Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1911)
- Date
- 1911-05-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Leise, als fürchtete sie, die Schläfer ringsum zu wecken, neigte sie sich über ihren lieben Vetter und flüsterte ihm dies alles zu, dann berührte sie nochmals mit ihren Lippen seine Stirn, richtete sich entschlossen auf und ohue sich nochmals umzusehen, schlich sie lautlos wie ein Kätzchen in das Innere der Burg^ die Stiegen aufwärts, dann durch lange Gänge und dann abermals eine Stiege aufwärts und dann befand sie sich unter dem Diach. Der Mo:rd stand gerade über der Luke, die sie zu ihrer Flucht erkoren hatte. Sie zweifelte nicht, daß sie hindurch kommen könnte, aber wie würde sie hinaufkommen? Sie war noch sehr klein. Einige Augenblicke stand sie unschlüssig da, dann aber hatte sie rasch einen Ausweg gefunden. Das Vlondlicht fiel durch die Dachluke auf den weiten Raum und beleuchtete denselben nahezu taghellund beim Schein des Mondes gewahrte sie allerhand Gerümpel, das umher lag. Rasch trug sie das Gerümpel unter die Luke und hatte sehr bald einen genügend hohen Haufen, auf dem sie die Oeffnung erreichen konnte. Nicht ohne einigemal auszugleiten, kletterte sie hinauf und endlich stand sie. oben und konnte nun beide Arme hinaus auf das Dach legen und mit einem kräftigen Schwung war sie draußen. Ein jubelndes „Gott sei Tiank!" entlang sich ihrer Brust, doch im selben Moment erschrak sie über ihre Unvorsichtigkeit. Wie konnte sie es wagen, einen Laut von sich zu geben, der die bösen Menschen auf sie aufmerksam! machen konnte! — Mit angehaltenem Atem saß sie da und lauschte — aber es blieb alles still, sie vernahm nichts als das laute Pochen.ihres eigenen Herzens — „Gott sei Dank!" flüsterte sie nun in sich hinein. Dann erhob.sie sich lautlos über das Dach, wo es dem Wall am nächsten war und durch einen geschickten Sprung hatte sie bald denselben erreicht. Und abermals flüsterte sie „Gott sei Tunk!" Es war seltsam, in diesem Augenblick hatte sie alle die Schrecknisse vergessen, die der verflossene Abend ihr gebracht, sie dachte nur daran, daß ihre Flucht gelingen würde und heißer Dank erfüllte ihre Brust. — Aber sie mußte eilen. Wie ein gescheuchtes Reh rannte sie über den Wall dahin, nur der Mond war ihr treuer Begleiter und ließ sie die verschiedenen Hindernisse erkennen, die ihr hin und wieder in den Weg kamen, der ihr übrigens nicht fremd war. Schon oft, wenn der Vetter sie zu der sog. Sabbathfrau geschickt hatte, die ihnen im Winter haZ Zimmer heizte und auch in der Synagoge ■> ' ' v . ' - ‘ - ' ' ' ', - ‘ MrvrWm tue Kerzep änzündete. oder - ausloschts, dSEMaLsie Mer WE gelNufen, weil die -WM^GWÄrw in der NW desselben ein baubewohnte, unweit von dem ., MH' erreichW -chvll^. ^Me 'W mid tief, aber -zuweilen mußte sie MMtzlhkefhen, theil Her dltenr W versagte, dann aber' rannte sie mit verdoppelter Eile weiter. Endlich hatte sie das Ende des Walles erreicht und erblickte schon von weitem den Wald und güch das Häuschen der Frau Schmidin. Plötzlich überkam sie eine übergroße MüdigkM, so daß . sie kaum imstande war, sich aufrecht zu halten, war sie doch gerannt wie noch -nie im Leben; dazu vorher die grauenvollen GernWerschütterungen, das war zuviel für das zartes Dind. Nur mit äußerster Anstrengung schleppte sie sich weiter, doch nur bis zu dem Hause'der Frau Schmidin, dort aber versagten ihre Kräfte vollends, es war unmöglich, sie konnte nicht weiter; wimmernd brach sie zusammen und vielleicht ohue daß sie es wußte, rief sic irr flehendem Tone den Namen der ihr bekannten Frau. Hätte die Frau geschlafen, sie hätte Liahs schwache Stimme sicherlich nicht vernommen, aber sie schlief nicht, sie hatte vor zwei Tagen ihr einziges Kind begraben und konnte sich noch nicht fassen, hatte seitdem noch nicht aufgehört zu weinen und zu beten. Und auch in dieser nächtlichen Stunde lag sie auf den Knien und betete für das Seelenheil des ihr entrissenen Lieblings, und versunken in heißen: Flehen hörte sie plötzlich eine Kinderstimme ihren Namen rufen. Sie sprang auf. „Herr der Wett!" war das nicht die Stimme ihres Tickis? — So, gerade so pflegte er sie zuweilen im Uebermut zu rufen. Bon Schauern durchbebt, von Entsetzen nahezu. gelähmt, stand sie lauschend da, während ihre Zähne wie in: Fiebersrost aneinanderschlug nt. Und dann vernahm sie abermals dieselbe Kindcrslimme. „Frau Schmidin! Frau Schmidin!" Zitternd bekreuzigte sie sich. „Bist du's, Dicki?" stammelte sie, „hat deine arme Seele im Grabe keine Ruhe? — morgen werde ich eine Messe für dich lesen lassen." Ein halbtautes Aechzen erschien ihr wie eine Antwort und gleich darauf vernahm sie von der Straße her ein Wimmern. Mit schwankenden Schritten schleppte sie sich bis zur Tür, mit zitternden Händen öffnete sie dieselbe und blickte in das leichenblasse Gesicht und auf die blutbefleckten Kleider des wimmernden Kindes. „Herr der Welt!" schrie sie auf, „was ist geschehen? Herrgott im Himmel! Kind, wo kommst du her und wo willst du hin?" „Ich will in den Wald!" stammelte Liah, die letzte Frage zuerst beantwortend, indem sie sich vergebens bemühtes sich aufzurichten, „aber ich kann nicht weiter. — Lasset mich bei euch ausruhen, Frau Schmidin, ich bitte euch gar sehr - ' damit mich die bösen Menschen nicht hier finden." „Aber gewiß, Kind, kannst du dich bei mir ausruhen," sagte die mildherzige Frau, indem sie das^ zarte Mädchen mit ihren kräftigen Armen emporhob und in das Innere des Hauses trug, „ich werde dich auf Tiickis Bett legen, du hast ihn ja auch lieb gehabt, da ivirst du dich bald erholen.". „Nein," flüsterte Liah, „nicht auf Tickis Bett, ich will ihn nicht stören." „Herr, 'du mein Gott!" rief die Frau, in Tränen ausbrechend, „weißt du's denn nicht, daß Dicki nicht mehr da ist?" „Dicki ist nicht mehr da? — aber wo ist er denn?" „Tot ist er," schluchzte die Frau, „vorgestern hat er Begräbnis gehabt." „Dicki ist auch tot!" rief Liah, indem sie sich hastig aufrichtete, alle Müdigkeit schien mit einem! Mal von ihr gewichen, „die bösen Menschen haben ihn auch totgeschlagen?" i " „Freilich waren es böse Menschen," jammerte die unglückliche Ntutter Mnderingend, „ihnen ist es gleichviel, ob sie ein- Reh schießlei: oder ein Kind. Q, mein arüter, armer Tickt!" „Ich bin schon nicht mehr mW," flüsterte Liah, indem sie abermals versuchte, sich aufzu richten, „ich will in den Wald." „Aber Ki:rd, wer tvird solchen Unsinn reden, was willst du denn mitten in der Nacht im Wald?" „Die wilden Tiere sollen mich totbeißen, brtmit die bösen Menschen nrich nicht finden Wunen." „Aber Liah!" rief die Frau, indem sie den Arnr um die schmale Gestalt des Kindes schlang und es sanft wieder in die Kissen zog, „wer wird so gottlos reden! — wenn das dein guter Vetter hören würde —" „Aber der Vetter ist doch auch tot," rief Liah, rrun endlich in Tränen ausbrechend, „und er hat mir versprochen, er wird mich mitnehmen, wir werden zusammensterben, und nun bin ich ganz allein! Da werden die bösen Merrschen kommen und werden mich zwingen, zu tun, tvaz der liebe Gott verboten hat. Aber nekn, nein, nein! Ich lasse mich nicht zwingen! Nie werde ich tun, was Gott verboten hat. Ich will in den Wald!" Abermals wollte sie sich aufrichten, fiel jedoch kraftlos zurück. Tie Schmidin schüttelte verständnislos den Kopf, doch streichelte sie ihr liebkosend die tränenüberfluteten Wangen und allmählich gelang es ihr auch, von dem mächtig erschütterten Kinde die Ursache seiner maßlosen Aufregung zu erfahren. Und als sie alles wußte, da schlug auch sie jammernd die Hände zusammen, denn sie hatte von den Juden gelebt. Ihr verstorbener Mann war nämlich Fischer gewesen und die Juden waren seine beste Kundschaft. Jeden Tvnnerstag hatte sie Fische ausgetragen, zumeist in die Häuser der Juden, und am Freitag Abend hatte sic Lichter in der Synagoge ausgelöscht und im Winter am Sabbath bei den Juden Feuer .angezündet und dergleichen mehr. Und durch diese vielfache Betätigung hatte sie sich im Laufe der Jahre ein nettes Sümmchen erspart. Und daß sie fortan auf alle diese Einnahmen werde verzichten müssen, das erschien ihr schrecklich, und überdies hatte sie aufrichtiges Mitleid mit den Getöteten, die alle ohne Ausnahme stets freundlich und gütig gegen sie und ihr Kind gewesen waren. Das schöne Weißbrod, das sie an jedem Sabbath von ihnen erhalten hatte! und an jüdischen Feiertagen hatte ihr Dicki fast immer.so viele Stücke Kuchen heimgebracht, daß sie beide während einer ganzen Woche genug daran hatten. Und all dies war nun vorüber! — Alle die freundlichen Menschen, die ihr und ihrem Dicki so viel Gutes erwiesen haten, waren tot. — Ihr Schmerz um den Verlust ihres Kiraben, der durch einen Fehlschuß bei einer Jagd im nahen Walde getötet worden war, trat im Augen blick zurück vor den Schrecknissen, die das zitternde Mädchen ihr berichtete. Sie weinte mit demselben aufrichtige Tränen. „O, die bösen, bösen Menschen! — und das wollen Christen sein!" Dann aber tat sie ihr Möglichstes, das unglückliche Kind zu trösten. „Mußt nicht mehr weinen, Kind", und mit ihrer Schürze trocknete sie dem Kinde die nassen Wckngen. „Von deinen: guten Vetter habe ich oft gehört, daß er gesagt hat: Alles, was Gott tut, ist gut. Und das haben wir doch auch jetzt gesehen, daß du gerade bis hierher hast laufen können und gerade vor meiner Tür gefallen bist." (Fortsetzung folgt.)