Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1911)
- Date
- 1911-04-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448818--66449-2494611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
■ 1911. ebt, nicht haraonen lagen die ienärmste N später unrühm- Ansichte»;ern, wie ■ntfl des c etwas Aber im le gegen kampsen. U. ' '22^ >en durch Rabbiner Feuilleton-Beilage zu Nr. M des „)sraelit". euilleton. Vir Srrcdiedte rveier Lricdenztetnr. Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung) alten 26 jüdischen oedanken und der _ lassische» Nüchtern war Meister Christlieb trotz der sttbernen Normittagsstunde gewiß nicht mehr, als er in rk?ä2 ^kgenwctrt mehrerer Friedhofsbesucher sein fachesen, in lnännisches Garere aogab und seine Gehilfen berichtet Löcher in die Bruchstellen des Leichettstetns bohr- Auszug ien, Welche den Klammern den nötigen Halt bt das^ben sollten. Zwar gewann der graue, unrnd, daß ansehnliche Stein durch die quer und senkrecht iren und verlaufenden Etsenteile keineswegs, über die -1EN mit- Klammern taten ihre Schuldigkeit. Da matt Siilfjf auch nicht auf einen jüdischen Friedhof geht, um Todes-künstlerische oder ästhetische Studien zu machen, der Manach jüdischer Anschauung der Ort der Gräber 'geMu, auch nicht den Zweck haben soll, durch imposante ellwiae.! Marmormonumente ganz gegenteilige Gedanken ster den -u erwecken, als der Ernst des Ortes mit sich Schülern bringt, so nahm niemand weiter Anstoß an dem Flickwerk eines eben erst seiner Bestimmung erS^aber übergebenett Leichensteins. Und höhnen sich die wärmste Menschen nicht selber, wenn sie über das bischen I. vermodernden Leib Marmor- und Eisenprunk entfalten, der ihren Namen doch Nicht vor Bery sinken oder Vergessen schützt? Solche breitangelegten Marmoranlagen an einem Ort, der llillem Seienden das Vergehende mit unbesieg- Suwalki ^cht entgegenstellt, der ohnmächtige menschliche Trotz, des Todes geheimnisvoller Gels ersten Walt ihr Grauen nehmen, und selbst in dieser ist dies stillen, wirklich ausgleichenden Republik Ausnahrrn auch men abzwingen zu wollen, gehören unstreitig zu wir auf HEN geistlosesten aller Geistlosigkeiten. Man könnte sich beim Anblick solcher kleinen Totenvillen und Totenlandgüter mit Elsengärten und vielleicht bald eigenen Treibhäusern beinahe belustigen, wenn der Ort sonst dazu angetan wäre. Auf dem guten Ort, auf dem das Erfurtersche Ehepaar ruht, sind jedoch keine solchen törichten Prunkgräber zu sehen. Wenn's hoch kommt, so umfaßt einmal ein Gitterwerk eine Grabstätte und zuweilen ragen größere und breitere Steine über die andern hinaus. Im Laufe der Jahre mußte der alte Friedhof geschloffen werden. Der bisherige Wärter,, der sich, gleichfalls im Lause der Jahre dem Trunk ergeben, seine Pflicht, die Gräber imstande zu halten, nur lässig erfüllt hatte, wurde in den Ruhestand versetzt und nur sehr selten noch betrat einmal, etwa zu Jahreszeitstagen, jemand das abgelegene Gräberfeld. Und da auch der Weg dahin beschwerlich war und nicht mehr wie bisher gepflegt wurde, so vereinsamte der alte gute Ort völlig. So waren vierundzwanzig Jahre und mit ihnen ein halbes Menschengeschlecht hingegangen. Bon den ehemaligen Verwandten und Erben Erfurters hatten wiederum die meisten zu Erbschaften Beranlaffung gegeben und darunter der einstige Neffe und Haupterbe. Nur, daß seine Erben eine große Enttäuschung erlitten; vielleicht auch nicht einmal das. Denn es war allgemach zu einem öffentlichen G.heimnis geworden, daß : haben! könnte" 1 Fu d i sie ein achweise »ß je'er sen und ht der schlichte niederjlreichen Bortrag no, der :d. So letzteren s Leben hundert Unser : Treffn, aber us dem . a. m ir Retz 8 bw , wenn e es in »ielleicht als ihre n Leser m ein sondern er Zeit;rungen r diese rettung en und tudium cd. „Neffe Erfurter" sein bedeutendes Vermögen eingebüßt hatte. Er starb als armer Mann. An einem frühen Elulmorgen, als die Sonne noch mit den weißen Nebeln kämpfte, schritten drei ältliche Männer rüstig den Hügel hinan, auf dem der alte,.hübsche Friedhof liegt. „Das hätte Wetlbacher erleben muffen, daß Mendeles Mosche noch einmal aus Amerika kommt) nach dreißigjähriger Abwesenheit." Moses Lion blieb keuchend stehen und betrachtete, wie verwundert den neben ihm schreitenden großen breitschulterigen Mann. Das war nämlich der Amerikaner, der ganz unerwartet, nur noch von wenigen gekannt, zurückgekehrt war und jetzt die Gräber seiner Eltern und sonstigen Verwandten und Bekannten besuchen wollte. Da Moses Lion, um sich ein wenig zu verschnaufen, stehen geblieben war, taten die beiden andern Männer ebenso. Der Kleinste von ihnen mit den nachdenklich in die Welt blickenden Augen, wischte sich den Schweiß von der Stirn und pustete: „Ich kann nicht mehr so schnell mitkommen, tut mir den Gefallen, bleibt 'n bischen stehen." „Ja, ja, Herzchen, hast recht, du bist auch kein Kind mehr," sagte der Amerikaner- „wohl bald siebzig?" „Schon" antwortete das kleine Männchen. Der vorausgegang ne Schammes öffnete ein kleines hölzernes fast unsichtbar verstecktes Pförtchen — die ehemalige breitere Tür war zugemauert worden — durch das die drei eintraten. Lion zog ein Buch aus seiner Seitentasche und begann halblaut daraus vorzulesen, bevor sie durch die stillen Gräberreihen schritten. Auf dem bereits absterbenden Gras hingen große Tautropfen; das graue Moos, das sich in die eingemeißelten Inschriften eingenistet, hatte einen stumpfen feuchten Schimmer) an den Sträuchern und Bäumen, die spärlich an den Gräbern hervorgewacksen waren, hingen lose gelb und rot verfärbte Blätter. Auf dem ungleichen hügelig gewölbten Boden standen ungleich, häusig schon ganz versunkene, kaum noch handbreit aus dem Boden regende Letchensteine, wieder andre windschief oder seitlich abhängend. „Ich kann Erfurters Mazewe nicht findcn", sagte Lion, indem er spähend umhersah. „Kommt mit, ich weiß schon," antwortete Herzchen Strauß. Sie schritten einige Reihen weiter. Dann blieb Herzchen vor einer ziemlich verwahrlosten Stelle sichen, auf der in zwei älflen zerbrochen ein Grabstein lag) verrostete .isenftücke staken wie Dolche in den Steinteilen. Betroffen blickte Lion bald die grauen Strintrümmer mit der fast ganz verwaschenen Inschrift, bald seine beiden Begleiter an. „Und das da ist Erfurters Kewer?" frug der Amerikaner. „Ja so ists" bestätigte kleinlaut das kleine Männchen, als schäme es sich. Kopfschüttelnd folgten L«on und Mojche Mendele ihrem Führer. Der Schammes war vor der Mauer stehen geblieben. Herzchen Strauß blieb nach einigem Suchen abermals, diesmal vor einem großen schwarzen, alles Glanzes beraubten Marmordenkmal stehen. Der Stein war offenbar mehr als die Hälfte in den Boden eingesunken und sah, wie Mitleid bittend, einen kläglichen Eindruck hervorrufend, aus. Auch hier war die Inschrift schon stark verwischt. Und da sich nur noch einige Zeilen der Inschrift über dem Erdboden befanden, konnte man nicht mehr den Namen ermitteln, der in diesen Stein etngegraben war. „Hier liegt die Brendel Erfurter," erklärte Herzchen Strauß von Neuem. „Wenn ich mal nicht mehr da bin," fuhr er nach einer Pause allgemeinen Schweigens fort, „weiß bald keiner mehr, wer da liegt. Und da drüben werden die zwei Stetnstücke auch bald in kleinere Teile auseinanderfallen und Daniel Erfurters Name wird sowenig mehr genannt werden, wie Brendels Schem." „Trotz des Kodizills und dem Legat . . . ." setzte Moses Lion gedankenvoll hinzu. Der Amerikaner hatte bisher wenig gesprochen. Plötzlich wandte er sich an Herzchen: „Nun, sag' mir mal, wieso gerade du die beiden Gräber so gut gemerkt hast? Warst doch nicht verwandt und hast doch nichts geerbt." „Nein," bestätigte Herzchen Strauß „war nicht verwandt und Hab' von Erfurter auch nichts geerbt. Aber befferes Hab' ich von ihm gehabt) mehr wert wie eine Jerusche." Mit gespannten Zügen und erwartungsvoll sahen die beiden andern den Sprecher an. „Bislang habe ich nicht drüber gesprochen, weil ich es ihm versprechen mußte. Nun sollt' Ihr es wiffen. Erfurter hat mir oft, sehr oft bei seinen Lebzeiten geholfen. Sicher ein halb' dutzendmal wär' ich ohne ihn mechulle gegangen. Er hat mir geliehen, oder ist orew gewesen für mich, und hat sich nie mit bloßen Eizes begnügt. Selbst wenn ich ihm das alte noch nicht zurückgegeben hatte, lieh er mir doch wieder neues Geld und hat mich nie gedrängt und nie verlaffen. Gottlob hatte ich es so weit gebracht, daß ich alles Hab' zurückzahlen können. Das Hab' ich aber nur seiner Freundschaft zu mir zu verdanken gehabt. Und wie hat er sich gefreut wenn's bet mir wieder klappte) das war aufrichtige Freude, die er von sich selber haben mußte. Und das Hab' ich ihm nie vergeffen und will ich ihm nicht vergeffen so lang mir meine Augen aufstehen. Ich Hab für ihn elf Monate Kaddisch gesagt und alljährlich für ihn und seine Brendel Jahrzeit gehalten und Licht gebrannt.. Mein Salomon, der Lehrer und Chasen ist und ein choschewer Jehudi dazu, hat mir Handcheskaw drauf gegeben, nach mir mal die Jahrzeiten für Erfurter und seine Frau treulich weiterzuhalten." Auf dem Rückweg von dem alten guten Ort gingen die drei Männer lange schweigend dahin. Endlich sagte Mendele's Mosche, der Amerikaner, in seinem mit Englisch durchsetzten Deutsch: „Heute habe ich viel erlebt und gelernt) das beste seit ich wieder in Germany bin. Ich hätte nie geglaubt, daß ein so reicher und honest man like unser Jugendfreund Erfurter in so einem Grabe liegen und von allen Menschen vergeffen sein könnte. Er war doch sicher seine siebzig- bis achzigtausend Dollar wert) yes?" „Wenigstens", bestätigte Lion. „The worse“1) fuhr Mosche fort. Wenn man hat solch ein fortune/) no matter (unbeschadet), daß man hat Kinder oder nicht, nehm ich ein part (Teil) von mein Geld und mache eine wohlthuende Stiftung. Never mind, nehme ich ein Drittel oder ein Halb von mein Geld und bestimme, daß jedes Jahr auf mein oder my wife’s (meiner Frau) Todestag sollen davon die Zinsen verteilt werden. Einmal im Jahr für Hachnosas Kalle, wieder ein anderes Jahr um armen Leuten zu zahlen die Rente (Miete). Und wieder ein andres Jahr lernen zu lassen Kinder armer Leute, oder zu unterstützen einen keinen Handelsmann oder zu geben ein Ir»an (Anleihe, Darlehen) an einen ordentlichen Mann oder Frau, um sich helfen zu können, um sein Leben zu machen?) Aber Ihr Deutschen seid keine praktischen Leute. Es ist no use,4) die Interests (Zinsen) von zehn und zwanzigtausend Dollars zu verzetteln an recht viele Leute, denen es doch nicht nutzt auf einen grünen Zweig zu kommen und wegen einer solchen Bagatelle zum Busches Jonim zu machen. Jedes Jahr müßte eine neue Existenz gegründet werden oder wo eine Existenz beginnt zu wanken, müßte sie befestigt werden. Dann würde auch für mein Grab gesorgt sein. (Fortsetzung folgt.) i) umso schlimmer. *) Vermögen. a) r>. y. fich ernähren zu können. 4) zwecklos. memi