Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1911)
- Date
- 1911-04-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Brr Israeli». Seite 2. Nr. 16 21. April 1S11 tionen schöpfen, woher Einblick in die Verhältnisse gewinnen, die ihnen ja nur aus Berichten zugänglich sindwoher die Möglichkeit erlangen, nach beiden Seiten hin gerecht zu urteilen, zumal in Fragen, bet denen es nicht um greifbare, materielle Werte geht, sondern wo zumeist abstrakte, imponderable Divergenzen, die nur nach weitschauender, auf engster Sachkunde aufgebauter Beherrschung der ganzen Sachlage erfaßt werden können, Entscheidung erheischen? Versagt aber auch das Kuratorium — und es muß versagen! —, wo bleibt dann auch nur die geringste Gewähr dafür, daß derjenige Geist, den auch die Leitung des Hilfsvereins dem Seminar zu geben wünscht, in demselben dauernd erhalten bleibt?! So führen schon die in den Personen liegenden Momente so gewichtige Bedenken mit sich, daß unsere Opposition gerechtfertigt erscheint. Und dabei treten sie an Bedeutung weit hinter den Gesichtspunkten zurück, die aus rein sachlichen Erwägungen zu einer Ablehnung des Projekts führen müssen. (Schluß folgt.) Kochenrrmöscha«. Die Juden im rufftfdien Beere. Wie bereits von uns mitgetetlt, hat die Wehrkommission der Duma beschlossen, die völlige Ausschließung der Juden aus dem Heere zu beantragen. Der Zweck dieser ungeheuerlichen Ausnahmebestimmung ist sehr durchsichtig: das Bestreben, der Sonderbehandlung der Juden eine etwas festere Basis und einen Schein moralischer Berechtigung zu sichern. Die Wirkung dieses Beschlusses kann, selbst wenn er, wie vorauszufehen ist, keinen Anklang in der Duma findet und ein frommer Wunsch der schwarzen Kommission bleibt, verhängnisvoll genug für die Juden werden. Wie wenig er aber aber auch innerlich begründet ist, zeigt ein gerade zur rechten Zeit in russischer Sprache erschienenes Buch von M. L. Ussow, einem Bollruffen und anerkannter Autorität in Heeresfragen, unter hem Titel: „Die Juden in der Armee." Das Buch enthält eine übersichtliche vielsagende Zusammenstellung von offiziellen statiftsschen Daten über das Verhältnis der jüdischen Soldaten zur allgemeinen Zahl der Militärpflichtigen, über die korrumpierten jüdischen Namen in den Matrikelbüchern, über Prozesse gegen Juden in Militärangelegenheiten, über die Zahl der jüdischen Opfer im letzten russisch-japanischen Kriege usw. Während der Antisemit Markow auf dem Adelskongreß von „3000 jüdischen Verrätern" sprach, weist Ussow nach, daß im letzten russischjapanischen Krieg mehr als 3000 Soldaten getötet oder verwundet wurden, die bekannte jüdische Namen trugen, abgesehen von der großen Zahl jüdischer Soldaten mit deutschen, polnischen und russischen Familiennamen. Ussow untersucht auch die Verhältniszahl der jüdischen Soldaten und diejenige der anderen Bevölkerungsschichten und stellt fest, daß während die Juden ganz entsprechend ihrem Verhältnisse zur übrigen Bevölkerung Soldaten stellen, die Adeligen dreimal weniger liefern als sie laut ihrer Verhältnisziffer zu liefern hätten. Ussow weist auch nach, daß die städtische Bevölkerung und die Handels klasse im allgemeinen in der Armee am schwächsten vertreten ist, daß aber unter der städtischen Bevölkerung die Juden allein es sind, welche die nötige Zahl an Soldaten stellt. Interessant sind die Fakten, die Ussow über den Heldenmut der jüdischen Soldaten anführt. „Der Heldenmut und die Tapferkeit der jüdischen Soldaten sind den Leitern der russischen Armee sehr gut bekannt," sagt Ussow zutreffend, „aber sie halten es für nötig, es vor der Oeffentlichkeit zu verschweigend ..." Das Iadlducd der Mircd- Citterariscben Gesellschaft 1909—5670. Bon Prof. Dr. A. Sulzbach in Frankfurt a. M. II. An der Hand der Propheten Jesaias und Ezechiel läßt Rabb. Dr. S. Stein-Schweinfurt das Bild der einstigen stolzen Handelsempore Tyrus in ihrem Glanze und augenverwirrenden Pracht vor uns entstehen. Die Propheten aber rühmen diese Größe und diese Pracht, die mit sich selbst überschätzendem Hochmut, mit Sittenlosigkeit und Sittenverwilderung vereint war, um, auf den einstigen Zusammenbruch hinweisend, ein Warnungs - Memento ihrem eigenen Volke vor Augen zu stellen. Die betreffenden Uebersetzungen der verschiedenen Prophetenstellen sind klar und sinngemäß, und die geschichtlichen Beziehungen tragen viel zum richtigen Verständnis der angeführten Bibelstellen bei. Mit der Fortsetzung der Auszüge aus „dem ältesten Protokollbuch der Portugiesisch-Jüdischen Gemeinde zuHamburg" erfreut I. Cass uto die Freunde kulturhistorischen Wissensund Forschens. Die vorliegenden Aus zöge umfassen die Zeit von Tischri 5216 bis Ellui 5217 (1657—58). Portugiesische Juden waren die Gründer der Hamburger jüdischen Gemeinde und sie waren nicht wenig stolz auf ihre Herkunft und Bildung. Der Aufenthalt auf der Phrenäischen Halbinsel hatte den Juden trotz Verfolgungen nicht den Stempel des Elends aufgedrückt, wie es bei den deutschen Juden der Fall war. Jene hatten noch aus ihrer Glanzzeit unter maurischer Herrschaft die äußere vornehme Haltung sich bewahrt, und es liegt ein Atom von Hochmut in ihrem Verhalten gegen die deutschen Juden. In den uns vorliegenden Dokumenten kommt dieses wohl zum Ausdruck, und es mag auch wohl eine nicht ungerechte Besorgnis gewesen sein, daß die unvorteilhafte äußere Haltung der deutschen Juden, die nun nach Hamburg kamen, die Lage der eingesessenen portugiesischen Juden ungünstig hätte beeinflussen können. Wir verstehen dadurch die Maßnahme, daß man drei der angesehensten deutschen Juden über ihre Genossen zur ^Beaufsichtigung ihrer Führung einsetzte und mit der Ausweisung drohte — denn die Vorsteher der portugiesischen Gemeinde hatten Polizeigewalt über die Juden, — falls deren Gebühren Anstoß erregen sollte. Interessant sind die Verhandlungen über Aemterverteilung, Armenunterstützung, Schulwesen re. Die Gemeinde war. nicht karg in Geldbewilligung bet den verschiedensten Anlässen, natürlich dürfen wir nicht die klein scheinenden Gaben nach dem Geldeswert unserer Zeit bemessen, und beachten wir dies, so müssen wir gestehen, daß die Fürsorge für die Armen gut gewahrt wurde. Nur macht es einen komischen Eindruck auf uns, wenn das Prinzip ausgesprochen wird, es sei nicht angebracht, „Gehaltserhöhungen zu gewähren". Dem Bittsteller wird allerdings auf andere Weise geholfen, aber nur nicht in der Form einer Gehaltserhöhung. Eine Bitte, nur eine solche scheint überhaupt auf die Machthaber wie das rote Tuch gewirkt zu haben. Einem ihrer Beamten, der um eine Gehaltserhöhung ansucht mit dem Hinweise, er könne anderswo eine besser dotierte Stelle erhalten, wird kurzer Hand das Reis egeld bewilligt. Diese Antwort sagte genug. Es verlohnt sich, diese Dokumente zu studieren. Hoffentlich wird Herr C. noch manches für das Jahrbuch in petto haben. aa „Beiträge zur Kulturgeschichte Ba° byloniens aus derZeit derSassaniden" Kleiner Feuilleton. Hui Gottes €rde. Am Strande von Jaffa. Bor mir liegt das Meer, seine Fluten, vom Nachtwind ruhelos gepeitscht, kommen und gehen, und hoch oben der klar bestirnte Himmel Palästinas, in unendlicher Ruhe — über heiliger Erde. Jaffa, das während des TageS von dem lauten, farbenfchillernden Leben der Straßen widerballt, ist in Nacht gehüllt, hat seinen Mund geschlossen. Nicht einmal daS Geheul der Schakale, diese klagenden, lang gezogenen jammernden Töne, die im ganzen Lande die Alle Nacht geisterhaft unterbrechen, ist zu hören. Nur das Tosen der Mellen . . . Aber das redet und erzählet ohn' Ende von Bewegung und Ruhe, von Sein und Werden, und wie fie alle heißen mögen, die Antithesen, die das Weltenstreben zum Ausdruck bringen, und rührt die Seele in ihren Tiefen auf: „Des Menschen Seile gleicht dem Wasser," sagt Goethe, des Juden Seele gleicht der Welle, sagen unsere Weisen Der Mensch ist gestiegen, ist fortgeschritten, und hat stch losgeriffen vom Äfiatentum zum europäischen Leben. Dort lebt er nun dem Ausstiege und der Vervollkommnung der Menschheitui d von der Stufe, die er erreicht, schaut er lächelnd auf die weit hinter ihm liegende „einstige" Erde herab, und spannt die Flügel zu noch itanenhafterem Fluge, nur fort, nur weiter hinweg von er Wiege der Menschheit. Und darum muß es wieder „zur Erde nieder", denn alles Tun der Menschen muß anknüpfen an den naivursprünglichen Zustand der Seele, alle Kultur muß die bewußte Gestaltung und Verwirklichung des des menschlichen Wesens zum Ziele habensonst gibt sie ihren Geist auf. Aber las Wort „Zurück" einmal von Rouffeau mit „leidender Empfindlichkeit" angewandt, ist nicht auf dem Boden ntchtjüdtscher Kultur gewachsen. Wohl wird der Wunsch, zurückzukehren zu dem Punkte, ton dem man ausgegangen, in jedes Menschen Leben einmal kommen. Cr wird als Heimweh beim Individuum, als Nationalismus bei den Völkern hervorbrechen. Aber zurickzuk-hren an die Standpunkte unseres Seins und unserer Geschichte, diese Sehnsucht ist nur uns eigen. Zu einer Zeit, wo Tschechen, Polen und Grtecken fich auf ihre Nation befinnen, werden sie koch nie die Vergangenheit in ihrem dollen Umfange gegen die Geaerwart, so wenig wie der Deutsche die „ruhmvollen" Tage Karls des Großen, eintauschen wollen. Und wird es das Bolk, so wird es der Gebildete nicht über fich gewinnen. Gerade darin besteht aber eben die jüdische Leben: anstch", die Fähigkeit und der Wille des wahren Jehudt: die Seele zu erfüllen und fich freudig zu beguügen mit all den Kiästen, die seiner Vergangenheit angehörenein all eiliges Aufleben d r Vergangenheit, ohne Rückficht auf das „heule", das inzwischen dem Schoße der Zeiten entstiegen. Trübe blinzelt die Latern., die auf den Weg bis zum grauen, verfallenen Gemäuer, wo der Wagen meiner harrt, ihr zitterndes spärlichrs Licht wirft. Aber die Sterne oben funkeln, un) unter ihnen ein Flüstern, Rauschen und Branden von Wellen. Und nun geht es die kleinen, schmalen Gäßchen hindurchnoch nie war mir bei Tag eine solch reine, wohltuende Luft aus diesen Winkeln entgegengeweht als jetzt, wo die frische Brise, die vom Strande her weht, nicht durch das Fett und dm Dampf des „Bazar," *) verunreinigt wird. Kaum ist ein Mensch zu sehen, nur hie und da huscht die Gestalt eines Arabers, seitlich an die Mauer gedrückt, vo.über. Gedämpfte Töne, die einförmige Melodie eines arabischen Liedes, treffen mein Ohr: die Araber singru fich selbst in den Schlafbald ist alles verstummt, bald liegt die Stadt selbst hinter mir. Doch wie unter einem Zauber wende ich meine Blicke inrmer und immer wieder diesem Himmel zu. Und er ist in der Tat so ganz gceignet, dem Menschen das Bewußtsein seiner eigenen Kleinheit aufzuzwingen. Und die Erinnerung kommt auf leisen Flügelndie Erinnerung an jene Länder jenseits des Meeres, an jenes Leben und jene Kultur. Aber eie Erinnerung ist keine, die das Herz des einsamen Fremden zusammenpreßt vor trauriger Wehmlkt und vor heißem Verlangen. Lispeln doch tausend Stimmen vom Himmel: bmw' na nx'n rapn ayn nos roni Die GntsteHuitg der Judengemeinde von Saloniki. Ter soeben in Saloniki herausgegebene Almanach National enthält auch einen sehr interessanten Aussatz über die Entstehungsgeschichte der Judengemeinde von Saloniki, dem wir die folgenden Taten entnehmen: Schon in den Briefen des Apostels Paulus wird *) Markt.