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Der Israelit · 1911-09-07 · Heft 36 (7.9.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 36 (7.9.1911)
Date
1911-09-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Haft. Historischer Roman von Tara Gugenheimer. (Fortsetzung.) „Ein Einkehrhaus wüßte ich wohl, aber dort kann man nur gegen Bezahlung übernachten, aber wir haben doch kein Geld —" „Wer sagt euch das? ich habe viel Geld, das hat die Muhme mir noch am letzten Abend gegeben, daß die vom Kloster es nicht finden sollen. Ich werde euch davon geben so viel ihr gebraucht und wenn Ihr wisset, wo in Hüll Juden wohnen, könntet Ihr euch vielleicht gleich morgen früh T'fillin kaufen, Ihr habt doch keine bet euch." „Nein, gewiß nicht. Habt Ihr denn T'fillin bei euch." Liah wandte sich hastig seitwärts, er sollte die Helle Röte nicht gewahren, die ihr Angesicht plötzlich überzogen hatte, denn — „Ich habe es euch doch gesagt, ich war erst zehn Jahre alt als die Juden in jener grauenvollen Nacht vor dem großen Sabbath —" „Ich weiß, ich weiß, lasset uns davon jetzt nicht reden, es könnte uns beide überwältigen — mich allerdings noch mehr als euch, denn ihr habt die schwere Prüfung glänzend bestanden, während ich —" Die Sprache versagte ihm, sie schüttelte mißbilligend den Kopf. „Ich weiß nicht, was ihr wollet: was vergangen ist, lasset vergangen sein, der Vetter hat immer gesagt, kein Mensch ist ohne Sünde, aber wenn er sein Unrecht bereut und es nicht wieder tut, dann verzeiht ihm Gott." „Dann verzeiht ihm Gott" wiederholte er halblaut flüsternd „möget Ihr wahr gesprochen haben. — Aber ich kann, ich darf eure Güte nicht weiter in Anspruch nehmen bevor Ihr nicht wisset, wem ihr all das Gute getan habt und noch tun wollt." Und der Mann begann nun seinerseits seine Lebensgeschichte dem Gefährten mitzuteilen, er erzählte ausführlich, verweilte sogar, wie es Liah schien, zuweilen bei Nebensächlichem unnötig lange, als wollte er die Mitteilung, um die es sich ihm hauptsächlich handelte, möglichst verzögern. Sie hörte ihm jedoch zu ohne ihn durch irgend eine Bemerkung zu unterbrechen. Doch als er nun zu jener Schreckensnacht kam, als er mit bebender Stimme erzählte, daß er sich nicht dazu habe aufraffen können, dem Beispiel der Genossen zu folgen, daß er jedoch fest entschlossen gewesen wäre, sich zu nichts Unerlaubtem zwingen zu lassen, da nickte ihm Liah beistimmend zu. — Er unterbrach seine Erzählung für mehrere Minuten, ein halblautes Aechzen entrang sich seiner Brust, wußte er doch, daß sich ihre Zustimmung sofort in's Gegenteil umwandeln würde. Endlich sprach er weiter, er berichtete, daß er in feiner Todesangst die Taufe verlangte in der festen Absicht, sofort nach Empfang derselben zu entfliehen und an einem anderen Orte zum Judentum zurückzukehren. Daß man ihn jedoch in's Kloster gesteckt und lange Zeit streng beaufsichtigt habe und daß er sich schließlich, mit seinem Schicksal ausgesöhnt, sich überredet habe, ihn könr^e feUi Tadel treffen, da er nur dem Zwange gehorche und daß er sich schließlich im Kloster nicht einmal mehr unbehaglich gefühlt habe. Ein Schauer durchrieselte sie und mitleidig j blickte sie aus den ihr gegenüber Sitzenden. „Das kann ich mir. wohl denken!" sagte sie leise. „Nein, nein, das könnt Ihr euch nicht denken! und ich mag es auch nicht schildern,' es ist zu entsetzlich, zu grauenvoll! — Oft war ich oer Verzweiflung nahe, habe getobt, geheult wie ein hungriges Wüstentier, aber nie, auch nicht ein einziges Mal habe ich gegen Gott gemurrt — von der ersten Stunde bis zur letzten Minute habe ich mein grauenvolles Elend als Strafe betrachtet, als zehnfach verdiente Strafe des allgerechte» Gottes. — Und zwar nicht immer, aber doch -oft habe ich Gott gedankt für die unsäglichen Leiden, durch die ich zur Einsicht gekommen und die ich darum in Ergebung ertragen habe und mit Zuversicht ergebe ich mich der Hoffnung, daß mein Frevel gesühnt ist." In Liahs Augen leuchtete es hell auf, sie zog die eine Ruderstcmge ein und reichte dem Manne die Hand. „Verzeihet!" sagte sie, „ich habe euch Unrecht getan." „Ihr' hättet mir Unrecht getan?" „In meinen Gedanken, allerdings. — Ich habe aus euch herabgesehen und hätte zu euch emporschanen müssen. Wer so gelitten hat wie Ihr und nie gemurrt und Gott sogar gedankt hat für die Leiden —" „Ohne dieselben wäre ich vielleicht nie zur Erkenntnis meines Frevel gelangt." „Jedenfalls danke ich euch für eure Mitteilungen, obgleich ich euch die erste Hälfte gern erlassen hätte. Aber sehet nur da drüben die Häuser, das scheint eine Stadt zu sein, glaubt Ihr, daß dort Juden wohnen?" „Ich weiß es nicht, aber wenn auch Juden dort wohnen würden, ich würde es nicht für zweckmäßig hatten, dort Nach Glaubensgenossen Umschau zu halten, wir sind noch zu nahe zu Jork, kaum vier Stunden. Fahren wir unaufhaltsam weiter. Soviel ich weiß, hat noch vor sechs Jahren in Hüll eine Anzahl Juden gewohnt und ich habe wenigstens nicht gehört, daß inzwischen dort eine Judenverfolgung stattgefunden hat. — In den letzten zwei Jahren habe ich freilich überhaupt nichts gehört." „Nein," stimmte Liah bei, „ich glaube auch nicht, daß in Hüll in den letzten Jahren Judenhetzen stattgefunden haben. Der Fischer, der die Muhme hat heiraten wollen, ist aus Hüll und hat oft von seiner Heimat erzählt, wenn es dort Krawalle gegeben hätte, hätte er wohl davon geredet." „Dann können wir also mit ziemlicher Zuversicht hoffen, dort Juden zu treffen, vielleicht sogar Bekannte, von denen ich erfahren könnte, wo mein Bruder sich gegenwärtig befindet." „Euer Bruder? — Ihr habt mir doch gesagt, daß er mit $rau uttb $inb —" „Das war mein ältester Bruder, aber der zweite war damals nicht in Jork, befand sich gerade auf einer Geschäftsreise, sonst wäre er sicherlich heute auch nicht mehr da, er ist ein anderer Mensch als ich —" „Ihr dürft euch auch nicht schmähen," sagte Liah, freundlich ihm ins Antlitz sehend, „ich glaube, von dem Vetter gehört zu haben, daß Gott einen ernst Bereuenden höher schätzt als einen Frommen, der nie Gelegenheit hatte, zu sündigen." „Merkwürdig, wie euch die Wjorte eures Vetters noch im Gedächtnis sind und ihr wäret doch damals noch so jung. Wie war der Name eures Vetters?" „Jossel, Sohn des Uri aus Stafford. Aber man nannte ihn allgemein nur Rabbi Jossel, er war Gemeindediener." „Der Gemeindediener Rabbi Jossel, der war Euer Vetter? Ach, den habe ich doch gut gekannt, das war in der Tat ein braver ftommer Mann, nun wundert es mich auch nicht mehr so sehr, daß Ihr seid, wie Ihr seid, denn wen Reb Jossel erzogen hat —" Liatzj war rot geworden vor Freude, daß | ihr Reisegefährte ihren Vetter gekannt und mit solcher Anerkennung von ihm gesprochen hatte, dadurch hatte sich ihr Zutrauen zu ihm noch bedeutend gesteigert. Sie freute sich in der Tat seiner Gesellschaft, denn wenn sie auch nicht gezögert hätte, sich allein auf den Weg zu Machen, um Glaubensgenossen aufzusuchen, so unterschätzte sie,doch auch nicht die möglichen Gefahren, vor denen sie durch die Begleitung eines gereiften Mannes geschützt war. Und er war ein Ehrenmann, davon hielt sie sich fest überzeugt, sonst hatte er ihr doch nicht von seinen Freveln erzählt — es war ihm doch unsäglich schwer geworden. Er kam ihr auch nicht mehr fo greisenhaft, so abschreckend häßlich vor wie in der Nacht, der Aufenthalt in der lang entbehrten reinen frischen Luft und die zwar einfachen aber guten Nahrungsmittel, die Liah ihm von Zeit zu Zeit reichte, hatten ihm sichtlich gut getan. Er fühlte sich weit frischer und kräftiger, und schon in den Vormittagstnnden ersuchte er Liah, ihn das Rudern zu lehren, damit ec sie hin und wieder ablösen oder unterstützen könne. Sie war gern bereit dazu, denn sie hatte bereits erkannt, daß sie ihren Kräften allzuviel zugeMutet hatte, aber in der Nacht und auch noch in den Morgenstunden war ihr Begleiter ihr so schwach und hinfällig erschienen, daß sie von seiner Hilfe schwerlich viel Nutzen gehabt hätte, jetzt war er gekräftigt, begriff leicht die einfachen Bewegungen ^des Ruderns und ohne große Anstrengung beiderseits kamen sie nun weit rascher vorwärts. Es war ein schöner sonniger Dag, doch nicht übermäßig heiß, zu beiden Seiten des Flusses zogen sich Felder, Wiesen und Wälder dahin, hin und wieder auch Dörfer und Städte. Ueberatt Herrschte reges Leben, man hörte die Stimmen der Feldarbeiter und auch das Jubilieren der Vögel hoch in den Lüften, unwillkürlich stimmte Liah mit ein und sang ßin Sieb, baß bie Fischer zu singen pflegten, wenn sie am frühen Morgen auf der Ouse hinaus zum Fischfang fuhren. Mit angehaltenem Atem lauschte ihr Begleiter, er glaubte nie Schöneres gehört zu haben, doch plötzlich besann sie sich, daß sie nicht allein war und hielt mitten drin inne. Gern hätte er sie gebeten, weiter zu singen, doch er wagte es nicht, was ihn zurückhiett, wußte er selbst nicht. Es war überhaupt ein seltsames Verhältnis zwischen den beiden Reisegefährten, Stunden konnte sie in traulicher Unterhaltung verbringen und dann plötzlich verstummten beide, als wäre ein hinderndes Etwas zwischen sie getreten. Doch worin dieses Etwas bestand, das war ihnen selbst nicht klar. Der Tag schritt vor, man gewahrte bereits deutlich das Sinken der Sonne, die sich in der glitzernden Flut spiegelte, sich auf den leichten Wellen zu schaukeln schien. Träumerisch hafteten Liahs Augen an diesem nie ermüdenden Schauspiel, während ein Lächeln ifycen Mund umspielte. Sie hatte sichs eben ausgemalt, wie sie nun bald nach Hüll kommen und in einem Einkehrhaus übernachten würden, sie freute sich schon darauf, wie gut sie in der Nacht schlafen würde,, nachdem sie zwei Nächte hintereinander schlaflos verbracht hatte, das war ihr in ihren sechszehn Lebensjahren noch nicht ein einziges Mal vorgekommen. Und wenn sie dann am andern Morgen gut ausgeschlafen sein würde, dann würde sie ihre Wirtsleute ftagen, wo man Mad-'/ chenkleider kaufen könne, denn sie müsse für ein Mädchen von derselben Größe wie sie, einen Anzug besorgen. Und wenn sie dann alles Erforderliche gekauft haben würde, dann würde sie in ihrem Zimmer die Mädchenkleider anlegen und dann würde sie ihren Reisegefährten auffuchen. Was der für Augen machen würde! und was er wohl sagen würde? Unwillkürlich lächelnd blickte sie zu ihm hinüber und als sie feinem Blick begegnete, errötete sie über und über. (Fortketzwig 'folgt; . _;

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