Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1911)
- Date
- 1911-06-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448829--66671-2494844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
»er SJftoätt. illal lacrimae, auf deutsch „deshalb das Zirkular" — niemals aber haben wir in irgend einer Gemeinde aus unserem Standpunkt ein Hehl gemacht, ja wir dürfen es ruhig sagen, wir hatten schon in mancher Gemeinde recht interessante religiöse Debatten zu führen, die uns G. £. bewiesen, daß die westfälischen Landgemeinden und Stadtgemeinden Urteilskraft genug besitzen, um selbst urteilen zu können. Wir wisien uns von jeder Bevormundung und Knebelung der unserem Verein angehörigen Gemeinden frei und drängen niemandem unsere Ueberzeugung auf — wie das der Verband in seinem Zirkular selbst so schön besorgt. Denn natürlich weiß die Leitung des Verbandes ganz genau, welches die religiöse Ueberzeugung eines jeden einzelnen westfalischen Juden ist/ sie mpß und darf eben nicht der von Bielefeld ausgehenden Parole widersprechen, sonst — jetzt erscheint der Pferdefuß — gibt es keine Subventionen mehr!! Denn so -eoht man den Verbandsgemeinden: „Selbstverständlich würden Sie durch den Anschluß an den genannten Verein den Zuschuß unseres Verbandes verlieren." Es ist das jener berühmte, fast hätten wir gesagt berüchtigte Liberalismus, dem kein Mittel zu gut ist, um eben die Andersdenkenden zur alleinseligmachenden „liberalen Weltanschauung" zu bekehren. Hätte so etwas die Leitung unseres Vereins geschrieben, die Welt hätte wieder etwas von Fanatismus, schwarzen Machinationen, Hyperorthodoxie, Jesuitismus u. dgl. zu hören bekommen. Doch offen gestanden, wir haben für diese Sache schon zu viel Zeit und Tinte verschwendet. Sowohl Zeit wie Tinte können bester dazu verwandt werden, die westfälischen Gemeinden aufzuklären, was süddeutsche Hochorthodoxie und Bielefelder Liberalismus sind. Kapisoti kat! Br. ßacbwort der Redaktion zum vorstehenden Artikel. Der Herr Einsender aus Westfalen hat wohl nicht unrecht, wenn er sich damit begnügt, den Geheimerlaß des westfälischen Synagogenverbandes niedriger zn Hänge». Es hieße einem solchen Pamphlet, das einen mit akademischer Bildung abgestempelten Herrn zum Verfasser hat, zu viel Ehre erweisen, wollte man sich eingehender damit beschäftigen. Aber diese feige, hinterlistige und niedrige, verleumderische und gewalttätige Mtnterarbeit scheint in den Kreisen der Neologie System zu sein, und darum knüpfen wir noch diese Zeilen an die obigen Ausführungen unseres geschätzten Mitarbeiters. Peitsche mttnehme und damit knalle und immer- Hu und Hotto rufe, da laufen die Pferde viel schneller und Papa kommt viel früher zu dir zurück". Die Eltern sahen sich lächelnd an. „Nun so fahre mit, aber erst gehe zu Lenchen und laß dich ankleiden". Doch zuerst sprang der Kleine auf das Sofa und küßte seiner Mutter die Wangen rot, dann rannte er fort. Nach wenigen Augenblicken kam er zurück ein gesticktes Sonntagsmäntelchen um die Schultern, ein Hütchen mit weißer Feder auf den langen blonden Locken und seine Peitsche hatte er auch nicht vergessen. „Komm, Papa, ich bin schon fertig und dein Kabriolet steht auch schon im Hofe," und er ergriff die Hand seines Vaters, um ihn fortzuziehen. Doch dieser umarmte erst seine Gattin. « „Adieu, liebes Herz, in einer Stunde sind wir sicher zurück, doch ängstige dich tricht, wenn es auch um ein paar Minuten später werden sollte." „Mama," rief Emil und schwenkte grüßend fein Hütchen. Arabella sah ihnen nach, sie gewährten in der Tat einen herrlichen Anblick, Artur in der Blüte der männlichen Schönheit und Emil mit seiner Cherubsgestalt. Arabellas Auge aber umflorte eine Träne. Auf dem Gemeindetag am 11. Juni in Berlin versuchten ebenfalls die neologen Großgemeinden den kleinen Gemeinden die Pistole auf die Brust zu setzen. Ballenstedt, o Ballenstedt, wie bist du doch berühmt geworden! Und Aattenstedt ist Krumpf! Ballenstedt darf nicht mehr sagen, was es will, weil es seinem Nachbar Dessau nicht gefällt. Und Dessau selbst ist ein ehrenwerter — Almosenier. — — Wie sagte einst ein Bürgermeister?-Und Ballenstedt ist Trumpf! Fürchtete doch auch so manche rheinische Gemeinde, ihren Gesinnungsgenossen ihr Mandat zum D. I. G. B. zu geben, denn mit ähnlichen Zuschriften, wie die im Leitartikel wiedergegebene, beehrte auch die Leitung des D. I. G. B. vor der Tagung am 11. Juni die kleinen Gemeinden. Siuschnchterung und Krpressung sind die modernsten Mittel des „norddeutschen „„Liberalismus"". Wahrhaftig „liberal"!! Das mögen die kleinen Gemeinden nur wissen und es sich gut merken, wessen sie sich von den neologen Verbänden, die stets auf die Orthodoxie schimpfen, zu versehen haben. So behandelt man keinen Bettler, wie man es wagt, die Landgemeinden zu behandeln! Mit Geld schließt man ihnen den Mund! Ihr Gemeinden, seid Manns genug, Eure Ehre zu verteidigen. Verkauft euch nicht! Sei) stark und mutig. Ihr findet auch anderswo noch Hilfe! Cime traditionelle und neuzeitliebe jüdische Pflicbt-Auffassuna. Bon Dr. A. Neuwirth in Berlin. III. vie Stellung Babyloniens?ur Begründung der tynagogalen Riten. Wenn man die Form und den Inhalt unserer täglichen Gebete, der täglichen „reifen Frucht der Lippen" mit flüchtigem Blick betrachtet, mit nicht genügend tiefem und durchdringendem Verständnis an ihre Bewertung sich heranwagt, so fällt einem gar manches auf, gar manche Stelle erscheint einem fremdartig, das Wesen mancher Liturgie gestaltet sich merkwürdig. Dieses Verfahren führt dann sehr leicht und leider auch sehr oft zu dem Endresultat, daß man da und dort deutliche Anhaltspunkte und klare Beweise für die Umgestaltungsbedürftigkeit IX. Kaum eine halbe Stunde war vergangen, als sie einen Wagen vor dem Hause halten hörte. Sollte Artur es sein? Dazu war es noch zu frühe. Schon fürchtete sie Freunde, die ihr in ihres Mannes Abwesenheit doppelt unangenehm gewesen wären, aber wie rasch verwandelte sich ihr Mißvergnügen, als die Türe sich öffnet und ihre Eltern, die sie schon seit einigen Monaten nicht gesehen hatte, herein traten. Freudig eilte sie ihnen entgegen, die Ueberraschung hatte ihr Kräfte geliehen, die sie noch vor wenigen Minuten nicht besessen, und auch ihre Wangen waren mit zartem Rot überzogen. Die Eltern waren freudig Überrascht. „Kindchen, du blühst ja wie eine Rose", sagte der Kommerzienrat und klopfte ihr liebkosend auf die Wangen. „Und wir waren in der Tat besorgt", fügte die Kommerzienrätin hinzu, „wir hörten soviel von deiner Schwäche und deinem leidenden Aussehen. Gott sei Dank, daß man dein Unwohlsein Übertrieben". „Ich bin in der Tat zuweiten leidend" entgegnete Arabella, die ihre Kräfte wieder abnehmen fühlte, „doch so sehr arg ist's nicht/" „Aber Kind, bist du denn ganz allein? Heute auch der tiefsten und heiligsten Herzensergüsse der mit dem heiligen Gottesgeist ausgestatteten Männer, der Gebete/ die von den Propheten oder den Männern der großen Synode herrühren, entdeckt zu haben glaubt, Demgemäß könnte so manches Gebet gekürzt oder gestrichen werden. Was soll, so fragt sich dieser. „Wahrheitssucher", noch heute das Gebet Jekum Porkon, eine Bitte für das Wohlergehen der Richter, die an der Pforte der Stadt saßen, der Häupter der Lehrhäuser und der Leiter der Kallamonate (der Lehrmonate im Adar und Elul) noch bedeuten, da doch diese Institutionen schon längst nicht mehr bestehen? Ferner fragt sich dieser Kritiker, warum richten wir uns bei gewissen GebHen, die nur in einer genau bestimmten Zeit im Ritus verwendet werden, so das Gebet um Tau und Regen, das man 60 Tage nach der Herbstjahreswende beginnt und bis Pesach sagt, nach der babylonischen Regenzeit? Sollten wir uns nicht nach dem Lande, in dem wir leben, richten, sagt doch schon Jeremias: Und betet für sie (die Stadt und den Staat Babylonien), denn wenn sie im Frieden lebt, so genießt ihr ihn auch" (Jer. 29,7). Wenigstens sollten wir uns doch nach Palästina richten. Und dann, warum halten wir noch heute die einzelnen Festtage, die in Palästina nur einen Tag gefeiert werden, noch immer zwei Tage? Warum soll bezüglich der Festtage Babylon bestimmend sein, dieses Land, in dem man zuerst wegen des unzulänglichen Nachrichtendienstes aus der heiligen Stadt Jerusalem, in der der Neumond von dem Synhedrium bestimmt und geheiligt wurde und von wo aus diese Kunde überallhin in den 14 Tagen bis zum Feste getragen und verkündet wurde, maßgebend bleiben, weil nur in Babylonien, wo die Nachricht der Neumondsheiligung wegen der weiten Entfernung bis zum Feste nicht hingelangte, ans Zweifel, ob des richtigen Festtages zwei Tage abgehallen werden? Sehen wir nun die Sache etwas näher ati und versuchen wir mit ein paar Worten die Stellung, die Haschem für das Golusland im allgemeinen durch seine klaren, deutlichen und sichtbaren Fügungen vorzeichnete und es wird der Schlüssel zur Lösung all der genannten Schwierigkeiten von selbst gegeben sein. Bet achten wir zu diesem Ende die Stammväter, deren Taten und Erlebnisse ihren Nachkommen zum bedeutungsvollen Vorbild sein sollten. Eine der zehn Prüfungen, mittels derer Gott die Ergebenheit, das Vertrauen Abrahams auf seinen Schöpfer und seinen himmlischen Vater erproben wollte, war Ur Caßdim der feuersprühende Öfen der Chaldäer (Gen. 15,7). Abraham ließ sich wegen seiner Ueberzeugung von seinem Gott, auf üm Sonntag ist Artur doch auch nicht im Kontor, und wo ist oer Kleine? „Artur hatte Herrn von Walter einen Besuch zu erwidern, und Emil, der kleine Schelm, hat so lange gebettelt, bis er mitgenommen wurde"- --Setze dich, liebes Kind", bat der Kommerzienrat, „das Stehen scheint dich doch anzustrettgeü, Mama wird sich ihrer Mantille it schon allein entledigen". Arabella winkte dem Diener, ihrer Mutter bebülflich zu sein, ließ dann Lehnsessel für ihre Eltern herbeirücken und legte sich wieder aufs Sofa- „Bist du oft so schwach, Bella?" fragte ihre Mutter. „Zuweilen, der Doktor hat mir deshalb Seebäder verordnet und Ostende vorgeschlagen, ich habe aber durchaus keine Lust dazu". „Warum nicht?" frug der Kommerzienrat, „das könnte dir in der Tat von Nutzen sein, Seebäder sollen sehr kräftigend sein". Arabella zuckte die Achseln. „Gebrauchen werde ich sie zwar, aber ich verspreche mir nicht viel Erfolg". (Schluß folgt.)