Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1911)
- Date
- 1911-07-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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meiner Schrift nicht als Sohn eingeführt, sondern als objektiver Kritiker geriert. Da liegt die Sache wesentlich anders. Ich nehme daher Veranlassung, seine Kritik ein klein wenig zu beleuchten, und ich glaube, daß durch diese Beleuchtung auch die Art deS Kritikers in daS rechte Licht gerückt werden wird. 1. Herr Geiger beginnt seine Besprechung mit den Worten: „Eine Schmähschrift niedrigster Art. Ausdrücke wie „blind, herzlos, antijüdisch, Heuchler, Lügner", find nur einige aus dem Bukett anmutiger Redensarten, die dem Behandelten dargereicht werden'" Ich habe hierzu zu bemerken: Wenn Herr Geiger sich berausntmmt, meine Schrift mit dem beschimpfenden Ausdruck „Schmähschrift niedrigster Art" zu belegen, ohne den Beweis für die Richtigkeit dieses beschimpfenden Urteils zu erbringen, so hat er mit sein«n Schimpfworts sich selber das Urtell gesprochen. Herr Geiger wähnt, er habe meine Schrift widerlegt, wenn er fle mit Schmutz bewirft: und er scheint nicht zu fühlen, wie sehr er fich selbst dadurch erniedrigt. Ich habe in meiner chronologischen Darstellung alle Urteile, die ich über Abr. Geiger gefällt habe, quellenmäßig mit Angabe der Seitenzahl belegt, um jedem Leser die Möglichkeit zu geben, die Urteile nachzuprüfen. Ich ' habe mich bet dem Nachweis nicht mit einer skizzierenden Inhaltsangabe begnügt, sondern habe überall wörtlich zittert, um auch den Schein einer subjektiv gefärbten Inhaltsangabe zu vermeiden. Mein Verfahren ist ein wissenschaftlich korrektes. Das Verfahren aber, das Herr Geiger anzuwenden beliebt, ist bisher in ernsten literarischen Kreisen nicht üblich gewesen. Cr gewinnt es über sich, aus meiner Schrift mtt Anführungsstrichen Worte anzuführen, die sich nicht so, wie er sie zittert, darin vorfinden. Der literarische Anstand und die literarische Ehrenhaftigkeit gebieten es, Zitate, die aus der Schrift eines Gegners mit Anführungsstrichen wiedergegeben werden, wörtlich ohne jede Veränderung zu bringen Außerdem ist es begründete literarische Gepflogenheit, die Sette anzugeben, auf der sich die zitterten Worte befinden. Herr G iger hütet sich wohlweislich, die Seite anzugeben, und gestattet sich, ttotz der AnfÜhrunasstrtche, Worte zu verändern. Mn solches Verfahren richtet sich selbst. Herr Geiger verschweigt ferner die Tatsache, daß sich in dem „Bukett anmuttger Redensarten", die auf den Behandelten angewandt werden, auch z. B. die Ausdrücke befinden <S. 5) „phänomenal begabter Kopf, fabelhafte Konzepttonskraft, unermüdliche Arbeitslust, unstlllbarer Wisst ns dürft, bewunderungswürdige Gelehrsamkeit, universales Wissen, glänzender Schriftsteller, vorzüglicher Organisator, hlnretßenoer Redner, trefflicher Pädagoge" u. a. m. Er verschweigt das, weil er weiß, daß, wenn diese in Superlativen gchaltenen Ausdrücke der Anerkennung des Behandelten dem Leser der Besprechung bekannt werden, dieser die Beteuerung, die besprochene Schrift sei eine „Schmähschrift niedrigster Art" nicht so leicht glauben wirb. Herr Geiger geht klug zu Werke. Aber er vergißt, baß eine Klugheit, die nicht mit der Wahrheit im Bunde ist, zuschanden werden muß. 2. Herr Geiger sagt ferner: „S. .40 nimmt er gläubig die wüsten Berichte über Geigers orthodoxes Bemhmen in der ersten Breslauer Zeit an, ohne den Schatten eines Beweises dafür zu erbringen." Diese Bemerkung des Herrn Geiger bezieht sich darauf, daß ich in meiner Schrift geschildert habe, wie Abr. Geiger, als er zur Probepredigt in Breslau weilte,' wo bei der Stellenausschreibung ausdrücklich ein Rabbiner „von strenger Religtösttät" verlangt wurde, sich als einen Mann strengster orthodoxer Observanz aufspielte z. B. einen Bartzwicker au, treiben ließ, am Sabbat mit über den Kopf gezogenen Talis von seinem Logis nach der Synagoge ging usw. Die Behauptung des Herrn Geiger, daß ich dafür nicht „den Schatten eines Beweises" bringe, ist wayrheitSwidrig und schlägt den Tatsachen ins Geficht. ES gehört ein unglaublicher Mut dazu, ein Faktum abzuleugnen, von desien Richtigkeit sich jeder, der Augen hat, überzeugen kann: daß ich auf der genannten Seite meiner Schrift die Quelle angegeben habe, aus der ich den Bericht schöpfte und zwar in erOer Reche die Schrift des Dr. W. Freund „Sendschreiben der großen Mehrzahl" (Breslau 1846), wo die Tatsachen, wie ich sie in meiner Schrift geschildert habe, daraestellt sind. An der Richtigkeit der pofittven Angaben dcs Dr. Freund ist nicht zu zweifeln, was an dieser Stelle ausemanderzusetzen überflüssig ist. Herr Ludwig Geiger ha: daher, indem er diese Angaben „die tollsten Berichte" nannte, in Wirklichkeit nicht mich getroffen, sondern Abraham Geiger und über dessen Verhalten ein geradezu vernichtendes Urtell gefällt, das an Schärfe nicht Überboten warben kann. Auch wenn er aus naheliegenden Gründen die Tatsachen nicht wahr haben will, heißt es, den Lesern, die meine Schrift nicht kennen, Sand in die Augen streuen, wenn er schreibt, daß ich nicht einmal „den Schatten eines Beweises" für die erwähnte Schilderung bringe. Wenn er ferner behauptet, ich würde in Verlegenheit kommen, wenn man von mir einen Beweis verlangte, daß der größte Teil der Gemeinde gegen die - Suspension Tiktins protestiert habe, so besteht oiese angebliche Verlegenheit lediglich in der Phantasie des Herrn Geiger, für dessen eigene Verlegenheit es zeugt, daß er sich an Strohhalme klammert. (Schluß, folgt.) Bon Rabbiner Dr. Friedman» in Lublinitz Als Quelle zur Bestimmung der Geburtszett Rabbis gilt lggada, nach welcher er geboren wurde um die Zeit, als R. Aktba starb oder vielmehr hingerichtet wurde (b. Kidd. 72 d). Da nun R. Aktba als Opfer der Niederwerfung des Bar-Kochba-Kampfes fiel, am Ende der Regierung des Kaisers Hadrian, so gilt wohl allgemein diese Zeit als die Geburtszeit Rabbis, und auch. Prof. Krauß tn seiner Abhandlung „Antoninus und Rabbi" bettachtrt, demgemäß daS Todesjahr des Kaisers Hadrian, 138, sowohl.als Todesjahr R. Aktbas, wie auch als das Geburtsjahr Rabbis. Nun ist aber, wie auch Krauß erkannt hat, jene Aggada keineswegs buchstäblich zu fassen, sie will in Wahrheit nicht gerade den Todestag des einen als den Geburtstag des anderen aufgestellt wissen, sondern sie will nur einen gewissen chronologischen Zusammenhang zwischen beiden Fakten angeben. ES ist darum auch gar nicht nöttg, diesen Zusammenhang so ganz nahe zu denken. Ja, wenn wir jene Aggaoa etwas genauer ansehen, so schließt dieser Zusammenharm doch eine Differenz von vielen Jahren nicht aus. Die Aggada lautet doch also: iyia *21 nas? tn*» K2\ir n nair uv 1p dbwrt Ifa laero p**rx s-rrv "pa1^ m’irp 'i K2i üarcn mn iaKw rmaa p’ix KiaJfc ittawnmi bw ivav nnro xbv ip wapn •’TID’-in 1K12V 7>V Die Aggada lehrt also, baß mit dem Tode eines Frommen die Geburt eines anderen Frommen verbunden ist, daß die Vorsehung für Ersatz der Großen und Frommen vorsorgt, und als Beispiel hierfür werden Elt und Samuel angeführt. Bon Samuel aber wissen wir, daß er lange vor dem Tode Elis geboren wurde, baß er schon vor dem Tode Elis als „der, vom Ewigen beglaubigte Prophet" in ganz bxw pK anerkannt war. Samuel war beim Tode Elis ein ganzer Mann, eine volle Persönlichkeit, und dennoch werden in der Aggada Elis Tod und Samuels Geburt als etwu gleichzeitige Ereignisse erwähnt, weil eben nach dem Tode oder vielmehr beim Tobe Elis Samuel schon als voller Ersatz vorhanden war. Aehnlich verhält es sich nun mtt dem Hinweis auf R. Aktba und Rabbi. Auch dieser wurde nicht erst im Todesjahre R. AkibaS geboren sondern schon viele Jahre vorher, nach dem Tode R. Akibas wurde er der a n g esehenste Lehrer in Israel. Ist nun R. Aktba nach der allgemeinen Annahme in der Zeit 135—1" 8 gestorben, so dürfte Rabbi etwa im Jahre 140 das anerkannte Haupt des palästinensischen Judentums gewesen sein, und zwar in einem Alter von etwa 25 Jahren. Nach der Ausführung meines Artikels „Zur Biographie Raws" (in dieser Zeitung vom 4. Mai dS. Js.) starb Rabbi im Jahre 195, sodaß er etwa ein Alter von 80 Jahren erreicht hat. Damit stimmt die zweifellose Ueberlieferung überein, welche ihm „Alter und Greisentum' ,,12'V1 H3p7 zuschreibt (M. Aboth VI). Damit stimmt auch dir andere zweifellose Ueberlieferung überein, nach weicher das Jahr 500, p"j-| der seleuc. Aera, also das Jahr 188 der gew. Zeitr., das Abfaffungsjahr der Mischna ist. Den größten Teil seines etwa 80jährigen Daseins residierte Rabbi m Liberias. Die letzten 17 Jahre lebte er in Sepboris, wohin er etwa im Jahre 178 übersiedelte, wahrscheinlich infolge der tm Jahre 175 erfolgten Niederwerfung dcs Avidius ChaftuS und des dadurch in Tiberias eingetretenen Elends und Verfalls. Wenn Strauß (a. a. O.) die Lebknsdauer Rabbis von 138—226 ansetzt, so leitet ihn dabei auch die irrtümliche Annahme, daß Ratv nur einmal von Palästina nach Babylonien heimgekehrt sei, und zwar zu Lebzeiten Rabbis im Jahre SIS. Dieser Irrtum ist, wie ich glaube, in meinem Artikel ,.Zur Biog aphie Raws" (a. a. O.) hinreichend widerlegt, wo ausgeführt wurde, daß Raw zweimal heimgekehrt war, und zwar tm Jahre 104 zu Lebzeiten Rabbis (Hannvßi) für kurze Zeit und sodann im Jahre 219 in den Tagen Rabbis (Neßioh) für immer. Unserer Annahme von Rabbis Todesjahr rm Jahre 195 widerspricht es auch nicht durchaus» daß einerfett« nach stner Aggaoa der Amora R. Juda am Todestage Rabbis geboren wurde, und daß andererseits dieser R. Juda nach der Mitteilung Schertros im Jahre 299 gestorben ist. Ist es denn so ganz unglaublich, daß einmal ein Amora ein Alter von 104—110 Jahren erreicht hat? Kommt eS nicht selbst in unserem nervösen Zeitalter vor, daß ein Mann oder eine Frau auch einmal über 100 Jahre alt wird? Und auch m den Tagen der Mischnah mutz bieS der Fall gewesen se n,' sonst würd n wir nicht in „Abot" auch lesen: rilö 1^K2 1K2 p- Darin jedcch stimme ich Krauß bei, daß jedenfalls Avidius Cassius auch in der Darstellung deS talmudischen „AntoninuS" erscheint, welcher mit Rabbi befreun et gewesen. Umsomehr, als Rabbi Während der ganzen Zeitder Statthalterschaft und ter KaiserrPrsrenoentschast des Avidius-Cassus (164—176) schon in Amt und Würben 1 war und seit mehr als 2Q Jahren. ÜLS7M Scherscha« Gefälschte moabitische Tontafel«. Bon D. H. Müller. Aus dem Anzeiger der phllosophischhistorischen Klasse der kätserl. Akademie der Wissenschaften tn Wien vom 25. Januar (Jahrg. 1911, Nr. 3) separat abgedruckt. Bekanntlich gibr es ein echteS moabitksches Steindenkmal, den Mesa-Stetn, ivergl. 2. Könige 3, 4), das aus dem neunten vorchristlichen Jahrhundert stammt. Moabitische Altertümer, die 1872 in Jerusalem auftauchten, sind als gefälscht erwtesen worden. Neuerdings find nun wieder acht schön geschriebene Tontafeln auf der Btldflache erschienen, in der Schrift dem Mefa-Stein sehr ähnlich. Zu einer- Beurteilung der Tafeln aufgefordert, erkannte David Heinrich Müller sofort, daß abermals eine Fälschung vorliege. In den hier angezeiaten wenigen Blättern veröffentlicht der Wiener Gelehrte diese Tontafeln tn Quadratschrtft und in deutscher Uebersetzung. Ferner ist das Facstmlle einer der Tafeln beigegeben. Aus dem Mitgeteilten ergibt fich, wie D. H. Müller bemerkt, die Fälschung ohne weiteres, sodaß besondere Darlegung der Gründe sich erübrigt. Auch wer der Fälscher ist, scheint den Fachkreisen nicht unbekannt zu sein. Die Wissenschaft muß für die schnelle und gründliche Abfertwung, die dem lichtscheuen Treiben zu Teil wird, herzlich dankbar sein. — i. VttraNrcde Notirev. Die drei Wohltäter zur Zeit der Temhelzerftörung. Im Talmud, Gitttn 56, wo die meisten talmudischen Nachrichten über die Zerstörung JeruscholaimS zusammengestellt sind, beißt es u. a.: „Bespafian kam und belagerte die Stadt drei Jahre. Dort waren drei Reiche . . . Der eine sagte, ich will ste aushalten mit Weizen und Gerste, der zweite, mit Wein, Salz und Oel und der dritte, mtt Holz. Ste konnten die Stadt 21 Jahre verpflegen." 1. Me so bestimmt angegebene Jahreszahl 21 muß im höchsten Grade befremden. Der Borrat eines einzigen Hauses kann nicht auf so bestimmte lange Zeit abgemessen werben; wie will man nun die Verproviantierung einer belagerten Hauptstadt mtt allen Lebensmitteln genau auf 21 Jahre abschätzen? 2. Im Midrasch Rabba an zwei Stellen, Echo 1, 30 und Koheleth 7, 25, ist die Erzählung von den drei Reichen Jeruscholatms ebenfalls üterliefert und dort wird die zugesicherte Verpflegung der Stadt auf 10 Iah e angegeben. Woher der große Widerspruch zwischen Talmud und den Midraschim? Ich glaube daher fast mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß uns hier im Talmud ein Schreivf hler vorlicgt. Die Stelle muß hier gelautet haben: pijp 5 d. h. ptf i inK ^2 in voller Uebereinstimmung mit dem Midraschim, wo eS heißt k"K2 fi’StP Zehn Jahre sind als eine unbestimmte, runde Zahl aufzufaffen, d.« h. viele Jahre. Auch im Midrasch Ruch 1 wird als Beispiel d!e Zahl 10 Jahr^ benutzt ^12' Kirr rraa 'W 1812' nxv pa*6i2^ pa 1VV nrnan rm pcbS In dem Talmudexemplar hat fich aber mit der Zeit das kleine verwischt und der Kopist hat daher k"2 gelesen und dafür fälschlich #7107 INI gesetzt. * Rossteny, 21. Tamus. F. Behr. Eine schwierige Stelle im Jb« Gsra. Eine vielfach aufgeworfene, jedoch ungelöste Frage bietet eine Stelle des Jbn Esra beim Gebote des Pessach- Scheni (4. P. M-, Kap. 9). Der betreffende Vers lautet: b'im 'vt xb *7^*121 Iinv »in “iük ttrmnt , nw*? Kinn trB:n njrwai nvsn rmth Hiezu bemerkt Ebn Esra: - ■1&K1 T*2K .1221 pl -J112 1K: M K^ p121 Diese Kommentierung widerspricht der Auffassung der Rabbtnen. Denn während der ungeratene Sohn 2"N wird, wenn er Vater oder Mutter tätlich angretst, was ja auch ganz logisch ist, so tritt die Sirasbarkeit desjenigen, der die Darbringung deS Pessachopfers unterläßt, erst dann ein, wenn er weder unrein noch verreist war. Wenn wir nach Jbn Esra anstatt „und" „oder" lesen wollten, so widerspräche das durchaus dem vorhergehenden Vers 10, wie auch überhaupt dem ganzen Gedankengange des Gebotes. Sicherlich weiß jemand aus Ihrem werten Leserkreis näheren Bescheid Wien-Salmannsdorf. L.'Gwümhu th.