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Der Israelit · 1911-06-01 · Heft 22 (1.6.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 22 (1.6.1911)
Date
1911-06-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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»er Das ist umso höher anzuschkagen, als der Ausschuß des Gemeindebundes alle Minen springen läßt, um die kleinen wie die großen Gemeinden zur Übertragung von Blanko-Mandaten an den Ausschuß zu veranlassen: die kleinen, geldbedürftigen Landgemeinden durch den Appell an das Gefühl der Dankbarkeit für die empfangenen Wohltaten, die großen und mittleren durch Anschwärzung der Opposition, die dem Gemetndebund als solchem feindlich gesinnt sei und aus „persönlichen" (!!) und Parteiintereffen handle. Die Vornehmheit der Gesinnung, die aus dieser Kampfesweise spricht, soll hier, um die Gegensätze nicht zu verschärfen, unbesprochen bleiben: sie sticht jedenfalls höchst unerfreulich von dem ruhigen und sachlichen Tone ab, den das Schutzkomitee in seinen Kundgebungen angeschlagen hat. Wie die Enscheidung des Gemeindetages ausfallen wird, läßt sich schwer Voraussagen. Daß die Aenderung des § 13 nicht in der vom Ausschuß vorgefchlagenen Form mit ihrer dreifach gesicherten Entrechtung der Kleingemeinden durchgehen wird, scheint schon heute sicher, und wir möchten dem Gemeindebund! die Klugheit Zutrauen, daß er seine sonst doch allzu verblüffende Staatsstreichpläne von vornherein auf wesentliche Konzessionen angelegt hat. Allein diese Kompromißverhandlungen die, wie wir erfahren, hinter den Kulissen zwischen dem Gemeindebund und einzelnen Synagogengemeinde-Berbänden schweben, she bilden die schwerste Gefahr. Sobald nur die kleinen Gemeinden gezwungen werden, Vertreter aus ihrer eigenen Mitte zu entsenden (die Bereinigung von 10 Gemeinden zur Wahl ist, wie jeder Kenner der ländlichen Verhältnisse, auch der Ausschuß des Gemeindebunds, weiß, praktisch ein Ding der Unmöglichkeit), so ist der Gemeindetag völlig den Grvßgemeinoen ausgeliefert, mag Berlin jetzt 80 oder 50 Stimmen führen. Die „Dekegiertentage" würden dann künftig unfehlbar zu einem Konventikel der paar Großgemeindevorstände, die in souveräner Selbstherrlichkeit »ach Herzenslust Beschlüsse fassen und ihre Almosen an die ihnen umerthänigen kleinen Gemeinden, wie es ihnen gefällt, verteilen könnten. Nur eine radikale, prinzipiell kompromißlose Ablehnung der ganzen Aenderung des § 13 kann der Leitung des Gemetndebunds die Lehre erteilen, daß in der deutschen Judenheit noch genügend sittliche Kraft und konservativreligiöses Bewußtsein vorhanden ist, um die brutale Herrschaft der Ziffer und die nicht minder brutale Macht der auf rein materielle Faktoren gestützten Neo logie von Brrlin W. mit all er Entschiedenheit abzuschütteln. Wer daran ohne zaghaften Kleinmut mitarbeitet, der dient einem -über, alle Kleinlichkeit der Tagespolitik weit hinausragenden, wahrhaft jüdischen Werke und hat der jüdischen Gesamtheit einen dauernden, vorbildlich wirkenden Dienst geleistet. Vas Blufmärchen in Kiew. Nun ist die Mordaffäre in Kiew geklärt. — Nicht als ob die Untersuchung etwas an den Tag gefördert hätte. Sie wird im Gegenteil nach der einen Seite so geführt, daß sie nichts ergeben soll und nach der anderen, daß sie nichts ergeben kann. Die stark verdächtigen Eltern des unglücklichen, von der Geburt an einem Martyrium ausgelieferten Kindes wurden freigelassen. Zeugen, besonders Schulkameraden des Knaben, die über sein Alibi am Tage des Verbrechens etwas aussagen konnten, wurden gar nicht oder nur sehr oberflächlich vernommen. Und nach der anderen Seite, nach der Richtung des Ritualmordes läßt sich natürlich nicht der geringste Anhaltspunkt finden, denn die Anklagen und Ammenmärchen der „Nowija Wremja" können auch in Rußland zu der Bedeutung von gerichtsfähigen Dokumenten nicht erhoben werden. So wird sich die Untersuchung bald im Sande verlaufen. Es wird eine „dunkle" Sache bleiben und sich jenen ungeklärten „historischen" Blutgeschichten würdig anreihen, auf die die Hetzer und Verleumder aller Zeiten auch immer und immer wieder zurückkommen. Aber geklärt ist die Sache dennoch. Die Taktik der Schwarzen Banden ist, wenn man sich nach den Zusammenstellungen der russischen Presse der verschiedenen Richtungen ein Urteil bildet, vollständig durchschaut. Glaubte man auch anfänglich allgemein, daß es sich bet ihnen darum handelte, gleich einen Pogrom zu inszenieren, so weiß man doch jetzt, daß sie diesmal in gewandter Strategie etwas anderes und größeres im Auge hatten. Die ganze Hetze stellt sich, wie wir es an dieser Stelle vom ersten Augenblicke an rtchttg erkannt haben, als ein Manöver gegen den Versuch zur Erweiterung der Judenrechte und insbesondere gegen das Rayonprojekt dar. — Die Duma hat sich jetzt bis Oktober vertagt und wird im Herbst ihr parlamentarisches Leben beenden, ohne den Berscht der Kommission, die vor einem Vierteljahre den Auftrag bekommen hat, „binnen einer Monatsfrist" die Vorlage zu prüfen, anzuhören. Es wird also der kommenden Duma obliegen, über die Lebensschicksale der russischen Juden zu Gerichte zu sitzen. Um diese zukünftige Duma ist es aber den Berbändkern schr bange: ck§8 muß jetzt schon ein Mittel gesucht werden, um die Juden in eine Panikstimmung hineinzutreiben und sie von den Dumawahlen zurückzuhalten, und so fand man das Blutmärchen, mittels dessen man einen Pogrom sozusagen in Bereitschaft hat und nötigenfalls mit dem drohenden Hinweis aus den Hoongan den Juden von der Wahlurne zurückdrängen kann. Das ist in den Augen der Echtrussen ein weit höheres Ziel als eine Judenmetzelei, die ihnen gerade jetzt, da die Sache doch auch für Rußland etwas zu plump eingefädelt wurde, sehr ungelegen kommen würde. Was aber die Juden Rußlands, diese Geängstigten' und von ewigen Pogromschrecken Gemarterten, jetzt am meisten beschäftigt, ist die Frage, ob und wie sie sich gegen diese blutgierigen Verleumder zur Wehre setzen sollen. Die Meinungen im russisch-jüdischen Lager sind darin geteilt. Während die weitaus größere Zahl der Ansicht ist, daß man mit stammenden Protesten und mit dem ganzen schweren wissenschaftlichen Apparate gegen die Feinde ins Feld ziehen vluß, sind die anderen der Meinung, daß es eine Verletzuna der Selbstachtung bedeuten würde, wollte man sich gegen solche lächerlichen und albernen Anklagen verteidigen. Wir geben zu, daß der Standpunkt der letzteren wohl begreiflich ist. Es ist tatsächlich hart für einen Kreis, dem die Welt Gotteserkenntnis und Ethik dankt, sich gegen die Anklage deS Kanibalismus verteidigen zu müssen. Und jedesmal, wenn einesolche Verleumdung auftaucht, sind es die gleichen widerstreitenden Gefühle des Stolzes, der Niedergeschlagenheit, des ohnmächtigen Zornes und des Dranges, alle Welt von der Haltlosigkeit der Anklage zu überzeugen, die in uns kämpfen. — In Rußland hat indessen die Bluthetze ein höheres Stadium erreicht, etn solches, das die Abwehr zu einem Gesetze der harten Notwendigkeit macht. -Die Lüge ist parlamentssähig geworden. Man verhandelte in der Duma in allem Ernste über dieses unsinnige Märchen. Man versprach vom Regierungspodium herab „genaue Untersuchung und Feststellung der Wahrheit". Mehr wie 60 Prozent der russischen Bevölkerung soll, wie man aus liberalen Zeitungen entnimmt, die Existenz irgend einer jüdischen Sekte, die Menschenblut zu ritualen Zwecken brauche, für möglich halten. . . . Unter solchen Umständen kann man sich allerdings der Notwendigkeit einer umfassenden Aufklärungsarbeit nicht verschließen. Und wenn wir auch nicht für eine Wiederholung des Krakauer Rabbinereides sind, so hätten wir es doch für recht angemessen, wenn alle nach dieser Richtung aufklärenden Schriften, die in russischer und dum gemachten Borschläge blieb zunächst deshalb aus, weil sein Autor, der Ministerpräsident, Ton Pedro Berla, nicht lange darauf starb. Eie wäre aber auch an dem Widerstande der Inden gescheitertdie auch ein späteres Tekret Karls IV., das den Fabrikanten gestattete, fremde Angestellte aufzunehmen, und der Inquisition verbot, Ausländer wegen ihrer religiösen Ueberzeugung zu verfolgen, unberücksichtigt ließen. ' (Vom jüdischen Büchermärkte in Rußland.) In Petersburg wurde dieser Tage die Ausstellung der in Rußland im Jahre 1910 veröffentlichten Preßer- Seugnisse eröffnet. Gleichzeitig wurde eine Stattstik hierüber herausgegeben. Sowohl in der Ausstellung, wie auch in der Statistik wurde der hebräischjüdischen Literatur ein eigener Platz eingeräumt. Demnach wurden im Jahre 1910 in Rußland 903 jüdische und hebräische (die Statistik unterscheidet die beiden nicht) Bücher in 2 279 898 Exemplaren gedruckt. Diese Bücher wurden von den Buchhändlern mit 852 530 Rubel bewertet. .Außerdem erschienen 7 Bücher in russischer und jirdischer und 1 Buch in russisch-polnischdeutsch-jüdischer Sprache. Unter den nichtrussischen Werren stehen die jüdischen an erster Stelle, nach ihnen kommen die deutschen. In der Produktion jüdischer Bücher marschiert Warschau an der Spitze mit 345 Büchern und 895000 Exemplaren. Tann kommt Wilna mit 300 jüdischen Büchern und 789 000 Exemlaren. Hingegen ist der Durchschnittspreis per Wilnaer Buchausgaben höher als derjenige der Warschauer. Auf Wilna folgt Odessa mit 50 000 Büchern und 250,000 Exempl., Petrikau mit 44 Ausgaben und 60000 Exempl. und Petersburg mit 37 Ausgaben in 80000 Aernplaren. Me ehemals blühenden Druckerejeu von Berdltschew und Schttomir sind fast völlig zugrunde gegangen. In der ersten Stadt wurden int Ganzen 18 Bücher und in der letzten gar bloß 8 Bücher herausgegeben. Hingegen hat sich die Zahl derjenigen Städte, in denen jüdische Werke gedruckt werden können, gegen früher..erhöht. Ihre Zahl beträgt heute 20. Schlechter bestellt ist es mit der jüdischen Presse. Selbst die Letten und Esten haben mehr Journale als die Juden. In Rußland gab es im Jahre 1910 im Ganzen 31 periodische Zeitschriften. Zn nichtrussischer Sprache wurden in Rußland 1910, insgesamt 155000 Exemplare ausgegeben. (Sind Sauls Gebeine verbrannt worden?) Herr Tr. Samuel Halevy schreibt uns: „In der letzten Nummer des „Israelit" unterzieht Herr Oberrabbiner Tr. Lerner das famose Gutachten des Professor Maybaum über die Zulässigkeit der Feuerbestattung einer gebührend scharfen Kritik, welche die Haltlosigkeit der Maybaumschen Ausführungen nach allen Seiten hin evident beleuchtet. Es sei uns nur gestattet, eine notwendige Bemerkung hinzuzufügen. Maybaums Hauptargument ist der Bers 12 Kap. 31 in Sam. I, wo angeblich ausdrücklich erzählt wird, daß die Gebeine des Königs Saul, wie diejenigen seiner Söhne von den tapferen jüdischen Kriegern verbrannt worden seien, denn es heißt dort „da machten sich auf alle tapferen Männer . . . und nahmen den Leichnam Sauls und die Leichname seiner Söhne und verbrannten sie daselbst." Herr Oberrabbiner Tr. Lerner sucht diesen Beweis verschiedentlich zu entkräften, indem er einmal auf den Targum und Raschi hinweist, die das Wort DDK (sie) auf die Spezereien beziehen, sodann durch die Vermutung, daß sich die jüdischen Krieger in ejnxr Zwangslage befunden hätten, da die Schändung - m:'- der königlichen Gebeine seitens der Philister zu befürchten gewesen sei. Nun sagt aber der nächste und letzte Vers dieses Kapitels, nämlich Vers 13, ausdrücklich, daß die königlichen Gebeine nicht verbrannt, sondern bestattet worden seien. 'Ter nächste Vers 13 tautet nämlich „und nahmen ihre Gebeine „und begruben sie" VQpnl unter der Tamariska in Jabesch und fasteten sieben Tage." Tie Erklärung des Targum, daß das Wort DH» dem Pers blos die Spezereien betrifft, geht demnach zwingend aus demTexte selbst hervor. Jedoch noch mehr. In Ö^fl 10, 12, fehlen überhaupt die Wort; £11» Ifinü'l/ weil sie sich nur auf die Spezereien beziehen. Bon Saul und seinen Söhnen dagegen steht da ausdrücklich, daß.sie beigesetzt worden seien. n*t b^v neu m Itw'1 b'n V'« IVIY'I Dirroaap n« i-W'i dik'ti vaa nieu -v'v" mm löin v'2'2 nran rinn Wir haben auch noch eine dritte Stelle über die gleiche Begebenheit und auch an dieser dritten Stelle ^ißt es klar und deutlich, daß die irdischen j Hüllen von Saul und seinen Söhnen nicht verbrannt, sondern bestattet worden sind. Bers 5, Kap. 2, Sam. H, besagt: nöin npb: rna' b*p'mbü nin nbv"i nrn nenn nww tok ',t? ddk D’sra •"vn* n2pm// dirw Dp DD'iinn vr> Es unterliegt nach alledem auch nicht. einmal dem geringsten Zweifel, daß djese Erzählung Wer

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