Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448844--66976-2495164- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„CiU Seda«/' Bon I Levermann-Tarmstadt. Ter Jahrestag der denkwürdigen Sedanschlacht erweckte in Tarmstadt die Erinnerung an einen Ort. welcher durch seine Beziehung zu dem großen Krieg, sowie auch durch die Persönlichkeiten der früheren Besitzer für die jüdische Allgemeinheit nicht ohne Interesse sein dürfte. An einem durch seine Lage und Umgebung bevorzugten Punkt der hessischen Residenz, Alexanderstraße 2, zwischen dem Großherzogl. Palais (altes Schloß) und Hoftheater, befand sich das Cafe Stamm. Ten Namen . führte dasselbe von seinem langjährigen Besitzer Tavid Stamm, welchen gegen Ende der 80er Jahre die lewer ebenfalls verstorbenen Gastwirte H. Herzfeld und später I. Strauß ablösten. Alle Besitzer gehörten der hiesigen israelitischen Gemeinde, bezw. der Israelitischen Religionsgesellschast an, und die behaglichen Räume des weithin bekanten Etablissements stehen bei den alteingesessenen Darmstädter Familien, sowie bei den zur Zeit der späteren Besitzer dort zahlreich verkehrenden jüdischen Reisenden noch in bester Erinnerung. Noch zur Zeit des ersten Inhabers Stamm, besonders aber in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte das Cafö den Charakter eines modernen, viel frequentierten Lokals, wo sich die ersten ÄteeiU dasl 1sünMr-.s!chen und gesellschaftlichen Lebens der hessischen Residenz einfanden. Namentlich war es durch seine bevorzugte Lage der Sammelpunkt der berühmtesten Sterne am deutschen 'Bühnenhimmel, welche der Kunstsinn der hessischen Fürsten an baß weit berühmte Tarmstädter Hoftheater zu ziehen verstand. Mit frohem Behagen erzählte der frühere Bcfeinen Taktgefühl geleitet. Eine ziemliche Anzahl der jüngeren Offiziere hatte die Kriegsschulen. von St. Cyr oder la Fleche besucht und eine gute wissenschaftliche Bildung erhalten. Diese letzteren, ebenso wie die älteren, welche noch den Krim krieg mitgemacht hatten, darunter auch viele jener verdienten, aus dem Unteroffiziersstande hervorgegangenen Offiziere, deren Tapferkeit und Aufopferung in dem letzten Kriege auch das deutsche Generalstabswerk anerkennt, äußerten sich, wenn nicht die erregten Artikel französischer Journale, die öfter hierher gelangten, ihr Urteil trübten, sehr unbefangen über -die Ursachen des Mißgeschicks der französischen Armee, und die dem französischen Charakter eigentümliche Gesprächigkeit ließ sie sogar mehr als einmof Tinge ausplaudern, die ein Deutscher dem Fremden gegenüber sicherlich bei sich behalten hätte. In humorvoller Weise schildert Dieffenbach die Beschäftigung der gefangenen Offiziere im Cafö „Nur wenigen verursachte übrigens die Politik ernstliche Sorgen, wenn nicht zufällig irgend eine in den öffentlichen Blättern auftauchende Streitfrage die Gegensätze schärfer hervortreten ließ. Bei der großen Mehrzahl offenbarte sich jene Harmlosigkeit und Gutmütigkeit des französischen Charakters, die unS bei der Landbevölkerung des Süoens so wohltuend berührt. Oftmals glaubte man, wenn man das Cafö Stamm betrat, man befände sich in einer Kinderstube, und man hatte Mühe, das Lachen zu unterdrücken. Man baute Häuschen aus Dominosteinen, alte Grauköpse machten Kartenhäuser zurecht, ein Bildhauer fertigte Statuetten aus Brotteig, ein munterer Marineoffizier portraitierte die einzelnen Glieder der Gesellschaft, ein Architekt baute eine Turmpyramide aus Schoppengläsern auf, andere waren ihm dazu behilflich, indem sie ihresteils^für d'e benötigten leeren Schoppengläser sorgten. In letzterer Beziehung legte dis Mehr- Augenklinik im Hospital sitzer Stumm oft und gern von den interessanten Vorgängen, Gesprächen und gelungenen Episoden, welche sich in seinem Lokal abspielten, von den berühmten Tenoristen Nachbant, Winkelmann, dem Bassisten Becker, den Streichen des unverwüstlichen Hoffchau-, fpielers Mendel, zeigte er den Platz, wo der gefeierte Tonkünstter Richard Wagner mit dem genialen Meister, der Bühnentechnik, dem Tarmstädter Maschinenmeister, Brand, mehrmals, seine weitausschaucnden künst-s lerischen Pläne, zu deren Verwirklichung neben München auch Darmstadt ausersehm war, besprach. s Tex Sedantag erweckte jedoch für das erwähnte Cafe noch eine andere interessante Reminiszenz.^ Am 18. September 1870 traf in Tarmstadt der erstes Transport französischer Kriegsgefangener, zusammen! 1300 Mann und 100 Offiziere ein. Tie Bewohner bei hessischen Residenz, jung und alt, waren in höchster! Spannung. Am folgenden Tage überfluteten die Offiziere Cafe Eichberg und Cafö Stamm, vorzugsweise' aber das letztere, und es dauerte nicht lange, und der Bolkswitz hatte für dasselbe den Namen „Cafö Sedan", erfunden. s lieber bie bovt buzdfy ben seltsamen Besuch geschaffene Lage, sowie über den Verkehr mkt den unfreiwilligen Gästen entwirft der damalige Darmstädter Chronist Ferdinand Tiefferbach ein anziehendes Bild. Manche von den täglichen Besuchern des Cafö Stamm wichen vor der fremden „Invasion" zurück; die meisten, weil ihnen die Gesellschaft zu fremdartig war, aus Hatz gegen die Franzosen wohl weniger. Gefangene sind keine Feinde, zudem war der Krieg bis dahin noch nicht in jenes Stadium der Verwilderung ubcrgegangen, in welchem Franktireurs und regellose Truppen ihre Gräueltaten verübten. Es befanden sich unter den Kriegsgefangenen viele, mit denen angenehm zu verkehren war. Zwei oder drei entbehrten allerdings einer feineren Bildung, alle übrigen aber waren sympathisch im geselligen Verkehr, dankbar für kleine Gefälligkeiten und auch, wenn das. Gespräch das Gebiet der Politik berührte, von einend Schaare Zedek z« Jerusalem. zahl einen großen Elfer an den Tag, und einigen würde selbst in einem der berühmten Jenenser Bierfürstentümer eine Anerkennuna glicht versagt worden fein." ' Doch nicht nur zur Belebung der Erinnerung an eine große Zeit, sondern auch in anderer Hinsicht hat sich der unfreiwillige Aufenthalt der Franzosen im Cafö Stamm-Sedan für dasselbe lohnend erwiesen. Tie Herren jenseits des Rheins waren allezeit Freunde und Kenner aller Finessen der gastronomischen Kunst. Mcht nur ein gutes^Tröpschen, sondern auch man# leckerer Bissen waren in den französischen Landen zu Hause. Ihren hoben Wert schätzte man nicht nur in Friedenszeiten, sondern auch im Kriege gehörten sie zu den unentbehrlichen Ausrüstungsmitteln. Mit humorvollem Staunen liest man ja heute noch die tragikomischen Schilderungen in der Fröschweiler Chronik von den wichtigsten Bestandteilen des Mac Mahonschen Quartiers. So hatte auch ein in der seltenen Künst der Bereitung eines köstlichen Kaffees wohlerfahrener französischer Offizier der Herrin des Cafö Stamm fein gastronomisches Geheimnis verraten. Ter trefflichste Tropfen des würzigen Mokka war von dieser Zeit an im Cafö Stamm-Sedan zu kosten und die importierte französische „braune" Kunst verpflanzte sich in unverminderter Güte von einem Wirt zum andern. Ta heute der labende Quöll leider versiegt ist, sei seine Wiederentdeckung allen geschätzten Leserinnen zu Nutz und Frommen des Famtlrenkafseetisches und der obligaten Kaffeekränzchen aufs wärmste empfohlen. Zeiten kommen und gehen. Cafö Stamm-Sedan hat seit ungefähr 6 Jahren ausgehört zu existieren. Tie bisherigen Wirte (Stayun, Herzfeld und Strauß) sind alle verstorben. Das Cafö selbst ist eine simple Bierwirtschaft, geworden, befindet sich letzt in nichtjüdischen HÄWen und hat an sich selbst 'in jeder Hmsicht die Hinfälligkeit alles Irdischen erfahren. Umsomehr dürften diese Zeilen den Freunden und früheren Gästen des Cafö Stamm eine willkommene Erinnerung sein und auch einer weiteren Allgemeinheit infolge, ihres historischen Hintergrundes einiges Interesses bieten. inderecke. Nebo.'> Auf Jordans grünen Borden Ta weilte Jakobs Samen, Da feierten die Horden, Tie von Mizraim kamen. Ta lagerten die Scharen, Ta hielt der Hoerzug Rast, Seil langen, langen Jahren Ter sandigen Wüste Gast. Ta legten ihre Stecken Tie Wandrer aus den Händen, Und spreizten weiche Decken, fntgurtend ihre Lenden. nd auf den Decken reinlich, Ta lagen, bunt geschart, Tie Männer, schlank und bräunlich Mit schwarzgelocktem Bart. Ta waren ihre Hütten Bon Leinen aufgestellt. Und in der Zelte Mitten Hob sich des Stiftes Zelt. Ta schützten grüne Sträuche Sie vor der Glut der Sonnen; Ta füllten sie die Schläuche Am kühlen Wasferbromren. Ta salbten sie die Leiber Tie staubigen, mit Oele Ta striegelten die Treiber, Tie dampfenden Kameele: Ta ruhte wiederkäuend . Im Grase Herd?. an Herde; Ta flogen wild und scheuend Tie langgeschweisten Pferde. Ta freuten sich die Müden Und hoben fromm die Hände, Daß ihnen bald beschieden Der langen Wallfahrt Ende; Ta schärften sie die Schneide Des Schwerts mit kräft'ger Hand, Zu kämpfen um grüne Weide In ihrer Bäter Land, Das ihrer schien zu warten Am andern Bord des Flusses, Ein lachender Gottesgarten, "Ein Land des Ueberflusses. Auf ihren Wüstenzügen / Sahn sie es oft im Geist — Jetzt sehn sie's vor sich.liegen. Das Land, wo Mil# und Honig fleußt. Iw Tal ruün die Nomaden Und jauchzen Kanaan! — > Ihr Haupt auf steilen Pfaden Klimmt das Gebirg hinan. Schneeweiße Locken fließen * Aus seine Schsultern dicht! Zwei goldne Strahlen schießen Aus Mosis Haupte licht. Und wie er nun die Höhe, Tie schauende, erreicht. Und, daß er alles sehe. Sich zitternd vorwärts beugt: Ta glänzen ihm die Auen, Bon tausend Freuden voll, Tie.er nur sehnend schauen Doch nicht betreten soll. Ta dehnen sich die Flächen, Wo Korn u-rd Traube reift: Das ist mit weißen Bächen Das grüne Land gestreift; Ta schwärmen Bienenkörbe, Ta wiehert Pfluggespann; Ta funkelt Judas' Erbe "Bon Berseba gen Tan. „Ich habe dich gesehen! Jetzt ist der Tod mir recht! Säuselnd, mit leisem Wehen, Herr, hole deinen Knecht!" — Ta naht auf lichter Wolke Ter Herr des Berges Rücken Dem müden Pilgervvlke Den Führer zu entrücken. — Auf einem Berge sterben, Wohl must das köstlich sein! 'Wo sich die Wolken färben Iw Morgensonnenschein. Tief unten der Welt Gewimmel, - Forst, Flur und Sttomeslauf, Und oben tut der Himmel - Tie gold'nen Pforten auf. Ferdinand Freiligrath. *) Aus dem soeben erschienenen reizenden Borträgsbüchlein „Feierstunden". Jüdischer Volksschriftenverlag, Frankfurt a. M.