Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-04-06 · Heft 14 (6.4.1911) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 14 (6.4.1911)
Date
1911-04-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448818--66447-2494609
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Das Zadrbvcb der Jüdiseb- Citterarlscbcn Gesellschaft IYSY—567S. Bon Prof. Dr. A. Tttlzbach m Frankfurt a. M. Der vorliegende 7. Jahrgang des Jahrbuchs (I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1910) bringt auch dieses Mal eine Reihe interessanter wissenschaftlicher Beiträge bewährter Autoren. Den Reigen eröffnet Rabb. Dr. A. Ackermann-Brandenburg mit einer ausführlichen, fesselnd geschriebenen Monographie des bekannten Münzmeisters Lippold. Es ist keine sympathische Persönlichkeit, dieser Parvenü, aber er ist nicht schlechter als tausend andere Hofschranzen, die durch Unterwürfigkeit unter die Launen der Großen ihre Gunst gewannen und sich zum Werkzeug ihrer despotischen und sultanischen Gelüste gebrauchen ließen und dabei für ihre eigenen Taschen sorgten. Nur hatten diese selten unangenehme Folgen ihrer Tätigkeit zu spürenstarben ihre Herren und Meister, so zogen ihre Werkzeuge sich in das dolce far mente zurück, Lippold aber mußte seine Dienste, die er dem prunkliebenden und ltebesbedürfttgen Joachim II. leistete, auf dem Schaffst unter tausendfältigen Marterqualen büßen. Um ihn aus der Welt zu schaffen, fabrizierte man die Anklage, er habe seinem Herrn einen Gifttrank gereicht. Schon der reine Menschenverstand mußte ja seinen Richtern sagen, daß der Blödsinn dieser Anklage auf der Hand läge. Lippold sollte den Mann vergiftet haben, von dem seine ganze Existenz abhtng, den Mann, dem er das Leben hätte verlängern müssen, wenn es in seiner Macht gelegen hätte. Wußte er denn nicht, daß der Nachfolger Johann Georg ein gar strenger, ernster Mann war, frei von extravaganter Lebensführung, der fern vom Hofe mit Aerger und Verdruß auf das lockere Leben seines Vaters hinblickte, und dem die Zurücksetzung seiner Mutter sehr zu Herzen ging. Konnte es Ltpvolds Wunsch sein, den Regierungsantritt des Nachfolgers seines Herrn zu beschleunigen? Und doch wurde Lippold hingertchtet und zwar unter martervollen Qualen. Warum? Er war ein Jude, und dies erklärt alles. Da glaubte man gern an die widersinnige Anklage. Auch sonst wäre er wohl als Geldbeschaffer des geldbedürftigen Kurfürsten schließlich nicht frei ausgegangen, das Gefängnis wäre ihm sicher gewesen wie den anderen Günstlingen des verstorbenen Herrschers, aber der Tod? Da kam nun die Anklage gelegen, sodaß man den Juden und mit ihm die anderen Juden der Mark treffen konnte. Denn auch diese mußten unter der falschen Beschuldigung des Mannes büßen, der ihnen selbst durch den schweren Tribut,den er ihnen auferlegt hatte, so sehr viel Leid bereitet hatte. Lippold war nämlich im Dienste und im Interesse seines Herrn recht interkonfessionell, er schonte seine Glaubensbrüder so wenig wie die Christen, ja vielleicht war er jenen gegenüber noch schonungsloser im Gelderpressen. Dies belegt der Verfasser durch Urkunden, und gerade die archivalischen Nachweise, von denen die über das Gerichtsverfahren gegen Lippold, die Klagen der Juden über dessen rücksichtsloses Borgehen gegen sie, besonders interessieren. Auch seine Buchungen über die Aus. Zahlungen an die Maitressen des Kurfürsten gehören zu den Dokumenten, die nicht eines gewissen Reizes entbehren und die in die Hoffitten und das Hofgebahren in jener Zeit grell hineinleuchten. 12 Urkunden aus verschiedenen Archiven sind der Abhandlung im Anhänge Beigefügt und dazu noch eine Reimchronik aus der Münchener Hofbibliothek, welche die Geschichte Lippolds behandelt und all die Untaten vermeldet: Mord, Landesverrat, Kindertötung, Brunnenvergiftung usw., deren man die Juden bezichtigte während sie mit Behagen die Hinmordung der Juden besingt. Es ist eine gründliche und verdienstvolle Arbeit, die der Verfasser, der sich schon Verdienste um die Geschichte der Juden in der Mark erworben hat, uns hier vorlegt. „Eduard von Hartmann und das Judentum" hat Rabb. Dr. I. Unna-Mannheim als wertvollen Beitrag dem Jahrbuch geliefert. Hartmann hat in seinem Buche „Das religiöse Bewußtsein der Menschheit im Stufengang seiner Entwicklung" Stellung zum Judentum genommen, und zwar im voreingenommenen feindlichen Sinne und hat seiner Gehässigkeit in besonderer Weise in seiner Schrift „Das Judentum in Gegenwart und Zukunft" Ausdruck gegeben und den Antisemitismus wesentlich gefördert. Hartmann steht im Judentum nur Niedriges und Gemeines und, wenn er sich gar nicht zu helfen weiß, wenn das Gute so hervortritt, daß es auch dem verbohrtesten Judenfeinde die Anerkennung abzwingt, so leugnet natürlich Hartmann das Gute nicht, aber er läßt es aus niederen und minderwerten Mottven entstehen. So find nach ihm die Juden nur zum Monotheismus gekommen, weil ihr beschränkter Gesichtskreis in ihrem kleinen Lande die Vielgötterei nicht schaffen konnte. Und wenn in den sogenannten Bußpsalmen Davids, „die religiöse Innigkeit des sittlichen Bertiefunasstrebens ihren klassischen Ausdruck finden", so gchört dieses zu den „systemwidrigen Unge- Hörigkeiten". Natürlich, es paßt dieses nicht zu Hartmanns System. All die Unwahrheiten, die geschichtlichen Verstöße, die der Philosoph des Unbewußten zusammenbraut, um ein Zerrbild des Judentums zu gestalten, weiß Unna in trefflicher Weife an der Hand der biblischen Urkunden zu widerlegen und die Hartmannsche Darstellung so zu zerpflücken, daß von dem Philosophen nur noch der Entsteller der Wahrheit übrig bleibt. Besonders wohltättg berührt uns die ruhige Sprache, die in ihrer würdevollen Gemessenheit umso überzeugender auf den Leser wirkt. Mit interessanten „Beiträgen zum Lexikon der Mischna" erfreut uns Prof. I. Barth- Berlin. Es gibt viele Ausdrücke in der Mischna, deren Bedeutung uns bekannt ist, ohne daß wir uns bewußt wären, woher sie entstanden, wie die Deutung, die wir ihnen geben, sprachlich begründet sei. Eine Reihe solcher Ausdrücke stellt Barth hier zusammen, und durch die wissenschaftliche Begründung wird uns die Bedeutung mancher dieser Ausdrücke klarer, wenn wir auch über sie nicht eigentlich im Zweifel waren. Wenn aber auch dies oer Fall ist, fo ist doch die wissenschaftlich sprachliche Begründung von bedeutendem Wert. Sie stellt einmal klar, daß die Sprache des Talmud nicht ein barbarischer Jargon sei, wie manche geneigt find zu glauben, oder daß andererseits manche midraschische und talmudische Worterklärungen . willkürliche Verdrehungen des ursprünglichen Wortfinnes seien und eine Verwilderung des Sprachgefühls bekunden. So wenn D7)]; -1A ron Vk als -12z gedeutet wird, das einige als v'iXv deuten, andere als Euphemismus für o*TVP ansehen, so wird uns durch Hinweis auf die arabische Wurzel Ty, arm, dürftig klar, was mit der Erklärung CPT»V ausgedrückt sein soll, und wir erkennen, daß das Wort sprachrichttg als arm angesehen werden kann - so reiht sich dieser Halbvers dem andern '131 v"vm* NNW31 richtig an. — Ebenso wird durch Sprachvergleichung das schwierige Wort MW=pH Mn, wie es die Erklärer richttg geben, sprachlich klar. Batth meint, es als „hier"--syr. zu erklären, es blldete dann einen Gegensatz zu pon „dort". Wie bei diesem Worte ist bei jenem das Schluß--- 7 ein demonstrativer Zusatz zu dem eigentlichen Mn „hier". Begründet wird dies noch von Barth dadurch, daß im Papyrus Elephanttne Sachau sich das Wort run in der Bedeutung von „hier" findet. So einleuchtend die angeführten Beispiele erscheinen und so überzeugend die Erklärungen der anderen vom Verfasser beigebrachten Ausdrücke find, so wenig kann uns die Erklärung des naren If'P befriedigen. Bekanntlich werden unter diesem Ausdruck die Opfer betrachtet, die gleichsam als Lückenbüßer?u dienen haben. Wenn der Vorrat der Opfer ür einen Tag aufgebraucht und der Tag noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.