Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-07-27 · Heft 30 (27.7.1911) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 30 (27.7.1911)
Date
1911-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448834--66756-2494934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

2*4? r^ff, r^v. «fc-^WJ? jw^f^WW^wtr geben. Völlige Hoffnungslosigkeit verdüstert manche Stelle, aus der einst jüdische Treue und jüdische Glaubenswärme wie wottenspaltend ins «e Leben htneinschien. Studentenübertritte lßland, Mischehen in Oesterreich-Ungarn, Taufe oder Erklärung zur Konfessionslosigkeit in den Westendvierteln der die jüdischen Kleingemeinden absorbierenden Großstädte, beständige Abnahme der jüdischen Gebmtsziffer überall in Europa. Und hinterher kommen die kulturnattonalen Schönredner in Rußland und entdecken, an der alten verzweifelnd, neue jüdische Welten und dann die bewährten Totengräber im Westen, die, von Rathenau bis Fromer und von Harden bis Köhler, es an der Zeit halten, mit ihren Ratschlägen und Rettungsversuchen — dem ihrer Ansicht nach erkalteten Judentum das Grab zu schaufeln. Das alles ist die natürliche Frucht der überhandnehmenden Verzweiflung, der so ganz und gar unjüdischen Hoffnungslosigkeit, wie sie dumpf uud hohläugig aus der lichtarmen jüdischen Lyrik des Ostens uns entgegenftarrt, wie sie sich in Verzweiflungstaten schwacher Jünglinge und ehrgeiziger Parvenüfamilien kundtut. Es ist eine schwere Zeit für das Judentum allüberall, sagt Man. Druck und Verfolgung dort, soziale Boykottierung, gesellschaftliche Zurücksetzung hier. Aber,^ was bedeuten all diese Leiden gegen die wirklichen Grauen des Mittelatters, da der Jude in des Wortes realster Bedeutung täglich neu füt Leib und Leben, Haus und Eigentum bangen mußte? Was bedeuten selbst die Pogrome und die MaffenauSweisungen im Zarenlande im Vergleich zu den Metzeleien und Judenaustreibungen, von denen uns die Geschichte der früheren Jahrhunderte zu erzählen weiß? Wann find aber in Israel solche düstere Lieder gesungen und solche hoffnungslose Epistel eschrieben worden wie heute im Osten? Wann at man im Judentum über dem Judenschmerz die Judenhoffnung vergeffen? Wann und zu welcher Zett vermutete der üdtsche Jüngling hinter der gesperrten Türe der InivezcfitSt aller Lebensideale Letztes und Höchtes, wann sah die jüdische Familie in dem gechloffenen Offizterskasino ein Unglück, dessen Abwendung einen Treubruch an dem alten Stamm und einen Meineid rechtfertigte? Wann sahen' jene vorhergenannten Auflösungsapostel auf den Mischen Feldern ihren Weizen so blühen wie heute? Diese Hoffnungslosigkeit, die sich wie von wetten Fernen hergezogene Wolken schwer und drückend auf das jüdische Leben legt, hat, so verschiedenartig und vielgestaltig die Formen sind, in denen sie sich, je nach Milieu und Gesinnungs- %n fttmlto. richtung, äußert, überall die gleiche Wurzel, die gleiche Quelle. Man hat sich vom Thora geiste> der von altersher den Zentralpunkt jüdischen Denkens und Tuns bildete, immer mehr entfernt und mit den großen Idealen, die dem Juden allezeit das Leben des Lebens und Leidens wert machten, schwand naturgemäß auch die Hoffnung aus den Herzen. Was dann blieb, ist öde Trostlosigkeit, innere Hohlheit und stumpfe Resignation. Einst litt man für eine große heilige Sache und man segnete die Leiden, in denen man den Dornenweg zu großen Zielen sah. Wo aber der Thoragedanke als Mittelpunkt des Daseins, als Richtschnur für das Kleinleben des Tages ausgeschaltet ist, ist man eben der leuchtenden jüdischen Ideale verlustig gegangen, sind die großen jüdischen Ziele immer mehr dem Auge entrückt worden, man weiß nicht mehr recht, wofür man leidet und wohin der Leidensweg führen soll. Daher die Ueberempfindlichkeit, das gesteigerte Schmerzgefühl, das heftige Reagieren auf jeden Nadelstich, über den man dermaleinst in der Judengaffe mit stolzem verächtlichen Lächeln einfach zur jüdischen Tagesordnung überging. „Mich haben sie verlassen," sagt der Prophet des jüdischen Leides, „die Quelle des lebendigen Wassers, um sich andere Brunnen zu bohren, untaugliche Brunnen, die das Wasser nicht fassen."-„Was Dir dieses angetan, ist das Abweichen von Gott Deinem Gotte, zur Zeit, da er Dich auf den Weg geleitet." (Jrmejahu Kap. 2.). Umsomehr weiß es der k a r g e R e st der wahren Zionsfreunde — "piy uv om tdtjw wn —, daß trotz allem und allem dem Judenschmerz die Hoffnung zugesellt ist und ewig bleibt. Und jedesmal, wenn uns der neunte Ab zu Boden drückt und Schmerzenstöne über altes und neues Leid unserer Brust entlockt, sehen wir, um ein altes Bild der Weisen zu gebrauchen, die Alten ihren Gräbern entsteigen, uns zur Arbeit, zur Tat rufend, schleicht sich leise zu uns die Gestalt des Trauerpropheten, dem aller Jammer nicht den Blick dafür trübt, daß „die Gnade Gottes nicht zuende und nicht erschöpft ist sein Erbarmen", sehen wir den kleinen Rabbi vor dem mächtigen Zäsaren stehen, siegesgewiß den Zukunftsboden für die jüdische Seele sichernwir sehen im Geiste die Summe der jüdischen Kraft, die die unsrer Leiden weit übersteigt. — Dann spüren wir etwas von jener geheimnisvollen Macht, die unfern Vätern an Babels Strömen, die Hand und den Mund zum Zionsschwur bewegte, werden wir von jener großen Judenhoffnung erfüllt, die uns vom Boden erhebt und aufrichtet mit dem Trostworte des Klagepropheten: „Führe uns zurück, o 27.ZMM1 Gott zu Dir.... Dann erneuere unsere Tage wie ehedem! wo' «nn ro’ittm ww. M. ein« tenl tag Ger Kochrvrvnöschair.!.*•«. Hors d’oeuvre. tim lich< dies dem Noi an und Fm Als kleine Vorspeise zu der auf den 5. November angesetzten vierten Hauptversammlung des „Verbandes deutscher Juden" wird dem jüdischen Publikum ein kleiner Prioritätsstreit um die Urheberschaft des Gedankens der Judentage bezw. des Judenverbandes unterbreitet, bei dem die Herren Professor Philip pson und Justizrat Eugen Fuchs sich als Konkurrenten gegenüberftehen. Philippson hatte in seiner sattsam bekannten neuesten Geschichte des „jüdischen Volkes"" (lies: Geschichte des Antisemitismus") behauptet, er habe die große Idee des „Judentags" konzipiert und auf Anregung von Justizrat Breslauer in die Welt gesetzt, und zwar habe er sich dabei nicht bloß Demonstrattonsversammlungen, sondern eine dauernde „Vertretung aller deutschen Israeliten" gedacht. Die „schwächlicher Gesinnten" aber hätten seine heroische Idee bekämpft, die dann nur dadurch vor Ablehnung gerettet worden sei, daß „Justizrat Eugen Fuchs mit geschickter Wendung anstatt des Provozierend erscheinenden Namens Judentag den der Gesamtorgantsation der deutschen Juden gesetzt habe,sachlich das gleiche, aber eine friedlichere Form." Gegen diese Erzählung erhebt jetzt Justizrat Eugen Fuchs öffentlich Einspruch und entwickelt in aktenmäßiger Darstellung, wie sich die denkwürdigen Begebenheiten vom 16. Oktober 1891 bis zum 29. Mai 1904 zugetragen haben und wie sich die historischen Verdienste auf die einzelnen Herren Justizräte und Vereine verteilen. Pros. Philippson hat also ausweislich der Akren den Gedanken von der „Gesamtv ertretu ng" der deutschen Judenheit nicht geboren, und erwirb seine Urheberrechte an der Judentagsidee dem Herrn Justizrat Breslauer, diejenigen an der In den Verbandsidee aber dem Herrn Justizrat Fuchs abzutreten haben! Es ist zwar bedauerlich, daß der neueste Ge¬ Bef min org bar dies, myf kräf Kleine» Feuilleton. Ei« Mrerergr-b. Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Es ist ein gesungenes Weinen, das um Erbarmen fleht, kommt es doch aus dem Innersten eines verwundeten Mutterherz-ns. Und während sie singt, macht die kleine Russin wiegende Bewegungen, wie Mütter tun, die ein Kind in ihren Armen beruhigen wollen. Hinter dem Weib zeichnet sich breit und unförmlich der Schalten ihres schmächtigen Körpers an der weihen Schisfswvnd ab, schwankt hinter ihm nach den Seitens und wenn das Schiff sich hebt oder senkt, dann läuft er gespenstisch drohend bls zur Decke hinauf, um im nächsten Augenblick wieder hinabzutauchen. Leib sitzt stumm in der Ecke, zuweilen holt er tief, wie nach Lust ringend Atem wie ein Mensch, dem die Brust zugefchnürt ist. „Hoj, Hoj — och, och, och!" stößt er von sich. Ich sitze zwischen den Beiden. Das leise Singen der Russin, die, offenbar unbewußt leise dieselben Worte singt und dabei ihren Oberkörper hin und herwiegt, wirkt fast einschläfernd. Doch ich denke gar nicht ans Schlafen. Ich mutz immer wieder das kleine Weibchen betrachten, und sonderbare Gedanken steigen in mir aus. Wo eigentlich beginnt die wahrr Größe der Menschen? An ihren Werken? Ihrem Genius? Bei ihren Taten? Oder erst bei ihrem Vertrauen auf eine waltende Macht, wenn das Unglück den Glauben erschwert? Oder beginnt die Größe bei einer Mutter, die das Leben ihres Kindes langsam entweichen sieht und dennoch, wie diese armselige Frau vor mir weiter hofft und doch schon das Unabwendbare kommen fühlt? So grüble ich und versinke ins Nachdenken, dieweil die Worte „yinei lor jonüm" mein Ohr gefangen nehmen. Ta hatte ich plötzlich eine Bision, eine Erinnerung aus fernen, fernen Kindheitstagen, aus meinem Elternhaus; als ich noch nichts wußte von Me-res- und von Lebensstürmen. In die kleine trauliche, nach dem Hof gelegene Stube, in der mein Bett stand, versetzte mich die Erinnerung. Es war spät in der Nacht und Schlafenszeit. Ich lag in meinem Bett und nach dem Fenster, hinter dessen weißen Gardinen die Nacht mit schwär-, zen, rätselhaften Augen hereinblickte. An meinem Lager sah meine Mutter. Ihre linke Hand lag weich auf meinem Haupt, ihre Rechte, die schöne wunderbar geformte weiße Rechte, hielt meine Hand umfaßt. Ein vornehmes, schönes, volles Antlitz mit großen blauen Augen war über mich gebeugt; damals war meine Mutter eine der schönsten Frauen in der kleinen Stadt. Mit leiser, süßer Stimme, eindringlich und andachtsvoll sprach sie mir vor, in der Sprache, in der jetzt die kleine Russin zu ihrem kranken Kinde sang. »Ter Engel, der mich erlöst von allem Bösen, er segne die Jugend . . . höre Israel, der Ewige ist unser Gott, ist ewig einzig . . . siehe, er schläft nicht, er schlummert nicht, der Hüter Israels." Dreimal mußte ich den letzten Satz beten. Aus dem halbofsenen Fenster hörte man das ferne, dumpfe Brausen des Rheins; denn Tags über hatte ein heftiger Sturm das Wasser stark erregt. Mir ist als ähnele die Stimme der klemen Russin der meiner Mutter; vielleicht, weil es dieselben Worte sind, die einst die Mutter mir vorsprach und nun von diesem fremden Weibe dem sterbenden Kinde vorgesungen werden. Ich versinke in ein trauriges Grübeln. Warum müssen Mütter sterben? Warum muß das Gute und Schöne vergehen ebenso wie das Häßliche und Böse? Sind denn aber alle Frauen, die Kinder gebären auch wirklich Mütter? so, wie meine Mutter war? Und die jüdischen Mütter? Warum werden sie so schnell von ihren Kindern jetzt vergessen, während man früher immer wieder um ihren Tod trauerte? Erst ein ächzender, qualvoller Husten des Kindes weckt mich aus meinem Sinnen und Grübeln. Ich bin wieder in der Mrklichkeit, die mich traurig und geheimnisvoll umgibt und jede Müdigkeit fernhält; aber auch eine unsichtbare, zwingende Macht. Es ist noch etwas unter uns, das wir mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen können, aber wir fühlen dennoch seine Anwesenheit; etwas Unfaßbares und Unausdenkbares. Und dieses Ueberwältigende geht von diesem kleinen Geschöpf aus, dessen hauchenden Atem zuweilen ein leises Knistern begleitet. Mein Blick haftet bald auf diesem heißen Ficberkörpevchen, das fast zusehends zusammengefallen ist, bald aüf dem unansrhnlichen Weibchen, dessen schwacher Körper ein so großes Leid trägt. Tie kleinen, dunklen Augen über den hervorstechenden Backenknochen sehen mich demütig flehend an; die Gesichtszüge tragen sichtbar den Ausdruck hoffnungslosen Jammers. Wie doch alle Mütter einander gleichen, wenn ein Kind sterbend in ihren Armen ruht! Weit aus Podolien her wandert dieses ärmliche Geschöpf, das nur wichtig ist für den bedeutungslosen Mann, der da drüber zusammengekauert hoi! hoi! och! och! stöhnt, um sein Jüngstes ins Meer sdrsenken zu'lasten. Ich weiß es jetzt schon, wie es kommen wirb. Channele wird nicht mehr das Law den Chw geftl sinn dem emn der kleir eine deut wied taud das Nack tüM auf dür ung^ gren Mit scher bege

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.