Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1911)
- Date
- 1911-03-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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4>«ttt lS. Nr. 9 für das Königreich Bayern möge ihr Interesse für unsere Bestrebungen dadurch -um Ausdruck bringen, daß sie zwei Mitglieder unseres Vereins in die von ihr eingesetzte Revisionskommission kooptiere. Hüchrrscha«. EHp NLV- „Uebungsbuch für den ersten Unterricht ' im Uebersetzen hebräischer Gebete." Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M. Eine Selbstankündigung vom Verfasser I. Herzberg, erstem Lehrer der Shnagogengemcinde zu Bromberg.*) Es ist nichts ungewöhnliches mehr, daß neu erschienene Schriften von deren Verfassern selbst angekündigt werden, lvobei letztere Gelegenheit nehmen, Zweck und Idee der literarischen Neuerscheinung selbst zu beleuchten. Dieses Verfahren hat nach verschiedenen Richtungen besondere Vorteile. Ter Verfasser ist iu der Lage, der Oeffentlichkeit kund zu tun, was ihn zur Abfassung seines Buches veranlaßt hat. Er kann ferner seine Ausführungen, falls sie von den bisher üblichen abweichen, begründen nnd somit vielfachen Mißverständnissen von vornherein Vorbeugen. Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß die Besprechung, bezw. Beurteilung einer Schrift von anderer Seite, von so schätzbaren und sachkundigen Fachmännern sie auch herrühren mag, int Grunde doch stets das Gepräge des Subjektiven an sich trägt, dem Urteil der Oeffentlichkeit vorgreift und es nicht selten in unberechtigter Weise beeinflußt. Tenn gar zu oft gehen die Ansichten über den Wert oder Unwert eines Buches selbst unter den erfahrensten und bewährtesten Fachmännern w it auseinander, und der eine tadelt, was der andere lobt. Ties ist ganz besonders bei einem Schulbuche der Fall, bezüglich dessen in den meisten Fällen die Wünsche und Ansichten verschieden sind. Es soll nun keineswegs behauptet werden, daß die Kritik eines Tritten unter allen Umständen etwa parteiisch sei. Aber sie gibt, das kann nicht bestritten werden, das Urteil emes Einzelnen wieder, das sich der selbständig denkende Fachmann, der sich auf dem dornenvollen Wege einer eigenen, vieljährigen Praxis schon zu eigenen, für ihn feststehenden Grundsätzen durchgernngen hat, die ihm bei seiner unterrichtlichcn Tätigkeit' einzig und allein und unbeeinflußt von anderer Seite zu Leitmotiven geworden sind, wohl unter keinen Umständen aufdrängen lassen wird. Vielmehr wird er stets aus Grund eigener Prüfung eine Entscheidung über den Wert oder Unwert eines Buches, das für den Unterricht bestimmt ist, treffen, er wird ohne jegliche Voreingenommenheit und ohne sich sklavisch an das zu halten, was ihm von sonst schätzbarer Seite offenbart wird, sein Urteil bilden. Aus diesen Erwägungen heraus habe ich mich entschlossen, mein neues hebräisches Uebungsbuch tEHp DBtt? in diesem Blatte selbst anzukündigen und seine Veröffentlichung zu begründen, zumal es sich um Prinzipien auf einem sehr wichtigen Unterrichtsgebiete handelt. Tiefe Begründung ist umso mehr am Platze, als infolge der vor einigen Jahren begonnenen Bewegung betreffs der Umgestaltung des hebräischen Unterrichts in den jüdischen Schulen bereits mehrere Bücher, die dieser Umgestaltung Rechnung tragen sollen, für den genannten Unterrichtszweig erschienen sind. Es kann iu meiner gegenwärtigen Selbstankündigung nicht meine Aufgabe sein, die Grundsätze und Erwägungen, die mich bei der Abfassung meines Buches geleitet haben, ausführlich zu beleuchten. Tas soll demnächst in einer größeren Abhandlung über „die Entwickelung der Reformbcstrebungen betreffs des hebräischen Unterrichts und deren Folgeerscheinungen" geschehen. Vielmehr will ich heute au der Hand des meinem Buche vorangesetzten „Vorworts" einige Aufklärungen geben über das, was ich will und inwieweit ich neue Wege wandle. Mein Uebungsbuch EHp flßtr soll, wie schon angedeutet wurde, als Hilfsmittel für den e r st e n Unterricht in Uebersetzen hebräischer Gebete dienen. Mittels 32 Uebungsstücken, die das Buch darbietet, sollen die Kinder, die eben die hebräische Fibel beendet haben und denen nun d<M Gebetbuch in die Hand gegeben werden soll, in die"Sprache dieses Buches eingeführt werden. Mein Buch soll jedoch nicht, und das sei hier von vornherein nachdrücklich betont, den Siddur verdrängen, vielmehr sott es ihn ergänzen und begleiten und auf seine Benutzung jeweilig vorbereiten, indem es die große Kluft, die zwischen Fibel und Siddur gähnt, überbrücken helfen soll. Ta der eigentliche Unterrichtsstoff gegeben ist, konnte es sich bei.der Auswahl dessen, was den etwa 7—9 jährigen Kindern zu bieteu ist, lediglich darum handeln, in erster Reihe einzelne Sätzchen, die einen in sich abgeschlossenen Gedanken enthalten, dem ersten Unterricht zu Grunde zu legen. Je weiter der Unterricht vorwärts schreibet, desto größer wird die Uebung, nnd ich war bemübi, mit bisher schon Gelerntem Neues zu verbinden, damit die Kinder möglichst immer wieder „alte Bekannte" antreffen. Uebex das Abstrakte, das die Uebnngen darbieten, muß hinlveg- *) Obwohl wir das Merkchen bereits besprochen, geben wir hier dem Verfasser das Wort, da uns seine Ausführungen methodisch wertvoll erscheinen. Tie Red. d Der JSraeltt. gesehen werden. Ter Quelleninhatt, dem diese Uebungen entnommen sind, ist von vornherein eben nur für Gereifte bestimmt. Tie Verfasser und Ordner der Gebete hatten bei deren Abfassung und Einreihung in unsere Gebetordnung nicht die zarte Jugend im Auge, weshasb wjr kaum ein Gebet haben, das dem so eng begrenzten Jdeenkreise der Kleinen entspricht. Der Lehrer muß daher .alle seine Unterrichtskunst aufbieten, die vorkommenden abstrakten Begriffe, soweit das eben angebracht und möglich ist, dem Verständnis der Kleinen näher zu rücken, was ihm wohl stets gelingen wird. Jede Uebung zerfällt in drei Teile. Durch eine Ueberfchrift, die ganz kurz den Hauptinhalt anbeutet, foü die auch für ben Gebetübersetzungsunterrrcht unbedingt erforderliche religiöse Stimmung geweckt werden, denn jede Gebetübersetzungsstunde soll eine weihevolle Meligionsstunde sein! Wir behandeln Gebete, die sich uns jeweilig als Ausdruck frommer, religiöser Gesinnung darstellen. Das Gebet dient der Religion und ist ein Ausfluß eines fühlenden, gottergebenen Herzens. Gerade der hebräische Uebersetzungsnntcrricht hat die Eigenart, daß .sein Stoff zum Unterschiede von beispielsweise dem deutschen Sprachunterricht lediglich ein religiöser ist. Der hebräische Uebersetzungsunterricht soll und muß in erster und letzter Reihe in den Tienst des R c l i g i o n s - Unterrichts gestellt tverden, er "ist einer der Grundpfeiler des letzteren. Bevor das Kind zu seinem Gotte beten soll, um ihm zu danken, ihn zu loben und zu preisen, muß es mit Bewußtsein beten lernen. Das Betenlernen kann daher nicht lediglich Sache des Kopfes sein, vielmehr müssen Herz und Gemüt dabei in hervorragender Weise daran Anteil nehmen. Des Lehrers Arbeit ist es nun, hier planmäßig auf Herz und Gemüt einzuwirken. Darum darf das Uebersetzen nicht blos ein Wissen sein. Mit dem Wortlaut muß das Kind auch den Geist, der dem Gebete innewohnt, sich zu eigen machen und auf sich wirken lassen. Geschähe dies nicht, dann würde der ganze Uebersetzungs- Unterricht wieder in die Banden eines toten Mechanismus fallen, wir würden auf einen überholten Standpunkt geraten und alle unsere Bemühungen für eine Reform des hebräischen Uebersetzungsunterrichts wären pro nidilo gewesen. Es genügt keineswegs, den Wissensstoff dem Kinde zu übermitteln und es zu befähigen, diesen gewonnenen Stoff selbständig verarbeiten und verwerten zu können, und dann abzuwarten, ob es Gelegenheit findet, den in ihm schlummernden Stofs zur inneren Erhebung und geistigen Erhöhung zu verwenden. Nein! Diese innere Erhebung und geistige Erhöhung muß der Schüler von Anfang an finden, sie seien schon von vornherein mit das vornehmste Endziel aller Unterrichtsarbeit. Versuchen wir es nur einmal, die Herzen und Gemüter der Kleinen unseren religiösen Belehrungen zu erschließen. Es wird uns beim hebräischen Unterrichte ebensosehr gelingen, sie uns zu öffnen, wie beim biblischen Geschichtsunterricht, der doch noch viel früher anhebt und für die anderen Disziplinen den Boden nach Möglichkeit empfänglich und keimfähig machen soll. Gerade die biblischen Geschichten, mit welchen die Kinder bereits vertraut gemacht wurden, bieten zur Weckung der religiösen Stimmung zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die Ueberschriften sind derart gefaßt, daß sie zumeist in Beziehungen zueinander stehen, sodaß sich in vielen Fällen der Inhalt eines Uebersetzüngsstückes sich aus demjenigen des ihm vorangehenden hrleiten, bezw. erweitern läßt. Ich vermied es jedoch, näher anzugeben, welchem Teile der Gebewrdnung das Uebungsstück entnommen ist. ES fehlen also dir Bezeichnungen: „Abendgebet", „Nachtgebet", „Ans dem Hnuptgebet", „Gebete beim Aus- und Einheben der Tora", „Tischgebet" usw. Dagegen steht beispielsweise über dem an jedem Morgen nach dem Erwachen zu sprech «den Gebetlein HTlÖ- „Wir danken Gott an jedem Morgen nach dem Erwachen, daß er uns in der vergangenen Nacht beschützt hat." lieber dem ersten Satze des gewöhnlich mit „Tischgebet" bezeichneten Stückes steht: „Wenn wir uns gesättigt haben, danken wirGot t." Die beiden ersten Sätze des tragen die Ueberschnft: „Wie wir Gott lieben sollen." Jene z. T. abstrakten Bezeichnungen haben meines Erachtens für die Kleinen gar keinen Wert. Das Uebungsstück soll dem Lernenden vorläufig als ein in sichabgeschlossenes Ganzes gelten. Dem Kknde soll und muß es einstweilen gleich sein, welche Stelle das gelernte Gebetstück in der Gebetordnung einnimmt, und wann es beim Gottesdienst gesprochen wird. Tie hier angeführten Bezeichnungen haben für den Siddur wohl eine Berechtigung, denn hier sotten sie einen Teil der so groß angelegten Gebetordnung bezeichnen und einen Wegweiser bilden auf den so vielfach verzweigten und verschlungenen Wegen in dem Labyrinth unserer Liturgie. Anders aber ist es in einem für kleine Kinder bestimmten Buche, bas nur winzige Teilchen von Teilen darbietet. Hier sollen schon die Ueberschriften direkt auf 'das sittlich-religiöse Gefühl einwirken, sie sollen Gedanken und Empfindungen wecken, welche geeignet sind, eine religiöse Gesinnung zu befestigen. Ties würde z. B. keinesfalls der Fall sein, würde über einem kleinen, der JTltW? HlÖtP entnommenen Teile die Lieberschrift stehen: „Aus dem Hauptgebete". Was kjrnn das Kind sich dabei denken? Welche sittlich-religiösen Gefühle würden hier geweckt wer- ___2. März 1911. den können? Höchsten könnten wir dem Kinde sagen, daß es ein „Hauptgebet" i?) gibt, und daß ihm daraus ein Stücklein dargeboten werden soll. Wenn ich dagegen über den ersten Teil der bis örTON pD die Ueberfchrift setze: „Wir loben Gott täglich als den Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob", so wird das Kind sofort in die erforderliche religiöse Stimmung versetzt. Tenn es werden bei ihm allerlei Gedankenreihen ausgelöst, da ihm die erhabenen Patriarchengestalten längst bekannt sind und es sie lieben nnd verehren gelernt hat. Aber auch dem Lehrer drängt sich hier von selbst eine Fülle von Anknüpfungspunkten auf. Wenn ich ferner über die gewöhnlich in der Schule zur Behandlung kommenden Benedeiungen beim Genuß von Brot und Früchten statt einfach „Lobsprüche" den vorbereitenden und orientierenden Satz setze: „Wir danken Gott für alle seine Gaben" und speziell über fib"D schreiben: „Wir danken Gott für die schönste Gabe, für das .Brot", ,so glaube ich eine nllseitige Zustimmung zu finden, denn das Kind erfährt den Zweck des Gebetes, ist aus seinen eigentlichen Inhalt schon vorbereitet und geht infolgedessen mit größerem Interesse daran, sich in diesen Inhalt zu vertiefen. Und nun gar die Bezeichnungen: „Gebet beim Ausheben der Tora", „Gebet beim Aufheben der Tora" usw., usw. Tas Kind wird durch diese Ueberschriften lediglich darauf hingewiesen, daß ein rein mechanischer Vorgang zu erwarten ist. Man hat das Gefühl, als hafte diesen Hinweisen etwas Schablonenhaftes, Programmäßiges an. Beim „Tischgebet" kommt nach eine eigene, selbständige Tätigkeit des Kindes in Betracht, ebenso beim „Händewaschen". Anders aber ist es mit den übrigen gottesdienstlichen Verrichtungen, die das Kind völlig unberührt, außer jeder persönliche» Tätigkeit lassen. Es sieht wohl zufällig einmal die Handlung von Anderen üben, ich glaube aber kaum, daß es im Staude wäre, sich über deren Zweck und Bedeutung irgend welche Rechenschaft abzulegen. Hat jedoch das Kind das Gebetstück als solches verstehen und würdigen gelernt, dann steigt in ihm gar bald die Erkenntnis von dem Zusammenhang auf, der zwischen Gebet und Handlung waltet. Dem Lehrer aber erschließen sich gar vielerlei Momente, die er bei der untcrrichtlichen Behandlung in geeigneter Form verwenden kann, und es müßte mit Wunderdingen zugehen, wenn bei dem Kind dabei nicht, natürlich eine wirklich schulgemäße Behandlung vorausgesetzt, eine gehobene Stimmung Platz greift. Und nun ist der Moment gekommen, wo der Lehrer das Kind fragen kann, wann wohl das eben durchgenommene Gebet gesprochen werden muß? Zweifellos wird das Kind sofort jedesmal Richtige treffen- Handelt es sich um das Gebet so wird der Schüler es als ein Gebet bezeichnen, das nach der Mahlzeit zu verrichten ist. Tann kann es ohne Bedenken als „Tischgebet" bezeichnet werden. Ebenso wird das Kind auch bei den anderen Gebeten meistens nicht fehl gehen. Und sollte es wider Erwarten bei dem einen oder anderen Gebete wirttich der Fall sein, .daß das Kind nicht die richtige Auskunft zu geben vermag, so hat es der Lehrer noch immer in der Hand, hier belehrend, bezw. ergänzend einzugreifcn. Er kann das Gebet im Siddur aussuchen lassen, wo dem Kinde nun diese oder jene Ueberfchrift vor Augen tritt, nachdem der Gedankengang des jeweiligen Gebetes ihm erschlossen worden ist, und es die Erkenntnis gewonnen hat, daß das vorerst unmittelbar wirkende Gebetstück, das sozusagen losgelöst pon der Gemeinschaft, in der cs sonst steht, sich wohl eignet, in seinem Religionsleben bei einem bestimmten Anlaß als „Gebtt" Verwendung zu finden. Also erst durch das, mit Hülse der Ueberfchrift angcbahnte Verständnis des Gebetinhaltes soll der Lernende auf den Zweck des Gebetes hingewiesen werden, und nach erfolgter Behandlung des Uebungsstückcs hat der Lehrer die GebetordnuNg, also den Siddur zur Hand zu nehmen, üm zu zeigen, wo das Gebet dort seinen Platz hat, und nun wird das Kind her das Gebet mit umso größerem Interesse übersetzen. Tas Kind soll somit zunächst den Inhalt eines jeden Uebungsstückes für sich.kennen lernen und die ihm -innewohnenden Gedanken und Lehren erfasset Schon die Ueberschriften sotten auf den jeweiligen erhabenen Inhalt hinlenken und Sache des Lehrers ist es, jene Gedanken und Lehren aus dem gegebenen Texte heraus in entsprechender Weise zu entwickeln. Tas Kind sott das einzelne Gebet vorderhand in seiner ureigensten Bedeutung kennen und schätzen lernen, dessen Zweck im religiösen Leben aber erst dann erfahren. Hinsichtlich der Fassung der Ueberschriften sei noch bemerkt, daß ich hier nach denselben Grundsätzen verfahren habe, wie es Müller in seiner trefflichen „biblischen Geschichte" getan hat. Anstatt der üblichen Ueberschriften: „Tie Schöpfung", „Die Sündflut" usw. heißt es dort: „Wie der liebe Gott die Welt erschaffen oder: „Wie der liebe Gott die bösen Menschen durck eine Sündflut straft". (Schluß folgt.)