Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1911)
- Date
- 1911-03-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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(j Der Israeli?] Ein Ccntralorqan tür Jas orthodoxe Judentum (IflBBto ^MWUl rggggFgaSegründefoon Dr.Lehonniiinlüainz cs&sa u 23. MSI) 1911 92. Jahrgang, WN Sranhfiirf a. IR., Seit 23 Mar 5671 «boaaemeat pro «terleljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. r.S0. hestauSgabe (KunstdruS) Mk. 8.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland 1 Rub„ England 8 »h., Amerika 50 cta., Niederlande 1.80 fl., Frankreich Fra. 8JS0, Abonnement» bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HeftauSgabr nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate r 30 Pfennig für die sech-gespaltene Lolonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Jnseratenannahme nur durch Laasenstein u. Vogler A.-G.. Frankfurt a. M.. und deren Filialen. Zahlauge« können außer direkt an den Verlag erfolgen per: Eoato bei der ft. ft. Postsparkasse *81« Ro. 79 665. Eoato bei de« St. Postsparkasteaa«t Budapest 91». 184*4- Eoato bei der Rigaer Eommerzbauk in Riga und deren Filialen. Oer TladiOrudt 9er Rrtihei un9 Correfpon9en?en 9es „Israelit“ IR nur unter genauer Quellenangabe, un9, soweit es fUfi um gröbere fluffäfce ' hanöeif, nur nadi vorheriger Genehmigung gestattet JnhattsSvevstchr. i. Leitartikel: Referendar Jfaac Breuer: Was läßt Hermann Cohen vom Judentum übrig?=2.ä6oi^c nrundschau :Die Krisis in Jerusalem. — Die Kiewer Emigrationskonferens. 3. Aufsätze: R. Dr. Kaatz: Ziberates Judentum. --4.Kle ines Fe u illeton: GinWon über die Herstellung des UlWvs. — Ido Oppenheimer: Hebekka. — Elchanan: Berliner Plauderei. — Korr espvndenzen und Rachrichten: Der Hilfsverein der deutschen Juden. Berlin. Breslau (Repräsentanten' iitzung.) — Ungarischer Brief. Budapest. — Aus der Duma. Petersburg. — Odessa (Chewra^Kaddischa.) — Die erste orth. Kabbinerkonferen; in Großbritannien. Leeds. — Zur Krisis. Jerusalem. — 6. B erm isch tes: Frankfurt a. M. — München. — München. — Würzbürg. — (ließen. — Marburg. — 7. Vereinswesen: Frankfurt a. M. — Frankfurt n. M. — Alsseid. — Personalien: Kitzingen. — Wallertheim. t». Lprechsal : Jüdische Soldaten. — lv. Briefkasten. — Bereinskalender. — Fnmiliennachrichten. 11. Beilagen: Feuilleton-Beilage: Die Geschichte nveier Zeichensteine. — Literarische Warte: Dr. Löb, Hannover : Erinnerungen an die Tätigkeit S. K. Kirschs in Emden. — Bücherschau. (Ua$ läßt fiermann Loben vom (Judentum übrig? Bon Referendar Jmae Breuer. II. Was aber hat das Judentuni in derZukunft nach der Menschheit zu bringen? Es ist die Aufgabe des Judentums nach Cohen, in einer Zeit, „in der der Glaube an Gott so schweren Erschütterungen ausgesetzt ist, und in der innerhalb der kulturell höchst entwickelten Religion selbst die dogmatischen Schwierigkeiten den Grund des Gottesglaubens berühren", als ein „Hort des religiösen Fortschritts" ausrecht da zu stehn und den Glauben zu erhalten, an die sittliche Wiedergeburt, an die sittliche Zukunft der Menschheit . . . Nur in sozialer Sittlichkeit und nur in weltbürgerlicher Humanität atmet der echte lebendige Gott, den die Propheten Israels zum Gotte Israels und zum Gotte der .Menschheit j gemacht haben." Darin liegt in der Tat etwas unendlich Wahres. Die dogmatischen Schwierigkeiten, in die dem modernen Zeitbewußtfein der paulinische Gott des Christentums sich verwickelt sieht, drohen nicht nur diesem, sondern drohen dem Gottesgedanken überhaupt, und damit der Sittlichkeit zum Verderben zu gereichen. Das vom Slttengesctz postulierte Reich der Zwecke darf seines Oberhauptes nicht verloren gehen, soll nicht im Reiche selbst unheilbare Anarchie ausbrechen. Ohnedies ist dem allzu sehr in den Kampf um die Güter dieser Welt verstrickten Geschlecht der Gegenwart der Wille zur Sittlichkeit, der auf dem Glauben an sie beruht, ins Wanken geraten. Selbst das Volk der Dichter und Denker hat an Kantens Stelle seinen Bismarck auf den Thron erhoben und hat gar bald der Wollust lang entbehrter Macht zu sröhnen gelernt. Allzumal sind wir Kinder dieser Welt geworden, und das Reich der Zwecke droht entvölkert zu werden. Da gilt es zusammenzustehn und mit doppelter Festigkeit die Fahne des sittlichen Ideals hochzuhalten. Die sich den sittlichen Idealismus gewahrt, die nicht glauben können, daß nationale Macht das höchste Gut sei, sie müssen mehr als je ihre Stimme erheben, auf daß sie wieder zur Geltung kommen. Und welch l hohe Bedeutung muß da einer Gemeinschaft zustehn, deren geistiger Gehalt eben nichts anderes ist, als der „glühende Glaube" an das Sittengesetz und feine ewige Geltung, die einen Gott im Herzen trägt, der bereinigt ist von zeitlick gewordenen und darum notwendig der Zersetzung unterworfenen Dvgmen, der wirklich nichts ist, als Gesetz und Vorbild der Sittlichkeit: Wenn der dogmenumkleidete Gott ins Wanken ge'nt, muß da nicht in naher Zukunft die Stunde des Gottes schlagen, der nichts ist, als Oberhaupt des Reiches der Zwecke? Das Judentum Cohens ist Religion gewordene Sittlichkeit. Und in dieser von aller empirischen Zutat befreiten Wesensart des Judentums liegt nach Cohen seine Bedeutung für die Zukunft. Judentum ist nichts als Glaube an den einzigen als Gott - Gesetz und Vorbild der Sittlichkeit. Die einzelnen Sätze des Judentums müssen sich alle aus dem Ge setz der Sittlichkeit abfolgern lasten. Und so spricht Cohen den Gedanken aus, in dem wir den Kernpunkt seiner Anschauung vom Judentum erblicken: „Wir modernen Juden hegen unser Judentum nur als den Glauben an den einzigen Gott, und wir anerkennen nur diejenigen Pflichten, welche mit diesem Grundglauben Zusammenhängen!" Das ist das Judentum, das Cohen dem Kongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt vorgeführt hat. Was wohl der Kongreß zu dem seltsamen Bild gesagt haben mag? Ob ihm wohl der Gedanke gekommen ist, daß auf seiner Tribüne überhaupt nicht das historische Judentum, sondern nur eine überaus kleine, seit mehr als einem halben Jahrhundert von der Gemeinschaft abgesplitterte Sekte, allerdings in ihrem ernsthaftesten und tiefgründigsten Vertreter, zum Wort gekommen ist? Denn in der Tat: So klar und bewußt hat noch niemals jemand öie Grenzlinien gezogen, die das historische Judentum von der sogenannten Neoiogie trennt, wie hier Cohen vor dem Kongreß. Cohen ist für mich geradezu der typische Vertreter der Neologie. Ich habe an dieser Stelle vor kurzem ausgeführt, wie das Charakteristikon der Neologie keineswegs in der bloßen Gesetzesüb ertretu ng besteht, vielmehr allein und ausschließlich in der prinzipiellen und umfastenden Leugnung der Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzes überhauptwie die Neologie, nachdem sie, ohne den Schimmer irgend welcher Konipetenz, das nationale Gesetz derogiert, auch die Lehre des Judentums in ihrer Reinheit verfälscht und zum Spielball ihrer subjektiven Einsichten und Anschauung n gemacht,' wie endlich solchermaßen in den Händen der Neologie die jüdische Lehre jeder Eigenart beraubt und zu einer allgemeinen Sittenlehre, einer Kantischen im Kopfe eines Kantianers, einer Cohenschen im Kopfe Cohens geworden. In der Kongreßrede Cohens haben wir für all das die deutlichsten Belege. Cohens jüdischer Gott ist nicht der Schöpfer Himmels und der Erden im physischen Sinne dieser Worte. Cohens jüdischer Gott ist nicht der Erlöser Israels aus der Sklaverei in Aegyptenland im h i ft o r i s ch e n Sinn dieser Worte. Cohens jüdischer Gott sendet nicht dermaleinst den Messias zur Heimführung des jüdischen Volkes im nationalen Sinne dieser Worte. Ihm haben all diese in der Lehre des historischen Judentums als reale Tatsachen vorgetragenen Dinge überhaupt nur eine sittliche Bedeutung. Soweit sie aus dem obersten