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Der Israelit · 1911-04-27 · Heft 17 (27.4.1911) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 17 (27.4.1911)
Date
1911-04-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Daran war Richard jedoch schuldlos, denn er war kein Judenfeind, man munkelte sogar, daß er einer schönen Jüdin zu tief in die Glutaugen gesehen, und daß er schon um ihretwillen ihren Stammesgenossen nicht abhold gewesen. Während des ganzen Jahres war es . daher nicht zu weiteren Ausschreitungen gekommen, solange Richard in England weilte, hatten die Juden Ruhe. Sobald er jedoch über den Kanal setzte, um mit dem König von Frankreich, Philipp August, einen neuen Kreuzzug anzutreten, brachen die Unruhen gegen die Juden überall im Lande wieder aus. Zuerst in Lynn, dann in Norwich, dann in Stanford, in Lincoln usw. Am schwersten wurden die Juden in Aork getroffen, weil zwei derselben fürstliche Reichtümer besaßen und Paläste, wodurch sie den Neid der Christen erregt hatten, die, wie ein deutscher Dichter sehr richtig bemerkt, die Juden hassen, nicht weil sie es verdienen, sondern weil sie v er dienen. Tie beiden reichsten Juden in Dork Joceus und Benediktus waren bei der Krönung arg mißhandelt worden, letzterer, nach der zwangsweise an ihm vollzogenen Taufe zum Judentum zurückgekehrt, war ieiiteit Wunden erlegen. Kreuzzügler, die sich bereichern wollten, Bürger, welche neidisch auf die Juden waren, Edelleute, welche deren Schuldner waren, Geistliche, von blutdürstigem Fanatismus ausgestachelt, alle verschwören sich zum Verderben der Juden in Porck. Bei einer Fenersdrunst zerstörten sie das Haus des Benediktus, das nur von seiner Frau und seinen Töchtern bewohnt war, raubten die Wertsachen und zünvelen das Daus an. Joceus und die Seinistcn forme die meisten Mitglieder der Gemeinde begaben sich zum Burgwart und begehrten Schutz in der Festung, der ihnen auch gewährt wurde. Tie Juden in der Burg aber wurden von einer aroßen Volksmenge förmlich belagert und zur Annahme des Christenglaubens anfgefordert. Eines Tages begab sich der Burgwart außer der Festung, und da die Juden fürchteten, er werde sie verraten und ihren Feinden ausliefern, verweigerten sie ihm den Wiedereintritt in die Burg. Er beklagte sich bei dem Gouverneur der Provinz und dieser forderte die Volksmenge auf, die Burg zu Fall zu bringen und an den Juden Pache zu nehmen. Zu diesem Zwecke ließ er »gar Scharen aus der Umgegend kommen. Sechs Tage dauerte die Belagerung, die Zuden wehrten sich tapfer. Schon bereute der Gouverneur, den Befehl zum Stürmen gegeben zu haben, denn viele Edelleute und Würger wollten sich zurückziehen, weil sie die Strafe des Königs fürchteten. Dia feuerte ein fanatischer Mönch die Menge in flamm.enden Worten zum fortgesetzten Stürmen an, wurde dabei jedoch durch einer: .Steinwurf tödlich getroffen. Ties reizte die Belagerer zu neuer Anstrengung. Den Juderr waren indessen die Lebensmittel ausgegangen, sie sahen dem sicheren Tode zentgegen. Dia sprach R. Jom Tob aus Joigny zu den im Burghof versammelten Genossen: „Gott, dessen Ratschlüsse unergründlich sind, will offenbar, daß wir für unsere heilige Lehr: sterben. Der 'Tod ist vor der Tür, wenn Ihr etwa nicht wegen einer kurzen Lebensspanne vorzieht, Ihm untreu zu werden. Ta wir aber einen rühmlichen Tod einem schandbaren Leben vorziehen müssen, so ist es geraten, die ehrenvollst: und leichteste Todesart zu wählen. Dias Leben, das der Schöpfer uns gegeben hat, wollen wir mit eigenen Händen ihm zurückgeben. Dieses Beispiel gaben uns viele.fromme Männer und Gemeinden' in alter und in neuerer Zeit." Weitaus die meisten waren einverstanden, nur wenige wollten sich nicht selbst die Möglichkeit zur Rettung abschneiden. Indessen traf der heldenmütige Rabbiner Anstalt zur Ausführung seines Vorschlages. Alle Kostbarkeiten wurden verbrannt, damit die Wüteriche durch die reiche Beute, die ihnen sonst geworden wäre, nicht zu neuen Grausamkeiten gegen andere Juden ausgestachelt würden. Und als das Feuer erloschen war, begann das große Sterben. So kamen die Meisten um, durch eigene oder Freundeshand, am Vorabend des großen Sabbaths, welcher die Vorfeier zum Feste der Erlösung aus der ägyptischen Sklaverei bildet. Fünfhundert Tote lagen in den: weiten Raum, Männer und Frauen, Greise und Kinder, und man hatte keinen gellenden Todesschrei vernommen, nur hin und wieder ein halblautes Röcheln, denn alle hatten freudiger: Herzens ihr Leben geopfert, durchdrungen von der Ueberzeugung, daß sie nun heimkehrten ins Vaterhaus. Die Wenigen, die sich nicht hatten entschließen können, ihr Leben freiwillig zu opfern, hatten sich in das Innere der Burg zurückgezogen, um nicht Zeugen des grausamen Massenselbstmordes zu sein. Der Vollmond war ausgegangen und beleuchtete mit seinem Silberglanz die hehren Schläfer, die das Erdenleben überwunden hatten. Ta raschelte es im Hintergründe des Hofes und langsam erhob sich dort die schmale Gestalt Zeines ungefähr zehnjährigen Kindes. Wie schlaftrunken wandte es das Köpfchen bald hierhin, bald dorthin, wie, um sich zu vergewissern, wo es sich befand, denn eine Wolke hatte soeben die Mondscheibe verhüllt, so daß das.Kind die Umgebung nicht .sofort zu erkennen verinochte. Doch jetzt hatte sich die Wolke verzogen und das Licht fiel wieder hell auf die bleichen Gesichter auf dem Erdboden. Das Kind stieß einen halbunterdrückten Schrei aus und drückte unwillkürlich beide Hände gegen die Augen. Doch gleich darauf ließ es die Arme wieder sinken und blickte um sich mit angehaltenem Atem, doch ohne ein Grauen zu empfinden. Tenn jetzt erinnerte es sich an alles, an alles — so jung es auch noch war, es hatte die Situation, in der sich die Juden befunden, vollkommen verstanden und auch die Worte des Rabbiners, und es hatte gesehen, daß mehrere Kinder von ihren Vätern - umarmt und gleichzeitig getötet worden waren — da hatte es den Pflegevater umklammert, denn es hatte keine Eltern, war die Pflegetochter des Gemeindedieners, und hatte ihn inständig gebeten, sie auch zu tönten, so wie die Väter ihre Kinder getötet hatten, denn sie wolle auch nicht der Gotteslehre untreu werden, um keinen Preis. Ta hatte der wackere Mann ihr die Wangen liebkosend gestreichelt und gesagt: „Sorge dich nicht, liebe Liah, ich lasse dich nicht allein. Tu weißt, ich bin Gemeindediener, darum muß ich am Platz bleiben, solange noch was zu tun übrig bleibt. Wenn aber die Zeit gekommen ist, dann komme ich zu dir und nehme dich auf den Arm und wir sterben zusammen. Warte nur ruhig bis ich komme." Dia hatte sie die Hand des Mtigen Mannes, der ihr soviel Liebe und soviel Güte erwiesen hatte, an ihre Lippen gezogen und hatte versprochen, ruhig auf ihn zu warten. Und sie hatte auch Wort gehalten, ruhig war sie an derselben Stelle geblieben, an der er sie verlassen hatte. Doch was sie da unwillkürlich geschaut, das hatte das Blut in ihren Adern stocken gemacht. Sie war zu Boden gestürzt, tiefe Ohnmacht hatte ihre Sinne umfangen. Und als dann endlich seinem Versprechen gemäße ihr Pslegtzvater zu ihr gekommen war, um sie mitzunehmen in jenes Land, von dem noch keiner wiedergekommen, da hatte er sie blutüberströmt zwischen anderen Körpern gefunden, und er hatte geglaubt, daß ein anderer ihm zuvorgetommen, daß ein anderer seinem Liebling den letzten Liebesdienst erwiesen habe. Und nun lag er unweit von ihr mit demselben gütigen, heiteren Lächeln auf den bleichen Lippen, wie bisher im Leben — und sie war allein, ganz allein, das einzige lebende Wesen unter all den Leblosen ringsum. O, wie sic sie beneidete, namentlich die Kinder in den Armen der Väter. Und sie war allein! — ganz allein! — was sollte sie beginnen? — wohin sollte sie sich wenden? — Wenn am Morgen die Belagerer das Tor sprengen und eindringen und sie finden würden, dann würde man sie zunächst taufen, daran zweifelte sie nicht, und dann würde man sie vermutlich zwingen, unerlaubte Speisen zu genießen — O Gott! o Gott! Aber sie würde sich zu nichts Verbotenem zwingen lassen! — nein, nein, um keinen .Preis! Und wenn man sie noch so sehr mißhandeln würde, sie würde nichts tun, was ihr Pflegevater ihr als verboten bezeichnet hatte. — Sie trat näher zu ihm, neigte sich über ihn und berührte mit ihren warmen Lippen seine kalte Stirn. „Vetter Reb Jossel", flüsterte sie, „ich verspreche dirs, ich werde nichts tun, wovon .du mir.gesagt hast, daß der liebe Gott es verboten hat — aber wenn ich nur tvüßte, was ich ansangen soll! wenn ich nur hinaus könnte! — Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie war vor einigen Tagen mit einigen Gespielinnen in den verschiedenen Gängen und auf den Stiegen der Festung umhergeschweift und dabei waren sie hinauf bis dicht unter das Dach gekommen, und die Größte war,hinaufgeklettert, hatte den Kopf durch eine Dachluke gesteckt und den anderen berichtet, daß das Dach sich beinahe an den Festungswall anlehne und wenn die Oefsnung nur etwas breiter oder sie etwas schmaler wäre, so würde sie durch die Luke hinausklettern auf den Wall. „Und dann würden die bösen Menschen da unten dich sehen und dich tot werfen, mit ihrer: großen Steinen," rief ein anderes Kind, „gechwind, komm herunter!" Schleunigst hatte das Mädchen den Rat des Genossen befolgt und dann waren sie sämtlich hinuntergeschlichen und hatten keinem erzählt, was sie oben getrieben, denn eigentlich hätten sie nicht hinaus dürfen, es rvar ihnen verboten worden. Jetzt aber erinnerte sich Liah daran und rasch und richtig überlegte sie, daß sie mit ihrer schmalen Figur vermutlich leicht durch die Luke werde schliipfen köunen, und daß die bösen Mepschcn unten jetzt schliefen und sie daher nicht gewahren würden. Wohin sie sich wenden würde, wem: sie den Wall erreicht haben würde, darüber war sie sehr bald im klaren, der Wall zog sich weithin bis in die Nähe des Waldes, das wußte sie, und sie hatte gehört, daß in Wäldern tvilde Tiere Hansen, die die Kinder beißen, die sich hinein in den Wald wagen. Aber das künmterte das kleine tapfere Mädchen nicht, sie wollte in den Wald laufen; bei den wilden Tieren war es doch besser, als bei den bösen Menschen, die einen zwingen wollten, zu tun, was Gott verboten hat. (Fortsetzung folgt.)

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