Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1911)
- Date
- 1911-01-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Herein kam ein wunderschöner, lockiger Jüngling, der in seiner Kleidung und in seinem Benehmen unverkennbar die Allüren des Adels zeigte. Sofort zog sich seine Frau mit dem jungen Mann in ein Gemach zurück und schloß hinter sich die Türe. Voller Wut und nagenden Schmerzes verließ der Pächter seinen Platz und irrte rat- und fassungslos die ganze Nacht umher, unentschloffen, was er angesichts der groben Untreue seiner Frau unternehmen sollte. Da sprach aber eine Stimme unausgesetzt in seinem Innern) es war die Stimme des Rabbi: „Schaue, prüfe und dann urteile!" So wartete der Pächter noch einige Tage, in denen etwas Beruhigung in sein Herz einzog Dann zog er neue Kleider an und ging, vollbeladen mit Geschenken und scheinbar frohgemut in sein Haus. In diesem Zustande wurde er von seiner Frau erkannt und mit einem Freudensturm empfangen. Aber ihn drückte immer noch der Gedanke, daß nach allem was er gehört und gesehen hat, diese Freude geheuchelt sein müsse. Allein er überwand sich, auch er heuchelte Ruhe und Freude und wollte erst im Laufe des Gespräches es versuchen, aus den Grund der Dinge zu kommen. Er erkundigte sich zunächst nach dem Wöhle der Kinder. Die Frau erzählte: „Es waren schwere, leidreiche Jahre, die mit Deiner Auswanderung für uns eintraten. Die Sorge und der Kummer wichen nicht aus dem Hause. Aber ich arbeitete unverdrossen und unermüdlich weiter, und so ist es mir gelungen, die ältere Tochter einem wackeren gottesfürchtigen Manne zuzuführen, mit dem sie in Glück vereint ist und den jüngeren Sohn in Thora und Gottesfurcht erziehen zu laffen. «Und unser Aeltester", fragte der Mann, „hat er die Erwartungen, die wir auf ihn gesetzt, erfüllt?" „Unser Aeltester", antwortete die Frau, und seufzte tief, „er gehört leider nicht mehr ganz uns. Du weißt lieber Mann, als Du von uns fort gingst, da waren wir dem Gutsherrn, der wohl nicht bösartig, aber seine eigenen Launen hat, noch das Pachtgeld schuldig. Ich aber war mittellos und konnte nicht einmal Brod für die Kinder kaufen, geschweige denn diese Schuld tilgen. Da kam der Gutsherr in unser Haus und forderte ungestüm die Schuld. Alles, meinen Schmuck, die lieben Familienstücke, bot ich ihm zum Pfände an. Er aber bestand nur auf einem Pfand, auf unserem ältesten Kinde. Da half kein Bitten und Flehen. Er nahm unseren Aeltesten in seinen Palast und ließ ihm eine Erziehung angedeihen, wie seinen Kindern. So ist unser Aeltester in den letzten 12 Jahren zu einem prächtigen, rüstigen Junker herangewachsen. „Ich aber, die Mutter, weinte und trauerte Tag und Nacht und bat mehr wie einmal den lieben Gott, lieber die Seele unseres Kindes zu sich zu nehmen, als es auf diese Weise fern voU-' seinem Volke und Glauben auswachsen zu lassen. Gott aber erhörte mein Flehen nicht, er blühte empor und war die Freude und der Stolz seiner Umgebung. Unter allerlei Ausreden und Vorwänden schlich ich mich täglich in den Hof, und in den Palast des Gutsherrn ein. Ich redete auf unser Kind, so ich es nur unbemerkt tun konnte, ein, und unterwies ihn in der heiligen Lehre und hielt ihn an, die Gebote Gottes, soweit es hier möglich war, zu halten. Und, lieber Mann, Gott hat nun doch mein Flehen erhört. Unser Sohn ist ein Kind unsres Volkes geblieben. Jetzt noch kommt der zwanzigjährige adelige Jüngling Nacht für Nacht zu mir, seiner Mutter, um sich immer noch in der Lehre Gottes unterweisen zu laffen und von mir den Mutrersegen und Rat zu empfangen. So ist er auf dem fremden Wege, auf den ihn eine unerforschliche Vorsehung gewiesen, seinem Gotte und dem Glauben seiner Väter dennoch treu geblieben." Die Frau schwieg. Der Pächter hörte still ergriffen zu. Dann weinte er Tränen des Glücces, der Freude, der Dankbarkeit und auch der Scham, über das, wessen er im Innern eine Weile seine wackere Lebensgefährtin verdächtigt hatte. Er packte die wertvollen Geschenke aus. „Aber außerdem", fügte er hinzu, „habe ich noch drei kostbare Güter mitgebracht, die mit keinem Gut der Welt zu bezahlen sind. Ich habe sie vom großen Rabbi mit auf den Weg bekommen, und wir wollen sie pflegen und unseren Kindern erhalten." Sie heißen: „Immer rechts) angleiche Verbindung — der Weg zum Tode) Schaue, prüfe und dann urteile." * * * Durchwandernde Pilger, die in des Pächters Haus eingekehrt waren, erzählten nach einiger Zeit, daß der Rabbi an einem Tage annähernd neunhundert Rubel an Arme zur Wiederaufrichtung ihrer Existenz gespendet habe .... II Des „öaööihs“ Debet- Zum gleichen Rabbi kam einst der Gemeindevorsteher aus dem nahegelegenen Städtchen Korbin und klagte: „Hilf großer Rabbi, denn große Gefahren drohen unserer armen kleinen Gemeinde. Der Boden, aus dem sich das Städtchen erhebt, ist, wie bekannt, Eigentum des polnischen Grafen Upinski, besten Sommerschloß sich auf der Anhöhe vor dem Orte befindet. Seit undenklichen Zetten machte der alte Graf sein Eigentumsrecht nicht mehr geltend. Er bezog überhaupt nur noch selten seine Sommerwohnung und kümmerte sich um uns garnicht, so daß wir uns als Herren in unseren kleinen verfallenen Häuschen fühlten. Nun ist der Alte gestorben und sein Sohn, .wie es heißt, ein harter Mann, ohne Erbarmen und den Juden übel gesinnt, wünscht von uys, daß wir ihm das Pachtgeld, das in vielen Jahrzehnten zu riesigen für uns ganz unerschwingliche Summen angewachsen ist, mit Zinsen und Zinseszinsen entrichten sollen. Er droht, uns ansonst aus dem Orte zu jagen oder uns auch mit Hilfe des Gerichtes, das seine Forderung anerkennt, in den Schuldturm stecken zu laffen, unser letztes aus unserem armseligen Hausstande zu nehmen, uns auch mit Leibesstrafen zu belegen und, was uns am meisten nahe geht, auch den alten Friedhof auf dem die Gebeine unserer Väter ruhen und der ebenfalls auf seinem Grunde angelegt ist, umgraben zu laffen. Wir aber sind alle samt und sonders mittellos, von der Sorge für Weib und Kind die ganze Woche geplagt und von Ort zu Ort mit unserem Waarenpacke gejagt. Wie sollen wir nun eine alte große Schuld zahlen, da wir kaum so viel verdienen, um die Notdurst des Tages zu befriedigen? Hilf Rabbi, daß das dräuende Unheil sich verziehe und uns die Heimat, die wir mit all den Sorgen und Mühen, die sie für uns birgt, so heiß lieben, erhalten bleibe." Der Rabbi hörte schweigend, indem sich sein Blick durch das offne Fenster in die weite ferne Ebene verlor. Dann sagte er kurz und gelassen: „Ihr wißt, Reb Binjomin — so hieß der Vorsteher — mich hat — was ich heute zum erstenmal bedaure — die Vorsehung mit irdischen Gütern nicht gesegnet. Auch meine Chassidim gehören nicht zu den Wohlhabenden und sie werden, so weit ihre Kräfte ausreichen, von mir zur Unterstützung der vielen herströmenten Armen herangezogen. Wie soll ich hier helfen können? " „Betet für uns, großer Rabbi" — erwiderte der Vorsteher — „fleht Ihn, in besten Hand die Herzen von Regenten und Fürsten sind, daß er den .Sinn unseres Grundherrn wende und sein Herz milde stimme gegen uns, die wir dem harten Geschick der Heimatlosigkeit entgehen sehen." Nochmals verklärte sich des Rabbi Blick. Er schien sich ganz hinter die schwarzen Tannen am Rande der Ebene zu verlieren, uud in seine breite weiße Stirn grub sich eine Furche nach der anderen. Dann zog er die lange Pfeife aus dem Munde und, wie aus einem Traume erwachend, sagte er: „Ich werde tun, was ich kann, aber nicht ich, Freund, vermag hier zu helfen, sondern ein Anderer. Mache dich, so der Rüstetag des Sabbat herangebrochen ist, aus den Weg. Die ganze Ebene entlang bis zur Waldeshöhe mußt du ununterbrochen gehen. Dort biegst du in den Waldweg ein, der durch junges Gesträuch sich schräg nach rechts hinschlängelt. Er führt dich nach wenigen Stunden an eine kleine verfallene Bauernhütte, darin du einkehren und den Sabbat feiern sollst. Merke wohl auf alles, was du in diesem Hause siehst. Und am Sabbatausgäng lege dem Hüttenbewohner euere Sache vor. Er wird für euch beten und die Gefahr abwenden . . ." * * Am anderen Tage machte sich der Rabbi in aller Frühe zu Fuß auf den Weg. Er nahm seinen Weg im weiten Bogen um die Felder und Fluren, damit keiner seinen Ausgang sehe und sich darob beunruhige oder ihn mit Fragen belästige. Als er den schmalen Waldweg einbog und ihn der würzige Tannenduft umfing, richtetete er seinen Blick nach oben und er betete, so frei und so innig, wie er nur in reiner Waldestuft, da die volle Sonne durch die Tannenreihen lachte und sein Auge sich in das blaue endlose Himmelsmeer über ihm verlor, beten konnte: „Die Himmel verkünden deine Grüße, Gott, und deiner Hände Werk deinen Ruhm. Der Sonne Leuchten und des Waldes geheimnisvolles Flüstern, des Baches Rauschen und der Biene Summen, alles, alles in dieser weiten grünen Welt spricht von Dir uud Deinem Walten. Und der Mensch, der so groß, unermeßlich groß wird in diesem Naturerleben, im Erfassen des Alls, und ewig ist in seiner Einmaligkeit, so er sie als Teil des Seienden in das Weltenbild einordnet, der Mensch, sieht nicht das große Leuchten des Weltinnern, indes fein Auge am Kleinen und Gemeinen haftet, so wie der Riesenberg dem Auge entrückt wird, da wir die flache Hand vors Gesicht halten. Wie könnte anders der Mensch dem Menschen feindlich nahen) der Erdgeborene dem Erdgeborenen, seinesgleichen, selbstisch und übelsinntg den Platz an der Sonne neben ihm verleiden und verkümmern? (Fortsetzung folgt.)