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Der Israelit · 1911-10-19 · Heft 42 (19.10.1911) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 42 (19.10.1911)
Date
1911-10-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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er 1911. ■'%§eri**&F e gültige ersäumtc r scheine!! christliche bezahlen. Feuilleton-Beilage zu Nr. ^2 des „Israelit Juden k, Schul rbleibe» erc Bii r erhält men, st eit oder n unter t Gros;- iesundei, 0. Febr usschrej ristlichei, rg, die tterricht, rrell zu rdignug,!gierung als er de, das in Aus gebildet r anznw ollen, en oer- ) noch anderen euilleton. Lage der Not. Juli I. die u o r dündung Jvrdo-. ängerev 'rzeugtH Unter? on bewerde. ÜNschr'N en Wir 'eligjon Besuche n. Wae dieses >r dieerteilt! Relierrichigionseinzuir die dichten.! sind, n den Unterl densolcher dazu eines 'tehen-- g und ehret- Dasi Pri-- enden kg zu chtig.', trarlte laudi- Schul-- d an rügen selbst ryern orbcinsche! der rssen. ' die essen aber!-Au- Slaffc lgten Erzählung aus Dem Prager Ghetto. Bon Oskar Stein. Das Licht erlosch nicht. Der weiße Mond stand lange vor dem er- >ellten Fenster und starrte vorwurfsvoll milo in, >as gelbe Licht des Zimmers, das feinem Silber- >lanze nicht weichen wollte. Breit legte sich sein Strahl über das kleine, armselige Haus, über >ie schweigsame Gasse und die schlafende Stadt, md tausend graue Schalten waren sein stummes Sefolge. Die Nacht wuchs über die Mitternacht hinaus ind begann, am neuen Tage zu weben. In den ßcken und in den schmalen Gaffen erschlug das Rorgendunkel den Mond und umklammerte die räumenden Herzen der Menschen. Sie reckten ind dehnten sich und wurden befreit von dem chweren Flügelschlage des Gestern. Ihr Blut »rauste und gärte wieder wie junger Wein, und in feines Auserstehungsklingen zog von ihnen ms, den Schlafenden, Traumversunkenen, und inte sich mit dem ersten Grüßen einer fernen Norgensonne. Das Licht flackerte und erlosch nicht. Die Dämmerung kam und glich dem farbosen Wasser, das ein Tropfen Blut mild rötet. Zn allen Winkeln der Stadt, auf allen Dächern )er Häuser, auf dem weiten Markte, auf den Fensterläden und den Fensterscheiben, aus allen Nesimsen und auf jeder Türschweüe saß mit inem Male die Sonne. Sie weckte den Schlaf md hieß ihn gehen. Sie entzauberte den Traum md er wurde ein wesenloses Nichts. Sie veröschte das Licht. Der bei diesem Lichte gewacht hatte, saß nun nit roten Augen. Es war nicht sein Lebensteil, »elläugtg mit dem singenden Lachen des Frohen traßauf straßab zu ziehen, im blühenden Duste der Aärten seine Freude zu finden. Nicht kannte er die Zust des freien Wanderers, der den derben Stock chwtngt und mit dem Hute im Nacken durch die Belt stelzt. Weitab von dem wirr-lebendigen?ärm der Menschen zog sich sein und seines Volkes Weg. Gedrückt, getreten, hundertfach iebeugt, war das Wandern sein Fluch. Die untere Rastlosigkeit war an seine Sohlen geheftet, md durch Jahrhunderte, durch lange Tage und llächle, durch Stunden, zahllos wie des Himmels Sterne, verfolgte ein blinder Haß in allen Golusäntern sein stolzes, hohes altes Geschlecht. Es \ah Bücher, die mit dem Blute dieser Leidenden md maßlos Gehetzten geschrieben schienen, weil >us ihnen der Schmerz der Sterbenden so ebendig schrie/ sie kannten Lieder und andachtswlle Gebete, die bis in unsere Tage des Gemüts »er Menschen tief erschüttern, die in namenlosem Kammern klagen und in ehernstarkem Glauben eden Jammer besiegen. Doch Bücher und Klageieder wogen leicht und verstummten, wenn jene oten Augen zu sprechen anfingen, die roten, abemübeten Augen eines wundgejagten, kummereladenen Juden. Das war die erste Nacht gewesen, die Joseph en Jekuffiel Thein in der Prager Judengaffe verbracht hatte. Aus der fruchtgefegneten mährischen Niederung war er wochenlang durch Krieg und Waffenlärm gezogen und hatte von all dem Segen seiner langjährigen Heimat nur drei Dinge mitgenommen und in das Haus seines Schwiegervaters gebracht: eine kranke, schwache Frau, die er einst als blühendes, frisches Weib in die Fremde geführt hatte, eine Schar von Kindern, drei müde, leidgeübte, jugendfremde Knaben, und drei scheue Mädchen, und als drittes, letztes — einziges, das er gerne dem Boden zurückgelaffen hätte, aus dem es wuchernd gesproffen war, — ein großes, unsagbar schweres Sorgenbündel. Darüber war er nun eine Nacht geseffen und hatte den Mond verziehen laffen und war durch die lange Nacht gegangen ohne Rat für seine Verzweiflung., Doch, als die Sonne und der helle Tag das Licht seines sorgenvollen Wachens verlöschten, war ihm aus den Atemzügen seiner Kinder, aus den Büchern, die seine Tränen gesehen hatten, und aus der unbesiegbaren Kraft seines Glaubens der Mut gekommen, auch mit verzweifeltem Herzen die Hände zu rühren und gegen die drückende Last des Daseins den Kampf zu führen ums Dasein! Er sprach sein Morgengebet. Leise Worte sprach er, unhörbar den Menschen, tiefe Klagen und ewige Hoffnungen... Lauschend stand er gegen Osten und aus seinem eigenen Herzen klang es dem Betenden zurück, daß alle Zuversicht und all sein Glauben wieder Gebet und Andacht wurde . . . Zitternd webte das Sonnenlicht um ihn und glättete die Falten auf der Stirn des kleinen Juden, ein zweites Licht kam hinzu und hellte seine brennenden Augen auf, ein drittes stählte seinen Rücken, ein viertes leuchtete ringSrum. Da nahm Joseph einen Sack auf den Rücken, beugte sich über sein Weib und küßte sie wach. Seine Augen liebkosten die schlafenden Kinder und er gav ihnen heißen Segen. Dann ging er und drückte mit der Hand einen Kuß auf die Pesuso an der Tür. Es war im Beginn der großen Völkerkriege. Ein Weltteil brannte und verzehrte sich in den Flammen seiner Leidenschaft. Um die Wahrheit kämpften die Menschen und übten täglich Lug und Trug. In den böhmischen Ländern war die Flamme auf.qeloht und hatte an's Herz Oesterreichs gegriffen, aus der Tiefe Ungarns schwärmten die Heuschrecken wüster Rebellen und zerstörten die Gottessaat und Menschenarbeit. Der mildeste Drang des Lebens, der brausende Sturm zügelloser Freiheit einte sich mit der Verheerung lebensvoller Länder und der blindwütenden Tyrannei des Todes. Böhmen und Mähren überschwemmten beutegierige Söldnerscharen, die tausenden Menschen den Tod brachten und den Reichtun» und das Wohlergehen großer Städte vernichteten, die den bravsten Mann aus seiner Ruhe riffen und trunkene Feste feierten, während in ungezählten Herzen die Todesglocke eines zerstörten Lebens wimmerte. Die Judengemeinden waren die leichteste Beute. Wenn es auch geschah, daß da und dort in der Verzweiflung solcher Kämpfe Heldenmut und Tapferkeit zu den Waffen griff, so war jeder Widerstand und jedes Opfer doch vergebens, bitterer und leidensvoller war dann das Schicksal der Ueberwundenen und Qualen ohne Zahl zerriffen die Herzen: Auch Nikolsburg, das Ghetto, in dem Joseph Thein sich durch zehn Jahre recht und schlecht ernährt hatte, sah in jenen letzten Sommertagen des Jahres 1619 hundertfach gehäuften Tod. Die Blattern und die Pest gingen den Menschen voran und riffen Lücken auf Lücke, Teuerung und furchtbarer Steuerdruck vernichteten jedes Wohlergehen. Und in dieses elende, kaum noch atmende Leben griffen dann die Söldnerscharen, furchtbarer als Seuchen und schrecklicher als Hunger und Not, und verjagten und zersprengten die Judengemetnden in alle Winde. Bor den Ghettotoren Wiens und Prags sammelten sich dann die Reste, die die mühselige Wanderung überstanden hatten, die die Soldaten nicht abgefangen und die Bauern nicht gemordet, die der Hunger und die Stürme des Herbstes nicht getötet und der Frost der Nächte den Morgen noch erleben ließ. November war's indes geworden. Im Judendorf Lieben, das unter den festen Mauern des großen Prag lag, fand man die Nikolsburger. Es waren ihrer nicht viele. Joseph Thein -mit Frau und Kindern, Reset Teitsch, eine junge Waise, und drei Familien, die wie Gütl, die Frau Theins, aus Pommern stammten und in die Heimat zurückgezogen waren, die ihnen über Berg und Tal, Leid und Gram in die Ferne gesandt hatte. Das gleiche Schicksal hatte sie verbunden und geführt und willenlos wie Trümmer eines Schiffes an einen Strand geworfen. Acht Tage harrten sie vor dem Tore ihres künftigen Loses, bis die Prager Juden ihnen mit Geld den Weg ebneten zu einer neuen Heimat. Auch ein Nachzügler, Schmul, der Sohn des Rebb Awrohom Wallerstein aus Nikolsburg, der nackt und bloß im Stroh eines Stalles, mit blutigen Schwielen und am Ende seiner Kräfte, aufgefunden worden war, fand Aufnahme in der Prager Judengaffe. Joseph Thein zog unter das Dach seines Schwiegervaters Schmerl Katzew, des Fleischhauers, und als sein erster Tag begann, verschwand er in dem buntschreienden Leben deS Ghettos- Aber es dauerte nicht lange, da tauchte er wieder auf. Denn die Menschen des Ghettos glichen stets dem brennenden Oele, das auf dem Waffer durcheinanderschüttelt, bald glättet sich die Oberfläche und das Oel liegt wieder ruhig über dem Waffer. Und wie im Oellämpchen des ewigen Lichtes das alte Oel schwindet und immer neues hinzufließt, daß die Flamme nie verlöscht, während daS Waffer stets unverändert seine Last auf Schultern trägt, die nie ermüden, so starben und erstanden von Neuem die Menschengeschlechter des Ghettos in ewigem Wechsel, während das Ghetto selbst als Urgrund des jüdischen Lebens lange Jahre erhalten blieb und - der Träger seiner Größe und der Bewahrer seiner Werte war. Mochten die Menschen auch kraftlos Zusammenstürzen, wenn das Schicksal mtt der ungeheueren Wucht des Unglücks sie zu Boden warf, das Judentum, das man in's Ghetto gesperrt hatte, barg die Stärke des Unbesiegbaren in sich und gebar stets neue Kraft. Wenn ringsum mit den sterbenden Menschen Reiche, Ideen, Macht und Glaube für immer ins Grab sanken und blühendes Leben zu unfruchtbarer, toter Asche wurde, weil die Menschen, die die Reiche gegründet und verteidigt, die Ideen verfochten, die Macht verkörpert und den' Glauben im Herzen getragen hatten, zu Staub verfielen, so triumphierte dagegen über den verglimmenden Scheiterhaufen, über Brand und Mord und Tod, über allen Judengräbern das Leben des Judentums und blühte — ein alter, fester Baum — mit allen Zweigen und trug Frucht auf Frucht. Und weil so dir unvergängliche Kraft des Judentums die Ghettomenschen emporhob, konnte es selbst trotz aller Leiden seiner Bekenner, im beispiellosen Elend seiner Kinder, trotz des Kampfes gegen eine ganze Welt, dem die Menschen oft und oft unterlagen, über den Gräbern leben und gedeihen. Denn stärker als der Mensch ist die Erde und stärker als die tausend Judengeschlechter ist das Judentum. (Fortsetzung folgt.) v;< :» 3 :i I ' ü m 1 r'4 $ ' ■ 1 | sj

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