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Der Israelit · 1911-03-09 · Heft 10 (9.3.1911) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 10 (9.3.1911)
Date
1911-03-09
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. (0 des „Fsraelit". ed.-c». euilleton. Uns einer verborgenen Well. Chakkivifche Geschichten. Nach der Zusammenstellung eines galizischen Chassid bearbeitet von Sch. (Schluß.) Heilige HJahr?eichen. Sollte sie etwa wieder zum so und sovielten Male den wahren Sachverhalt erzählen? Den Richtern sagen, daß die Mutter sterbenskrank war und die Arznei, die der Medicus verordinierte, im Ghetto nicht erhältlich war, daß sie nur aus dem Grunde und von der Angst um das liebe Leben der Mutter gejagt, sich in den Spezereikram vor der Kirche gewagt, daß sie vom christlichen Feste nichts gewußt und von der Prozession so gut wie nichts gesehen hatte, daß sieveim Läuten des Meßglöckleins eilig davonlief und bereits nahe dem Ghetto war, als sie von den Landsknechten eingeholt und gefaßt wurde? Sollte sie all dieses wiederholen, um noch einmal in den Kerker geschleppt zu werden und dort auf der Folterbank alles wieder einzugestehen, was ihr vorgehalten wurde? Beim Gedanken an Kerker und Folter durchschauert ein Frost den Körper der Unglücklichen, und sie stampft mit dem Fuße auf. Nein, nimmermehr! Es muß heute ein Ende nehmen! Schweigend hört also das Mädchen die Anklage. Und nun wird unter wildbrausendem Jubel des Volkes das Urteil verkündet: „Mit ihren Haarsträhnen soll die Verbrecherin an einen unbezähmbaren Gaul gebunden und so durch alle Straßen geschleift werden, durch die sie gegangen, daß ihr frisches Blut den Boden abwasche, den sie mir unreinem Fuße entweiht hat." So geschah es. Zehn Henkersknechte konnten nur mit schwerer Mühe das schäumende Tier festhalten, an welches nun das Opfer unter frenetischem Jubel und Beifallsklatschen der Menge gekettet wurde. Ob sie noch einen Wunsch hätte? fragte der Richter, wie es gebührlich ist. „Ja!" lallte die Unglückliche, „ein Knäulchen Bindfaden!" ... . Ob sie wohl der Schreck in den Wahnsinn getrieben? Der Richter zuckte die Achseln. Aber er willfahrte nach Recht und Gebühr ihren letzten Wunsch. Und im wilden Freudenlärm, der in der bestialischen Masse entstand, sah es keiner — nur die unsichtbare Wanderseele, konnte es genau beobachten — wie das Mädchen an mehreren Stellen ihre Kleider eng und fest an den Leib band, danjtt nicht bei der Prozedur ihr nackter Körper durch der Rohen wohllüstige Blicke geschändet Werde.... - Und nun beginnt die Exekution. Die Knechte geben das Pferd frei. Tausende Stimmen erschallen beifalljohlend, tausende Hände erheben sich, um mit Peitschen und Stöcken das aufgeregte Tier zu schnellem Laufe, anzuspornen. Und voll den Fenstern der Giebelhäuschen schauen zierliche Damen mst holdem Lächelü auf das seltene Schauspiel;. .?' Die Menge drängt sich auf beide Seiten. Schäumend und sich hoch aufbäumend beginnt der Gaul seinen wilden Lauf durch die engen, krummen und hügeligen Gassen und Gäßchen. Und eine breite, warme Blutader bezeichnet den Weg von der Kirche bis zur Ghettomauer Da ließ sich die Seele langsam auf das Opfer nieder und löste einige blutgetränkte Fasern von dem Bindfaden, der die Kleider des Mädchens befestigte. Mit dieser Beute flog sie behende zum Himmel, dessen Pforten weit ausgingen. Eine unbeschreibliche Freude entstand in den Gottesscharen angesichts des neuen Erdengeschenkes. Und die Engel drehten sich im Reigen und sangen im Chore von der Reinheit der Töchter Jsraels.... * . * * Noch eines Wahrzeichens bedurfte die arme Seele, um dauernd in des Lichtes Regionen wohnen zu dürfen. Aber woher dieses nehmen? Jahre vergingen, vielleicht waren es auch Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte gar — das Zeitmaß war der Seele auf ihrer Wanderschaft durch den Weltenraum verloren gegangen —, die Welt wurde nicht besser, sie wurde nicht schlechter. Sie bewegte sich, wie sie, die Seele selbst, im ewigen Ebenmaße zwischen Gutem und Bösem und hinter dem Großen lag stets das Gemeine. Nirgends war nur eine Spur von dem zu entdecken, was den Himmelsbewohnern zur Freude gereichen könnte.... Da wurde die Seele auf ihrer endlosen Weltenfahrt in ein kleines lithauisches Städtchen verschlagen. Ein Städtchen, das einst ein solches war und von dem jetzt nur noch rauchende Trümmer und schwarze Schutthaufen zeugten. Eine Feuersbrunst hatte mit wilder Gier alle Häuser emgeäschert und auch Menschenopfer gefordert. Wie Schatten huschten die Armen, die ihr nacktes Leben gerettet, um die glimmenden Reste ihrer Habe, ohne Brot, ohne Kleider, ohne Obdach und Schutz vor Wind und Wetter. Drei Tage lang ohne Brot — das war denn auch für die an Hunger und allerhand Entbehrungen gewöhnten Leute zu viel. Fern von der Handelsstraße, abgeschnitten vom Weltverkehr blieb das unselige Städtchen auch in seiner Not allein und verlassen. Von Eisenbahnen, Telegraphendrähten usw. erzählte man sich im Orte wie von fernen großen Wundern einer andern Welt, über die die Alten ungläubig den Kopf schüttelten. Wie sollte die Nachricht des Unglücks den Weg ins Land finden, wie den Armen rasche Hilse kommen? Erst am Abend des dritten Tages traf aus der nächsten, zwölf Meilen entfernten Stadt ein Wagen, voll beladen mit Brot und anderen Viktualien ein. Ein unbeschreiblicher Kampf entstand um das Brot. Hunger und Not machten die Menschen zu Bestien. Ein jeder rang verzweifelt für sich und seine Nächsten, ohne des Andern Notdurft zu beachten. Wer zu schwach war, um sich seinen Anteil am Brote zu erkämpfen, wurde grausam vom Platze gedrängt, ohne Rücksicht und Schonung zurückgesioßen und niedergedrückt. Im Nu war der Wagen ausgeplündert und nur gering war die Zahl der Glücklichen, die sich mit Ellenbogtngewalt einen winzigen Teil an der Beute sichern konnten. Ueber dieses Bild der Eigenliebe, die auch das gemeinsame Unglück nicht einzudämmen vermag, weinte die schauende Seele im Stillen. Wo war das Große und Erhabene, das tiefere Naturen im Leide sahen? Da wurde sie Zeugin eines seltsamen Vorganges: Ein schwacher Greis kämpfte mit Ausbietung der letzten Rechte seiner Lebenskraft um eine Krume Brot. Es gelang ihm, nach hartem Ringen diese zu erhalten. Und nun zog er sich schweißbedeckt usid ganz, erschöpft mit seiner köstlichen 'Beute hinter eine rauchende Ruine zurück, um sie dort in Ruhe und ohne Gefahr, ihrer wieder beraubt zu werden, zu verzehren. Dort kauerte aber auf dem feuchten Boden neben einen, weißen Bündel, das verschiedene wertlose Hausgeräte barg, ein vierjähriger Junge mit hohlen, bleichen Wangen und großen, schwarzumränderten Augen. Das Kind suchte es sich auf dem Bündel bequem zu machen, doch schrack es, als sich ihm die Schritte des Alten näherten, jäh auf und rief: „Mama! Mama!" Als es des Greisen ansichtig wurde, senkte es wieder das Köpfchen kraftlos auf den Boden und wimmerte leise, gedämpft in sich hinein. Der Alte setzte sich zu ihm, legte seine Hand liebevoll auf des Kindes Haupt und fragte leise: „Wo ist Derne Mama, Kind?" „Mama" — lallte das Kind, ohne den Mann anzusehen — „gange Bod ole, ab so Hunder, Under. . . ." Und das Kind warf wieder unruhig den Kopf aus das Bündel und rief kaum hörbar: „Mama, Under! Mama, Under! . . ." Eine Weile stand der Alte still und betrachtete das Ktnd. Dann nahm er das Brot hervor und sah es von allen Seiten an. Einen sonderbaren Schmerz »empfand er im Magen, im Gaumen. Aber er brachte es nicht fertig, den Bissen in den Mund zu führen. Und ein innerer Kampf verzerrte sein blutleeres Greisengesicht. „Sollte nicht ein junges, aufblühendes Leben mehr Recht auf Erhaltung haben, als ein altes, dahinschwindendes?" murmelte der Alte vor sich hin. Und kurz entschlossen warf er die Brotscheibe dem Kleinen in den Schoß und lief eilig davon. Der Junge richtete sich auf und griff hastig nach dem Brot. Seine Augen weiteten sich noch mehr und gierig biß er hinein.... Bei den letzten Bissen sang er bereits und jauchzte voller Lust: „Mama, wo bist? ab Bod, ab Bod!" Der Alte aber kam nicht weit. — Schon nach einigen Schritten sank er entkräftet zu Boden. — — jubelte die Seele hell auf? Ungesehen ließ sie sich über das Kind herab und nahm einige Brosamen, die dieses auf den Boden geworfen, auf. Mit diesem Funde eilte es zum Himmel, der sich nun wert auftat und sie für i m m e r aufnahm. Die Freude ob dieses dritten Geschenkes war im himmlischen Gotteskreise eine unbeschreibliche. Seitdem prangen die drei Erdengeschcnke in der vordersten Reihe des Paradieses im hellsten Himmelslichte als heilige Wahrzeichen der Treue, der R e i n h e i t und der Liebe. Wir behalten uns vor, die „ChasstdischrnGefthichten" später forhusehen. In nächster Uummer beginnen wir mit dem Abdruck einer sehr interessanten Novelle: Die Geschichte zweier Keichensteine von Arthur Kahn. Rät[ellö[ung. Auflösung des Rätsels i« Nr. 8. ttfn; Schlange, VN2 König der Amoniter, Brustschild des Hohenpriesters Richtige Lösungen sandten ein: Kantor A. Srog, KSnigsöach- I. Schill, Preßburg- Lehrer Abraham Liberles, Brötzingen- Biktor Löwenstein, Kassel- Chör Rosenberg, Baguja!iely- Adolf Hofmann, Otura; Kurt Bachrach, Bad Kreuznach- Martin Davivsohn, Rastenburg- Naftali, Zewt, Jehuda und Jakob Samunow, Windau (Kurland) - Kantor M. Lewtn, Krtstianta (Norwegen)- Lea Unger, Zielenztg- Samuel Zobel, Boskowitz- Heimicd Aßknazh, Sereth- Kantor Max Rosenzwetg, Galatz- Sari Paschkuß, Lewy Fletschmann, Dunaßerdahely - Moses Dztalowskt, Lodz- I. Jaffe, Tilsit- Rabbiner David Feldmann, Leipzig- S. Bienenstock, Berlin- Isaak Rosenfeld, Leipzig- Nathan Kugler, Num.

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