Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1911)
- Date
- 1911-03-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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euilleton. Uns einer verborgenen Kielt. ChaMdische Geschichte«. Nach -er Zusammenstellung eines galizischen Chassid bearbeitet von Gch. (Fortsetzung.) IV. NeWe wsMeiäien. Schon dunkelte es stark. Es wuchsen die Schatten, die kamen, um dem Tag der Ruhe und Wonne ein Ende zu bereiten. Doch hatte die Nacht noch nicht ganz vom Raume Besitz genommen. Tiefe Stille trat im Kreise der Ehasfidim ein, die bei gedecktem Tische saßen, um bei Speise und Trank der „dritten Mahlzett" Königin Sabbat hinaus zu begleiten. In diesen bedeutungsschweren Minuten, lehrt oie Kabbalah, ringen die sündigen Seelen noch um ein Stückchen Paradies, um ein Körnchen himmlischer Wonne. Denn ist das-wochentägiae Abendgebet angestimmt, so ist auch ihr Paradies- Sabbat aus und zu Ende und hinab geht es wieder in die Tiefe des Ge hinom, um des Lebens Schuld und Fehl zu sühnen. Mancher am Tische denkt wohl an des Lebens Not und Kampf, die seiner mit Anbruch der Woche harren und an die Seligkeit, die ihm der entschwindende Tag gebracht und auch er möchte die köstlichen Augenblicke nützen, die „Sabbatseele" noch festhalten. Es wird dunkel und immer dunkler im „Stübel". Mon darf nicht mehr effen und möchte auch nicht mehr singen. Die Seelen ringen um noch etwas Frieden, noch ein Körnchen Paradiesleben. . . Da wird Rabbi Nachum, der alte, vielgereiste, phantasiereiche und sprachgewandte, ausgefordert, etwas zu erzählen. Eine jener Legenden, die aus der Volksseele entstammend, von dem berichten, waS jenseits unserer Welt der Erscheinungen und Begriffe liegt . . . Rabbi Nachum räusperte sich, nahm gemächlich eine Prise aus der Dose, die ihm der Nachbar reichte und Hub langsam an: Es war vor vielen, vielen Jahren. Ein Jude starb, ein Jude des Alltags, der sich weder -t^ldurch besondere Vorzüge und Verdienste im Leben ^""auszeichnete, noch von schweren Sünden und Vergehen belastet war. Ein kleiner Mensch, arm an Geist und Tat und mit kleinen Sünden beladen. Und nun stand seine dem Körper entronnene Seele vor dem richterlichen Throne, deffen Flammenzeichen „Wahrheit" durch den ganzen himmlischen Raum leuchtet. Ma« mißt, wägt und zählt die winzigen Guttaten und kleinen Sünden des Verstorbenen. Der Zeiger der Wage rückt nicht von der Stelle. Gute Werke wie Missetaten, sie füllen in gleichem Maße beide Schalen. Er war weder Gerechter noch Sünder. Und das Urteil lautete: Zuvielsind der Vorzüge und guten Taten der Seele, um sie. ins Gehinom Hinabstürzen zu lrffen, doch bleibe ihr andererseits auch die Pforte des Paradieses geschloffen, wegen der Sünden, M&jtt im Leben begangen. So schwebe sie zwisthnu Himmel und Holle, solange bis die Vergehen gebüßt sind und sie geläutert ins Paradies einziehen kann. Da stürzte sich die arme Seele vor den Thron und jammerte: „Es ist fürwahr die schwerste Str fe die über mich verhängt wird. Denn das dazwischen schweben, das ewige Hin- und Herpendeln zwischen Licht und Finsternis ist weit schlimmer und unerträglicher als alle Leiden der Gruft. Sollte ich nicht Erbarmen finden und eine Linderung meines Loses erhoffen dürfen?" „Ja", sprach der Richter, „dir soll Hilfe werden, wenn du die Aufgabe lösest, die dir hiermit aufgetragen wird. Durchstreife den Weltraum in feiner Länge und Breite und merke, unsichtbar wie du bist, genau auf die Vorgänge, die die Erdenkinder beherrschen und beschäftigen. Hast du da unten drei Güter gefunden und uns durch Wahrzeichen deine Funde belegt, so sollen dir die Pforten des Paradieses aufgehen und Platz gewährt sein in der Mitte der Frommen, in den Regionen des Lichtes. Die drei Güter, die du auf Erden zu finden hast, heißen: Treue, Reinheit und Liebe. In weitem Fluge umkreiste die einsame Seele die Erde. An Städten, Dörfern, grünen Auen und schwarzen Wäldern vorbei, sah in Paläste hinein, die in Licht und Glanz prangten und in Hütten, in denen das Elend hauste. Ueberall, wo Menschen lachen und weinen, hielt die Geele an, lauschte und suchte, aber nirgends LgMfie etwas, was sie besonders fesseln konpt^^Mnlt sie die Himmlischen hätte'erfreuen köWzen^sH I \ War die Welt so klein, die Menschen so arm,' daS Leben so öde? Nacht war es, finstere, totenstille Nacht, als die Seele aus einem Fenster in der Häuserreihe der ausgestorbenen Straße grelles Licht aufblttzen sah. Sie schaute und lauschte. Räuber waren ins Haus eines reichen Mannes eingedrungen, drei verwegene Gesellen. Einer hielt ein flackerndes Licht. Der andere schwang einen blitzenden Dolch und sprach: „Rühre und rege Dich nicht, so Dir Dein Leben lieb ist. Denn bei der leisesten Bewegung, die Du wagst, durchbohrt die Waffe Dein Herz." Der Dritte erbrach unterdessen alle Schränke und Behälter und durchwühlte Kisten und Kasten. Der Geplünderte rührte sich nicht. Er hielt fast den Atem still und sah ohne Zucken sein sauer erworbenes Hab und Gut in die Hände der Diebesgesellen wandern. Nun holten die Räuber aus einem erbrochenen Fache ein winziges Säckchen, das so behutsam verwahrt war, als bärge es das Kostbarste. Gierig stürzten sich die Mordgesellen auf den Fund. Da rang sich ein verzweifelter Schrei aus der Brust des Bedrängten. Er vergaß Dolch und Räuber und machte eine Bewegung, als wollte er seiner Güter kostbarstes schützend Der Bursche hielt Wort. Statt der Lautes drang ein Blutstrom aus der Brust des reichen Mannes. Er lag tot zu Füßen seiner Mörder. Die Raubmörder hatten sich doch stark getäuscht. In dem so behutsam verwahrten Säckchen war kein Gold und Sllber, noch sonstige Wertsachen enthalten. Es war darin Sand, nichts als grauer, trockener Sand — Erez- Jsroelerde. ... Und langsam huschte die wandernde Seele aus den Boden, wohin die Nohen verständnislos des Säckchens Inhalt geleert hatten, nahm einige Körnchen des heiligen Sandes zu sich und flog damit eilig in die Höhe. Im Himmel aber nahm man mit offenen Händen dieses Geschenk an und im ff' kubelchore fangen die Reinen und Heiligen: coch wohnt die Treue auf Erden! . . Und wieder huscht die Seele im weiten Weltenraume umher, schaut und sucht und prüft und lauscht. Ueberall das bekannte gewöhnliche Treiben, überall der Kampf der Menschen um Brot, um Ehre, um Erfolg und überall an der Seite des Glückes das Unglückneben der Liebe der Haßfolgt auf goldenen Tag finstere Nacht. Nirgends erhebt sich das Leben über die breite Fläche des Ueblichen und Gewöhnlichen, nirgends in dieser endlosen Kette von Erscheinungen und Geschehnissen eine Perle, die dem Paradiese zur Zierde gereichen könnte. ... Durchdringender Trompetenschall schreckte die Seele aus ihren Träumen auf. Und sie sah plötzlich auf eine alte deutsche Stadt herab. Bor dem turmbedachten Rathause auf dem von spitzen gothischen Giebelhäuschen umsäumten Marktplatze orängt und wogt eine sonntäglich gekleidete und festgestimmte Menge. Dicht vor dem Säuleneingange steht ein "mit grünem goldbortigem Tuche bedeckter langer Tisch, um den herum die Herren des Rates und des Gerichtes in wallenden feierlichen Gewändern sitzen. Gegenüber, an den Pranger gefesselt, harrt bebend vor Scham und Angst die Delinquentin ihres Urteils: ein junges blühendes jüdisches Mädchen, aus dem Ghetto der Stadt. Was hatte sie verbrochen, die kleine zitternde Jüdin? Der Ankläger sagt es just. Er erhebt sich und verliest die Anklageschrift, und das Volk hält im Drängen und Schreien inne und horcht atemlos: „Groß und ungeheuerlich ist das Vergehen der Sünderin, so daß selbst der Herr, der Quell der Liebe, ihr dieses nicht gnädiglich verzeihen kann. Am heiligen Feiertage wagte sie es, kühnlich das Ghetto zu verlassen und die Straßen unserer Stadt mit unreinem Schritte zu entweihen . . . Ihre Augen sahen die Prozession und schändeten mit unreinem Blicke die heiligen Bilder. Ihre Ohren nahmen die frommen Gesänge auf, die dem reinen Munde unserer Jungfrauen und Jünglinge entquollen. „Und", setzte der Ankläger hinzu, „wer bürgt dafür, daß nicht hier der Satan in den Leib der schönen Jüdin gefahren ist, um die hellige Handlung zu stören, unsere Heiligtümer teuflisch zu schänden? Spricht nicht das dunkle Feuer im Auge, die verhaltene Glut in ihren trotz Kerker und Folter noch rosiglich blühenden Wangen für ein außerirdisches dämonisches Wirken in diesem Wesen? Hat man je unter den Mädchen unseres Blutes solche Formenrundung, solchen zarten geschmeidigen Körper, solche weiche Haarwellen, solche schlanke zarte Finger gesehen? Es ist offenbar und gewißlich Teufelsrverk, um die Sinne unserer Jünglinge zu betören und ihnen ihre christliche Seele aus der Brust zu entreißen. HE MM-WK-Kr Monstranz, ÄS sie ftMlZWUMWim MWet unterbrochen und nach der LZerworf^ren . geschaut!-" „Rache! Strafe! Ein Garaus dem Blendwerk des Teufels!" — johlt und brüllt das Volk. Etwas wie Stolz und Größe leuchtet jetzt im dunklen Auge der Delinquentin auf. Sie hört die Anklage und bleibt still, ohne mit einer Wimper zu zucken. Sollte sie sich etwa verteidigen? (Fortsetzung folgt.)