Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1911)
- Date
- 1911-04-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 18. Ro. 15. Der JSraÄtt. fort.eine bestimmte Fleischkost nötig ha L. Es ist aber nicht erlaubt, sondern dirrchaus verboten, am Iom - tauw zu schlachten, um die Kundschaft am Jomtauw bedienen zu können. Das, sollte man meinen, ergibt sich doch aus der Heiligung des Jomtauw von selbst. Wenn der Nichtjude seinen Feiertag ehrt und für diesen Feiertag nicht schon am Mittwoch vorher das Fleisch in Empfang nehmen will, dann sollte der Jude seinen Feiertag entweihen, seinen Festtag zum Werktag machen?! Und kostete es Opfer — aus Charakter allein müßte man schon diesen Gedanken von sich abweifen. Aber es werden die Opfer nur selten zu bringen sein. — Jeder Nichtjude wenigstens wird Achtung vor dem Juden haben, der seine Religion hält. Er wird aus dieser Standhaftigkeit mit Recht auf sein reelles Geschäftsgebahren schließen und er wird berechtigtes Vertrauen zu ihm fassen. Will der jüdische Metzger ein Uebrtges tun, so möge cr das kleine Opfer bringen und den Kunden, denen er damit einen Gefallen erweist, gratis einen Etsblock zu dieser Lieferung, die er vor Jomtauw zu machen hat, überlassen. Dann ist allen Teilen gedient, der Jomtauw kommt zu seinem Recht in der jüdischen Familie und die Versuchung ist zum Segen für Groß und Klein überwunden. * * * Nur Mut? Der Mut fehlt uns, das ist alles. Der Gott, der dem Menschen das Leben geschenkt, gibt ihm auch den Unterhalt. Und um so mehr wird uns dieses Vertrauen beseelen, als wir das Bewußtsein in uns tragen, mit Vorsatz seine Gebote nie verletzt zu haben. Lassen wir doch den Auszug aus Aegypten nicht umsonst feiern. Gibt es denn ein geschichtliches Ereignis, daS besser erweisen kann, daß der Allgütige die Schwachen nicht verläßt? Ist nicht der Auszug aus dem Sklavenlande und der Durchzug durch die Wüste mit allen wunderbaren Offenbarungen göttlicher Allmacht und Güte eine ewige Mahnung an uns, unser Gottvertrauen nie zu verlieren? Aber diese ständige Auffrischung dieser beseligenden und kräftigenden Gedanken tut uns not im Kampf ums Leben. Wir geben mehr aus, als bloß die Feier dieser Tage, wenn wir Schabbos und Jomtauw zu Werktagen machen. Wir verlieren damit die Möglichkeit, uns je wtederzufinden und unfern Kindern schneiden wir den Rückweg ab. — Mut und Vertrauen sind keine leeren Phrasen. Aber die Lampe und das Kind bereit stellen für den väterlichen Beitrag, das muß vorher durch die Mutter erfolgt sein. Ihre Hand entzündet bei beiden das Licht, in dem sie leuchten sollen,' die väterliche reicht dafür nicht aus. — Von sieben Brüdern berichtet die Ueberlieferung, daß sie sämtlich die Hoheprtesterwürde bekleideten. Die Weifen fragten die Mutter nach der verdienstlichen Handlung, welcher sie dieses seltene Glück verdankte. Daß man auch den Vater gefragt habe, wird nicht erwähnt! Das Oel für die Schabboslampe beim Kolonialwarenhändler gegenüber zu holen, war mein Privilegium. Daß er meiner Oelkanne sofort ansah, was ich wollte, war nichts auffallendes. Aber daß er, während das Maßgefäß völlig austropfte, ohne daß ich ein Wort zu sprechen brauchte, mir ein halb Viertel-Pfund Rosinen gab, für den Rostnenwein zum Kiddusch für Schabbos, das imponierte mir jede Woche aufs neue. Die Rosinen wurden in kleine Stücke zerschnitten und in eine halb mit Waffer gefüllte Weinflasche geschüttet. Im Sommer wurde die Flasche drei Tage in die Sonne und im Winter hinter den Ofen gestellt, am Freitag wurde die Mischung durchgeseit und nun war der Rofinenwein fertig. Ich habe seitdem teueren und seltenere Weine getrunken, aber keinen, der mir so gut geschmeckt hat, als der Rosinenwein am Wir kommen auch sonst im Leben nicht ohne ste aus. Mut und Vertrauen gehören vor allem zum jüdischen Leben. Rauben wir uns doch nicht selbst die Gedenktage, die Mut und Vertrauen in uns stets aufs neue beleben sollen. Me traditionelle und neuzeitliche jüdische Pflichttn-fluffa$$un0. Der Priefterfegen.1) Von Dr. A. Neuwirtb-Berlin. I. Der genaue Beobachter vermag in der Reformbewegung und -bestrebung des letzten Jahrhunderts zwei von einander ganz verschiedene Zeitabschnitte zu unterscheiden: einen talmudischresormistischen und einen prophetisch- oder auch kultur-reformistischen. Mit dem Beginn der Umgestaltung des Judentums haben die Wortführer dieser ganzen Bewegung immer wieder nachzuweisen sich bemüht, daß ihre Neuerungen dem Wesen, dem Geist und dem Inhalt des einzig wahren traditionellen Judentums in keiner Weise widersprechen. Bet Abschaffung einer jeden Mtzwoh wurde regelmäßig ein ganzer Apparat talmudischen Stellennachweises in Bewegung gesetzt. Die späteren Nachtreter und die „konsequenten" „Vollender" und Ausbauer dieses aus lauter Erleichterungen zusammengesetzten Judentums haben sich ihre Arbeit in jeder Weise erleichtert. Die Kenntnis des Talmuds schwand allmählich aus diesen Kreisen, so daß eine Operierung mit talmudischen Stellen schon daher wegbleiben mußte. Heutzutage wird die Negierung der sinaittschen Gebote einerseits mit dem Hinweis auf den Kulturfortschritt dem Altertum gegenüber, wodurch schon die Unmöglichkeit und Undurchführbarkeit der strengen Beobachiung der heil. Vorschriften erhärtet sein soll, sankttoniert andererseits mit der angeblichen Anlehnung an die Aeußerungen und Meinungen der göttlichen Lehre begründet. Merkwürdig aber wohl begreiflich, daß die Modernisierung des Prtestersegens in der Synagoge ganz still und fast klanglos vor sich ging. Weder machte man den Versuch, dieses Unternehmen durch talmudische „Gelehrsamkeit" noch durch „prophetische Aeußerungen" zu rechtfertigen. *) DvseS Thema ist bereits von anderen Gesichtspunkten aus Jihrgma V Nr. 10 brhandelt. D. Red. elterlichen Schabbostisch. Ganz so ist es mit der Schabboslampe. Eine ganze Geschichte des Beleuchtungswesens müßte ich schreiben, wenn ich meine Erfahrungen von der frühesten Kindheit bis auf den heutigen Tag hervorsuchen wollte. Vom Oellicht, vom Talglicht, Stearinlicht, Petroleum bis zum Gas und zur Elektrizität habe ich sie alle durchprobiert. Die folgende Beleuchtungsart war immer besser als die vorangehende, eine hat die andere verdrängt; nur meine Schabboslampe ist geblieben. Nernst- und Osramlampen mögen die kleinen Flämmchen meiner Schabboslampe hundertfach überstrahlensie können sich doch nicht mit ihr meffen. Diese modernen Leuchtmittel mögen die Nacht taghell lichten, mögen den Raum, tu dem sie brennen, bis in die fernsten Winkel erhellen, sie beleuchten doch nur den Ort, an dem sie sind und ihre Leuchtkraft reicht nicht weiter als die Spanne Zur, in der sie brennen. Ihr Licht, so jäh und grell es auch leuchtet, hat etwas werktägiges, profanes, das nach Industrie und Verkehr schmeckt. Es kann nervös machen, aber die Ruhe und den Frieden vermag es nicht zu bringen, den meine Schabboslampe ausstrahlt. Sie ist eben ein Schabboslicht, das nur an diesem Tage leuchtet, die anderen sind Werktagslichter, die in der Woche so gut wie am Schabbos ihren unheimlichen Glanz ausftrahlen. 11. April 1911 denn hierbei wurdö ^^Äe sonst reformiert, d. h. gänzlich abgeschaM vielmehr hat man sich mit dem Wechseln der Rollen begnügt -. die Erteilung des Segens wurde dem „ehrwürdigen" Herrn Rabbiner überwiesen. Wie zur Bekräftigung und Erhärtung des bereits längst vollzogene» Aktes werden jedoch von Zeit zu Zelt Stimmen laut, die mit der korachitischen Phrase um sich werfen. Besteht doch die ganze Gemeinde aus lauter heiligen > Männern. „Warum erhebt ihr euch über die , Gemeinde Gottes?" Mit welchem Recht soll j dieser oder jener, weil er zuftillig Kohn heißt,! mehr zu diesem religiöser Dienst berechtigt und! zugelaffen werden, als der Prediger, der seine! Heiligkeit durch viele Studien in den heiligen Schriften und nicht zuletzt durch fein Ornat sich erworben habe? Es dürfte daher von Interesse sein, einmal zu hören, wie der Talmud über diesen religiösen Dienst denkt. Eine genaue Betrachtung und ein richtiges Verständnis der talmudischen Auffaffung dieses Gebetes wird uns vielleicht eine ganz andere Anschauung über die göttliche Institution beibringen können. II. Der Talmud spricht an zwei Stellen darüber: an einer »Stelle spricht R. Jsmoel und R. Akiba davon (Chullin 99a); an der zweiten Stelle werden die Bestimmungen betreffs des Priestersegens ausführlich behandeltbet einer richtigen Fassung dieser Vorschriften leuchtet der Grundgedanke einem von selbst ein. Betrachten wir zuerst den ersten Punkt. Nach der Ansicht der beiden oben genannten Tannaim wäre beim Priestersegen zwei Faktoren tätig: Gott und der Priester. Sie meinen nämlich (idiä.) "mroV tqo n"3m '?ir>Kn7 cma» avn?,,. Die Priester segnen Israel, Gott aber segnet die Priester. Aus dieser Aeußerung geht unzweideutig hervor, daß -er Priester nicht als der Erteiler und Spender des Segens zu betrachten seiwäre dem so, dann müßte nicht erst Gott dem Priester den Segen erteilen. Vielmehr sei der letztere nur der Vermittler, oder richttger der Ueberbrmger, der "KiDim der Abgesandte und Bollführer Seines Willens. In einer etwas veränderten Version meint R. Akiba: Die Priester segnen Israel DT q'2Dö napni ww? prmo,, Gott bestätigt und bekräftigt diesen Segen" (ibid.). Die nachträgliche Erteilung, wie auch die nachträgliche Bestätigung des Segens seitens Gottes, will dem Priester nicht den Charakter eines Abgesandten nehmen, so daß er etwa selbständig den Wenn mir mein Schabboslicht den langen Weg erhellt, der in die traute Zeit znrückführt, als es noch im Elternhause leuchtete, belebt eö gar traute Bilder und weckt dabei eigenartige Gedanken. Es zeigt mir den großen tannenen Tisch, an dem wir Kinder in unserer Wohnstube saßen, die zugleich auch Schlaf-, Speise-, Kinder-, Bibliothekszimmer und Salon war. Der Ofen strahlte eine behagliche Wärme aus und wir Kinder machten unsere Schularbeiten. Auf dem Tisch brannte ein Talglicht und in dem Leuchter lag eine unverwüstliche Llchtputzscheere, ein Instrument, das die Kinder unserer Zeit kaum mehr dem Namen nach kennen. Mit dem Licht hatte es seine besondere Bewandnis. Der Vater war Schochet und reinigte das Fleisch von allen verbotenen Blut- und Fettteilen. Das Fett, das dabei abfiel und das andere fortwarfen, würbe sorgfältig gesammelt, ausgelassen und daraus Talglichter gegossen; dieselben, bei deren Schein wir unsere Schularbeiten machten. Ein Talglicht war damals ein Luxus, der gegen die Oellampen, die in den meisten anderen Häuser» gebrannt wurden, ganz fürstlich abstach. Punkto Beleuchtung zählten wir zu den ersten Honorattonen des Ortes. Und dennoch benützte jedes von uns Kindern jeden unbeachteten Moment, um daS Licht zu sich heranzurücken und so bester schreiben zu können. Die darauffolgende Ber-