Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1911)
- Date
- 1911-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israeli J Ein Centnlorgan für das orthodoxe Jndentun Begründet non Dr. Lehmann in fflainz esssss 52. Jahrgang. ss Sranhfurf a. lll.. Öen 9. Mr? 1911. 9 Mar 5671 eso -M- IO «voonoeoooeoot Pr- «terieljahrr Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HeftauSgabe (Kunstdruck) Mk. 8.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn s Kr., Rußland l Rub., England 2 sh., Amerika 60 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.60. Abonnements bei allen Postanstalten. Buchhandlungen, sowie dirett bei dem «erlag. HeftauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate r 80 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tarif. Inseraten an» ahme nur durch Haafenstein u. Vogler A.-G>. Frankfurt a. M>, und deren Filialen. Zahlungen können außer dirett an den «erlag erfolge» per: Lonto »ei »er ft. 2. Postsparkaffe «iea »ko. 79 6*6. «onto »ei de« ft. Postsparkaffenamt Vndapest 184LL Gonto »ei der^»ki«aer Gommerrdank in W|i und deren Filialen. Oer nathöruefe Ser ftitiKef unO Correfponflenjen Oes „Israeüt“ (ff nur unter genauer Quellenanuabe, unD, soweit es Itcti um größere Ruffflbe handelt nur nadi norhertger Genehmigung geffattef. IfthattsSbevstcht. 1. Leitartikel: Rabb. Dr. Kaap: Liberales Judentum. — 2. W o ch e n r u n d s ch au: Notstand in Jerusalem. — Leichenverbrennung und Urnenbestattung. ---3. Aufsätze: Zum 90. Geburtstage des Jlrinjregenten Luitpold in Kayern. — Disstplm und Lehre in England. — 4. Homiletik: Unsere Abwehr. — 5. Kleines Feuilleton: Die Einweihung des neuen Schulgebäudes in Pethach-Tikwa. — Die Juden. — Hpgiene Atlsfteliung in Dresden. — Der örder in der Kl nnne. — Das Ende einer hebr. Lehrkanzel. — 6. K o r r e s P o n d en z e n u n d Na ch r i ch t e n: Berlin (Ausweisungen in Rußland) — Berlin (Hilfsverein.) — Berlin (Jugendv reine.) — Berlin (Nepräsentcmtenvers.) — Das Urteil des Reichsgerichtes im Hamburger Aschenurnenproseste. Leipzig. — Hamburg (Talmudthoraschule.) — Osterburken (Landesspnode.) — Kopenhagen (Ober rabbineraffäre) — Nach der Enquete. Lemberg. — Ungarischer Kries. Budapest. — Zwischen Furcht und Hoffnung. — Dom Adels Kongreß. Petersburg. — Die Anden in UordafriKa. Paris. — Kandesorganisation der ital. Juden. Mailar d. — Das neue Sabinrt. Bukarest. - Zionismus und Antifemitismns in der Kammer. Konstantinopel. — Uew-Uorker Drirf. — 7. V e r m i s ch l e s: Frankfurt a. M. — Berlin. — Homburg. — 8. Vereinswesen: Frankfurt a. M. — Frankfurt a.M- — Frankfurt a. M. — Frankfurt a. M. — Wien. — Wien. — Schneidcmühl. — Düsseldorf. — Pr> ßburg. — Personalien: Frankfurt a. M. — Lemberg (Rabbi Scholem Mordechai — Straßburg i. Elf. — Niederwerrn. — Ungbar. — Darmstadt. 10. Briefkasten. — Bereinskalender. Familiennachrichten. — 1>. Beilagen: Jüdisch er Volksfreund: Wordechais Sieg — Bon De. M. Munk in Lemberg: Die Disposition in den heiligen Schriften. — Kericht über das fünfzigjährige Jubiläum der Talmud-Thorah in Cötn. — Feuilleton: Aus der Gegenwart. — Pnrim-Bei lage: Correspondenzen und letzte Nachrichten aus der Achastranimpost: Berlin (E ster deutscher Ochsertag.) — Frankfurt a. M. (Zur Fleischnot.) — Frankfurt a. M. (Wer reitet die Falaschas?) — Petersburg. — Budapest (Ungarischer Brief.) — Konstantinopel. (Berichtigw g.) — Allerlei Stammbuchsprüche. — Kinderecke: Ein mißlungener Purimstreich. — Feuilleton-Beilage: Aus einer verborgenen Weit. Ctbcralcs Judentum. Gin Beitrag von Rabbiner Dr. slaair in Zabrze. ym. Sll'cr, Ir.jji'n Ci? mich rii;:3 riii’iniiivn; Mese Kraft des Liberalismus ist seine Schwäche. Denn so lange die Welt besteht, ist noch keine starke religiöse Bewegung aus der Aristokratie des Geistes und des Geldes hervorgewachsen. Religiöse Bewegungen erstanden und wuchsen iMmex ohne Me .AMokxMetzeA GMeZ Md des Geldes und meist gegen ihren Willen. Wie Pflanzen -und Bäume von unten nach oben! wachsen, so entfalteten sich religiöse Kräfte immer aus dem Volke, immer aus den unteren Schichten heraus und drangen von da aus zu den oberen Schichten vor. Allen Respekt vor Ranges- und Standespersonen! Wir wollen ihnen ihre Würde nicht nehmen, wir müßten denn zuvor uns unsere Würde nehmen, da wir ja alle titulierte Beamte sind. Aber eine Religion, die nur von Ranges- und Standespersoncn betrieben würde, hat die Menschheit noch nie zu ändern vermocht. Die religiösen Umgestaltungen, Neubelebnngen, Reformationen gingen von Männern aus, deren Kraft nicht in ihrem Range lag, sondern in ihrer Ueberzengung, welche so stark und tief war, daß sie die Herzen glühend machte und bezwang. Ich habe gewiß nichts gegen Versammlungen uikö Organisationen un§ unterschätze deren Wert und Bedeutung nicht. Sind ja diese meine Worte auch an eine Versammlung gerichtet, die über religiöse Angelegenheiten Beratungen Pflegt. Aber die Wahrheit ist dennoch, daß religiöse Bewegungen nicht aus konstituierenden dekorativen Versammlungen mit Abstimmungen, Resolutionen und Programmen erwuchsen, nicht daraus, daß der Herr Reformator seine Freunde und Bekannten einlud und sie fragte: Meint ihr nicht, daß es gut sein dürfte, uns auf ein neues religiöses Programm zu einigen und dafür eine Majorität zu stände zu bringen? Nein! Ter Reformator handelte aus der Resolution seines Gewissens heraus, unbekümmert darum, ob seine Freunde und Bekannten dafür oder dagegen waren, unbekümmert darum, ob er eine große oder nur eine geringe Gefolgschaft haben werde. Aus der Vollmacht seiner Ueberzengung heraus erhob er seine Stimme, unabhängig davon, ob ihm eine große oder eine geringe Anzahl von Stimmberechtigten zustimmte und ihn bevollmächtigte. Er trug seine Vollmacht in sich, in seinem göttlichen Recht. Er ließ sie sich nicht durch offizielle Beanstandungen und Verbote nehmen. Sein Gewissen sagte ihm, wo die Grenze sei, jenseits derer das menschliche Recht anfhört und das göttliche Recht allein gilt. Tie Verfolgungen, die er erlitt und auf sich nahm, sie waren es erst, welche seine Ideen groß und wirksam machten. 'Ist der Liberalismus hie Religion der sozialen Unterschicht oder der sozialen Oberschicht des jüdischen Volkes? Hat etwa die Zugehörigkeit zur liberalen Partei innerhalb des Judentums Entbehrungen, Zurücksetzungen, Erschwerungen, Nachteile im Gefolge, während die Zugehörigkeit zum orthodoxen Judentum Ehren, Würden, Aemter, Vorteile verleiht? Dem Liberalismus beliebt es, die Illusion zu erzeugen, er sei die Partei der Unterdrückten. Habeat sibi! Aber er wird uns schon gestatten müssen, die Tatsache um der Wahrheit willen richtig zu stellen. Möge er sich weiter in dieser Fiktion gefallen, -können doch fiktive Voraussetzungen nur fiktive Konsequenzen haben! Ich glaube, daß aus der „Vereinigung für das liberale Judentum", sei cs wegen, sei es trotz der imposanten sozialen Stellungen, die ihre Mitglieder einnchmen, der Fülle von Intelligenz, die sie in sich vereinigt, kein neues starkes religiöses Leben erblühen wird. Doch wir wollen die Güte und den Wert einer Bewegung nicht nach ihren Erfolgen beurteilen. Tenn der Erfolg ist oft von Bedingungen abhängig, die nicht in Menschenmacht liegen. Wir wollen sie vielmehr prüfen nach den Grundsätzen, auf denen sie beruht, und nach den Mitteln, mit denen sie die Ueberzeugungen in den Hdrzeu lebendig machen will. Damit komme ich zum Programm des Liberalismus. IX. Das P r o g r a m m der Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland lautet: „Tie jüdische Religion vermag sich der Zeitan schauung entsprechend fortzuentwickeln, ohne daß dadurch ihr Wesen, ihr Bestand und ihr Zusammenhang mit der Vergangenheit sich verändert. Hieraus ergiebt sich für die Gegenwart die Berechtigung und Notwendigkeit, den ewigen (behalt und die unveränderlichen Grundlagen der jüdischen Religion in Erscheinungsformen zum Ausdruck zu bringen, die unserer Zeit angemessen sind, damit nicht ein dem Judentum fremder Gegensatz zwischen Lehre und Leben entsteht. Tie deutschen Juden müssen unter pietätvoller Anlehnung an die Bergangenheit ihr äußeres Leben mit ihren inneren Anschauungen in Uebereinstimmung bringen, insbesondere darf kein Gewicht auf die Jnnchaltung veralteter Vorschriften und Gebräuche und abgestorbener Sitten gelegt werden. Ter Gottesdienst ist gemäß den Bedürfnissen der Zeit auszugestalten, und es ist in ihm der deutschen Sprache ein breiter Raum zu gewähren, damit Geist und Gemüt der Besucher des Gotteshauses Erhebung und Erbauung finde. Ter Religionsunterricht ist so zu gestalten, daß er die gesicherten Resultate der Wissenschaft berück-