Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1911)
- Date
- 1911-06-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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«o. 28 «rite 8 »« JSraeltt. 8 Juni 1»11 siebentägigen Arbeitswoche für die nichtjüdische Bevölkerung in den betreffenden Gebieten und zwar ausgesprochen ermaßen infolge des jüdischen Sabbats führt. Daß dadurch le.'chl antisemitische Strömungen, die auch in den Kommissionsverhandlungen übrigens zutage traten, Nahrung finden können, liegt auf der Hand. Unter diesen Umständen mehren sich die Stimmen, die der Regierung empfehlen, das ganze Sonntagsruhe- Problem vorläufig zurückzustellkn und der individuellen Freiheit auf diesem Gebiete, wie es der englischen Tradition entspricht, weiter ihren Spielraum zu lassen. Der Staatssekretär, Mr. Churchill, der sich der ungeheuer schwer wiegenden religiösen Interessen, die hier für Zehntausende von Juden auf dem Spiel stehen, sehr wohl bewußt ist, möchte selbstverständlich die Sonntagsruhe-Bestimmung als solche um jeden Preis retten und nimmt als praktischer Politiker lieber die Schwierigkeiten, die da und dort entstehen werden, mit in den Kauf, als daß er auf die gesetzliche Regelung ganz verzichtete. Der Board of Deputies hat zu den Beschlüssen bereits Stellung genommen, und zwar wendet er sich sowohl gegen das Hineinziehen der kommunalen Behörden in ein Gebiet, das unbedingt einheitlich von der Zentralgewalt erledigt werden müßte, als auch gegen die vorgesehene Schaffung jüdischer Stadtgebiete mit Sonntagsarbeit für die Gesamtbevölkerung. Uns dünkt, daß es gerade in England vollem Verständnis begegnen müßte, wenn man von jüdischer Seite einfach dafür einträte, daß jüdische Ladeninhaber, die ihren Sabbat gewissenhaft beobachten, ohne jede örtliche Einschränkung, allerdings nur mit jütischem Personal am Sonntag sollten offen halten dürfen. Der Gedanke der Sonntagsheiligung ist unter der christlichen Bevölkerung Englands mächtig genug, um zu verhindern, daß die großen Masten der christlichen Bevölkerung ausgerechnet den Sonntag zu ihrem Einkaufstag machen sollten. Es könnte sich in dieser Beziehung nur um vereinzelte Ausnahmen handeln, und, wenn irgendwo, so gilt hier der Satz: minima, von curat praetor. Hoffen wir, daß es den anerkennenswerten Bemühungen der jüdischen Parlamentarier, hauptsächlich Lionel de Rothschilds und Stuart Samuels, sowie dem Board of Deputies gelingt, einen praktikablen Ausweg aus den vorhandenen Schwierigkeiten im angedeuteten Sinne zu sin-, den. Uttlirsttna. von Ser öemeinSeverwsltung. lw5wanSerung. Jerusalem, 3. Juni. Der „Waadhair", von dem wir bereits berichtet, hat sich nun als Gemeindeverwaltung definitiv organisiert. Er ist von 78 Wahlmännern, die nach einem von der Gemeindeversammlung genehmigten Wahlmodus gewählt würben, ernannt worden. In seiner ersten Sitzung am letzten Sonnta, an der fast alle gewählten Delegiert en teil«ahmen, wurde Herr I. Salomon zum Vorsitzenden und Herr S. Rubin zum Vizepräsidenten gewählt. Als Sekretäre wurden bestellt die Herren: I. Bardesch und S. Rafaelowitz. Es wurde dann eine fünfzehngliedrige Statutenkommission gebildet, die die Statuten abzufaffen und das Arbeitsgebiet des Waad abzugrenzen Hai. Ein vorliegender Antrag, 10 Mitglieder aus den Kreisen der Stadtältesten zu den Beratungen der Kommission zuzuziehen, wurde wit großer Stimmenmehrheit avgelehnt. Dagegen solle jedem Gemeindemitgliede das Recht zustehen, Anträge zu den Statuten an die Kommtssionsmitglieder zu stellen. Der von der Kommission ausgearbeitete Statutentwurf unterliegt der Genehmigung des Waad, der im Plenum jeden einzelnen Punkt gründlich durchzuberaten hat. 4- 4> * Infolge der anhaltenden Krise hat hier eine starke Auswanderung eingesesetzt, die immer noch in steter Zunahme begriffen ist. Aus Jerusalem wandern täglich ganze Scharen aus, zumeist nach Amerika. Und herzzerreißende Bilder spielen sich an der Bahn und in den Hafen von Jaffa und Haifa ab, da greise Eltern von ihren Kindern, junge Frauen und hilflose Kinder von ihren Ernährern Abschied nehmen, die die schreiende Not in die weite ungewisse Ferne hinaustreibt. Es sind lauter junge, kräftige Männer, die zum Wanderstabe greifen, so daß durch ihre Landesflucht eine Summe von Arbeitskraft dem Lande verloren geht und die Lage der in Palästina bleibenden Greise und Familien sich noch umso trauriger gestaltet. Uermiscfctes. Frankfurt a. M., 5. Juni. Die Gebweiler //Israelitische Wochenschrift" bringt in ihrer letzten Nummer stlgende von Dr. Eduard Bärwalb namens des Frankfurter Lola Komitees des Alliance Jsraelite Universelle Unterzeichnete Zuschrift: „Sehr geehrter Herr! Hierdurch teilen wir Ihnen ergebenst mit, daß j das hiefige Lokalkomitee der Aitonce Jsraelite Universelle in seiner Sitzung vom 24. Mai 1911 einstimmig beschlossen hat, das von der Deutschen Konferrnzgemetnschast in der Angelegenheit der ^Ergänzung des Zentralkomitees beobachtete Verfahren auf das schärfste zu mißbilligen und Verwahrung gegen dasselbe einzulegen. Auf Grund des Beschlusses des Lokalkomitees bitte ich Sie, hiervon den Lesern Ihrer Zeitschrift Kenntnis geten zu nollen." Von den Unstimmigkeiten zwischen dem Berliner Zentralbüro und dem Frankfurter Lokalkomitee der A.J.U. haben wir bereits berichtet. Diese Erkrärurg muß aber aufs höchste frappieren. Es würdr den Frankfurter Alliancemitgliedern kaum zur Ehre gereichen, entgegen dem Standpunkt der überwiegend großen Mehrzahl der deutschen Mitglieder so entschlossen für einen Mann wie Retnach eine Lanze zu brechen. Dem ist aber, wie jedem Etgeweihten bekannt ist, qar nicht so. In Wahrhe t steht auch der größte Teil der hiestgen Mitglieder der Alliance auf dem Berliner Standpunkt und „mißbilligt", um die Worte des Herrn Dr. Bärwald zu gebrauchen, „auf daS schärfste das Verfahren" des Frankfurter Lokalkomitees. Sein „einsttmmt, er" Beschluß und die Form, in der dieser zur öffentlichen Bekanntmachung gelangte, find daher um so unerklärlicher. Berlin, 4. Juni. Aus dem norddeutschen Büro der Deutsch-Holländischen Palästtna-Berw a l t u n g schreibt man uns: Unser Vertreter (r6ltt7D)/ Herr Rabbiner A. B. Cohn, hatte in dieser Woche die Ehre, von Ihrer Kgl. Hoheit der Großherzogtn Marte von Mecklenburg empfangen zu werden, die sich von ihm eingehendst Bericht über die palästinenstschen Berhältniffe im allgemeinen und die Deutsch-Holländische Palästtnarerwaltung im besonderen erstatten ließ. Herr Rabb. Cohn war der Großherzogin bereits von deren Anwesenheit in Jerusalem her bekannt und auch damals von dem Großhel zog Friedrich Franz I!. in Jerrsalem in Audienz empfangen worden. Breslau, 28. Mai. Von geschätzter Seite schreibt man uns: Tie vom philanthropischen Standpunkte freudig zu begrüßenden Blumentage haben bedauerlicherweise auch Verstimmungen in gesetzestnuen Kreisen verursacht, und wurde auch in einer Notiz von Hannover im „Israelit" den Sabbatvereinen der Borwurf der nicht rechtzeitigen Intervention wegen Verlegung der Blumentage gemacht. Es entzieht sich meiner Beurteilung, inwiefern die Hannoveraner Jnlereffenten diesbezügliche Schritte etngeleitet haben, dagegen erachten wir es als unsere Pflicht, gegenüber der unbewiesenen Beschuldigung eines anderen Blattes bezüglich des Breslauer Blumentages fcstzustellen« daß die maßgebenden Kreise dahier sofort nach Kenntnisnahme deS Termins Anstalten bet der Leitung des Blumentages wegen Verlegung auf eine« anderen Tag trafen, jedoch blieben diese Bemühungen ohne Erfolg, weil die Leitung deS Blumentages bet aller Anerkennung unseres Standpunktes der Ansicht war, auf den gleichzeitig auf diesen Tag fallenden großen Breslauer Maschtnenmarkt mit seinem starken Fremdknbesuch nicht verzichten za können. Die interesfierten gesetzestreuen Kreise wurden im übrigen noch durch eine rechtzeitig erschienene Annonce des Verbandes der Sabbatfreunde darauf aufmerksam gemacht, daß eine Ablösung von der Verpflichtung zur Leistung von Einzelspend» n am Blumenil! ge durch vorherige Lösung einer Karte möglich sei und wurde von dieser Einrichtung vielfach Gebrauch gemacht, sodaß der gegen die Leitung dieser Organisation erhobene Borwurf eder Begründung entbehrt. Zweibrücke«, 4. Juni. Der mehrjährige Konflikt zwischen dem Synagogenausfchuß der israeltt. Gemeinde Zweibrücken und dem hier ansässigen Beztrksrabbtner Dr. Meyer ist soeben endgültig erledigt worden. Nach eingehender Prüfung und Würdigung aller gegen Tr. Meyer vorgebrachten Gründe erließ daS Kgl. Kultusministerium unterm 19. ds. Mts. eine Enischließunf, wonach die Entschließung -er Köntgl. i Regierung vom 20. Jur.t 1909 endgültig aufgehoben ist, die, wie bekannt, die Bestätigung Dr. MeyerS zum Beztrksrabbiner zurücknahm. Aus freier Entschließung hat Dr. Meyer, der durch den Entscheid des Ministeriums sich nunmehr für rehabilitiert hält, den Antrag gestellt, den Radbinatsfitz von Zweibrücken nach der Hauptgemeinde des Bezirks Pirmasens zu verlegen. Im Auftrag des Kuliusministeriums hat die Kgl Regierung der Pfalz, Kammer des Innern, über diesen Antrag zu entscheiden. Paris, 29. Mai. Bon den 40 000 Frcs., die, wie bereits mttgeteilt, die Söhne des Herrn Bernhard M c r z h a ch bei Gelegenheit der Hochzeit deS Herrn Saul Merzvach, dem Occrrabbtncr von Parts zur Verteilung übergaben haben, erhielten das Rothschildsche Spital 10 000 Frcs. zur Sitftung eines Freibettes, die Israelitische Wohltättgkeitsanstalt und die Israelitische Schulverwaltung je 5000 Frs., der Berlin zur Unterstützung armer jüdischer- Wöchnerinnen 1000 Frs., Verein zur Verschönerung der Gräber 3000 Frs., das Jsr. Nacht asyl, der Jsr. Wohltätigkeitsverein, die jüdische Ferienkolonie, die Israelit. Arbeitsschule je 1000 FrS., der Rest wurde an 35 tsrael. Wohltätigkeilsoereine überwiesen. Personalien. Lavdrabbirier Dr. Löb Emden, 6. Juni. Tief erschüttert wurde unsere Gemeinde und der ganze Bezirk durch die Nachricht von dem gestern in Berlin erfolgten Ableben unseres allverehrten Landrabbiners, des Herrn Dr. Jonas Löb. Nach einer fast s?$M4 achtzehnjährigen segensreichen Tätigkeit wurde er inmitten seines ztelbewußten Schaffens und Wirkens seinerschwergeprüften, tiefgebeugten Familie, unserer trauernden Gemeinde und dem ganzen Landrabbinatsbezirke Emden allzufrüh entrissen. Nicht schwache Worte, sondern die Werke des Entschlafenen bringen uns zum Bewußtsein, welch einen unersetzlichen Verlust das gesamte Judentum erlitten hat. Er nimmt daher, wie rin Nachruf des Vorstandes mit Recht betont, nicht nur die Lirbe und Dankbarkeit seiner Gemeinden, sondern auch die Verehrung Tausender unserer Glaubensgenossen mit inS Grab. Wir behalten uns eine eingehende Würdigung des Lebens und Wirkens des kraftvollen Mannes sowie einen ausführlichen Bericht über die Beerdigung und die Trauer frier in Emden für die nächste Nummer vor. Für heute sei nur kurz berichtet, daß Landrabbiner Löb aus Pfungstadt stammte. Er studierte, nachdem er das Darmstädter Gymnasium absolviert hatte, in Berlin, wo er zu der ersten Schülergeneration Rabb. Israel Hildesheimer bet der Gründung des Seminars gehörte. In jungen Jahren trat er seine erste Rabbtnerstelle in S a m t e r an. Bon dort kam er nach R a w i t s ch, von wo aus er nach Emden, dem Amtssitz S. R. H t r s ch s berufen wurde. * 4! * Aus Berlin wird uns ferner unter dem 5. Juni geschrieben: Gestern Abend fand, veranstaltet von dem Borstande der Israel. S ynagogengemetnde (Abaß Jtsroet), tm Sttzungssaale der Repräsentanten-Bersammlung eine Trauerfeter für den hier tm Krankenhetm der Chewra Kadischa verstorbenen Landrabbtner Dr. Jonas Löb aus Emden statt. Herr Rabbiner Dr. E. Munk gedachte in ergreifenden Worten des Mannes, der ein Freund aller derjenigen gewesen sei, die gleich ihm für die Ideale des Judentums, für die Ehre der Thora und die Hochhaltung ihrer altüberlieferten Lehre wirkten und lebten. Früh verwaist, habe der Jüngling in seinem Gotte je nen Vater und Führer im Leben gesucht und gesunden und er habe seinem Gotte sein ganzes Leben geweiht. Er war ein ein Mann der Treue gegen Gott und gegen sich, der stets der Stimme seines Gewissens gelauscht und stets nur ihrem Gebote gefolgt sei. Sein Hinschetden müsse un) solle ein Ansporn sein für die jüngere Generation, zu der er sich gezähkt und gehalten, in die Bresche zu tret.n und wie er die Fahne des überlieferten Judentums, das für ihn nicht Parteisache, sondern das ganze Judentum war, zu ergreifen und hochzuhalten.