Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-06-29 · Heft 26 (29.6.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 26 (29.6.1911)
Date
1911-06-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448830--66696-2494870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(Fortsetzung.) ’emUeton. Historischer Roman von Sara Gugeuheimer. Es war in der Charwoche, der Bedarf an Fischen war ungleich größer als zu anderer Zeit. Aber die Schmiedin hatte sich bei einem Kindtaufschmaus eine Indisposition zugezogen, hatte sich überdies beim Heimgehen erkältet, weshalb Liah sie dringend bat, ihr für diesesmal den Fischfang allein zu überlaffen, sie könne überzeugt sein, ihre sämtlichen Kunden würden befriedigt werden. Davon wollte die rüstige Frau jedoch absolut nichts wissen, sie wäre nicht krank und die Arbeit hätte ihr von jeher nur gut getan, namentlich die auf dem Waffer. Aber das Wetter war nichts weniger als günstig/ die feuchte eisige Luft kroch, wie der BolkSmund sich ausdrückt, in die Menschen hinein und durchkältete sie bis auf die Knochen. Liah sah, daß die Muhme sich mehr und mehr unbehaglich fühlte, doch war sie außerstande, sie zu bewegen, sich von ihr nach Hause rudern zu laffen. Als sie aber am Abend heimkamen, überfiel die kräftige Frau ein so heftiger Schüttelfrost, daß Liah in höchste Angst geriet. Sie war ihr beim Auskleiden behilflich, und kochte ihr Glühwein und heißen Tee, und als alles nicht nützen wollte, lief sie hinüber zu den Benediktinern und bat den Bruder Küchenmeister, der, wenigstens seiner Ansicht nach, bedeutendes medizinisches Wissen hatte, zu seiner erkrankten Verwcmdten zu kommen. Derselbe war auch sofort bereit und tat schon unterwegs sein möglichstes, den weichherzigen Buben, wie er ihn nannte, zu beruhigen. Bei solch unfreundlichem Wetter den größten Teil des Tages auf dem Waffer fein, da müsse ein jeder sich unbehaglich fühlen, er staune nur über den Diki, daß es dem nichts habe antun können. Aber das mache die Jugend. Freilich wäre die Muhme doch auch noch niot alt, und darum brauche der Dickt absolut nichts für sie zu fürchten, bis morgen würde ihr sicherlich wieder gut sein. Als er jedoch zu der Kranken kam, erkannte er sofort, daß die Sache weit ernster war als er gefürchtet hatte, denn die sonst so freundliche redselige Frau erkannte ihn nicht, schien nicht einmal ihren Liebling, ihren Dickt, zu erkennen. Er verweilte eine Zeitlang an ihrem Bette, sagte Liah, sie möge einen großen Topf Lindenblüten- oder Fliedertee kochen und die Kranke alle halbe Stunde einen großen Becher heißen Tee trinken lassm, bis dieselbe in starken Schweiß gekommen sein würde. Dann wäre es gut, dann brauche sie nichts weiter zu tun, sondern können sich ruhig niederlegen. Er selbst würde in den Frühstunden des folgendes Tages wieder kommen und nach der 5kranken sehen. Mit größter Gewissenhaftigkeit befolgte sie die Anordnungen des erfahrenen Mannes und hatte nach einiger Zeit die.Genugtuung, Schweißtropfen auf der Stirn der Kranken perlen zu sehen. „Gott sei Lob und Dank," flüsterte sie in sich hinein, „nun wird's gut werden." Sie setzte sich zu ihr an das Bett, trocknete ihr fleißig das feuchte Angesicht und sprach liebevolle Scherzworte zu ihr. Aber die Kranke erwiderte nichts, mit geschloffenen Augen lag sie da, hin und wieder unverständliche WoÄe murmelnd. Ltahs Angst steigerte sich von Stunde zu Stunde, sie glaubte den Morgen kaum erwarten zu können. Glücklich war sie, als es endlich tagte und als dann nach einigen Stunden der Bruder Küchenmeister wieder in das Krankenzimmer trat. Mit schlecht verhaltenem Schluchzen berichtete sie ihm den Verlauf der Nacht. „Aber Dickt, Dickt, wer wird denn weinen! Du wirst dein Lebtag kein Mann werden. Und wegen was . denn die Lamentiererei? Der Muhme ist doch gar nicht so arg, jetzt schläft sie ruhig, hat nicht einmal große Hitze, ihr wird sehr bald wieder ganz gut sein." „Glaubt Ihr das wirklich, ehrwürdiger Bruder r" fragte Liah zagend, „wird die Muhme bald ganz gesund sein?" „Aber gewiß, Buberl, brauchst den Kindskopf nicht hängen laffen." „Aber fortgehen darf ich doch nicht?" „Na freilich nicht, man kann doch nicht wiffen, wie lange es so gut bleibt." „Ich hätte schon ftüh fortgehen sollen, die Stadtleute warten auf die Fische, aber ich habe mich nicht sortgetraut. —Wenn aber die Muhme aufwacht und hört, daß die Fische noch nicht fort sind, dann ärgert sie sich, das möchte ich auch nicht." „Bist ein braver Bub, das muß man sagen," versetzte der Geistliche, ihm freundlich zunickend. „Weißt, so könnten wir's machen. So und so oft hast du den Nachbarsleuten schon ausgeholfen, mir scheint, in der ganzen Nachbarschaft gibt es kein Haus, in dem du nicht manchesmal Obacht gegeben auf die Kinder und aufs Gesinde und auf alles mögliche. Jetzt sollen sie dir helfen. Lauf' nebenan in die Nachbarhäuser und hole dir etliche von den größeren Buben und Mädchen und gib ihnen die Fische und sage ihnen, wohin sie sie tragen sollen. Wenn du dich tummelst, bleibe ich da, bis du zurückkommst. „Ich danke Euch, ehrwürdiger Bruder, gleich werde ich wieder da sein." Sie eilte hinaus in die Nachbarhäuser und klagte dort ihr Leid und überall war man sofort bereit, dem Fischerbuben zu helfen, der allen schon so oft geholfen hatte. Schon nach wenigen Minuten kam Liah mit einer Anzahl - größerer Kinder zurück, denen sie die Fische übergab und die sie in die genannten Häuser zu bringen versprachen. Dann öffnete sie leise die Tür des Krankenzimmers und trat ein. „Die Muhme schläft noch immer? Hat sie nicht nach mir verlangt?" „Nein," versetzte der Küchenmeister, sie schläft ganz ruhig in einem fort. Hast du jetzt alle deine Fische versorgt?" „Alle, bis auf die, die ins Waffer sollen." „Um die brauchst du nicht zu sorgen, ich werde einen Laienbruder herschicken, der sie holen wird. Und nun behüt dich Gott, Bub, gib gut acht auf die Muhme, wenn sie aufwacht, gib ihr Tee oder auch Waffer so viel sie will. Aber Angst zu haben brauchst du nicht. Jetzt muß ich gehen, aber gegen Abend werde ich wieder nachschauen, werde die Muhme hoffentlich schon wieder frisch treffen. Der ruhige Schlaf muß ihr doch gut tun." „Ich danke Euch, ehrwürdiger Bruder," sagte Liah, indem sie die Hand des Geistlichen an ihre Lippen zog. Er streichelte ihr liebkosend die zarten Wangen, nickte ihr grüßend zu und entfernte sich. Die Kranke schlief ruhig weiter, ob das aber in Wirklichkeit ein Schlaf war, der ihr gut tun mußte, war sehr zu bezweifeln. Während des anzen Tages schlug sie auch nicht ein einziges al die Augen auf und ihre Brust hob und senkte sich oft unheimlich rasch. Ihr Angesicht glühte und ihre Lippen waren heiß und trocken. Liah wich nicht vom Krankenbette, wandte keinen Blick von der sichtlich schwer Leidenden, obgleich sie in der verfloffenen Nacht kein Auge geschloffen hatte. Im Laufe des Tages kamen die Nachbarinnen, eine nach der anderen und jede brachte gute Ratschläge und erbot sich, die Nacht bei der Kranken zu wachen. Liah lehnte alle derartige Anerbieten dankend ab, denn sie wähnte, keine könne die Kranke io gut Pflegen wie. sie. Als aber der Geistliche Nachmittags wieder kam und von den Frauen hörte, daß der schmale blasse Bub auch die kommende Nacht zu durchwachen beabsichtige, da tat er einen Machtspruch, daß eine der Nachbarinnen unbedingt die Nacht bei der Kranken wachen müsse, denn auf einen schmächtigen Buben, der seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen habe, könne man sich nicht verlassen. Und darin hatte er recht, das mußte sogar Liah schließlich anerkennen, denn trotz ihrer festen Absicht, wach zu bleiben, konnte sie sich schon gegen Abend kaum aufrecht halten und bei Einbruch der Nacht fielen ihr die Augen zu, sodaß sie beinahe stehend eingeschlafen wäre. Nicht ohne Anstrengung erhob sich Liah und schwankte taumelnd ihrer Lagerstätte zu, auf die sie sich niederwarf, ohne sich zu entkleiden, dazu hätten ihre Kräfte nicht mehr hingereicht. Einen Momant empfand sie das Behagen des gestillten Ruhebedürfniffes, doch nur einen Moment. Dann empfand sie nichts mehr. Sie schlief so fest, daß sie es nicht hörte, wie die Kranke wiederholt laut aufschrie, wiederholt laut lachte, und längere Zeit unzusammenhängende Reden führte. Trotz ihres Versprechens kam es der Nachbarin nicht in den Sinn, den Buben zu wecken, was hätte er auch dabei tun können? Gegen Morgen schien das Fieber nachzulaffen, die Kranke ward ruhiger und als der erste Sonnenstrahl das Zimmer erhellte, schlug sie die Augen auf und blickte staunend um sich. Was wollte die Nachbarin bei ihr und wo war ihr Dickt? Jetzt hielt es die Pflegerin doch für angezeigt, den Buben zu wecken. Sie mußte heim zu ihren Kindern, und er hatte die ganze Nacht ohne Unterbrechung geschlafen. „Dickt!" rief sie, indem sie an sein Bett trat und seine Schulter, berührte, „wach auf, Dicki, ich muß heim gehen, und die Muhme hat nach dir verlangt." Die Kranke atmete tief auf und wandte den Kops seitwärts. „Wo ist die Nachbarin?" „Die ist schon fort gegangen, sie mußte nach Hause, weil ihr Mann zur Arbeit geht — aber wenn Ihr etwas von ihr wollt, so kann ich sie zurückrufen. Soll ich?" „Nein! nein! — nicht rufen — aber — ist das Haus zu?" „Ich werde Nachsehen." „Schieb' den Riegel vor." Liah ging hinaus und kam gleich darauf wieder herein. „So, das Haus habe ich wieder zugemacht und den Riegel vorgeschoben. Jetzt könntet Ihr noch ein wenia schlafen, es ist noch früh." Die Kranke machte eine ablehnende Bewegung, dann sprach sie mit sichtlicher Anstrengung, aber doch ziemlich laut und deutlich. „Nimm die Decke und die Betten aus deiner Bettstatt — und die Streu auch —" Liah befolgte ihre Anweisung und blickte dann fragend zu ihr hinüber: „Was nun weiter?" „Jetzt drückst mit dem Finger in die Bettecke links, dann wird unter dem letzten Brett rechts ein Kasten hervorspringen und den bringst mir her." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.