Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Arzt saß, noch immer an dem Krankenbette und sah der Kranken in das schmale, doch überaus liebliche Angesicht, er schien sich nicht von ihr trennen zu können. Da ward die Tür ansgerissen, in der Nachbarschaft war ein Unglück geschehen, der Arzt wurde gerufen. Hastig sprang cr aus und eilte hinaus, draußen kam ihm Frau Hannah entgegen. „Rabbi, man sieht es Euch an, Euch ist ein großes Glück widerfahren. Ihr kennt die Kranke?" „Sie ist mein," flüsterte er, „mein Kind, das ich seit nahezu sechs Jahren als tot beweint — aber um Gottes Willen, daß sie es noch nicht erfährt!" „Seid ohne Sorgen, von uns erfährt sie cs nicht." Als der Arzt nach einigen Stunden den Rundgang bei seinen Schwerkranken beendet hatte, drängte es ihn Mit nahezu unwiderstehlicher Gewalt zu seiner Tochter, ihm war, als könne er nicht atmen, bevor er ihr liebliches Angesicht nicht wiedergesehen. Dennoch widerstand er, denn er fürchtete, sie zu erschrecken, wenn er sie so bald schon wieder aufsnchen würde. Er begab sich daher heim zu seinen Gästen, an die er gar nicht mehr gedacht hatte. Er traf die Brüder in traulichster Unterhaltung, und als er sich bei ihnen entschuldigen wollte, daß er sie auf das Mittagessen, zu dem er sie eingeladen hatte, so lange habe warten lassen, staunten beide, daß es schon so spät sein sollte, ihnen war die Zeit verflogen. „Wir sind so glücklich, daß wir einander wiedergefunden haben," sagte der Jüngere der Brüder, „und dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stunde." „So sagt man," erwiderte der Arzt mit seltsam belegter Stimme, „und dennoch —" „Verzeiht, Reb Elje, daß ich euch unterbreche," fiel der Aeltere ein, „aber bitte, saget uns nur vor allem, wie es unserem Kranken geht." Der Arzt gab günstige Auskunft und fügte dann lachend hinzu: „Ihr scheint euch noch immer darüber zu ärgern, daß Frau Hannas Pflege der enrigen vorgezogen worden ist." Staunend gewahrten die Brüder, daß sich seine Augen dabei mit Tränen gefüllt hatten. „Ich kann es nicht leugnen, daß es mich verletzt hat und noch verletzt. Die Frau steht ihm doch nicht näher als ich, den er aus schaurigem Kerker gerettet, den er mit Wohltaten überhäuft, für den er seine Gesundheit geopfert hat." „Er hat für die Frau nicht weniger getan, er hat ihrem Kind das Leben gerettet und dabei gleichzeitig seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Doch das kommt eigentlich nicht dazu. Ich wills euch sagen, weshalb er Frau Hannas Pflege vorzieht' —" „Er hat es euch gesagt?" ' Der Arzt schüttelte verneinend den Kopf, öffnete den Mund, wie um zu sprechen, brachte jedoch keinen Laut hervor und plötzlich stürzte ein Strom von Tränen ihm aus den Augen. „Doktor!" schrie der andere auf, „Ihr habt mich getäuscht, dem Kranken geht es schlecht, vielleicht ist er gar —" „Nein! nein! dem Kranken geht es nicht schlechter und wir wollen hoffen, daß er sehr bald genesen wird. Aber wollt ihr seinen Namen wissen? Wollt Ihr wissen, wer euch gerettet hat?" „Er hat mir gesagt, daß er Dicki gerufen wird, so wird sein Name vermutlich Richard sein." Der Arzt schüttelte lachend den Kopf. „Liah ist sein Name, meine Tochter hat euch gerettet, mein Kind, das ich seit sechs Jahren als tot beweint habe — das Gott mir zum zweiten -Mate geschenkt hat — mein schönes herrliches Kind! —" Und abermals entstürzten Tränen seinen Augen, doch auch in den Augen der beiden Brüder erglänzte es feucht und glückwünschend drückten beide die Hände des glücklichen Vaters. Ans Essen hätte wohl keiner gedacht, wenn nicht die langjährige Haushälterin schließlich gefragt hätte, ob sie auftragen dürfe. Das wurde ihr selbstverständlich gestattet, doch zuvor setzte ihr Herr sie noch in Kenntnis von dem großen unverhofften Glück, das ihm geworden. Die Treue nahni den innigsten Anteil an dem Glücke ihres Herrn und hätte seine Tochter am liebsten auf ihren Armen in sein Haus getragen. Das wurde ihr jedoch nicht gestattet, vorläufig war der Kranken noch Ruhe am notwendigsten, sowohl körperliche Ruhe als Ruhe des Gemüts, und so sehr er sich auch danach sehnte, sein Kind in seine Arme zu schließen, vor Ablauf von zwei Wochen wagte es der Arzt nichit, sie von der glücklichen Wendung ihres beiderseitigen Geschicks in Kenntnis zu setzen. Als er sich jedoch Nachmittags anschickte, zu ihr zu gehen, gestattete er ihrem Reisegefährten, ihn zu ihr zu begleiten. Das konnte sie nicht aufregen, im Gegenteil, wenn sie hätte glauben müssen, daß er sich gar nicht um sie kümmere, hätte sie das eher erregen können. Als der Arzt sie dem Reisegefährten als Jungfer Liah bezeichnete, strömte ihr das Blut für einen Moment in die bleichen Wangen, doch nur für einen Moment, dann reichte sie ihm' lächelnd die Hand. Der Arzt hatte sich zu ihr ans Bett gesetzt und seinen Finger an ihr Handgelenk gelegt, daß er ihre Hand lange in der seinen behielt, war ihr nicht ausgefallen. „Wisset Ihr auch, daß ich euch gestern nicht zum ersten Male gesehen habe? Ich hübe euch zwar nicht gleich wieder erkannt, denn Ihr wäret noch ein lleines Kind, als ich euren Vater besucht habe, aber auch später, als ich euern Vater einigemal unterwegs getroffen habe, jedesmal hat er mir von seiner kleinen Liah erzählt." „Aha," sagte Lih, „dadurch habt Ihr meinen Namen gekannt. Ich habe das nicht begreifen können." „Das habe ich euch angesehen," entgegnete er lachend. „Aber ich weiß noch mehr von euch, ich weiß sogar den Wahlspruch, den euer Vater euch gegeben hat. Wisset Ihr ihn auch noch, oder habt Ihr ihn vergessen?" „Nein," fiel ihr Reisegefährte lebhaft ein, „den hat die Jungfer keineswegs vergessen, als sie mir am Morgen gesagt hat, daß sie mich in der folgenden Nacht befreien werde, hat sie mich aüfgefordert, unaufhörlich zu denken und zu sagen: Lischuos'cho kiwisi haschem! * * * Die Genesung der Kranken machte gute Fortschritte, sie hatte die beste Pflege und jede Minute, die er erübrigen konnte, verbrachte der Arzt an ihrer Seite. Dadurch ward er ihrem Herzen sehr bald so teuer, daß sie nicht einmal staunte, als er ihr schließlich mitteilte, daß sie sein Kind und cr in Wirklichkeit ihr Vater. Wie im Triumphe führte er sic in sein Haus. Und nun begann für beide ein neues herrliches Leben, so schön, wie sie es nie geahnt hatten. Alle seine Freunde nahmen bcu herzlichsten Anteil an seinem Glücke, am meisten die Brüder Simon und Levi. Selten verging ein Tag, an dem man sie nicht im Hause des Arztes hätte treffen können. Eine Reihe von Jahren war vergangen, Liah war nicht größer geworden, aber voller und kräftiger^ und von seltener Schönheit. Kein Wunder daher, daß die Männer, die Tag für Tag mit dem liebreizenden, durch den Unterricht des Vaters seingebildeten Mädchen zusammenkamen, in heißer Liebe für dasselbe entbrannten. Doch keiner wagte es, um die Geliebte anzuhalten, weil jeder fürchtete, den Bruder dadurch unglücklich zu machen, bis Simon endlich dem Bruder erklärte, daß er das Mädchen, dem er alles verdanke, zu hoch, schätze, um es mit einem Manne verbunden zu sehen, der dereinst entgleist war. Auch fühle er sich.zu alt für ihre Jugend, denn obgleich er kaum vier Jahre älter war als sein Bruder, die im Kloster verlebten Jahre lasteten allzuschwer auf ihm. Und als Levi sich trotzdem zu dem entscheidenden Schritt nicht entschließen konnte, trat Simon ft'ir ihn als Werber auf und als er ihm das freudige Jawort von Vater und Tochter überbrachte, konnte der Zögernde nicht mehr zurück. „Aber wie wirst du es ertragen?" rief der Glückliche klagend. „Sorge nicht um mich, ich habe mir den Wahlspruch deiner Liah zu eigen gemacht: Lischnos'cho kiwisi haschem!" Wir beginnen in nächster Nummer mit dem Abdruck einer hochinteressanten Erzählung aus dem Prager Ghetto von Oskar Stein, auf die wir die Aufmerksamkeit unserer gesch. Leser lenken möchten. Ls«ddStte»ke«. Schmuck gebaut stebt unsre Hütte, Tretet fröhlich ein! Hei, wie strahlen licht die Kerzen, Funkelt hell der Wein. Waldesöüfte fluten nieder Bon dem grünen Dach Und sie füllen traulich würzig Unser Festgemach. Schaut, was luget freundlich helle Durchs Geäst herein? Mond und Sterne wollen Gäste Beim Laubhüttenfeste sein. Einst zogen wir durch die Wüste, Wir hatten nicht Haus noch Land Und wohnten in leichten Hütten Doch stcher in Gottes Hand. Nun bauen wir alljährlich Die Hütte neben das Haus Und ziehen aus sicherer Mauer Vertrauend in Hütten hinaus. -'s ->! ■1 o