Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1911)
- Date
- 1911-03-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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e-^ Leb» Organ des Bundes gesekestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands. Der Einfluß der Seminars auf die religiöse Richtung des Lehrers. Jellinek plaudert einmal in einer seiner Predigten über die Entwicklung eines jungen Rabbiners. Nach Absolvierung seiner Studien sucht er Anstellung. Gleichzeitig meldet er sich auf zwei eben vakante Stellen, die eine in einer orthodoren, die andere in einer Reformgemeinde. Der Zufall will es, daß er zuerst von der orthodoxen Gemeinde zur Probepredigt geladen und auf Grund derselben auch gleich gewählt und angestellt wird. Mitten ins orthodoxe Milieu hineinaestellt, lebt er sich mehr und mehr in die Orthodoxie ein und wird ein heißer Verfechter, ein eifriger Kämpfer für ihre Ideen. Wie wäre es wohl gekommen, fragt Jellineck, wenn zuerst die Berufung in die Reformgemeinde etngelausen wäre, für die der Kandidat natürlich auch eine passende Probepredigt in Bereischaft hatte, wenn der Zufall ihm jene Stelle beschert hätte? Dann wäre er wahrscheinlich mit der Zeit ein ebenso entschiedener Reformer geworden, als er sich so nach der anderen Richtung festlegte. So dem Sinne nach Jellineck. So oft ich irgendwo höre und lese, daß im Grunde genommen das Seminar auf die spätere religiöse Richtung der Lehrer ohne maßgebenden Einfluß sei und als Beleg dafür die Tatsache angeführt wird, daß schon aus orthodoxen Seminaren recht radikal liberale und ebenso aus nichtorthodoxen Lehrerbildungsanstalten ganz fromme Jugendbildner hervorgegangen .seien, gehen mir Jellineks Ausführungen durch den Sinn und — reizen mich zum Widerspruch. Ist wirklich die Tendenz der Bildungsanftalt so belanglos für die Entwicklung und religiöse Richtung? Ich will die Beantwortung der Frage theoretisch und praktisch versuchen. Wie verfährt die orthodoxe Bildungsanstalt? Sie steht in Lehre und Leben voll und ganz auf dem Standpunkte des traditionellen, meinetwegen talmudischen Judentums. Sie lehrt die Thora als Gottes Offenbarung, die schriftliche wie die mündlichesie widmet einen reichen Teil ihrer Arbeitszeit dem Unterrichte in den Religionsfächern und vorzugsweise dem Quellenstudiumsie lehrt Religion nicht nur kritisch verstandesmäßig, sie sucht Herz und Gemüt zu packen, zu begeisternsie schmeichelt nicht dem menschlichen Vernunftsdünkel, indem sie verwirft, was dem schwachen Menschengeiste unverständlich bleibt am Gotteswort und Gotteswillen, sondern weist eben auf die Schranken hin, die menschlichen Begriffsvermögen gezogen sindsie verlangt von ihren Lehrern und Schülern, daß das Leben der. Lehre entspreche, daß alle Religionsvorschriften gewiffenhaft beobachtet werden und sie muß diejenigen von sich weisen, die in böswilliger Absicht oder aus Gleichgültigkeit diese Lebensvorschriften nicht beachten wollensie züchtet damit absolut nicht Heuchelei und Scheinheiligkeit, denn sie zwingt ja niemanden zum Eintritt sie gibt vielmehr durch vorherige Uebernlittlung der geltenden Vorschriften jedem Interessenten die Möglichkeit zur Selbstprüfung, ob er geeigenschaftet sei für die orthodoxe Anstalt. Und sie weiß wohl, daß gerade in den Jugendjahren, in dieser stürmischen Entwicklungsperiode, manchmal Stunden des Zweifels, der Lockung und Verführung eintrten, aber sie sucht dann nicht in unverständig roher Weise mit Druck und Gewalt die Ausrottung, sie sucht vielmehr Vertrauen zu erringen und aufklärend und belehrend und tröstend alles wieder ins rechte Geleise zu bringen. Im Mittelpunkte ihres ganzen Wirkens aber steht die jüdische Idee wvw vw? und durchdringt und durchgeistigt und verklärt alles. Darf man wohl das alles so für gar nichts anschlagen? Muß nicht, will man überhaupt der Erziehung und dem Unterricht eine Bedeutung beimeffen, diese Erziehung und dieser Unterricht in der Jünglingsbrust Spuren hinterlaffen? Und die neologe Bildungsanstalt? Nun sie muß doch ihren Anschauungen gemäß lehren. Sie wird die Thora nicht als Gottes Offenbarung darftellen, sondern Bibelkrittk als Bibelunterricht betrachten oder mindestens, wenn sie diese letzten Konsequenzen nicht zieht, doch die Verbindlichkeit der kodifizierten Tradition in Abrede stellen und Literatur, nicht Religion darin erblickensie wird darum auch wenig auf das religiöse Tatenleben zu achten haben, denn ihr ist ja Religion Sache des Gefühls und Gemütessie wird nichts einzuwenden haben gegen DHD, Bartrasur, gegen Orgelklang im Gottesdienste und Tragen am raitr, sie darf ja ebenfalls keinen Zwiespalt zwischen Lehre und Leben zeigen. Sapienti sat! Und auch das sollte alles ohne Einfluß bleiben auf die religiöse Richtung des Auszubildenden? Und der Nachweis in der Praxis! Es ist unleugbar, daß aus orthodoxen Anstalten schon sehr radikale neologe Herren hervorgegangen sind, eigentlich aber müßte es richttger heißen, daß radikal neologe Lehrer eine orthodoxe Anstalt besucht haben. Aber das ist durchaus kein Widerspruch zu dem, was über die Bedeuttmg der orthodoxen Anstalt behauptet wurde. Niemand stellt in Abrede, daß andere Einflüffe den erziehlichen Einfluß paralysieren können. Vielfach sind im Schüler ältere Eindrücke nichtorthodoxer Art nachwirkend, die nur temporär zurückgedrängt waren, vielfach wirkt die Verführung und Verlockung der sogen. Freiheit und was dergl. Motive mehr sind — und — warum soll nicht auch die Möglichkeit zugestanden werden, daß es bei manchem ernste Ueberzeugung ist, wenn wir sie auch nicht teilen können? Gerade deshalb aber, weil der Mottve so viel und so mannigfaltig sind, die von rechts nach links ziehen, dürfen str die Bedeutung der erziehlichen Wirkung nicht die Fahnenflüchttgen den Maßstab liefern, sondern vielmehr die Treugebliebenen, die Ausharrenden, die Ueberzeugungsstarken, die lieber materielle Vorteile entbehren, als ihre religiöse Gesinnung und damit sich selbst ändern, aufgeben. Und wenn es auch nur wenige wären, sie würden die Wichttgkeit der erziehlichen Einwirkung ihrer Bildungsstätte schon genügend erweisen. Glücklicherweise ist es aber die weitaus größere Mehrheit der Absolventen orthodoxer Anstalten, die auch orthodox bleibt, wenigstens so weit ich die Verhältnisse kenne. Wenn ich einige Austrittskurse des Seminars Würzburg Revüe paffieren laffe, weitet sich mir freudig Herz und Auge. Ein Kurs mit 16 Absolventen, von denen bereits einer aus diesem Leben geschieden und zwei verschollen, weist von den restigen 13 noch sicher 10 strengster Observanz auf, um so bemerkenswerter, als zwei derselben heute Kaufleute sind. Die anderen drei habe ich aus den Augen verloren. Das Austrittsdatum liegt Jahrzehnte zurück. Aus dem jüngsten Jahrzehnt! Ein Kurs mit 7 Absolventen! Samt und sonders stehen sie noch auf dem religiösen Standpunkt ihres Seminars. Und würde heute eine statistische Erhebung gepflogen, sie würde im großen und ganzen das ziemlich gleiche Bild geben wie die beiden fast 20 Jahre auseinanderltegenden Seminarkurse. Das Gros aber ist beweiskräftig, nicht der Ausnahmefall, Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel. Und nun die Verhältniffe im anderen Lager. Es gibt auch orthodoxe Lehrer, die auf einem nichtorthodoxen Seminar vorgebildet wurden! Stimmt! Aber zunächst die Frage: Wie charakterisiert sich das nichtorthodoxe Seminar? Wird eine einheitliche Charakterisierung möglich fein? Zeigt nicht der sogen. Liberalismus eine ganze Stufenfolge von Charakteren? Ist bezüglich der Richtung der Seminare diese Differenzierung nicht ebenfalls da? Nur von der religiösen Anschauungsweise der jeweiligen Seminarleitung hängt es ab, ob sie in Lehre und Leben mehr oder weniger radikal auf ihre Schüler einwirkt. Nnrr ist'es ja auch hier denkbar, daß frühere religiöse Einwirkungen nur schlummerten, später wieder erwachen und durch entsprechendes Milieu sich kräftig entfalten. Es ist aber kaum denkbar, daß junge Leute, die ihre „religiöse" Ausbildung nur der Reformanstalt danken, die also in das Wesen der Orthodoxie keinen rechten Einblick gewinnen können, sich später dieser zuwenden können. Ich glaube, ich brauche nicht deutlicher zu werden. Unmöglich wäre ja natürlich auch