Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-07-20 · Heft 29 (20.7.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 29 (20.7.1911)
Date
1911-07-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448833--66747-2494924
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

^euUeton-Beilaae Ai Nr. 29 des ..^raelit". euilleton. MMM Vad. Historischer Roman von Sara Grrgerrheimer. Fortsetzung.) „Aber ich werd's dir doch sagen — drunten im untersten Keller fitzt ein Gefangener — ein elender Lump — ich muß ihm jeden Morgen einen Krug Master bringen und ein Stück Brod — das Hab' ich gestern vergesten — Geh', bring du'S ihm — sonst wird der Kerl heulen und brüllen — das war' mir nicht recht — daß alle Welt zusammen läuft. —" Liah war sofort bereit, obgleich sie ein heimliches Grauen empfand. „Was hat er denn getan?" fragte sie „hat er einen Menschen gemordet?" „DaS nicht — viel ärgeres hat er getan — ein Verbrechen gegen den Heiligen Geist." Liah atmete leichter auf, vor einem Mörder hätte sie sich gefürchtet, doch im übrigen war sie nicht furchtsam. „Wo ist der Schlüssel?" fragte sie. „Dort in der Tischschublade — dort findest auch Feuerzeug — Kienspahn mußt auch mitnehmen — sonst findest dir nicht zurecht — drunten ist's finster." Ein Schauer überlief das warmherzige Kind. Unten im finstern Keller ein Gefangener, der nichts weiter begangen hatte als ein Verbrechen gegen den Heiligen Geist — das konnte ihrer Ueberzeugung nach nichts arges sein — und der arme Mensch hatte seit achtundvierzig Stunden keine Nahrung erhalten! — Zitternd vor Eile entsprach sie dem Wunsche des Küchenmeisters. Hastig entfernte sich Liah, begab sich zuerst in die Küche, um sich dort Brod geben zu lasten, füllte dann am Brunnen einen Krug mit Wasser und dann gina's hinunter in den Keller. Born war's noch ziemlich hell, aber je weiter sie hinunter kam, desto finsterer ward es, ohne den brennenden Spahn hätte sie sich schwerlich zurecht gefunden, obgleich sie auf den unteren Stufen der zweiten Stiege wimmernde und jammernde Laute vernahm. Das Herz zog sich ihr zusammen, hastig eilte sie weiter, den unheimlchen Lauten nach. Plötzlich blieb sie wie gebannt stehen, Worte waren an ihr Ohr gedrungen, die sie seit sechs Jahren nicht vernommen, eine Mannesstimme hatte laut gerufen: „Sch'ma Jisroel!" Unwillkürlich sprach sie das folgende: „Adoschem Elokenu! Adoschem Echod J" Sie vernahm einen unartikulierten Schrei, dem ein wildes Schluchzen folgte. „Ein Jud'! ein Jud'! ich verschmachte! gib mir Wasser!" --- Rasch trat sie zu der Tür des Verschlages, hinter der sie das Schluchzen vernommen und schloß nach Anweisung des Küchenmeisters die Lücke auf, die sich in der oberen Hälfte der eisernen Tür befand. „Haltet euern Krug her, damit ich euch frisches Wasser hinein gießen kann!" sprach sie schauernd. Der Gefangene entsprach ihrer Aufforderung, sie hörte ihn gierig trinken, bis er endlich tief aufatmete: „DaS hat gut getan, gelobt sei Gott!" „Und hier, wollt ihr nicht das Brod nehmen?" „Gewiß, ich würde doch sonst verhungern. Aber saget mir nur um's Himmelswillen, wie kommt Ihr, ein Jud —" „St! st!" unterbrach ihn Liah, ängstlich um sich blickend „kein Mensch weiß, daß ich Jude bin, sonst wäre ich verloren. Aber der Küchenmeister ist krank und hat verlangt, daß ich ihn pflege und—" „Was? krank ist der Küchenmeister? Der ist der Aergste, gelobt sei Gott, der das vergossene Blut feines Volkes rächt! — Und er hat euch die Schlüssel gegeben, daß Ihr mir Brot und Wasser bringen sollt?" „Gewiß, sonst hätte ich's doch nicht können — und ich habe doch auch nichts von euch gewußt." „Freilich nicht — freilich nicht — das ist von Gott! — von Gott! Der große allbarmherzige Gott will sich meiner erbarmen — darum hat er den Küchenmeister krank werden lassen und hat gemacht, daß er einem Juden den Schlüssel gibt — Ihr werdet mir helfen, werdet mich befreien, das weiß ich ganz gewiß." „Wenn ich das könnte, ich täte es gern, aber ich weiß nicht, wie ich's könnte." „Ihr könnt's, das weiß ich gewiß, unser großer Gott tut nichts umsonst — weshalb wäre denn der Küchenmeister erkrankt? und weshalb hätte er grade euch, einem Juden die Schlüssel gegeben? — Denn an dem kleinern Schlüssel, mit dem Ihr die Luke aufgeschlossen habt, hängt ein großer Schlüssel, der paßt zu der Tür. Schließet sie auf, ich bitte euch um Gottes Barmherzigkeit willen! lasset mich hinaus!" „Ihr überlegt nicht, was Ihr verlangt, was nützt es euch, wenn ich die Tür aufschließe, das Kloster ist voll Menschen, so wie Ihr herauskommt werdet Ihr gefaßt und weil man weiß, daß ich zuletzt bei euch war, wird man mich auch einkerkern." Der Gefangene schwieg nachdenklich. „Aber setzte Liah tröstend hinzu, verzweifelt nicht, ich werde den ganzen Tag darüber denken, vielleicht fällt wir doch ein, wie ich auch helfen könnte. Morgen komm ich wieder, jetzt muß ich eilen, daß ich hinauf komme, sonst könnte es auffallen, daß ich zu lange bei euch verweile. Auf Wiedersehen bis morgen!" Mit Heißhunger machte sich der Gefangene an das Brot, denn er hatte am Tage zuvor nicht das Geringste gegessen, trotzdem war sein Hunger sehr bald gestillt, denn die Hoffnung, die der jüdische Knabe in ihm erweckt hatte, hatte ihn satt gemacht, erfüllte all sein Sinnen, all sein Denken. — Ob dem Knaben etwas einfallen würde? und ob das gelingen würde? — Wenn er nur nicht so rasch fortgeeilt wäre, wenn sie die Sache gemeinschaftlich beraten hätten, vielleicht wäre ihnen eher etwas eingefallen. Aber der Knabe hatte doch recht gehabt, wenn es irgend Jemanden ausgefallen wäre, daß er länger als notwendig bei dem Gefangenen verweilte, so wären ihre bestersonnenen Pläne zu nichts geworden. Wenn nur erst wieder der Morgen käme, daß er wüßte ob dem Knaben etwas eingefallen. -r- Es duldete ihn nicht an demselben Ort, trotz der Enge des Raumes rannte er unablässig hin und her, und stieß sich fast jedesmal an der ckalten, unebenen Steinwand, denn um ihn her war es finster. — Und schon zwei Jahre, zwei volle Jahre schmachtete er in diesem elenden Loch, ohne Hoffnung auf .Erlösung. — Und nun mit einem mal die Hoffnung in ihm erwacht. — Er preßte beide Hände gegen das wildpochende Herz, es war als wolle es die Brust zersprengen. „Barmherziger Gott im Himmel, hast du bereits getilgt meinen Frevel aus deinem Schuldbuche? —-Allbarmherziger Gott, hast du meine Schuld bereits verziehen?" Ihm war, als vernehme er die Gottesstimme, die einst zu Moses gesprochen hatte: „Solachtt ktdworecho!" — Ich habe verziehen nach deinen Worten! — Und mit geschloffenen Augen sah er den finsteren Raum von Sonnenstrahlen durchflutet und mit geschloffenen Augen blickte er hinaus in die lichte Gotteswelt, hörte die Insekten summen im Sonnenschein und die Vögel jubilieren hoch im Aether und blickte auf blumige Wiesen, auf grünende Felder und Wälder und lauschte auf das Murmeln silberheller Bäche und auf das Rauschen der Ströme, die zum Meere hineilten und höher und höher hob sich seine Brust. „Mein Gott! hast du mir verziehen?" Da gingen ihm doch wieder die Augen auf, er blickte wieder um sich in die schaurig trostlose Nacht des finsteren Kerkers. — Ein Strom von Tränen entstürzte seinen Augen. — Doch als die Tränen versiegt waren, da war es wieder still und sanft in seinem Herzen und mit iüniger Resignation sprach er laut: „Mein Gott, dein Wille geschehe!—" Ihm selber unbewußt hatte er sich wieder auf den Erdboden niedergelassen, stemmte die Ellbogen auf die Kniee und stützte mit beiden Händen das schwere, müde Haupt. Die Augen waren ihm wieder zugefallen, aber vor sein Geisterauge zog sein ganzes bisherigen Leben vorüber. Er sah sich wieder als Jüngster int Kreise fröhlicher Geschwister unter der Leitung liebvollster Ettern. Unwillkürlich mußte er lächeln, wenn er des kleinen Knaben gedachte, der so stolz an der Hand des Vaters einherschritt zur Synagoge, wo sie die Sabbathbraut empfangen wollten, und dem Gesänge des Borbeters lauschten, der dem Kinde wie Sphärenmusik erschien; so, ganz gewiß so mußten die Engel Loblieder singen aus Gott den Herrn — und wenn nach beendetem Gottesdienst der Vater segnend die Hände auf sein Haupt gelegt und auf die Häupter seiner älteren Brüder — und wenn sie dann nach Hause kamen in das sabbathlich geschmückte Heim, das die achtarmige Sabbathlampe traulich erhellte, und die Mutter in sabbathltchem Gewand sie begrüßte und die Kinder gleichfalls segnete, während der Vater im Zimmer auf und nieder ging und die Engel Gottes, die Engel des Königs der Könige willkommen hieß in seinem Kreis — und wie er dann mit seiner schönen vollen Stimme das Loblied der echtjüdischen Frau sang: Ein wackeres Weib — der das findet — höher als Perlen ist ihr Preis! usw. Und wie.er nach jeder Strophe der Mutter liebevoll zugenickt hatte, als wollte er sagen: ich habe es gefunden, das wackere Weib! — So jung er auch noch gewesen war, den Blick des Vaters hatte er verstanden und hatte mit den Brüdern gleichfalls der Mutter zugelächelt. — Und wenn sie sich um den Tisch gereiht hatten, der Vater zuerst über funkelnden Wein den vorgeschriebenen Segen gesprochen hatte und dann über die weißen, schön geflochtenen Brode, und wenn sie dann unter heiteren Gesprächen die herrlich duftenden schmackhaften Speisen zu sich genommen hatten — dem Gefangenen lief noch das Wasser im Munde zusammen, wenn er daran dachte. — O, wie war er so glücklich gewesen! — wie schön waren die Jahre seiner Kindheit gewesen, und überhaupt seine ganze Jugendzeit, so lange die Eltern gelebt hatten. (Fortsetzung folgt.) . j 1 un Ti de' ur fiö ft sei ru ei, ai ge w de sic sei Ä T xu te ei ft ft P B <§ d, w <§ st Q

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.