Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1911)
- Date
- 1911-03-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Er ,ar der toten Gattin wieder nahe wie im Leben, lle, auch die entferntest wohnenden Verwandten, >aren herbeigeeilt, um dem braven Mann, der en meisten von ihnen ihre Existenz hatte becünden helfen, die letzte Ehre und Liebe zu er- >eisen. Es stoffen viele Tränen wie fast immer, »enn das für kurze Zeit ausgehobcne Häufchen rde zurückgeschaufelt wird, über ein paar Bretr, welche für alle Ewigkeit als Wohnung 4 durch ievoller durch lgkeiteu >, nur ng zur Nottesen, wo öetäti- )tspens Iuckoh , Der erbeniedenkgions- Eltern ^selben;roßrn rberei mtlasltchem lichkeit solcher msene noch und , be- -z der ndnis rhrige en. e». chtet, rünar rates tliche Reons- Da unde war, und lärz ende heit. er- Die arz- und!>rareonoin enen. Freundlich schien die Herbstnachmittagsonne, ls Moses Lion und Weilbacher als Letzte den Um Ort verließen und darauf der Schammes e hölzerne Türe einklinkte und. das widerspenstige rirschende Schloß in den Riegel zwang. Moses Lions Befürchtung und Wrilbachers rophezeihung, daß, bevor noch das Trauerjahr l Ende gehe, Niemand aus der Verwandtschaft ehr für Erfurter Kaddisch sagen werde, war in Erfüllung gegangen. Niemano sah mehr einen der verwandten in die Synagoge gehen und das Gebet ir den Toten oder dessen Gattin verrichten. Aber anz hinten, an einem der letzten und dunkelsten »lätze der Synagoge, stand tagtäglich ein ältcher Mann, der auch sonst selten beim Beten :hlte, ein kleiner, unansehnlicher Mensch, mit achdenklichen Augen, und sagte leise, kaum dem lachbar hörbar das uralte Gebet mit dem vigen Trosteszauber, das nichts von Tod und oten sprichtbei besten Motten aber dem Bernden das Bild des Heimgegangenen stets lebest vor die Seele tritt und das Weh lindert, is im Herzen brennt. Und heute, wo sich bereits grüne, keimende -prosten aus dem Erdhügel hervordrängten, als ollten sie der Grabesnacht entfliehen, die unter nen ein vergangenes Menschenwesen umhüllte, nd heute, in der ersten Niffanwoche, war wierrum Termin in dem langgestreckten Gebäude, rs finster und verdrossen in die Straße hineinickte. Heute war den streitenden Erbvarteien, die imer erbitterter aufeinander geworben und sich hon verschiedentliche Injurien entgegengeschleuett hatten, die noch zu anderen Gertchtsvermdlungen führen mußten, eine besondere Ueber- »schung zuteil geworden. Der Steinmetzmeister Chrtstlieb hatte eine rreftanlage auf sämtliches Mobilar und Barnmögen der verstorbenen Eheleute Erfurter kantragt, auf Grund einer Forderung von Einusend Mark für einen im Auftrag Erfurters krgestellten Grabstein. Als der Steinmetz mtlichen im Testament namhaft gemachten rben die Rechnung präsentiert, von allen aber lrückgewiesen worden war, hatte auch er einen dvokaten zur Wahrung seiner Forderung annommen. Herr Justizrat Linksum hatte sehr sch die gegnettschen Anwälte, bildlich gesprochen, zu Nr. 13 des in den Sand gestreckt, was umso leichter war, als alle Anwälte der Erben erklätten, durch etn Eingehen auf die Klage des Steinmetzen die Erbanrechte ihrer Klienten zu beeinträchtigen. Die Sache wurde mit jedem Termin verwickelter. Inzwischen war vom Steinmetzmeister einwandfrei nachgewiesen worden, daß der verstorbene Erfurter für das Grab seiner Gattin einen kostbaren Leichenstein bestellt und der Ablieferungstermin bis auf den zutreffenden Tag nach jüdischem Brauch vereinbart worden war. Pünktlich, wie das einem ehemaligen alten Soldaten geziemt, fuhr eines Tages der Steinmetz den großen marmornen Denkstein zum jüdischen Fttedhof und setzte, da sich sonst keine Verwandten etngefunden, sein Meisterwerk in eine schnell hergestellte Vertiefung, ohne sich viel um eine notwendige Fundamentierung weiter zu kümmern. „Jetzt mögen sich die Juden meinetwegen gegenseitig die Köpfe abreißen. Ich Hab meinen Kontrakt eingehalten und das weitere kümmett mich nicht s 0 viel." Er schnalzte dabei mit dem Daumen und verließ leise pfeifend den Fttedhof. Er sollte denn auch für die Folge Recht behalten. Obwohl die Prozeffe sich noch auf mehr als zwei Jahre hinzogen, mußte dem Steinmetz seine Forderung an die Erbschaftsmaffe beglichen werden, wiewohl keine der streitenden Parteien sich dazu verstehen wollte, die bezahlte Summe auch nur zu einem Teil allein zu übernehmen. Um sich von dem vielen Verdruß, den die Erbschaft ihm gemacht und an seiner Gesundheit gezehrt hatte, zu erholen, unternahm Heinz, der Neffe Erfurters, mit seiner jungen, lebenslustigen Frau zunächst eine Vergnügungsreise nach Italien) unbekümmert um die öffentliche Meinung, die, da Erfurter doch erst ein halbes Jahr tot war, nicht für sehr schön hielt, daß der Haupterbe nach dem Bericht eines eben von Monte-Carlo heimgekehrten Freundes und Reisegenoffen tagtäglich am Spieltisch das sogenannte Glück am Roulette zu kirren suchte. Einmal sollte, im Zorn über sein Pech beim Spiel, der junge Ehemann wütend geäußert haben, daß am Gelbe seines Onkels kein Glück und Segen sei. In der Heimat ein endloser Prozeß mit täglich neuen Verdrießlichkeiten und hier, in Monte- Carlo, wo er doch nur erst den Vorschuß beim Spiele einsetzte, nicht ein einzigmal einen nennenswerten Gewinn, ja, nicht einmal den Einsatz. — Wieviel Glück könnte da noch an dem „Ottginalgeld" sein! Da endlich, als ein sehr ansehnlicher Teil der Erbschaft bereits von Gerichts- und Anwaltskosten verschlungen worden war, kam ein magerer Vergleich zustande. Die an den Steinmetzmeister Chttstlieb bezahlten tausend Mark wurden als überhaupt nicht vorhanden gewesen erachtet und jeder der bisher prozessierenden Erben gab sich endlich damit zuftteden. Nun aber gab die undeutliche Fassung über die Ausgabe der hundert Taler für die Gräber und Steine einen neuen Anlaß zum Stteit. Tausend Mark waren bereits für den einen Stein verausgabt worden, wozu nochmals hundert Taler? Und für die Gräber? was sollte das bedeuten? Jedes brave Advokatenherz mußte höher schlagen bei dem Gedanken, wieviele zahllose Deduktionen hier möglich, wieviele juristische Interpretationen zulässig wurden. Jetzt, so erklärte jeder der Anwälte, sei die Geduld und die Generosität seiner Klienten bis zum Ueberlaufen erschöpft und jeder der Mandanten werde bis zum bittersten Ende sein Recht verfechten. Herr Rechtsanwalt Rechtsum frug seinen Kollegen und Gegner Beinsteller, ob er denn nicht am Ende aus dieser dunklen Fassung für seine Gegenpartei noch die Verpflichtung herausklügeln wolle, daß seine Auftraggeber am Ende jährlich hundert Taler für Instandhaltung sämtlicher auf dem Fttedhof vorhandener Grabsteine zu bezahlen habe? Die ganze Verhandlung drohte, je weiter sie zeitlich vorwärts- und in der Weiterentwicklung zurückschritt, zu einer unbeendbaren Posse auszuatten, als ein antisemitischer Artikel in einer Lokalzeitung, worin den beteiligten Erben die schlimmsten Vorwürfe gemacht wurden, die feindlichen Parteien zu einem unerwattet raschen Frieden veranlaßte. Ein außerhalb und ziemlich weit entfernt wohnender und nur gettng bedachter Erbe, der Vetter mit den vielen kleinen Kindern, anerbot sich, den Stein für Erfurter auf seine Rechnung machen zu laffen. Als auch dieses Anerbieten in die Oeffentlichkeit drang und von der Zeitung zu neuen gehässigen Angriffen zunächst auf den Neffen und Haupterben, Heinz Erfutter, benutzt .ward, da endlich machte dieser der unerquicklichen Szene dadurch ein Ende, daß er bei demselben Steinmetzen einen allerdings sehr billigen Grabstein bestellte. „Neffe Erfutter", der ja nur ein Prinzip und eine Rechtsftage hatte zum Austrag bttngen wollen, legte plötzlich ein merkliches Interesse an den Gräbern des Onkels und der Tante an den Tag. Er wollte die anttsemitischen Angriffe des Lokalanzeigers eben widerlegen, zugleich die übrigen Miterben, die untereinander nicht mehr verkehrten, in den Schatten stellen. Nichtsdestoweniger konnte der Letchenstein Erfutters keinen Vergleich mit dem der Gattin aushalten. Da aber zwischen ihren Gräbern andere Tote begraben waren, so fiel der Abstand nicht besonders grell in die Augen. Bei der zweiten Wiederkehr von Erfutters Todestag saß ein grauer Sandstein zu des Hügels Häupten, unter dem er ruhte und niemand mehr erfuhr von der Erbärmlichkeit, welche die Lebenden einander zufügten. Der Haupterbe, „Neffe Erfurter", wie er jetzt oft genannt wurde, war auf Reisen, als der schlichte Akt der Steinsetzung in Gegenwart von nur wenigen Personen stattfand, unter denen auch ein kleines Männchen mit grauen Haaren und nachdenklich blickenden Augen sich befand. Ein wahrer Unstern schien über den Leichensteinen des Ehepaares zu walten. Eine Woche darauf erhub sich des Nachts ein furchtbarer Sturm, der von heftigem, wolkenbruchartigem Regen begleitet war. Auf dem nach allen Seiten hin freiliegenden jüdischen Fttedhof hatte das Unwetter mit besondarer Heftigkeit gewütet. Einige Leichensteine. waren vornüber oder nach rückwärts gerissen worden, Erfutters Stein in zwei Hälften zerbrochen. Die Borwürfe, die nun dem Steinmetz Chttstlieb von den Verwandten gemacht wurden, entkräftete er mit den Motten: „Hätten Sie mir für einen Grabstein nur den dritten Teil gegeben von dem was die Herren Advokaten gekriegt haben, dann wäre auch noch für die ganze übttge Mischpoche ein besserer Stein 'rausgrkommen." Er lachte über seinen bösen Witz und wollte ihm dadurch seine gehässige Spitze nehmen, daß er erklärend hinzusetzte: „Sehen Sie, wenn alles akkordmäßig zugegangen wäre, dann müßte ein Maurer erst ein Fundament machen, was hier wegen des Lettebodens unbedingt notwendig ist. Wenn man aber den ausgemachten Preis strittig gemacht kriegt, mit seinem Geld auch noch warten muß und am Ende noch gar ans Gericht laufen soll, da sagt man eben gar nichts, hält den Mund und lätzt's kommen, wie die andern wollen. Der Erfurtettn ihr Stein ist jetzt schon mehr als ein Fuß tief gesunken und sein Stein fällt auch mal ganz nach vorn oder hinten. Aber, was geht mich das an? Das ist keine Steinmetz- und Bildhauerarbeit und dem Maurer seine Sache." (Fottsetzung folgt.)