Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1911)
- Date
- 1911-04-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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V Jahrgang. M*. üdiechcr Volhöfpeund Msuatr-Keiiage rum „israeliT TwntiNiilUlM Mtfctfoti Rabbiner Dr« B. Qlotf <■ Köln n Es war um Iftitttrnacbt! Wunderbar ist die Gestaltung der Bölkergeschichte seit jener Nacht, da das Rechtsideal einen Vertreter aus der Menschheit fremd gewordenen Kreise fand. Abraham war es. Nacht war es vor ihm hier hinteden geworden. Die Könige halten die Menschen und Staaten wie Sklaven an den Wagen ihres Triumphes gespannt. Jede freie Regung, jedes selbstgewollte Streben war unterdrückt. Unfrei und düster brütete die Gesellschaft ihr Dasein finster dahin, gelähmt, verfinstert, freudlos und leer. Abraham kam. In seinem Vaterhaus sah er den Götzenwahn seine Orgien feiern. Er erkannte den Wahnwitz, des Geistes Trübung, als Quell der Herzensverrohung. Wie, Götter aus Holz und Stein, aus Ton und Gips beherrschen die Welt? Ein Schlag mit dem Stock, und dieser ganze Spuk liegt als Scherbentrümmer — gewesen — am Boden. Freilich, kein Wunder, wenn Menschen dem Gebilde ihrer Hände, totem Stoff — wesenlos — sich beugten, daß die Mächtigen der Erde ohne viele Mühe diese lenkbaren Geister ohne Geist zu willenlosem Werkzeug ihrer Hände machten. Belebter Stoff konnte gefährlich werden, wenn sein Diktatwort — absolut — Widerspruch erfuhr, gefährlicher als diese Götzen von Holz und Stein und Ton und Gips, die geduldig auf ihren Posamenten standen und stehen blieben, so lang dem Menschen, dem Untergebenen, den andächtigen Anbetern, von denen sie mit dem Finger ihrer Hand gebildet waren, es gefiel. Aber auch sie, die Könige und Mächttgen von dieser Erde, waren Stoff. Ein Schlag mit dem Stock des Geschickes, und sie haben aufgehört zu fein und zu glänzen, ein Schlag, und sie liegen am Boden, und ihre Häuser und Paläste sind in Schutt und Trümmer gewandelt. Wohl vermag der Mensch scheinbar über diese Götzen ihrer eigenen Herrlichkeit den Stab nicht zu schwingen — und doch, er vermag es. Denn erst wenn der Mensch die Rute erhebt, saust sie hernieder auf die Henker des Rechts. Denn dann, wenn er aufatmet und seine Klage zum Himmel schreit, lehrt sein Seufzer, daß die Rute den Zweck erreicht, und, zur Knute geworden, den Menschen nach Befreiung sich sehnen läßt. Erst mußte der Willkür verwegener Traum der heiligen Reinheit zarte Bande antasten, und der Seelenschmerz liebender Gatten — Abraham und Sarah — in verhaltener Empörung leidvoll die Rechtlosigkeit ungekrönter Sterblicher empfinden, bis Gottes Hilfe erschien — da erschien sie. Erft mußte der Willkür verwegener Traum das Vaterherz Labans aus dem Busen reißen und den machtstolzen Hohn auf Pflichttreue und Herzensgüte selbst gegen Kind und Enkel an seine Stelle setzen, müffen Kinder und Enkel in unnatürlicher Entfremdung vom Baterhause sich hinwegsehnen, um der Menschensitte frei leben zu können — da erscheint die Rettung. Erst muß der Geschwister genußvergötternder, machthungeriger Neid bis zur Verneinung der Bejahung sich steigern und das Streben nach glänzendem Schein mit dem Sehnen nach wahrhaftem Sein in ringendem Kampf sich begegnen — da ist der Sieg errungen. Erst mußte ein Volk der Vernichtung preisgegeben fein, Dasein und Freiheit, Geist und Herz, Denken und Wollen gebrochen werden — da trotzten sie der Herrscherwut von Fleisch und Blut, wie Abraham Nimrod getrotzt, wie er gegen die Tyrannenwut der Zeit zu Felde zog und erhaben über eine Welt des Widerspruches dem Ideal des Rechten und Guten unbeirrt sich zuwandte — sie seufzten und Gott erhörte sie. Der Feigheit Strafe ist die Schwäche, Des sittlichen Mutes Lohn der Sieg. Das lehrt die Mazzoh, vor Mitternacht gegessen. Sie ist die Waffe in unserer Hand, die Besinnung auf uns selber, daß wir Gottes Diener, nicht Menschen Diener sind, bestellt zur Hut der Wahrheit, zur Wehr des Rechts — die Finsternis des Geistes zu zerteilen, den Wahn des Herzens zu zerstören. Erst die Finsterlinge materieller Selbstsucht in jeder Form erkennen und entlarven, macht die Menschheit frei. Sie kann sich selbst erlösen, wenn sie will. — — Doch „Eins ist Leben und Gott dienen". Das erwies sich damals, „als es war um Mitternacht". — Eine grobe Versuchung tritt mit den diesjährigen Peffachtagen und dem bald folgenden Schowuauthfeste an die jüdischen Metzger auf dem Lande heran. Die christlichen Oster- und Pfingsttage folgen unmittelbar aus die jüdischen Festtage. In solchen Fällen wird leicht zu einer bestehenden Erlaubnis gegriffen: am zweiten Tag Jomtauw zu schlachten. Es kann demgegenüber gar nicht genug betont werden, daß man nur für den Fall am Jomtauw schlachten darf, daß der Jude selbst für denselben Tag Jomtauw kein Fleisch hat, oder für einen Kranken, der so- Sie Schaddorlampe. Wie ist doch Alladins Wunderlampe ein trübseliger, unzulänglicher und prosaisch nüchterner Notbehelf im Vergleich zu meiner Schabboslampe! Mag jene in seenhellem Schimmer die Wunder aus Tausend und einer Nacht vor das Auge zaubern, es ist doch nur ein toller Märchenspuk, den sie uns vorgaukelt, der haltlos zerrinnt, sobald ihn das Auge festhalten möchte. Aber der Glanz, den meine alte Schabboslampe ausstrahlt, ich meine nicht einmal ihr Licht, sondern ihr blankgeputztes Messing, in dem sich die ganze Stube spiegelt, von ihm braucht mein Auge nur einen Strahl aufzufangen, und es ersteht vor ihm eine Welt, deren reale Wirklichkeit keiner so gut bezeugen kann als ich selber. Denn es ist meine eigene Welt, von der mich viele Länder und Jahre trennen, eine Welt, die vielen anderen durch diese Trennung versunken und vergessen ist, die ich aber, wenn sie mir je entschlüpfen wollte, durch einen einzigen Buck auf meine Schabboslampe aus der fernsten Vergangenheit mit ihrer ganzen Lebensfrische in jede Gegenwart versetzen kann. Manch Helles und Heiteres ist mir seit dem ersten Aufdämmern des Bewußtseins der frühesten Kindheit bis zum. heutigen Tage trübe und finster geworden. Aber die Schabboslampe sprüht ihren funkelnden Glanz noch heute in derselben reichen Fülle wider wie damals. In ihrem Lichte ersteht die glanzumfloffene Gestalt der Mutter, aus deren Händen die Schabboslampe jeden Donnerstag in frischer Schöne hervorging. Damals wußte man noch nichts von Geolin, Solarin, auch nichts von dem heute weltberühmten Stdol, der Königin aller frommen Putzpomaden, nichts von Kaol oder Schmitzol und wie die modernen Putzextrakte alle heißen. Zwei Dachziegelsteine wurden aneinandergerieben und der zinnoberrote Ziegelstaub vollbrachte das Wunder der Verjüngung, dem kein Staub und Rauch der Woche und keine Spur zudringlicher Fliegen und lästiger Mücken widerstehen konnte. Und wir Kleinen umstanden die Mutter, folgten jedem Stück, das in sabbatlichem Schmuck aus ihren emsigen Händen hervorging, und wir waren glücklich mit jedem kleinen Handlangerdienst, den wir dabei verrichten konnten. Wenn die in Teile zerlegte Lampe wieder zusammengefügt und behutsam aufgehängt spiegelblank zum Fenster hinaus leuchtete, so wußten wir, daß es keine bloße Redensart war, wenn die Rachel oder die Gelle, die Rtfke oder die Jachet, die bei ihrem Gang in die Synagoge unser Haus passieren mutzten, hineinriefen: „Wie ist euer Lamp wieder so schön geputzt!" Wie dieses Lob uns wohl tat! Ein kleiner Splitter davon kam ja auch auf unseren Teil, denn wir hatten doch geholfen) Jeder h.ttte bei der Herrichtung der Schabboslampe seine Funk- - tion. Die erste grundlegende Arbeit fiel der Mutter zu. War die Lampe in Stand gesetzt, so drehte der Vater die Dochte, legte sie an die richtige Stelle und goß das Oel hinein, brannte die Dochtspitzen an, damit sie Freitag Abend richttg brennen, wenn die Mutter die Lichter entzündete. Erst viele Jahre später, als ich den Erfahrungssatz jüdischer Weisheit kennen lernte, nach welchem die treue, hingebende Pflege des Sabbatlichts die Gewinnung unserer Söhne für eine Erziehung im Geiste der Thora zur beglückenden Folge hat, erst damals ging mir eine Ahnung von der Bedeutsamkeit aller dieser scheinbaren Kleinigkeiten durch die Seele. Daß das Licht, in welchem einst unsere Kinder leuchten sollen, so vielfach den Erwartungen nicht entspricht, mag wohl auch daher rühren, daß sich Vater und Mutter in der Pflege dieses Lichtes nicht in der Weise teilen, wie es nach ungeschriebenen Gesetzen beim Sabbatltcht geschieht. Nach dem Gesetz der Thora ist jeder Vater zum Unterricht feiner Kinder, also für den Lehrstoff zu sorgen, verpflichtet, wie er beim Sabbatlicht den Docht und das Oel, somit den Leuchtstoff übernimmt.