Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-06-15 · Heft 24 (15.6.1911) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 24 (15.6.1911)
Date
1911-06-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448828--66655-2494827
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ankfurt Wo feg, ms usgang «IsWin'? S ) ) ) ) J ) 40 U 09 25 25 22 18 t UNd c zu- — BS 23. N Ken. -B 7 rter, und chte ife Hab. für GarfÄUt ungsallgec wic i (Äijartrr annt-! und t .bätschen 1875, Mart 31V* ioitni rrüttaben>- &nb: i aus Verchs-n über »illon czlich »essen und Ab. 8. roten fast oarz- :?F. Ber rci richtigen, icher eden, :nde, etter lden, Kier rvür Der a r - fisch ldcre mag 'gioals ende hlen euilleton c/w im. Historischer Roman von Sara Gngeuheimer. (Fortsetzung.) Doch bevor ste den Lafttch schnitt, stieß sie ein reines Messer zwölf mal an verschiedenen Stellen in die Erde, dann erst schnitt sie die Pflanzen damit. Sie hatte Aehnliches von dem Vetter gesehen, wenn ein Irrtum mit Messern vorgekommen war, wenn mit einem Buttermeffer Fleisch geschnitten worden war, oder umgekehrt. Oh das nun auch für das Pafsahfest genügend war? — Sie wußte es nicht, aber sie hoffte mit Zuversicht, Gott würde ihr verzechen. Und unaufhörlich überlegte sie, was sie noch zum Abend vorbereiten könne. Sie nahm auch einige Frühlingsretttche, und als die Schmidin ihr ein Et brachte, das sie auf Rat des Bruder Küchenmeister noch trinken sollte, da legte sie es in die heiße Asche und ließ es darin braten und schließlich schälte sie einen Apfel, schabte denselben, mischte das Geschabte mit etwas Honig, und legte Alles auf große grüne Blätter, die sie im Garten gepflückt und beim Brunnen abgespült hatte. Kopfschüttelnd beobachtete die Schmidin das Treiben des Kindes, das sie zwar nicht verstand, aber sie glaubte doch daraus zu ersehen, daß Liah sich bei ihr wie zu Hause fühlte, mehr verlangte sie vorläufig nicht. Aber die leichten Arbeiten hatten die schwachen Kräfte des Kindes erschöpft, die Schmidin sah sie taumeln und wenn sie nicht rasch mit ihren kräftigen Händen zugegriffen hätte, wäre Liah höchst wahrscheinlich zu Boden gestürzt. Sie trug sie zum Bette, entkleidete sie und legte sie nieder und dann brachte sie ihr Ziegenmilch in einem der kleinen Töpfe, die sie geglüht hatte. Liah hatte sich sehr bald wieder erholt und wollte wieder aufstehen, doch die Schmidin erklätte es für bester, wenn sie liegen bleiben würde, sie wäre noch zu schwach den ganzen Tag außer dem Bette zuzubringen. Sie nickte dem Kinde fteundlich zu und eilte hinaus. Liah erwiderte den freundlichen 'Gruß, dann aber fuhr sie wiederholt mit der schmalen Hand über die Stirn, um sich in Erinnerung zu rufen, was alles der Vetter an den ersten beiden Abenden des Paffahfestes gesagt und getan hatte — denn wenn sie auch nicht alles tun konnte, was vorgeschrieben war, so doch das mögliche. Es dunkelte mehr und mehr, würde die Schmidin nicht bald kommen? — Mit wem mochte sie da reden? — sollte das vielleicht der Bruder Küchenmeister sein? Herr des Himmels! wenn der da wäre, dann konnte sie mit ihrer Sederfeier nicht anfangen, der wußte vielleicht etwas von den jüdischen Gebräuchen und hätte sie dadurch vielleicht' gar als Jüdin erkennen können. Das durfte sie nicht wagen, um keinm Preis! — Jetzt hörte sie lachen, aber das war nicht der Klosterbruder, sie wußte es mit Bestimmtheit) daS war der Nachbar, der mit der Muhme gesprochen hatte und ihr jetzt gute Nacht sagte. So, das war schön, sie hatte gehört, wie die Muhme ihm auch gute Nacht gesagt und dann die Haustür zugeschlossen hatte. Jetzt ging die Zimmertür auf und die Fra« kam herein. „So, da bin ich. Armes Kleines., du liegst im Finsteren, hast du dich nicht gefürchtet?" „Nein, gefürchtet habe ich mich nicht, wenn es auch finster ist, der liebe Gott ist doch auch im Finsteren bei mtt. Aber ich habe befürchtet, daß der Bruder Küchenmeister draußen bei euch gewesen wäre und daß er herein kommen würde." „Bor dem hättest du ftetltch deinen Kram nicht sehen kaffen dürfen, denn das ist ein gar gelehrter Herr, der weiß viel. Aber so spät bei Nacht kommt der nicht, das brauchst du nicht zu fürchten, nach dem Abendläuten bleiben die Klosterleute daheim, mir scheint, sie dürfen dann nicht mehr heraus. Ein Anderer wird auch nicht herein kommen, ich habe das Haus zugeschloffen. Und nun schau selbst, ob nichts fehlt." Das Kind atmete schwer auf, ach, chm fehlte doch so viel! — Aber sie überwand tapfer die aufsteigende trübe Stimmung, um die gute Frau nicht zu betrüben, die sich auf die Bank dicht neben ihr Bett gesetzt hatte. Dann nahm sie einen kleinen Rettig, sprach flüsternd den vorgeschriebenen Segensspruch und aß. Sie gab dann auch der; Schmidin einige Rettige. „Wollt Ihr sie?" „Warum nicht? Aber du mußt mir sagen, was das bedeuten soll." Liah fuhr sich mit der Hand über die Sttrn. „Genau weiß ich das wirklich nicht." „Haft denn den Vetter nicht geftagt?" „Ja gewiß, aber er hat gesagt, das ist nur, daß du fragen sollst. — Aber warum wir die bitteren Kräuter effen müffen, das weiß ich ganz genau, weil die Egypter unseren Vorfahren das Leben verbittert haben, sie haben sie nämlich gezwungen schwer zu arbeiten und wenn sie nicht mehr konnten, dann haben sie sie fürchterlich geschlagen. Große Städte haben sie bauen müffen für die Aegypter." „Und deswegen müßt Ihr an eurem Passah bittere Krauter essen?" „Nun ja freilich, weil wir immer daran denken sollen, wenn der liebe Gott unsere Bor. fahren nicht aus Aegypten befreit hätte, wo die Aegypter ihnen das Leben verbittert haben, so wären wir jetzt auch noch in Aegypten und die Aegypter würden unser Leben auch verbittern." Sie holte schwer Atem und fuhr sich mit der Hand über die Augen, die feucht geworden waren. — War es denn eigentlich heute beffer als damals in Aegypten? — Doch mit Gewalt drängte sie diesen Gedanken zurück. Es war doch beffer geworden, Gott hatte ihren Borfahren geholfen und würde auch ihr beistehen. Davon war sie fest überzeugt. Ihr selber vielleicht unbewußt flüsterte sie ihren Wahlspruch: Lischuosscho kiwisi haschem! — Dann nahm sie von dem Latttch, gab ein Weniges von dem geschabten Apfel dazu und aß es und gab dann auch der Schmidin davon. „Der geschabte Apfel sieht beinahe aus wie Lehm, den unsere Vorfahren auch zum Bauen gebraucht haben." „Der wird aber nicht so gut gewesen sein wie der, den du mir gegeben hast", sagte die Schmidin lächelnd. „Aber ich staune, was du nicht alles weißt/ du bist doch noch so ein kleines Kind. Ist das, was du da von euren Borfahren in Aegypten gesagt hast, schon lange her?" „O, schon sehr lange her, weit mehr als. zweitausend Jahre — vielleicht schon dreitausend Jahre — aber genau weiß ich das nicht. Habt Ihr denn noch nie davon gehört, daß die Kinder Israels Knechte waren in Aegypten und baß unser Gott uns befreit hat, uns heraüsgeführt hat aus Aegypten?" Die Schmidin zuckte die Achseln. „Wie hätte ich davon hören sollen? — überhaupt, was schon so lange her ist. — Möglich, daß sie im Kloster davon wiffen, aber Unsereiner—" „Es ist eine wunderschöne Geschichte, eine schönere könnt Ihr euch gar nicht denken, soll ich sie euch erzählen?" Kannst du denn das?" „O, ich denke wohl. Der Vetter hat sie doch an jedem Paffahfeste zweimal erzählt — so schön wie der Vetter werbe ich es freilich nicht können." „Aber es ist schon spät, mir scheint jetzt solltest du schlafen, morgen am Tage kannst du mir die Geschichte erzählen." „Ja, wenn es auch heute zu spät ist, so will ich euch die Geschichte morgen erzählen. Aber mir selbst erzähle ich sie noch heute Abend, das will der liebe Gott haben, daß wir die Geschichte am Abend erzählen, denn Er hat uns mitten in der Nacht befreit — denkt euch nur, um Mitternacht." „Wie komisch das klingt, wenn du sagst, er hat uns befreit — wie wenn Du dabei gewesen wärst". „Nun ja, der Vetter hat gesagt, jeder Jude muß sich betrachten, als ob Gott ihn selbst herausgeführt hätte aus Aegypten. Denn wenn Gott unsere Vorfahren nicht herausgeführt hätte, so wären wir doch noch dort." „Nun ja, das versteh ich. Dein Vetter war ein gescheidter Mann und du bist ein gescheidtes Kind und ein braves dazu. Und wenn du dir selber heute noch die Geschichte erzählen wirst, so werde ich zuhören, dann brauchst du sie mir morgen nicht extra zu erzählen." Das kleine Mädchen saß auftecht in ihrem Bette, hatte beide Arme auf die Knie gestemmt und stützte mit den Händen das liebliche Köpfchen, in dem sie es sich jetzt zurecht legte, was sie der Muhme erzählen wollte, denn das mußte doch etwas anders lauten, als was sie sich selbst erzählt haben würde. Und Liah fing an. Sie begann, wie sie es von ihrem Vetter gehört hatte, mit Abraham, der den Einig Einzigen Gott erkannt hatte, während sein Vater noch ein Götzendiener gewesen war. Dann kam sie kurz ans deffen Sohn Jizchack, auf deffen Enkel Jakob und aus seinen Urenkel Joses, der, als Sklave nach Aegypten verkauft, durch seine Weisheit alle Aegypter vor dem Verderben durch die Hungersnot gerettet hatte, weshalb damals die Aegypter sehr freundlich gegen die Kinder Israels gewesen wären. Dann wäre aber ein König gekommen, der gar nichts mehr von Josef hätte wiffen wollen u.s. w. Ste erzählte so anregend, so spannend, daß die nichijüdische Frau mit angehaltenem Atem ihren Worten lauschte, nur zweimal unterbrach sie sie, um ihr ein Töpfchen Milch zu reichen, denn das erregte Kind hatte länger als eine Stunde unaufhörlich gesprochen, die sonst so bleichen Wangen glühten, die Augen funkelten, der Atem ging rasch. Die Muhme machte das Zeichen des Kreuzes über ihren Liebling, löschte dann den brennenden Kienspahn und suchte ihre Lagerstätte auf und sehr bald vernahm sie die regelmäßigen leise säuselnden Atemzüge des schlummernden Kindes. Ein Lächeln umspielte die Lippen der Frau, wie war ihr daS ftemde Kind so rasch ans Herz gewachsen, als hätte sie es unter demselben getragen/ aber es war auch ein braves, gutes Kind, das an nichts anderes dachte als seine Pflicht zu erfüllen und das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht hatte ihm auch trotz seiner Erregung einen erquickenden traumlosen' Schlaf gebracht. (Fortsetzung Mgt.) —iS.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.