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Der Israelit · 1911-07-27 · Heft 30 (27.7.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 30 (27.7.1911)
Date
1911-07-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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sssagg -- 'U'j svMchMDi r-EMettilleton. Md. Historischer Roman von Sara Sngenheimer. (Fortsetzung.) Aber in seinem zwanzigsten Jahre, während einer bösartigen Epidemie waren beide Eltern gleichzeitig erkrankt, die Mutter war zuerst dem Würgeengel erlegen, acht Tage darauf der Vater. Noch glaubte er die letzten Worte des Sterbenden zu vernehmen, die er an seine trostlosen Söhne gerichtet hatte. Er hatte sie aufgesordert, das Geschäft des Vaters wie bisher gemeinsam weiter zu führen. „Im übrigen brauche ich euch nicht zu ermahnen — Ihr seid fromm und brav und gut und hängt in brüderlicher Liebe aneinander — Bleibet so, wie Ihr seid — dann habet Ihr meinen Segen — und auch Gottes Segen ist euch sicher — und —" Da war sein Mund verstummt. Laut schluchzend hatten die Brüder einander umarmt und dem toten Vater Treue gelobt. Was sie gelobt hatten, hatten sie treulich gehalten, so lange sie zusammen geblieben waren. Nie hatte ein unfreundliches Wort oder auch nur ein Ton ihre Harmonie gestört. Der älteste der Brüder hatte bald nach dem Tode der Eltern eine liebreizende junge Frau heimgeführt, die das schöne Verhältnis der Brüder nur noch festete, das Bübchen, mit dem sie gegen Ende des Jahres den Gatten beschenkte, schien deffen Brüdern ebenso zu gehören wie ihm, namentlich dem jüngsten Bruder, denn der zweite befand sich sehr häufig auf Reisen. Da waren jene grauenvollen Judenverfolgungen ausgebrochen, über die bei Beginn dieser Erzählung berichtet worden ist. Die beiden Brüder zu Hause waren in beständiger Angst um den Abwesenden, und gerade durch seine Abwesenheit wurde er gerettet, er allein — die beiden anderen befanden sich mit der ganzen Judengemeinde in der Burg in jener Schreckensnacht deS „großen Gabbaths".. Der Jüngste aber nicht! — Nein, nein! er nicht! er hatte nicht zugestimmt. Sein junges, kaum vierundzwanzigjähriges Leben sollte er opfern? — um keinen Preis! — Er hatte sich nicht das Leben gegeben und durste es sich daher auch nicht nehmen, fest hielt er sich überzeugt, daß alle, die da blutend am Boden lagen, kein gottgefälliges Werk vollbracht hatten. Ausharren hätten sie wüsten, ausharren bis zum letzten Augenblick, bis zum letzten Augenblick hätten sie auf Rettung hoffen müssen. Wollten sie denn zweifeln, daß die allmächtige Gotteshand noch im letzten Augenblick Rettung schaffen könne? — Und selbst wenn die Rettung ausgeblieben wäre, sie hätten eher durch die Hand der Feinde als durch die eigene tgnd," oder durch die ihrer Genoffen fallen dürfen. r wenigstens war fest entschlossen, sich um keinen Preis das Leben zu nehmen, daS sein Gott ihnen gegeben. Als er sie nun da liegen sah, alle die braven herrlichen Menschen, die ihr Leben dahtngegeben hatten, um ihrem Gotte die Treue zu wahren und unter chnen seinen Bruder mtt Weib und Kind — da übermannte ihn unsäglicher Schmer Mch lgut schluchzend MBurg, , . : v Drei Männer waren ihm -gefolgt, sitz er, Mchen sich gleich ihm überzeugt, daß man sein Leben rttcht freiwillig vernichten dürfe, um keinen Preis. Rach längerem Geräten kämen sie überein, imv folgenden Morgen das Lor zu öffnen, denn die Hebensmittel waren 'ihnen vollständig ausgegangen, und dann, wollten., sie HM DrättgerneMären, daß^sie bereit? wären die Taufe zu erDftmgeir. Was wäre denn auch dabei? — einige Tropfen Wasser aufs Haupt, eine vollständig harmlose Zeremonie, um es zu vermeiden, sein Leben zu opfern. Unsinn! — Im Herzen würde. man ja doch Jude bleiben und der' Allwissende sieht in's Herz. .. So hatten sie sich gegenseitig Mut vorgetäuscht und der Jüngste hatte htnzugefügt, daß er gleich nach empfangener Taufe die Stadt verlassen werde und, wo möglich, auch das Land, um in der Ferne weiter als Jude zu leben. Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Als sie am folgenden Tage ihr Bor-, haben ausgeführt, das Burgtor geöffnet und den Eindringenden erklärt hatten, daß sie bereit wären, sich taufen zu lassen, da war ein Gelächter ausgebrochen über die Natvetät, die den Worten der Feinde Glauben geschenkt hatte. Die drei älteren mußten sofort über die Klinge springen, doch als sie sich auch an den Jüngsten machen wollten, legte sich der Lord Mayor ins Mittel, deffen Kind der junge Mann erst vor kurzem vor dem Ueberfahrenwerden gerettet hatte. So war denn sein Leben gerettet worden, aber seiner Freiheit hatte man ihn beraubt, denn gleich nachdem man ihn in der Beneörktiner- Abtei getauft hatte, hatte man ihn dem Kloster übergeben, mit dem strengen Befehl, ihn scharf im Auge zu halten. Das war nun allerdings ein Schlag für ihn gewesen, den er nicht vorausgesehen hatte, jetzt glaubte er, daß die Genossen das bessere Teil gewählt hatten, denn Tag für Tag die heiligsten Gebote übertreten, Tag für Tag heucheln zu müssen, das hatte er nicht beabsichtigt. Oft wenn er vor den Bildern kniete mtb die Perlen des Rosenkranzes durch seine Finger gleiten ließ und seine Lippen sich bewegten, als ob er Gebete flüstere, dann war es ihm als ob sein Pater aus Himmelshöhen auf ihn herniederschaue und dem abtrünnigen Sohne fluche. Kalter Schweiß perlte auf seiner fahlen Stirn, wenn er sich erhob und die Mönche sahen ihn wiederholt wanken. Es waren ihm nicht alle feindlich gesinnt, doch nur der Prior und der Küchenmeister zeigten ihm offen ihren Haß, mit einigen Laienbrüdern stand er sogar auf freundschaftlichem Fuße und sie warnten ihn. „Ihr müßt euch mehr zusammennehmen, dürft eure Feinde nicht so offen in eure Karten blicken lassen, das könnte euch übel bekommen." «Ich weih nicht, was Ihr meint, ich bin den Weihrauch nicht gewöhnt, er verursacht mir Schwindel, ich weiß nicht, wie ich mich zusammennehmen sollte." Der Warner hatte mißbilligend den Kopf geschüttelt. „Ich weiß nicht, versteht Ihr mich nicht, oder wollt Ihr mich nicht verstehen? Doch mir kann's einerlei sein/ aber wisset Ihr denn nicht, daß Ihr Feinde hier habt, Feinde, die euch verderben könnten? Ihr seid den Weihrauch nicht gewöhnt, er verursacht euch Schwindel, mit einem Worte, eure neue Religion ist euch noch nicht in's Fleisch und ins Blut übergegangen. Das kann ich verstehen und Andere können es auch verstehen, aber sie können es auch mißdeuten. Darum sage ich euch noch einmal, nehmt euch zusammen, sonst seid Ihr verloren." Er hatte sich zusammengenommen, hatte sich wieder und immer wieder gesagt, daß sein Vater ihm nicht fluchen könne, da er doch nur das tue, jfti wflre und daß.man -mich vyrcmvporrW sein könne,' fat das, was man nicht' ändernkönne. So gäang es Hm überraschend schnell, den Innern Mahner einzuschläfern, ihn wenigstens zum Schwetgen^zu bringen , und er begann seine Lage nicht allzÜWrt zu empfinden. Die..Ordensregeln der „Benediktiner 'sind nicht Mermäßig streng, die Arbeit, die ihm ablag, gleichfalls nickt. Das Essen war gut untz unter den jünaern Klosterbrüdern gab es einige picht ungebildete Leute, mit denen man sich recht gm unterhalten konnte — warum hätte er sich nicht behaglich fühlen sollen? wenigstens vorläufig. Und wenn er das Gefühl der Behaglichkeit, das er keineswegs zu heucheln brauchte, recht offen an den Tag legte, dann glaubte er die Wachsamkeit seiner Umgebung etnzufchläfem «nd hoffte, daß es ihm dereinst gelingen werde einen-günstigen Moment zu erhaschen, den Klostermauenr zu entfliehen.? Nur nicht überstürzen, durch Uebereilung konnte man alles verderben. So waren vier Jahre vergangen, ohne daß der erwünschte günstige Augenblick,'in dem er ohne jegliche Gefahr die Flucht hätte ergreifen können, sich eingestellt hätte. Da war eines Tages an einer der Klostermauern eine Reparatur notwendig geworden, wegen deren er die Zelle, die er bisher bewohnt hatte, räumen mußte. Man hatte ihm eine andere angewiesen, die der des Küchenmeisters zunächst lag. Am andern Morgen war er zum Prior gerufen worden, der' ihm einen strengen Verweis erteilte, weil sein Zellennachbar gehört habe, daß er mitten in der Nacht hebräische Gebete verrichtet habe. Er war wie aus den Wolken gefallen, schwur hoch und teuer, daß da ein Irrtum obwalten müsse, aber der herbeigerufene Küchenmeister er. klärte ihm ins Gesicht, daß er wiederholt Sch'ma Jisroel! gerufen habe und wohl mehrere Minuten lang in einem fort choood! Das wäre doch das Hauptgebet der Juden. Er wüßte nicht, wie er sich rechtferttgen sollte, wußte nicht einmal, ob er vielleicht in Wirklichkett im Schlafe Sch'ma Jisroel! gerufen hatte, oder ob das nur eine Erfindung seines Feindes war, um ihn zu verderben. Der Prior hatte ihm erklärt, daß er für diesesmal mit dem Verweis davon kommen solle, doch wenn er sein gottloses Gebühren nicht einstelle, so würden strengere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden. Diese strengeren Maßregeln waren sehr bald ergriffen worden, denn der Küchenmeister erklärte Tag für Tag, daß er allnächtlich durch das ketzerische Treiben seines Zellennachbars belästigt werde. Das durste doch in keinem Kloster geduldet werden. Wiederholt batten sie ihn gegeißelt, wiederholt ihm Lügelang Speise und Trank entzogen, doch als das alles nach Versicherung des Küchenmeisters nichts genützt hatte, da hatten sie ihn in den Kerker geworfen, „wo er verfaulen mochte bis an sein gottloses Ende." Zwei Jahre, zwei volle Jahre hatte er in diesem grauenvollen Elend zugebracht. Anfangs hatte er geglaubt wahnsinnig werden zu müssen, doch allmählich, ganz allmählich, war ihm in dem finstern grauenvollen Kerker ein Licht ausgegangen und er hatte den Wahn erkannt, in. dem er vier Jahre lang befangen gewesen und bisweilen, allerdings nur bisweilen, hatte er sich so weit durchgerungen, daß er Gott gedankt hatte für die grauenvollen Leiden, die ihn dem Wahn entrissen hatten und die er ohne zu murren als Strafe ertragen wolle. (Fortsetzung sirlgt.) I

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