Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1911)
- Date
- 1911-03-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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?. Jahrgang. üdiöcbcr Volksfreund Mossls-keit-ge nm „1$r«nr TimtwrttUb< H«Uktioat Rabbiner Dr. B. (Uotf bi KSta» Moröecdair Sieg. Wenn man ein Bild von einem Mann gewinnen will, auf den das jüdische Volk stolz sein kann, dann lese man die Megillah. Es dürfte wohl am persischen Hof ein Mangel an verfügbaren Anwärtern auf Ehren und Würden nicht bestanden haben. Die stattliche Anzahl von Paschas, Satrapen und sonstigen Würdenträgern dürfte das beleuchten. Und wenn wir doch einen Juden — Mordechai — am Hofe finden, so mochte seine Befähigung, verbunden mit seiner Stellung innerhalb seines Stammes, ihm wohl die Pforten des Königspalastes erschlossen haben. Mordechai war nämlick nicht erst etwa durch Esther an den Hof gekommen. Vielmehr scheint sein Name in der Hauptstadt Susa wohl bekannt gewesen zu sein. Man sah in ihm den Juden, den Mann, der nicht um Ehren und Würden seine Ehre feil hielt. Er glaubte mit ntchten, um eine Nolle in der fürstlichen Gesellschaft spielen zu können, müsse man zuerst fein Judentum zum Opfer bringen. Er fürchtete nicht, den König zu beleidigen, wenn er es ablehnte, an dem vom König veranstalteten Male teilzunehmen. Er hielt es für einen großen Irrtum seiner Zeitgenossen, zu wähnen, die Königstreue würde an dem Maße genosiener Geselligkeit gemessen. Vielmehr war er der Ueberzeugung, daß er dem König und dem Staate viel mehr leistete, wenn. er in gewissenhafter Wahrung seiner Grundsätze ' das lebendige Gewissen des Staates verkörperte und die Person des Königs, sowie die Organe des Staates davor schützte, Unrecht zu leiden und Unrecht zu tun. Die Möglichkeit, in solchem Umfange nicht nur ein Lebensretter seines Volkes, sondern mehr noch ein Sittenretter seines Wirtsvolkes zu werden, war in der Vertrauensstellung begründet, die er sich erworben hatte. Sein Beispiel lehrt aber, daß dem Juden nur darum diese Beachtung geschenkt wurde, weil er | bei jeder Gelegenheit bewies, daß äußere Dinge ihn in ben Gewiffensfragen, bie jeder vor sich allein zu verantworten hat, nicht schwankend machen könnten. Die Charakterfestigkeit empfiehlt den Mann. Dieser hervorstechendste Zug in Mordechais Charakter hatte noch einen anderen zur Folge, die Furchtlosigkeit. „Klug" mag mancher sein offenes Auftreten dem allmügenden Haman gegenüber nicht genannt haben. Und doch war dieser unerschrockene Widerstand die größte Klugheit, weil er vom sittlichen Standpunkt daS einzig Richtige ist. Es hat jemand nur diejenige Macht, die man ihm gibt. Macht kann sich niemand nehmen. Und jeder, der einem Machthaber, der auf sittlich verwerflichen Wegen ein sittlich schlechtes Ziel verfolgt, Gefolgschaft leistet, fei es aus Furcht, sei es aus vermeintlicher Klugheit, um ihm durch äußerliche Bundesgenoffenschaft die Spitze zu nehmen, macht sich des Vergehens schuldig, die Unsittlichkeit zu fördern, zu stärken und zu mehren. Nicht beugen und nicht weichen, stolz erhobenen Hauptes dem Unrecht den Widerstand entgegensteüen, den zu bieten in der Macht liegt, das allein ist verdienstvoll. Die Konflikte, die dadurch entstehen, werden überstanden, wenn anders es einen Gott der Wahrheit gibt, der jeden, der „von jüdischem Stamme ist" siegen läßt und vor allem das jüdische Volk in seiner Gesamtheit und in großen Teilen nicht der Hand des Feindes ausliefert. Zu einer solchen Furchtlosigkeit gehört allerdings eine Ueberzeugung, die wir bei Mordechai finden: das Vertrauen zum Sieg der Wahrheit. Aus Statistiken wird dieses Vertrauen freilich nicht geschöpft. Hätten Mordechais Zeitgenossen diese Wissenschaft gekannt, so hätten sie sicherlich Mordechai zu beweisen gesucht, daß er für eine verlorene Sache kämpft. Wem machte 1 es denn etwas aus, sich vor Götzenbildnissen und Menschenherrlichkeit zu knien, wer hätte denn noch Anstand genommen, an den Gastmählern, die der König seinem Volke gab, teilzunehmen. Man mußte sich in Babylon einleben und mußte den babylonischen Sitten sich anpaffen. Die Wenigen, die das nicht taten, mußten ja bald aussterben. Das bewiesen die Zahlen. Und Zahlen reden. Mag sein, daß Zahlen reden — wo Menschen sprechen. Aber die Geschichte hat gelehrt, daß wo Gott spricht, Zahlen schweigen. Drei vollwichttge Zeugen rief Mordechai gegen die Zahlen an, die ihm die Hoffnungslosigkeit der jüdischen Zukunft ernst und schwer zu Herzen bringen sollten. Drei Schulkinder waren diese Zeugen. Der erste Knabe hatte das Prophetenwott gelernt : „Fürchte dich nicht vor plötzlicher Angst und Bestürzung, wenn sie von Frevlern kommt?" Der zweite Knabe nannte den Vers: „Plant nur Pläne, sie werden zerstört, haltet nur Reden, sie haben keinen Bestanddenn mit uns ist Gott". Der dritte wußte die Wahrheit zu ttinden: „Bis zum Alter bin ich, bis zum Greisenalter werde ich tragen, ich erhebe es, ich trage es und werde es retten." Mordechai freute sich. Er durfte sich freuen und war nun vollends kraftdurchdrungen. Wenn in die jugendlichen Kinderherzen diese Ueberzeugungstteue von der göttlichen Leitung des jüdischen Geschickes zeittg eingepstanzt wird, wenn sie des endlichen Sieges der Wahrheit und des sicheren Unterganges der Lüge gewiß sind, wenn die Kinder die Binsenwahrheit lernen, daß, wenn Gott das Volk Israel zu diesem Zweck geschaffen, um auf seine Fahne den Sieg der Wahrheit zu schreiben, er dieses Volk diesem Triumph erhalten muß — für alle Zeit — wenn der Gedanke an Leben und Sieg und Dauer des jüdischen Volkes der Lebensborn seiner zarten Kinder geblieben ist dann braucht ein Mordechai nicht für sein Volk z zittern. Erh a tgesiegt. Nicht die Gegenwart, nicht bie Feuilleton. flu$ der Gegenwart. Bon S - - . (aus dem Jeschurun 1863). (Fortsetzung). Als der Tag sich zu Ende neigte, versammelte sich nach und nach eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft, und wie erstaunte Bella, als ihr Gatte sie in den Salon führte, und sie hier zu einem Feste alles vorbereitet fand. Artur weidete sich an ihrem Befremden, „ich habe den heutigen Tag nicht vorübergehen lassen können, ohne zu dem doppelten Feste, dem deines Geburtstages und deiner Genesung, einige teilnehnrende Freunde einzuladen." Arabella drückte ihm dankend die Hand und wandte sich zur Gesellschaft. Tiefe Röte bedeckte einen Augenblick ihr Gesicht, wich aber rasch einer ausfallenden Blässe. Sie wollte die aufmerksame Wirtin machen, mit freundlichem Lächeln die Gäste begrüßen und ihre Glückwünsche entgegen nehmen, aber um ihre Mundwinkel zuckte es, wie von kaum zu überwältigender Aufregung, und ih^re Farbe wechselte unaufhörlich. „Um des Himmels Willen, Bella, was ist Dir?" fragte Artur ängstlich, nachdem er sie eine Zeitlang beobachtet. „Nichts" erwiderte sie tonlos und ohne ihn anzusehen. „Bist du unwohl?" — Sie schüttelte schweigend den Kopf. „Aber sage mir doch, um Gotteswillen, was ists denn?" „Es ist heute der Vorabend des Tages der Erinnerung an die Zerstörung von Jerusalem". „Nun, was kümmert das uns?" rief er fast ungeduldig. Sie sah ihn an, so ernst und so traurig — alle seine Freude war hin. „Liebe, gute Bella! wenn ich gedacht hätte —" „Laß es gut sein, Artur, ich weiß, daß es nicht mehr zu ändern ist, und werde mir alle mögliche Mühe geben; ich bin dir so vielen Dank schuldig aber —" Das Zischen aufsteigender Raketen unterbrach sie und lockte die Gesellschaft an die Fenster. Artur lud sie ein, ihm ins Freie zu folgen, wo ein prächtiges Feuerwerk ihrer wartete. Kaum war dieses beendet, so wurde der Garten, wie von unsichtbaren Händen von Tausenden bunter Lämpchen illuminiert, eine rauschende Musik erscholl aus der Mitte und zahlreiche Diener trugen Erfrischungen auf. Die Gäste waren aufs höchste ergötzt. Arabella aber, von den verschie denartigsten Empfindungen bestürmt, beherrschte ihre Auftegung mit immer größerer ^Anstrengung. Ihre Wangen glühten, ihr gezwungenes Lachen ward immer lauter, und Artur fürchtete jeden Augenblick sie niedersinken zu sehen, doch wagte er es nicht, sie anzureden. Endlich rüstete die Gesellschaft sich zum Aufbruch. Bis ans Ende behielt Arabella ihre Fassung, kaum aber hatte sich der letzte Gast entfernt, als sie in ein nicht endenwollendes krampfhaftes Lachen ausbrach, das aber endlich in ein noch heftigeres Schluchzen überging. Artur nahm sie in seine Arme und versuchte alles mögliche, sie zu beschwichtigen. Doch vergebens, sie schien ihn gar nicht zu kennen, und in wilden Fieberphantasien verbrachte sie die ganze Nacht. 6. Es war ein heiterer Frühlingstag, mit wärmender Milde sandte die Sonne ihre Strahlen auf die wiedererwachende Natur. Auch die oben erwähnten Gartenanlagen grünten und blühten in frischem Glanze, und süß duftende Frühlingsblumen erfüllten die Luft mit lieblichen Wohlgerüchen. (Fortsetzung folgt).