Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1911)
- Date
- 1911-09-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israeli Ein Centralorgan fOr das orthodoxe Jndentnm begründet 001 Dr. Lehmann in ülainz 52. Jahraano, ■■ s™*!«.. m. M 39 KUnuemm pto «terteljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. r.5v, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 8,—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr.( Rußland l Bub* England 8 »h., Amerika «) et,.. Niederlande 1.L0 2., Frankreich Fr». &6Q. ckbormementS bei allen Postanstaltm. Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Berlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: Sv Pfennig für die sechSgespaltme Eolonel-Aeile; Rabatt «ach Tarif. Jnseratenannahme um durch Haaseasteiu u. Bögler A.-G. Frmckfurt a. SR., und deren Filialen. Zahlangen können außer direkt an dm Berlag erfolgm per «onto bet der tu ft. Postsparkasse «Bien »ko. 79 MS. «onto dei de» ft. Paftstzatftastenanet Vndapest Ro. 184*4- Conto dei der Rigaer «onnoeergdank in Riga und denn Filialen. 0er rtadiflrudi 0er Artikel und CorrefponOenjen öes „Israeli!“ iff nur unter genauer Quellenangabe, unö, tomeit es Rdi um grOiere Autilfee fianOelf. nur nach norhertner Oenefimlouno getiaftef. K»halt«St>erstchr. 1. Leitartikel: ZumJahreswechsel. — 2.Wochen r u n d s ch a u: Eine würdige Antwort. — Der Regierungswechsel in Rußland. — 3. Aufsätze: Aus dem Machsor. Miorachi und Zionismus. -- 4. Kleines Feuilleton: W. Groß:SkiMN aus dem jüdischen Dorf- und Kleinstadtlrden. — Jacob Diamant, Offenbach: Zurück. - Wenn jemand eine Krise tut. 5. Korrespondenzen und Nachrichten: Frankfurt a. M. — Berliner Brief. — ReprSfeutauten-Urrsammlung. Berlin. — Posen (Versammlung zur Wahrung des überlieferten Judentums.) — Ungarischer Brief. Budapest. — Aus der Stadt der Schrecken. Kiew. — Zur Chacham.Kaschi- Wahl in Jaffa. Jaffa. 6. Vermischtes: Heilbronn. — Rees. — Karlsruhe. — Eydtkuhnen. — Budapest. - London. — 7. Personalien: Frankfurt a. M. — s. Vereinskalender. — Famtltemiachrichten. — 9. Kinderecke: R. L.: Der Redlichkeit Kahn. — 10. Beilagen: Erziehung und Lehre: Für Kecht und Billigkeit. — Ging und jetzt. — A. Mannheimer, Dettelbach: Ferieugedanken. — Correspondenzen. — Feuilleton-Beilage: Sarah Gugenheimer: Kiatz. Zum 3abre$wccD$el. n. Ein 'Blick über die Ostgrenze unseres Vaterlandes und wir wiffen's, was auch zum gemeinsamen sozialen und philantropischen Handeln so gebieterisch drängt. In Rußland, wo Millionen unserer Brüder täglich, in der licht- und luftarmen „Tscherta" zusammengepfercht, einen verzweifelten Kampf um Recht und Brot zu führen haben, tobt der Kampf zwischen den widerstreitenden dunklen Gewalten ununterbrochen weiter^ wobei auf der einen wie auf der anderen Seite Recht und Menschlichkeit und alles, was emporftrebender Menschengeist sich in vielen Jahrhunderten an sittlichen Werten errungen hat, mit Füßen getreten werden. Und zertreten wird dabei das itw TW, die als Opferlamm überall in den Ländern der Unkultur herhaltende jüdische Bevölkerung. Es kämpft der Terror auf der rechten Seite mit allen raffiniertesten Mitteln der Gewalt gegen die Juden. Doch ist den Helden des Umsturzes auf der linken Seite einmal die Ausführung eines ihrer finsteren Pläne gelungen, dann schleicht — wie die letzten Ereignisse in Kiew gezeigt — die bleiche Angst um Leib und Leben in die Judengasse, lähmenden Schrecken löst jeder Drohruf von außen, jeder Seufzer von innen aus. Es stockt das Leben, und alle Erwerbsquellen versiegen. Es flüchtet, was flüchten kann! Wohin? Eine frohe Hoffnung hatte die russische Judenhett seiner Zeit in dieses nun scheidende Jahr hinübergeleitet. Im Juni 1910 ist das Nahonprojekt in der Reichshuma eingebracht worden, das den Juden ^etwas mehr Licht und Luft, etwas bewegungsfreieres und menschenwürdigeres Dasein versprach. Am 12. Februar 1911 ist dann auch diese Vorlage nach einer heißen Redeschlacht einer Kommission „zur Prüfung binnen Monatsfrist" überwiesen worden. Acht bange Monate sind seitdem verstrichen, und es erscheint mit Rücksicht auf das, was sie gebracht, noch kaum gerechtfertigt, die Hoffnung auf diese Erleichterung auch auf das kommende Jahr zu übernehmen. Die Frage ist noch ungeprüft und unentschieden, unterdessen wird die Politik der Austreibung mit gesteigerter Kraft fortgesetzt. Die Ausweisungen aus Kiew und anderen Städten hielten den ganzen Winter an und nahmen mit Beginn des Sommers riesige Dimensionen an, man sperrte dieses Jahr auch den Kranken den Weg zu den Heilquellen und den Kaufleuten zu den Marktplätzen. Wirksam wurde gegen den „pathologischen" Bildungshunger der Juden im verflossenen Jahre vorgegangen, durch Ausdehnung der Prozentnorm auch auf die jüdischen Externen — Privatschüler—, durch Schließung der Litteraturvereine, durch Unterbindung aller geistigen Regungen im Gemeinde- und Vereinsleben. Eine Nationalisierung des Kreditwesens auf Kosten der Juden ist erst in letzter Stunde an der Haltung des Finanzministers gescheitert, der eine Ausschließung der Juden vom Bankwesen derzeit noch sür verfrüht hält. . . Inzwischen arbeitet der Echtrussische Verband, dem die Staatsmühle immer noch zu langsam mahlt, auf eigene Faust tapfer weiter. Die von ihm etwas plump in Szene gesetzte Ritualmordhetze in Kiew hat doch ein Panikstimmung zu halten vermocht, die geradezu kraftlähmend wirkte. Sie ist nun, wie schon erwähnt, durch die blutrünstige Pogromagitation infolge des scheußlichen Attentats auf Stolypin würdig abgelöft worden. Ueberall aber im russischen Rayon wird vomVerbande der wirtschaftliche Kampf gegen die widerstandsunfähigen Juden auf der ganzen Linie mit blindwütigem Elfer und gutem Erfolg geführt. Täglich werden in Stadt und auf dem Lande neue „Konsumgenossenschaften" gegründet, „ Verbandsläden" mit dem ganzen Pomp der Kirche eingeweiht, die den letzten Nahrungszwetg, den Kleinhandel, den Juden abschneiden. Kommt nun, was eine gütige Vorsehung verhüten möge, das geplante Sonntagsrühegesetz in seiner rigorosen Form zur Geltung, sö ist die letzte Tat zur völligen wirtschaftlichen Vernichtung der jüdischen Massen vollbracht. Aber auch in den tiefsten Tiefen ihrer Seele würde dieses Gesetz die russische Judenheit treffen. Berschiedenfach zeigt sich nämlich die Wirkung der trostlosen Lage auf die innerjüdischen Verhältnisse. Nur eine relativ geringe Zahl, aber immerhin groß genug, um den Feinden Nahrung für ihre Verleumdungssucht zu bieten, schlug sich auf Seiten der radikalen Oppositton, größer ist indessen die Zahl der Schwachen unter der Jugend, die, an der Lage verzweifelt, feige in die Reihen des Bedrückers geflüchtet ist. In diesem Milieu entstehen auch die Bagrows, die mit ihrem Gotte auch den letzten Rest ihres sittlichen Haltes verloren haben und als Geißel der Menschheit ihr finsteres Dafein fortführen. Am größten bleibt jedoch die Schaar der Halben und Lauen, deren Opferkrast nicht busreicht, um allen Prüfungen der Notlage standzuhalten. An diese Schwankenden denken denn auch in erster Reihe unsere mutigen Führer i m K a m p f e, die Rabbiner und Leiter der Gemeinden, die heute ihre ganze Kraft auf diesen Brennpunkt, diese Frage aller Fragen, die Sabbatfrage, konzentrieren. So mutet uns denn wie ein heiterer Strahl mitten in dieser finsteren Leidesnacht die unter den denkbar ungünstigen Verhältnissen entfaltete Arbeit dieser Tapferen an. Das Auge der der Führer, hinter denen die ungezählten Scharen stehen, wacht und nichts wird versäumt, was heutzur Abwendung von Gefahren und zur Befestie