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Der Israelit · 1911-08-31 · Heft 35 (31.8.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 35 (31.8.1911)
Date
1911-08-31
Page
– (sequence 10)
Language
German
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euilleton. Ciab. Hjftorischer Roman von Sara Gngenheimer. (Fortsetzung.) Sie blickte verständnislos zu ihm auf. „Ich weiß nicht, was Ihr wollt — weshalb wollet Ihr aussteigen? wohin wollet Ihr?" „Was weiß ich! nur fort, fort, daß meine Feinde mich nicht wieder fassen können —" „Aber deshalb braucht Ihr doch nicht auszusteigen, wenn Ihr mit mir weiter fahret den ganzen Fluß hinunter —" „Aber Ihr sollt euch um meinetwillen nicht noch weiter von eurem Heim entfernen — eure Angehörigen werden um euch sorgen — Ihr habt schon all zu viel für mich getan —" „Niemand wird um mich sorgen" versetzte sie schwer aufatmend „ich habe keine Angehörigen, ich stehe ganz allein in der Welt — und für das, was ich für euch getan habe schuldet Ihr mir gar keinen Dank, denn das habe ich gleichzeitig für mich getan — Aber bitte, gebet doch meine Hände frei, sie schmerzen mich schon." „Verzeihet, o, verzechet! für all' das Gute, das Ihr mir getan habt, habe ich euch Schmerzen bereitet das war ein schlechter Dank." „Ich habe euch nichts zu verzeihen aber ich will euch mitteilen, was ich vorhabe. Früher habe ich immer geglaubt, daß es im ganzen Lande keine Juden mehr gäbe, aber im vorigen Jahr habe ich erfahren, daß es doch noch einige Städte §ibt, in denen Juden wohnen und drüben über em Meer in den Niederlanden sollen sogar viele Juden wohnen. Seit ich das weiß, habe ich oft zur Muhme gesagt, ich möchte meine Glaubensgenossen auffuchen, denn schön ist es nicht, wenn man so ganz allein unter Nichtjuden ist; ich weiß zwar nicht, daß ich Unrechtes getan habe — daß ich nie etwas Verbotenes gegessen habe, das weiß ich sogar gewiß — aber im übrigen, ich kenne doch nicht einmal alle unsere Gebote — und darum wünschte ich so sehr, unter Glaubensgenossen zu kommen, und alles zu tun, was Gott geboten hat und alles zu lassen, was er verboten hat. Aber immer, wenn ich davon gesprochen habe, dann hat die Muhme gesagt, wenn ich sie verlassen würde, dann müßte sie sterben. Da habe ich natürlich nicht mehr daran denken dürfen, denn die Muhme ist so gut zu mir gewesen, so gut — Ihr könnt euch gar nicht denken wie. Deshalb habe ich sie nicht allein lassen dürfen, ich glaube, das wäre auch eine Sünde gewesen, wenn ich das getan hätte. Aber vor noch nicht langer Zeit ist ein fremder Fischer gekommen, der hat die Muhme gern heiraten wollen und ich glaube, sie hätte ihn auch ganz gern geheiratet und immer hat er gesagt, er hätte mich auch gern und er würde sehr gut zu mir Fein. Ich habe mir aber immer gedacht, wenn ich nicht bei ihr sein würde und wenn ich sie dann sehr bitten würde, dann würde sie mir erlauben, mit dem Kahn den ganzen Fluß hinunter zu fahren und überall, wo ich eine Stadt gesehen hätte, da wäre ich ausgestiegen und hätte mich umgesehen nach Juden und wenn ich hier im Lande keine gefunden hätte, dann wäre ich bis hinunter zum Meer gefahren, und der Fischer hat erzählt, -aß da oft große Schiffe liegen, die auch nach den Niederlanden fahren, und wenn man auf dem Schiffe arbeiten wollte, dann nähmen einen die Schiffer umsonst mit als Schiffsjungen. Und so habe ich's machen wollen, denn in den Niederlanden muß man doch leicht Juden finden. Aber als dann die Muhme krank geworden und gestorben ist, da hätte ich doch gleich fort können — aber, ich weiß nicht, —mir war so schrecklich — ich habe gar nicht denken können — bis ich endlich euch gesehen oder vielmehr gehört habe, wie Ihr sch'ma Iisroel gerufen habt. — Wie mir da zu Mute war, das könnt Ihr euch nicht vorstellen. In dem einem Augenblick war ich überglücklich, daß ich endlich wieder einen Juden getroffen hatte — Und dann kam die wunderbare Rettung. Aber nein, wunderbar ist das gar nicht und ich habe dafür kein Verdienst, denn ich habe die Sache in Wirklichkeit eigentlich gar nicht überlegt, denn ich habe immer nur an die drei Worte gedacht, die mein Vater als Wahlspruch für mich gewählt hat. Liscliaos’cho kiwisi haschem! Auf deine Hilfe hoffe ich, o Gott! Und während ich das gedacht habe, ist mir alles eingefallen, was ich. tun mußte. Das war ja die Hilfe Gottes, daß er mir die richtigen Gedanken geschickt hat, aber dabei ist doch nichts wunderbares, ohne Gottes Hilfe können wir -och gar nichts." Der Gerettete versuchte Dankesworte zu stottern, doch die Sprache versagte ihm wieder, er ward noch immer von seinen Gefühlen überwältigt. Nach einigen Minuten reichte er ihr die Hand. „Wir wollen gute Kameraden sein, wollen Einer -em andern betstehen." „Das wollen wir" entgegnete sie, indem sie ihre Hand in die seine legte. Seltsam berührte es sie, daß der Mann da mit dem graugesprenkeltem Haar nur noch einmal so alt sein sollte wie sie, sie hatte ihn für einen Fünfziger gehalten. Nun freilich, die im Kerker verbrachten Jahre zählen nicht doppelt, sondern zehnfach. Wie mußte der Mann gelitten haben! Doch jetzt machte der Fluß eine Krümmung, sie mußte wieder zu den Rudern greifen, den Nachen in der Mitte des Wassers zu erhalten. Er hatte sich ihr gegenübergesetzt und blickte mit unverhohlenem Interesse auf die anmuttgen Bewegungen des schmalen Knaben, der sein Fahrzeug so leicht und so sicher lenkte. „Wie gewandt Ihr den Kahn lenkt und wie rasch er dahin gleitet." „Das macht weil es stromabwärts geht und weil wir den Wind noch im Rücken haben. Wenn ich's aber nicht verstehen würde den Kahn zu lenken, so müßte ich sehr dumm sein, ein Fischerbub, der nicht Kahnfahren könnte, das wäre doch ein Unding." „Freilich, freilich, Ihr seid wohl seit eurer frühesten Jugend mehr auf dem Wasser als auf dem Lande." „Seit meiner frühesten Jugend nun wohl nicht, bis zu meinem zehnten Jahre bin ich nie auf dem Wasser gewesen, der Vetter hat immer gesagt, Kinder haben nichts auf dem Waffer zu tun, das Wasser hat keine Balken und nie hat er erlaubt, daß ich Kahn gefahren wäre." „Euer Vetter hat es nicht erlaubt? Seid Ihr denn nicht bei euren Eltern gewesen?" „Meine Eltern, ach, die sind schon so lange totals meine Mutter gestorben ist, da war ich noch nicht vier Jahre alt, und bald darauf ist mein Vater weggereist und ist nie wieder gekommen, der Vetter hat gesagt, das Schiff, auf dem er gefahren ist, wäre untergegangen." „Und Ihr seid zu euren Verwandten gekommen?" „Ja, das heißt, ich bin mtt meinen Eliern zu den Verwandten gekommen, aber als meine Mutter dann gestorben war, und mein Vater weggereist ist, da bin ich natürlich bei ihnen gebieben. Und sie sind so gut'zu mir gewesen, so gut — grade als ob sie meine Eltern gewesen wären." „Aber ich verstehe nicht recht, Ihr seid doch Jude und vorhin spracht ihr von eurer Muhme als ob sie eine Chttstin wäre." „Ja so, das meint Ihr. Aber die war ja aarnicht meine wirkliche Muhme, ich habe nur Muhme zu ihr gesagt, damit die Leute nicht merken sollen, daß ich Jude bin." Und nun erzählte sie ihm ausführlich die kurze und doch schon so wechselvolle Geschichte ihres Lebens. Mit unverhohlenem Interesse lauschte er ihren Worten, schließlich geradezu staunend. „Kaum glaublich! man sollte, es für unmög. lich halten, sechs Jahre habt Ihr unter Nichtjuden gelebt und habt nie eine verbotene Speise genossen?—" „Eher wäre ich verhungert" erwiderte Liah einfach „aber dabei ist doch nichts gar so Besonderes, Ihr habt doch auch unter Nichtjuden gelebt und habt auch nichts Verbotenes gegessen, Brod und Wasser darf man überall genießen — außer freilich am Paffahfeste — aberihr wäret im Kerker, Ihr konntet euch keine erlaubte Speise verschaffen — ich kann mir nicht denken, daß Gott euch das als Sünde angerechnet hat." Dunkele Glut überzog für einen Moment das sonst farblose Angesicht des Mannes, er schlug beide Hände vor's Gesicht und ächzte laut, während er sein Leben mit dem des zarten Knaben verglich, der noch im Kindesalter die Prüfung bestanden hatte, der er als Mann erlegen war. Liah blickte mitleidig zu ihm hinüber. „Ich glaube wirklich, daß Ihr euch darüber keine Gedanken zu machen brauchtet." Er ließ die Hände sinken und blickte mit seltsamen Ausdruck zu ihr hinüber. „Ihr meint, es würde mir nicht als Sünde angerechnet werden, daß ich am Paffahfeste Chomez gegessen habe?" „Ich kann es mir nicht denken, der Vetter hat gesagt, in Lebensgefahr dürfe man alle Gesetze übertreten, außer diejenigen, die Götzendienst und Unkeuschhett betreffen. Und Ihr seid doch in Lebensgefahr gewesen, acht Tage nichts zu essen, das kann doch kein Mensch überleben." „Freilich nicht — darüber mache ich mir auch keine Gedanken — aber — aber — wenn ihr alles wüßtet — ich weiß nicht, ob ihr so gut gegen mich sein würdet — Nein ihr sollt mich nicht für besser halten als ich bin — Höret —" „Nicht jetzt" fiel sie ein „ich muß im Augenblick meine ganze Aufmerksamkeit unserm Fahrzeug zuwenden, ich bin noch nie hier gewesen, diese Strömung von verschiedenen Seiten, hoffentlich kommen wir glücklich durch." „Ihr seid noch nie hier gewesen?" „Noch nie, soweit kommen die Fischer von Dork nicht. Seid Ihr schon hier gewesen?" „Ich bin schon öfters in Hüll gewesen, und zwar immer per Schiff, aber auf das Wasser habe ich nie geachtet." . „Also Ihr seid schon in Hüll gewesen? wohnen dort Juden?" „Bis vor sechs Jahren haben Juden dort gewohnt und wenn man sie nicht totgeschlagen hat, werden sie vermutlich noch dort wohnen." //Hoffentlich werden sie noch dort wohnen. Und wie lange glaubt Ihr, hätten wir noch bis nach Hüll?" „Genau weiß ich das nicht, aber ich glaube, in zwölf bis dreizehn Stunden könnten wir wohl dort sein." „So bald schon? ach, welches nahe Glück! — Und Ihr seid dort bekannt? wisset dort vielleicht ein Etnkehrhaus, wo wir übernachten könnten und morgen könnten wir Juden aufsuchen, ach, wie schön,' wie freue ich mich!" Sie war wirklich schön in ihrem Jubel, so hatte er sie noch nie gesehen. (Fortsetzung folgt.) . .

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