Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1911)
- Date
- 1911-02-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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L Rr.7. Der Mr aeM. 16. Feörüär lSl j. fchloffenen Geistes sich der kleinen Minderheit zugesellen wollen, die es als ihre Hauptaufgabe ansieht, das Vätererbe treu zu wahren, eine indirekte Einwirkung auszuüben, durch die die Früchte seiner religiösen Erziehung erst zu ihrer vollen Reife gelangen. Und wenn es einem treuen Lehrer zeit seines Lebens nur gelingt, zehn seiner Schüler für n"ai rrnay min zu begeistern, er hat wahrlich nicht umsonst gelebt. Stammen sie gar aus neologen Familien, so darf er stolz sein auf sein Werk, denn das dürfen wir uns nicht verfehlen: es ist ein Berg von Schwierigkeiten, der uns gegenübersteht, und sie zu überwinden, dazu bedarf es nicht nur außerordentlicher Tatkraft, unermüdlicher Anstrengungen und eines trotz aller Fehlschläge nie versiegenden Optimismus, sondern auch der Mithilfe jener höheren Macht, ohne welche auch die treueste Arbeit vergeblich ist. Wohl ist die Aussicht auf bedeutende Erfolge gegenwärtig recht ungünstig. Aber wir wissen es aus der Geschichte, daß es schon schlimmere Zeiten gegeben in Israel, Zeiten, wo nur 7000 ihr Knie nicht gebeugt vor dem Baal. Sollen wir da die Hoffnung auf eine Befferung aufgeben, oder sollen wir nicht vielmehr alle Kraft daran setzen, daß es bester werde durch uns? Wenn ein Zwiespalt herrscht zwischen alt und jung, zwischen Vätern und Söhnen, zwischen Schule und Haus, sollen wir nicht der frohen Zuversicht leben, daß es dem Hüter Israels gelingen wird, diese Kluft auszufüllen und eine Harmonie der religiösen Anschauungen zu schaffen, wie sie in früherer Zeit bestand? Darum laßt uns in Treue ausharren, bis jene glückliche Zeit erscheint, von der es heißt: fve* 2*? 2T.T! ama* bv a^a aSi a^a Schwer ist die Arbeit, aber auch groß der Lohn: aiab * Generalversammlung de$ Uereins Israel. Kantoren und der übrigen Kultnsbcamten int Königreich Bayern. (Bon der Redaktion gekürzt.) Tie erste Generalversammlung des vor einem Jahre gegründeten Vereins, der bereits 37 ordentliche und 41 außerordentliche Mitglieder zählt, tagte unter dem Vorsitz des Herrn Oberkantor Neufeld-Nnrnberg am 11. Januar b. Js. im Hotel Plant in Nürnberg. Ter Besuch war ein zufriedenstellender und das Jnieresse, solvie die Beteiligung an den Verhandlungen waren recht rege. Ter erste Vorstand der Knltusgemeinde, Herr Justizrat Tr. Held, sowie Herr Rabbiner Tr. Mein hatten ihr Nichterscheinen mit dringlichen Abhaltnngsgründen entschuldigt. Tagegen erschien, freudig begrüßt, Herr Rabbiner Tr. Frendenthal während der Verhandlungen. Tie Mitteilung von einer Gabe des Herrn Bergmann in Fürth in der Höhe von 300 Mk. rief lebhafte Genugtuung hervor und der edle Geber wurde zum Ehrenmitglied des Vereine, ernannt. Tem Kassier, .Herrn Godlewsky-Neunrarit wurde nach erfolgter Rechnnngsablage Techarge erteilt. Als Schriftführer wurde an stelle des nach Frankfurt berufenen Herrn Schlos^Giinzenhausen, dem der lebhafteste Tank für seine bisherige Rührigkeit bekundet wurde, der Unterzeichnete per Acelamation gewühlt. Hierauf gelangte der Antrag Neuserd-Nnrnbero, Fortbildungskurse betreffend, zur Beratung. Ta bic' DicittUHoeii hierüber stark auseinandergeheu, so wurde er für eine spatere Tagung zurückgestellt. Ter Vorschlag des Herrn Rabbiner' Tr. Frendenthal, wegen der Aus- und Weiterbildung der Schochtim mit der bayerischen Rabbinerionferenz in Fühlung zu treten, wurde angenommen. Desgleichen ein Antrag Kräiner- AnSbach, die orthodoxe Vereinigung für das Königreich Bayern zu ersuchen, sie möge ihr Interesse für unsere Bestrebungen durch Entsendung eines Delegierten zu unseren Verhandlungen znur Ausdruck bringen. Terselbe.Herr Kollege beantragte ferner, cs sollte fürderhin bei £"a vorkominenden Todesfällen von Mitgliedern iedes ordentliche Bereinsmitgtied an die Witwe resp. die Relikten des Verstorbenen je 2 Mk. entrichten; bei Annahmeverweigerung dieser Beträge fallen sie der Vereinskasse zu. Herr Godlewsky-Nenmarkt beantragt, den Termin für Erhebung d>r V.iteittsg.bühr mit 5 Mk. ans den 1. Juli d. Js. hinauszurücken, um den noch Fernstehenden Gelegenheit zu geben, ohne eine solche Aufnahme zu finden. Von diesem Termin ab sind nach denr Antrag Meikersheimer-Sckstveinfurt steigende Aufnahmegebühren für die nach dem 25. Lebensjahre Eintretenden vorgesehen. Im Mittelpunkt der Verhandlungen stand der Vortrag des Vorsitzenden, des Herrn Oberkantor Neuseld-Nttrnberg, den wir hier nur kurz skizzieren können: Das Bedürfnis, seinem Gotte für erwiesene Wohltaten zu danken und um eine glückliche Zukunft zu beten, finden wir schon bei den Erzvätern. Wo sie sich niederließen, bauten sie Altäre und riefen daselbst den Namen des Herrn an. Am roten Meere stimmte Moses das herrliche Lied an, das in unser tägliches Gebet Aufnahme gefunden und and; im Kriege gegen Amalek betete er inbrünstig zum Herrn, damit sein Volk den Sieg erringe. So entstanden die von Mosche versagten Psalmen und Gebete, so jene des Königs David, die herrlichen Dichtungen und Gebete des Königs Salomon, die auch im ' heiligen Tempel eine Stätte fanden, lind als Israel seiner Selbständigkeit beraubt ward, als der heilige Tempel in Flammen anfging, und das Volk ins Exil wunderte, fand es abermals im Gebete Erbauung und Trost. Im 0. Jahrhundert, im Zeitalter der Peitnnim, wurde der Gottesdienst mit herrlicher Poesie nusgeschiunckt, und es entstanden damals fast 2000 hebräische Lieder und Gebete. Tas; nun die M e l o d i e die ästhetische Grundlage deS Gebetes und deS Gottesdienstes ist, dafür besitzen ivir schon im Pentateuch sichere Belege. Mosche und das Volk singen das Meereslied, und Mirjam antwortet mit den Frauen im Wechselgesange. Ein hoch poetischer Sang ist ferner das Lied der Richteriu Tcbora beim Siege über Sissera. Von der lleberzeugung getragen, das; die Knust das Gemüt beeinflustt, fand auch in den Propheteuschulen der Gesang eine ausgedehnte Pflege. David, der große Dichter ilnd Musiker, führte die liturgische Musik und den Gesang als wesentlichen Bestandteil des Gottesdienstes ein, er selbst übernahm die Oberleitung und die Direktion übertrug er den 3 Lebiten Asaph, Hem an und Ethan. Auch war es Vorschrift, 5 Jahre dem Studium zu obliegen, erst dann wurden die Leviten zum Dienst eingereiht und nach Vollendung des 50. Lebensjahres mußten sie sie ans demselben ansscheiden. Dieser Kultus übertrug sich später ans die Verrichtungen im Tempel unter seinem söhne Salomon und fand noch Erweiterung. Ter Gesang verschwand and} dann nicht, als die Israeliten in die Verbannung wunderten. Als sie wieder znrnckkehrten, fanden sich noch 200 Sänger, die den Dienst im zweiten Tempel aufnahmen. Daß der Gesang auch im talmudischen Zeitalter hoch geschätzt wurde, finden mir in einer Deutung der Weisen auf den Vers: „Ehre Gott mit deinem Vermögen" mehonecho heiße auch migronecho, mit deiner Kehle, d. h. wer eine schöne Stimnle besitzt, hat auch die Pflicht, das Vorbeteramt zu übernehlnen. Im Sefer Chasidim heißt es: „Wenn du dich nicht sammeln kannst, dann suche nach Melodie beim Gebete, und das Herz wird fühlen, was dein Mund spricht, weil der Gesang es ist, lvelcher das Gemüt empfänglich macht und das Herz erfreut; auf das; dein Mund sich fülle mit Liebe und Freude zu dem, der in dein Herz sieht, um ihn zu lobeil mit Jnbrnst und Ehrfurcht." Nachdem wir die Ueberzeuguug erlangt, luie der G c s a n g einen ivesent lkchen Bestandteil des jüdischen Gottesdienstes bildet, kommen lvir zu dem Vertreter und Träger desselben, dem Schliach Zibnr. Ter Vvrbetcr ivar immer eine Begie.'terscheinnng des jüdischen Volkes. Wie dieses veränderte Form lind Gestalt annahm, so auch der Borbeter. Auch hier greifen wir wieder ans Mosche zurück, der nach der tleberliefernng mit dem Volke abwechselnd sang, wie es die Worte „wajomrn lemor" beknndeik. Jederzeit finden wir so die Vertreter des Kantorenstandes auf ihrem Posten, während des ersten und zrveitell Tempels und erst recht nach der Zerstörnirg des letzteren, als sie „Kanre" genannt, auch Führer and Lehrer des Volkes waren, Beamte, die an Stelle der Opfer, das Gebet der Gei/ieinde dem Allvater darznbringcn hatten. Tie Bezeichnung „Schliach Zibur" ist erst. späteren Datums. Von ihiki verlangt der Talmud, daß er nebst schöner Stimme, die Gebete irr korrektem Vortrage beherrsche, das Volk zu unterrichten im stände sei und ein charaktervoller, streng frommer Mann sein müsse. Auch dürfe er seines Amtes nicht ohne weiteres enthoben lverdcn, Satzungen, die noch heute ihre religionsgesetzliche Geltung haben. Verdienst der Vorbekcr^ ist es, dast uns all die ttcibitionetlcn Gebete und segenSsprüche erhalten blieben. (Schluß folgt.) Biicberscba«. Tie Selbftregierung der Schüler. Erfahrungen mit F. W. Försters Vorschlägen für eine vertiefte Eharakterbildung in der schule. Bon I. Hepp. Verlag von Schnltheß & Eo., Zürich. Vor kurzem veröffentlichten wir an dieser Stelle ein? Besprechung von Försters grundlegendem Werk „Schule und Charakter", das nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland weitgehende Beachtung gefunden hat. Förster empfiehlt dort aufs lebhafteste jene Einrichtung, die unter dem Namen „die amerikanische Schulstadt" bekannt ist und nichts mehr und nichts weniger bezweckt, als die Grundsätze und Formen der amerikanischen Staatsversassung auf die Schule zu übertragen, also eine demokratische Schülerrepublik im kleinen einzurichten. Ter Verfasser gibt nun in dem vorliegenden Werkchen die Erfahrungen zum besten, die er mit der Selbst regierung der Schüler, d. h. einer auf demokratischer Grundlage beruhenden Schuldisziplin gemacht hat. Das Problem der Erziehung ist in unserer Zeit nicht mehr so einfach. Viele Städte und Dörfer sind Industrie znlten geworden. Infolge dieser Wandlung hat vor allem die Familie an erzieherischer Bedeutung verloren. Nicht nur der Vater, sondern in vielen Fällen auch die Mutter, gehen in die Fabrik oder einem sonstigen Erwerb nach und die Kinder sind sich selbst überlassen. Man hat versucht, .durch Gründung von K n a b e n h o r t e n die Mnder der oft unheilvollen Einwirkung der Gasse zu entziehen, aber so segensreich ihr Wirken ist, sie sind doch nur ein Notvchels unb sie können nur die schlimmsten Auswüchse beseitigen. Tie Schwierigkeiten liegen aber noch auf einem anderen Gebiete. Tie Lehrer, die irr Jnduftriebezirtett tätig sind, bezeugen es einmütig, daß die Handhabung der'TisziPlin viel schwieriger gegen früher geworden ist und daß vieles, was -eigentlich Allsgabe der Eltern wäre, wie Gewöhnung an Ordnungsliebe, Treue im kleinen, Anstalld, Tienstfertigkeit, Pünktlichkeit, Wahrhaftigkeit den Kindern erst während der Schulzeit mit uueudlichcr Geduld und einem großen Aufwand all Zeit und Kraft beigebracht iverden mutz. Diese neuen Erzieh nngspflichten zwingen den Lehret, auf neue Mittel und Wege zu sinnen, um ohne Beeinträchtigung seiner Unterrichtstätigkeit eine vertiefte Eharakterbildung zu ermöglichen. Wie nun beim Unterricht als grundlegendes Prinzip die Erziehung zur Selbsttätigkeit ausgestellt ivurde, so tritt mau nach denr Vorgang Reins, Försters u. a. in der neuesten Zeit, in konsequeilter Fortbildung jenes Grundsatzes, dafür ciir, daß alle Schulzucht sich zu einer S e l b st d is - ziplin allswachse, da nicht die von außen kommende Erziehung, sonderil die Arbeit, die wic an unserem Ich aussühren, zu rechtem Menschentum erheben kann. Man geht aber noch einen Schritt weiter und verlangt, daß die bestell Nild charaktervollsten Schüler G c h i l s e n des Lehrers in dem schweren Werk der Erziehung und der Schuldisziplin werden, also eine Uebertraguug des H e l f e r s y st e m s ans ein Gebiet, wo der Lehrer bisher unbeschränkter Alleinherrscher war und es ist nicht mehr als recht und billig, daß er seinen Gehilfen einen Teil seiner bisherigen Macht einräume, daß mit einem Worte das konstitutionelle Regiment auch in der Schule Platz greise. Ta man nun in Amerika, dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, immer gleich aufs Ganze losgeht, so hat inan dort die Idee des Selsgoverncmcnt einfach auf die Sckmle übertragen und stößt sich gar nicht daran, wenrk sich selbst in B e s s e r u n g s - und S t r a f a n st a l - ten Schülerorganisationen mit beschränkter Selbstregierung und Selbstverantwortung bilden mit einer Schulverfassung, mit Behörden (Gouverneur, Bürgermeister, Sekretär, Schatzmeister usw.). Jede Klasse einer Schule bildet einen Bezirk mit eigenen Unterbeamten und sendet 2 Abgeordnete in das „gesetzgebende Parlament", in dem auch Lehrer sitzen. Durch die Beamten wird die äußere Ordnung allsrecht erhalten (Absenzen, Znspätkommen, Reinlichkeit der Hände, des Gesichts Mld der Kleider, Ordnung im Schnlzimmer, im Gange und im Hofe u. a. in.). Wer sich gegen die Schulgesetze vergeht, wird durch die Schülerpolizei dem Gerichtshof überantwortet, der aus Schülern und Lehrern besteht. Tie höchste Strafe ist Ausschluß von der Bürgerschaft. Mit dem Verurteilten darf während der Strafzeit niemand sprechen und spielen. Ter Verfasser hält auf Grund seiner Erfahrungen i m Gege ns a tz zu F ö r stcr die Einführung der amerikanischen „Schulstadt" für nicht wünschenswert trotzdem er ein entschiedener Anhänger der Selbstregierung ist. Es sei u n p ä d a g o g i s ch, gleich eine fertige Verfassung und einen vollständigen Apparat von Behörden einzusnhren. Auf der Stufe der 'Volksschule sei sie entschieden verfrüht. Er redet einem viel einfacheren System das Wort, das sich auch in der Volksschute. verwirklichen lasse. In geschlossenen Anstalten mit Internat könne eine Erweiterung eintreten, aber auch hier ohne die in Amerika beliebten llcbertreibungen. Das Buch ist empfehlenswert. Niemand wird es ans der Hand legen, ohne dauernden Gewinn für die schwere Kunst, die rechte Mitte zu halten zwischen strammer Schulzucht und jener Freiheit, die in dem Schüler den künftigen Staatsbürger und Freund sieht.