß ich Euch bemühe, aber ich Hab' eine große, große Bitte an Euch. So eine schwache Frau, wie ich, ist ganz verlassen, sie weiß nicht, wohin sie sich wenden soll. Wollt Ihr mir einen Gefallen erweisen? So seid so gut und tragt mir den Packen hinüber auf die Kleinseite zu dem Herrn Kammerdiener des Grafen, er wird Euch bezahlen für die Ware und den Weg. Geht, ich Hab' niemand anderenmeine Enkelkinder darf ich leider nicht schicken, Ihr wißt ja, in solchen Zeiten . . . Kinder soll man besser hüten als »einen eigenen Augapfel! Also geht, geht mit Gott und kommt gesund zurück! Ihr erweist mir einen großen Gefallen!". Er nahm den Packen auf, und während er davonschritt, rief ihm noch Dwerl nach: „Vergeht nicht an den Botenlohn, Neb Josef! Er ist ausgemacht, Ihr braucht nur zu fordern! Was über zwei Gulden ist, gehört Euch. Geht nur schon, der Kammerdiener wartet!" Aber nicht nur Dwerl sorgte für ihn, auch Schmer!, der Fleischhauer, tat seine Pflicht. Seit sein Schwiegersohn mit Weib und Kindern in sein Haus gezogen war, faßte er eine Vorliebe für Traune, die Gattin des Lehrers Jekle Senders. Wenn sie zu seiner Fleischbank trat, ließ er sogar Frumet Hammerschlag warten, die seine vornehmste Kundin war, und achtete kaum auf Freidl Mendts, die an einem Tage mehr Fleisch kaufte, als Traune im Monat. Den schönsten Knochen, gefüllt mit rosigem Mark, warf er ihr als Zugabe in den Korb und verschwendete zwanzig Worte, wo ein einziges genügt hätte. „Einen schöneren Knochen," sagte er im freundlichsten Tone, „findet Ihr nicht in der ganzen Bank, Trauneleben! Eine Suppe werdet Ihr daraus machen, wie man sie nicht bei Koppel Katan zu effen bekommt . . .! Wie? Ein Rippenstück wollt Ihr? Ein schönes, saftiges, prächtiges Rippenstück? Hier ist eines! Mein Lebtag war noch kein besseres auf meinem Flcischstock gelegen! Es ist zwar reichlich über ein Pfund, aber für Euch, Trauneleben, soll es nur ein Pfund wiegen! Reb Jekle wird ein Vergnügen davon haben und wird glauben, es ist sein Hochzeitseffen. Lacht nicht, es ist mein Ernst, wenn man Euch anschaut, glaubt man wahrhaftig, daß Ihr morgen unter die Chuppe geht! Rebb Jekle ist ein glüälicher, trefflicher Mensch, man merkl's an jedem Wort, das er spricht . . . Laßt mir ihn schön grüßen und Euere herzigen Kinder auch! Sie sind doch gesund? Welche Frage! Sie sollen Euch immer Freude machen, Ihr verdient es, glaubt mir, Ihr verdient's, Trauneleben!" So fing es Schmer! an, sich die Lkhrersgattin für seinen Plan geneigt zu machen. Eines Tages, als er eben Jekle Senders ins Haus des Vorstehers Jakob Theomim eintreten sah, ging er mit gedrückter Miene in die Stube des Lehrers. Traune stand am Herd und erschrack, als der Fleischhauer hereinkam. Es fiel ihr manche Anne Schuld ein, die sie ihm noch nicht bezahlt hatte, und seufzend wandte sie sich um. Schmer! lächelte ein wenig und trat auf sie zu: „Erschreckt nicht, Trauneleben, ich komme nicht, um Euch zu mahnen. Gott behüte! Ihr seid eine brave Frau und tut, was Ihr könnt. Ueber etwas anderes möchte ich mit Euch reden . . „So setzt Euch vorher und tragt uns nicht die Ruhe weg, Rebb, Schmerl!" Langsam setzte er sich auf den Holzseffel nieder, den sie ihm zuschob. Aberl, ihr sechsjähriger Junge, kam schüchtern heran und reichte dem Gaste die Hand. Der hob ihn auf's Knie. „Ein schönes Kind, Euer Aberl! Lernt er auch fleißig?" Und als der Junge bejahte und seine Kenntntffe zum besten gab, lobte ihn Schmerl und rühmte seinen Augen Kopf: „Ja, Trauneleben, Euere Kinder sind zu beneiden vor vielen! Reb Jekle ist ein guter Lehrer, ich kann mir denken, wie das seinen Kindern zugute kommt. Nicht jeder hat solches Glück! . . . Aber was soll man machen, wenn der Vater den ganzen Tag mit dem Packen auf dem Rücken sich schleppt und wegen des Stückchens Brot keine Zeit hat für seine Kinder? Ich selbst bin ,ein unwissender Mensch, von mir werden sie n.chts lernen . . . Eine Sünde ist's, die Kinder >o aufwachsen zu laffen, Trauneleben! Kann man ihnen Besseres geben für's Leben, als unsere Schrift, als Wissen und Weisheit? Eine leere Hand ist eine schlimme Sache für unsereins, aber ein leerer Kopf ist noch viel ärger! . . . Drei Knaben hat meine Güte, prächttge, seltene Jungen. Der Aelteste war in Nikolsburg ein Wunder, alles hat ihm Großes versprochen und hat seinen Verstand gerühmt. Und jetzt sitzt er daheim über den Büchern und hat keinen Menschen, der ihn unterweist. Trauneleben, das nagt mir mehr am Herzen als alles andere! Mein Schwiegersohn ist ein armer Mensch und hat einen Berg von Sorgen, der höher ist als der Hradschin drüben; ich seh', wie es ihn zu Boden drückt, daß er sich krümmt wie ein Wurm. Aber Helsen kann er nicht,' er kann nicht zu Meier Gensel gehen und ihm sagen: ,Reb Meier, ich zahl' Euch so und so viel im Monat,' wollt Ihr so gut sein und meine Jungen unterichten?' Das kann er nicht, woher soll er das Geld nehmen? Und weil ich weiß, daß es kein anderer tun kann als Euer Jekle, der doch ein frommer und braver Mensch ist, so Kitt' ich Euch, Trauneleben, ich bitte Euch, redet mit ihm, daß er sich der Kinder meiner Güte annimmt! Es werden ja bessere Zetten kommen, da werden Euch meine Kinder an Euren Kindern alles hundertfach vergetten, was hr heute an ihnen tut. Wollt Ihr mit Reb eAe reden?" Traune versprach- und so geschah es, daß Reb Senders bald täglich zu Josefs begabten Knaben kam und seine Freude daran fand, den Geist zu erwecken, der in ihnen schlief, und aus ihrem Verstände mit feiner Hand ein Kunstwerk zu schaffen, das ihm zur Ehre gereichte. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.