Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 6 (9.2.1911)
- Date
- 1911-02-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Die besten Söhne unserer Nation — das ist kein Geheimnis mehr — aus allen Ländern, da sie unter fremder Herrschaft leben, haben sich in einer dieser Tage abgehaltenen Nationalversammlung darin geeinigt, üs zum letzten Tropfen Blut zu kämpfen. ES vird uns auch Hilfe kommen, vom weiten Westen . . . Indessen erfordert der ungleiche ^ampf Geld und Kraft-Wir brauchen Menschen-Also Rabbi, dein Einfluß, ms weiß ich, ist groß und geht weit. So ist £ in deiner und deiner Kollegen Hand, die;esamte Judenheit des Landes auf unsere Seite su bringen. Sie können uns in unserem Kampfe tnermeßliche Dienste leisten — durch Anleihen, Lieferungen, Spionendienste. Der Pole ist ein Edelmann und verlangt nichts umsonst — — — Xtib ist einmal der Sieg unserer Sache besiegelt, ollen unsere Juden freie, liebe Mitbürger sein -Heute schon soll aber meinen Juden die schuld erlassen sein-Also wollt hr?"-— Der Rabbi schwieg. Wie eine düstere Wolke rmzog sein Gesicht. Dann aber fing er, leise wd gemächlich, jedes Wort scharf betonend an: " „Der gnädige Herr wissen aus der Geschichte ix erhabenen polnischen Nation, wie sehr die luden allzeit die Rechte, die sie im Lande geloffen, mit Treue und Anhänglichkeit vergolten, 'ldel und Bauer wußten der Juden Dienste zu chätzen. Es ist uns heilig Gebot, für das Wohl es Landes zu beten und zu arbeiten, in dem oir leben. Und wie es damals unsere Väter ich als schwere Sünde angerechnet hätten, nur en leisesten Vertrauensbruch gegen die polnischen Beherrscher des Landes zu begehen, so müssen uch wir heute den derzeitigen Herren des kandes Treue bewahren, so lange als es der Vorsehung gefällt, die Macht in ihren Händen u belasten. Sollte Gott Ihrer Sache den sieg verleihen, so werden Sie, dessen sind wir icher, in unseren Kindern und Enkeln treuerebene Bürger und Mitarbeiter haben. Fürs rste sei uns jedoch gegönnt, fern von diesem Kampfe, wie es einem kleinen schwachen Volke, as selbst fremd im Lande ist — und mit des Gebens Notdurft hart zu kämpfen hat, geziemt, nsere Pflicht als Bürger und Juden zu beittgen." Wie eine Gewitterwolke zog über das heißerregte Besicht des Grafen während der Rede des iabbi. Seine Augen sprühten Feuer. Und un brach es auch schon los: „Aha! warten wollen sie, die Schlauen, KM&ik« fcaBiiü nicht Helsen, aber auch nicht zahlen- Ihr kennt aber den Upinski nicht-Wir warten nicht. Heute ist Dienstag, Rabbi, du kannst morgen und übermorgen mit deinen Juden und deinen anderen Kollegen darüber reden. Und hast du mir bis Samstag Abend die Zustimmung der Juden zu meinem Vorschlag nicht schriftlich gebracht, so sind meine Schergen bereit-Sonntag früh werden dann die Männer in Ketten gelegt und die Weiber und Kinder aus dem Städtchen gejagt. Kannst darauf vertrauen, Jude, ein Upinski hält Wort-" Der Rabbi wollte noch etwas erwidern. Aber der Graf schrie ihn an: „Also bis Samstag Jude. Und nun kein Wort mehr!-" Der Rabbi ging. Es war ein trauriger Heimweg. Langsam sank die feuerrote Sonnenkugel hinter den Bergen. Im Walde wob die anbrechende Nacht einen grauen Nebelschleier um Baum nnd Moos. Es rauschte kein Blatt und sang kein Vogel. Der Rabbi zog Iraner voll und sorgenschwer heim. Mit dem Morgengrauen des kommenden Freitags machte sich Rabbi Binjomin, der Vorsteher der so hart bedrängten Gemeinde zu Korbin, auf den Weg. Er nahm Talithbeutel und noch eine Tasche, in die er die nötigste Reisezehrung für den Sabbat getan, zu sich und schlug den vom Rabbi bezeichneteu Waldweg ein. Er ging und ging zwischen den endlosen dunklen Reihen der Tannen und breitastigen Buchen. Gegen Mittag erreichte er den rechtsabbiegenden Pfad, von dem der Rabbi gesprochen. Er ruhte auf einem Baumstumpf ein wenig aus und nahm etwas Nahrung zu sich. Dann ging er beschleunigten Schrittes weiter. s war nicht viel Zeit zu verlieren, denn die Sonne fing bereits an sich zu neigen und er mußte noch vor Sabbateingang am Ziele sein. Ein des Weges kommender Bauer fragte gutmütig: „Wohin des Weges?" Als er stumm nach dem Seitenpfade deutete, lachte der Bauer: „Da triffst du auf Stunden keine Menschenseele. Ganz weit ab am Bergabhang liegt die Hütte des Janke, des Seilers und Besenbinders. Er ist aber so arm und sein Haus so ungastlich, daß du gut tust, an ihm vorbei zu gehen. Wo willst du auf diesem Wege sonst noch vor Nacht Unterknnft finden?" Rabbi Binjomin dankte für die gut gemeinten Worte und ging schweigend weiter. Die Sonne senkte fich bereits langsam hinter dem Bergrücken als er dicht am Waldesrande einer kleinen grauen strohbedachten Bauernhütte ansichtig wurde. Er trat durch die halbgeöffnete Türe ins Haus, das in seiner Nacktheit und dürftigen Ausstattung ein Bild gräßlicher Armut bot. Am rauchenden Kamin stand eine ältliche Frau und mühte sich mit verzerrtem Gesichte, ein Feuer anzublasen. Eine dicke, rauchgeschwängerte Lust erfüllte die Bude und hüllte sie in ein unheimliches Düster. „Was wollt Ihr hier?" fragte jetzt die Frau mit vom Feuerblasen noch aufgepausten Backen und mit verdroffener Miene. „Ausruhen und Sabbat halten! wenn es gestatttet ist," sagte der Fremde bescheiden. „Da seid Ihr auf falschem Wege, guter Mann," erwiderte die Frau unfreundlich, wir find arm und können euch nichts bieten, nicht einmal Brod und ein Nachtlager. „Tut nichts, liebe Frau," sagte der Wanderer. „Ich habe Retsezehrung bet mir, auch Sabbatbrode und Kidduschwein. Und schlafen kann ich draußen aus der Steinbank vor dem Hause. Ist es ja Sommer!" . „Was treibt einen Juden kurz vor Sabbat auf diesen menschenverlaffenen Weg?" fragte die Frau, schon wieder bei ihrer Arbett am Kamin. „Verschiedene Umstände. Doch wo ist euer Mann?" In diesem Momente kam er auch schon ins Haus getreten, der Gewünschte, ein großer Mann mit struppigem gerötetem Gesichte, aus dem wie drohend unruhig wilde Augen blitzten. Er war nach Art von BauerSknechtm in eine kurze Wolljacke gehüllt und hatte einen Bund Reiser auf dem Rücken und eine kurze Pfeife im Munde. Ohne vom Fremden Notiz zu nehmen, warf der Mann das Reiserbündel in die Ecke, legte rasch die Joppe ab und ging hinaus an den Brunnen. Die Frau war auch inzwischen am Kamin fertig, der dielenlose Fußboden war im Nu gefegt und das runde ungehobelte Brett, das aus, einer leeren Tonne ruhend, als Tffch diente, mit einem weißen Tuche gedeckt. Zwei schmelzende, knisterende Talgkrrzen beleuchteten, in zwei ausgehöhlte Kürbisschalen gesteckt, das armselige Gemach. Vor ihnen lagen zwei kleine Brode aus schwarzem Kornmehl. Bald kam auch der Hausherr, sauber gewaschen, wieder in die Stube. Und während Rcwbi Binjomin, nur wenig fabbatsreMg gestimmt, in einer Ecke mit großer Andacht das Lied zu Ehren des Sabbat sang, laS der Geller aus einem abgegriffenen vergilbten Gebetbuche am Scheine der Talgkerzen die Sabbatgebete, angestrengt und hastend zugleich, nach Art von unwissenden und gleichgütigen Leuten. Das Mahl der Leute war mehr als dürftig, es bestand aus einem der kleinen Schwarzbrode und einem Hering, den die Frau in kleine Stücke zerlegte und mit Zwiebel und Pfeffer fein garnierte. Da auf dem improvisierten Tisch kein Platz für drei war, mußte Rabbi Binjomin das Fensterbrett als Sabbattafel benutzen. Der Geller würdigte ihn kaum eines Blickes und sprach den ganzen Abend kein Wort. Nach dem hastig hergemurmelten Tischgebet warf er sich auch schon auf die Ofenbank und schlief mit lautem Schnarchen ein. Rabbi Binjomin mußte, da die Hütte aus nur einem Raum bestand, draußen das harte Steinlager auffuchen. Denn nun waren auch die Talgkerzen abgebrannt und ein ttefes unheimliches Dunkel zog in die unwirtliche Hütte ein. So lag er auf der harten Steinbank unter dem klaren Sternenhimmel, von der Frage unausgesetzt gemartert: „Was soll ich hier? Warum schickt mich der Rabbi in das Haus dieses rohen, unwissenden Menschen, der ebenso arm an irdischem wie an geistigem Besitze ist?" Im Hause schien alles Leben erstorben. Vom nahen Walde kam von Zeit zu Zeit ein geheimnisvolles Huschen und Rauschen. Und oben blinkte und funkelte es seltsam. „Warum hier?" dachte Rabbi Binjomin noch einmal unklaren Sinnes und schlief ein. Es mag nach Mitternacht gewesen sein als Rabbi Binjomin erwachte. Wie süßer Gesang weckte ihn lockend und kosend auS bleischwerem Schlaft. Er horchte angestrengt. Es kam aus der Bude. Es war die verzückte Sttmme eines n Thorastudtum und Gebete ganz Aufgelösten. Ein Weinen, Singen, Seufzen und Jauch»«, wie er es lieblicher und berückender nie gehört. Vertraute Worte von seltsamem Klange drangen etzt an sein Ohr. „Fürchte nichts, mein Knecht Jakob!" jubelte eS bald da drinnen. Er schloß in einem Gefühle von Angst und Lust zugleich die Augen. Und nun kam ein wundersames Leuchten, auf Wellen des GebeteS getragen, aus der Bude und breitete fich über die ganze Flur aus. Der Wald war ganz in Licht gehüllt und deS Sinkens und Jubllierens war darin kein Ende. (Fortsetzung folgt.)