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Der Israelit · 1911-09-28 · Heft 39 (28.9.1911) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 39 (28.9.1911)
Date
1911-09-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Helle Röte überzog für einen Moment das fahle Angesicht des anderen. „Ich bin der mittlere der Söhne eures Freundes, mein Name ist Simon, Sohn des Rabbi Schnruel halevi." Der Arzt schüttelte den Kopf. „Euer jugendlicher Gefährte hat mein lebhaftes Interesse erregt, während Ihr „Ich habe kein Glück," sagte der andere, schwer aufatmend. „Ich würde euch empfehlen, euch mehr an die- Wahrheit zu halten." „Ich sollte mich mehr an die Wahrheit halten? Bei Gott —" „Schwöret nicht! Höret erst, was ich euch zu sagen habe. Ihr behauptet, der zweite Sohn meines Freundes zu sein, der bekanntlich nie in ehr als drei Söhne gehabt hat. Isis nicht so? Oder wollt Ihr vielleicht behaupten, daß er vier Söhne hinterlassen hat?" „Nein, euer Freund hätte nie mehr als drei Söhne." „Das ist es ja, was ich säge. Und nun merket auf, vor einigen Tagen besuchte mich der jüngste Sohne meines Freundes und erwähnte gelegentlich, daß er jetzt der alleinige Inhaber der Firma sei, da seine beiden Brüder Rüben und Simon vor sechs Jahren, in jener grauenvollen Nacht —" „Mein Bruder Levi hier?! Ich bitte euch um Himmels willen, saget mir, wo kann ich ihn finden? Ihr habt ihn gesprochen?" „Ich habe nicht gesagt, daß ich euern Bruder gesprochen habe, ich sprach von dem jüngsten Sohne meines Freundes." „Ach, das ist doch einerlei, saget mir, wo finde ich meinen Bruder?" Der Arzt zuckte die Achseln. „Der Sohn meines Freundes hat seine beiden Brüder für tot gehalten und betrauert —" Der Ank>ere atmete schwer auf. „Schlimmer als tot," sagte er gepreßt. „Dies Wort kam euch vom Herzen," sagte der Arzt, „verzeiht, wenn ich euch Unrecht getan haben sollte. Allein, wo Ihr euern Bruder findet? — Ich kann es noch immer nicht fassen, daß der Betreffende euer Bruder ist, aber ich will es auch nicht mehr entschieden widerstreiten. — Uebriaens kommt hinein, wir sind hier bei meiner Wohnung, lasset uns frühstiicken, der Betreffende wird vermutlich sehr bald kommen, er hat eine leichte Verletzung an der Hand, die ich vorgestern verbunden habe und heute wieder ansehen muß. Kommt, setzt euch und laßt euch munden, und dabei könnt Ihr mir euere Erlebnisse Mitteilen, sowie die eures jugendlichen Reise geführten, für den ich mich mehr interessiere, als ich sagen kann." Sie befanden sich in dem Arbeitszimmer des Arztes, wo der Tisch bereits gedeckt war. Auf Befehl des Hausherrn legte seine Haushalte rin noch ein zweites Kuvert auf. In den ersten zehn Minuten waren beide zu sehr mit dem Früh stück beschäftigt, als daß es zu einer.lebhaften Unterhaltung hätte kommen können, dann aber wandte sich der Gastfreund an seinen Gast: „Wenn es euch jetzt recht wäre, mir mitzuteilen, was Ihr mir mitzuteilen habt — aber fasset euch kurz, es drängt mich, mich nach eurem Reisegefährten umzusehen. Uebrigens, wenn Ihr der seid, für den Ihr euch ausgebt — und ich zweifle kaum mehr daran — so sehen wir uns heute nicht zum letzten Male. — Also, bitte, fangt an." Und der Mann begann. Zuerst erzählte er, was er Liah erzählt und wie sie ihn gerettet hatte, und dann berichtete er, was sie ihm erzählt hatte. Mit angehaltenem Atem lauschte der Arzt seinen Worten, einmal über das andere rief er: „Unerhört! unerhört! — Ein zehnjähriges Kind sollte Jahre hindurch unter Nichtjuden gelebt und kein religiöses Verbot übertreten haben? — Aber mich wunderts, hat er euch denn nicht erzählt, daß der Gemeindediener, sein Vetter Reb Josselauch ein kleines Mädchen in Pflege gehabt?" Der Mann schüttelte verneinend den Kopf. „Das wundert mich in der Tat, aber —" Er ward unterbrochen, die Tür war aufgegangen, ein junger Mann war in das Zimmer getreten. „Levi!" rief der am Tische Sitzende aufspringend, mein Bruder!" Mit lautem Jubelschrei hatte sich der eben Eingetretene in die ihm entgegengestreckten Arme des Anderen geworfen. „Simon! — Ms möglich? — bis du's wirÜich?" Laut schluckend hielten die Brüder einander umschlungen. „Simon! bist du's wirklich?" Aber dem Arzt ward schließlich die Zeit zu lang. „Verzeihet, Ihr Herren," sagte er, „aber meine Patienten warten. Also lasset mich nur eure Hand sehen. — So — hier habt Ihr ein anderes Pflaster und traget den Arm nur weiter vorsorglich in der Binde. Und nun müßt Ihr mich entschuldigen, ich muß fort. Aber Ihr könntet hier bleiben, hier seid Ihr ungestört, ich komme vor Mittag nicht nach Hause und zu Mittag seid Ihr meine Gäste, ich rechne darauf. Habt Ihr etwas zu bestellen an Euren Reisegefährten?" „Wenn ich euch bitten dürfte, ihm' zu sagen, daß ich meinen Bruder hier getroffen habe — ich weiß gewiß, es wird ihn auch freuen." „So werde ich nicht versäumen, es ihm mitzuteilen, verlasset euch darauf. Auf Wiedersehn!" Raschen Schrittes verließ der Arzt das Haus, es war ihm heute doch etwas später geworden als sonst, das war ihm nicht angenehm, seine Kranken sollten nicht auf ihn warten. Frau Hannah hatte schon besonders lange nach ihm ausgeschaut, denn was sie ihm zu sagen hätte, war ganz besonderer Art, sie hatte es noch nicht einmal ihrem Manne mitgeteilt, hätte ihm nur gesagt, wenn der Arzt kommen sollte, möchte er ihn nicht sofort in das Krankenzimmer führen, sondern in das gegenüberliegende Zimmer, wo sie vor allem allein mit ihm sprechen möchte. „Nun, Rob Schime, wie gehts? Wie ist die Nacht gewesen?" fragte der Arzt. Es währte nicht lange, so kam auch Frau Hanna, um über den Verlauf der Nacht Bericht zu erstatten. „Also es war meistenteils so, wie Ihr es voraus gesagt habt, bald nach Mitternacht hat er gehustet, aber nicht übermäßig stark. und dann ist Blutung eingetreten, nicht viel weniger als das erste Mal aber auch nicht ärger. Aber — aber," stotterte die Frau unentschlossen. „Aber?" drängte der Arzt. „Ich hatte nämlich gesagt, daß mir scheint, daßf der andere sich geärgert hat, da er gern über Nacht da geblieben wäre. — Daraus hat der Kranke gesagt, ich möchte es nicht übelnchmen — aber er ließe sich lieber von mir pflegen, denn — er wäre ein Mädchen." „Ein Mädchen!" schrie der Arzt, „habe ich euch richtig verstanden? Ein Mädchen — habt Ihr gesagt?" „Gewiß habt Ihr mich richtig verstanden! — aber, um Gott Rabbi, was habet Ihr?" Allein was der Rabbi hatte, das erfuhr die Frau nicht sofort. Ein Strom von Tränen entstürzte seinen Augen, laut schluchzend barg er das Antlitz in die Hände. „Mein Kurd! mein Kind! — nun verstehe ich alles!" Aber Frau Hannah schüttelte noch immer verständnislos den Kops und ihr Mann, der eben den Kopf durch die Türöffnung gesteckt hatte, . um. mitzuteilen, daß der Kranke einige Mal gehustet habe, ob man nichts tun könne, einer abermaligen Blutung vorzubeugen, verstand noch weniger als sie. „Gott stehe mir bei, daß ich mich nicht verrate!" flüsterte der Arzt in sich hinein „und auch Ihr seid vorsichtig!" wandte er sich an Frau Hannah, „sie darf nichts ahnen." „Daß sie von mir nichts erfährt, was sie nicht wissen soll, darüber könnt Ihr ruhig sein, denn ich weiß selber nichts." „Ihr wisset es nicht? Dann muß ich es auch sagen —, ein nie mehr gehofftes Glück, ein nn —" Die Sprache versagte ihm, hastig trat er in das Krankenzimmer. Hier aber war er sosot wieder der sich sekbstbeherrschende ruhige Arzt. „Guten morgen, liebe Jungfer!" sagte er freundlich, indem er ihre Haäd nahm und leise drückte, „das war eine kolossale Ueberraschung, tme mir noch keine ähnliche zuteil geworden ist." Liah errötete über uttb über, indem sie lächelnd zu ihm enrporblickte, sie bewegte vie Lippen, als wolle sie sprechen, er aber wehrte cs ihr. „Nicht, nicht, Ihr habt Hustenreiz, da dürfet Ihr nicht sprechen, sonst könnte abermals eine Blutung eintreten — und wenn das auch nicht gefährlich wäre, angenehm könnte es' Euch doch nicht sein. Seid doch überzeugt, kein Mensch denkt Böses von Euch, oder trauet Euch irgend etwas Unrechtes zu. Ja, ich möchte sogar behaupten, daß ich die Ursache Eurer Metamorphose bereits erraten habe. Euer Reisegefährte hat mir nämlich mitgeteilt, was Ihr ihnn erzählt habt und aus seinen Mitteilungen schließe ich, daß Ihr die kleine Liah seid, die in York im Hause des Gemeindedieners Reb Jossel ausgewachsen ist —" Er hielt einen Augenblick inne, feine Erregung drohte ihn zu übermannen, sie hielt die Unterbrechung für eine Frage, die sie mit einem Augenzwink bejahte, doch woher konnte der Fremde ihren Namen wissen, den hatte sie doch ihrem Reisegefährten nicht genannt — oder war sie im Irrtum, hatte sie ihm dennoch ihren Namen genamlt? Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Strengt Euer liebes Köpfchen nicht mit Nachdenken an," sagte der Arzt, „es liegt ja alles klar zu Tage. Ihr seid das einzige lebende Wesen, das in jener grauenvollen Nacht vor dem großen Sabbath dem Tode entronnen ist, die Christenfran, die Euch bei sich ausgenommen, hat, wohl mit Recht, Eure Sicherheit zu fördern geglaubt, indem sie Euch die Kleider ihres verstorbnen Sohnes anlegen ließ. Habe ich es erraten?"; : ■! (Schluß folgt.) .J';,

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